Joseph and his Brethren (HWV 59, deutsch: Joseph und seine Brüder), oder nur Joseph, ist ein Oratorium in drei Teilen von Georg Friedrich Händel (Musik) mit einem Libretto von James Miller. Die Musik wurde im Sommer 1743 geschrieben und am 2. März 1744 unter Händels Leitung im Theatre Royal, Covent Garden in London uraufgeführt.

Entstehung In der jährlich wiederkehrende Subskriptions-Konzertreihe in der Fastenzeit wollte Händel in der nächsten Spielzeit, 1744, ein geistliches und ein weltliches Oratorium aufführen. Es sollten zwölf Konzerte im schon für die laufende Saison gemieteten Covent Garden Theatre werden. Doch zunächst konnte er im Frühjahr 1743 nichts komponieren, da Anfang Mai seine Lähmungserscheinungen im rechten Arm und die geistige Trübung, die er nach seinem Schlaganfall 1737 das erste Mal erlitt, wieder auftraten. Noch im Juni 1743 bescheinigen Freunde Händels seine gesundheitlichen Einschränkungen, so in einem Brief des Anwalts Thomas Harris, einem glühenden Anhänger Händels, an seinen Bruder, den Philosophen James Harris:

Trotzdem nahm Händel Anfang Juni die Arbeit an der Vorbereitung der neuen Spielzeit wieder auf und begann mit der Komposition des musikalischen Dramas Semele mit einem Stoff aus der griechischen Mythologie, welches er einen Monat später abschloss. Bevor er nun das biblische Oratorium in Angriff nehmen konnte, verbreitete sich in Großbritannien die Nachricht vom Sieg auch der englischen Truppen in der Schlacht bei Dettingen am 27. Juni über die Franzosen. Händel, dem es nun zunehmend besser ging, schrieb aus diesem Anlass noch das Dettinger Te Deum (HWV 283) und das gleichnamige Anthem (HWV 265), welche am 27. November des gleichen Jahres in Gegenwart des Königs und des gesamten Hofstaates im St James’s Palace in London feierlich uraufgeführt wurden.

So konnte Händel mit Joseph and his Brethren wohl erst nach der Fertigstellung des Dettinger Anthems (3. August 1743) beginnen. Über den weiteren zeitlichen Kompositionsverlauf geben seine Angaben im Autograph Nachricht: er notiert am Ende des ersten Teils „London. G. F. Handel ♀ [Freitag] August 26. 1743 völlig geendiget“ und am Ende des zweiten Teils: „Fine della parte 2do ☽ [Montag] September 12. 1743. völlig“. Das Datum der Beendigung des Oratoriums ist nicht bekannt, da die letzte Szene in der Kompositionspartitur fehlt. Das Autograph vom Schlussduett (What’s sweeter, Nr. 43) tauchte erst im 20. Jahrhundert wieder in einer Auktion auf und wird heute in der Morgan Library in New York verwahrt. Das dieses Duett mit dem Schlusschor verbindende Rezitativ ist als Autograph ebenfalls separat überliefert (British Library, London) und da schreibt Händel am Ende: „segue il Coro alleluja we will rejoice“ und „Fine dell oratio [sic]“. Den gerade für das Dettinger Anthem komponierten Chor Alleluia. We will rejoice in thy salvation (hier Nr. 44), welchen er schon am 26. September mit der Chapel Royal für die Aufführung des Anthems am Tag darauf probte, hatte er also am Ende der Partitur des Oratoriums gar nicht mehr ausgeschrieben. Ein paar Tage zuvor wird er mit der Komposition des Joseph abgeschlossen haben.

In der Fastenzeit 1744 war also nun zunächst am 10. Februar die Premiere der Semele, bevor drei Wochen später, am 2. März 1744 Joseph and his Brethren uraufgeführt wurde. In dieser sangen

mini|Élisabeth Duparc, detta La Francesina, sang die Asenath in der Uraufführung. Joseph – Daniel Sullivan (Altus) Asenath – Élisabeth Duparc, genannt „La Francesina“ (Sopran) Simeon und Judah – John Beard (Tenor) Pharaoh und Reuben – Henry Theodore Reinhold (Bass) Phanor – Esther Young (Alt) oder Caterina Galli (Mezzosopran) Benjamin – Samuel Champness ? (Knabensopran) Potiphera – unbekannt

Aufführungsgeschichte mini|Die Uraufführung fand im königlichen Theater von Covent Garden statt. Händel führte das Oratorium nach der Premiere neun weitere Male auf, nämlich am 7., 9. und 14. März 1744 im Covent Garden Theatre, in der folgenden Spielzeit am 15. und 22. März 1745, diesmal wieder im King’s Theatre am Haymarket, danach am 20. und 25. März 1747 (Covent Garden). Für das Jahr 1751 hatte Händel ebenfalls eine Vorstellung vorgesehen, die er aber wegen der Staatstrauer nach dem Tod von Frederick, Prinz von Wales, absagen musste. Am 28. Februar 1755 und am 9. März 1757 war Joseph wieder im Covent Garden Theatre zu hören. Diese Aufführungen werden von seiner „rechten Hand“ Johann Christoph Schmidt dem Jüngeren geleitet worden sein, da er schon erblindet war. Schmidt setzte sich auch nach Händels Tod für das Oratorium ein und führte es gelegentlich noch in London auf.

Der Komponist John Stanley dirigierte Joseph 1768 im Theater seiner Erstaufführung, während die Konzerte von 1772 und 1780 im Drury Lane Theatre stattfanden. 1788 wurde in den Tottenham Street Rooms im Londoner Norden im Rahmen der traditionellen „Concerts of Ancient Music“ eine Mischfassung aus Joseph and his Brethren und Israel in Egypt gespielt. In dieser Aufführung sang die berühmte Sopranistin Gertrud Elisabeth Mara.Calendar of London Concerts 1750–1800 Im selben Jahr konnte man das Oratorium in Sheffield hören. Danach versank es völlig in Vergessenheit.

Im 19. Jahrhundert wurde das Werk kaum aufgeführt. Ein Strohfeuer gab es, als sich die Berliner Singakademie im Zusammenhang mit ihrer Händel-Pflege des Stückes annahm: Carl Friedrich Rungenhagen führte Joseph und seine Brüder im Jahr 1836 in der deutschen Übersetzung von Ernst Wilhelm Kalisch und einer ziemlich zusammengestrichenen und neu instrumentierten Fassung auf. In den Jahren 1837, 1841 und 1847 gab es Wiederaufnahmen dieser Produktion. Am 3. April 1837 erklang Joseph in Namiest in Mähren beim Grafen Heinrich Wilhelm von Haugwitz, der selbst Geige spielte und den Künsten zugetan war. Er ließ allein in jenem Jahr zehn verschiedene große Werke Händels aufführen und initiierte bis zu seinem Tod 1842 ein reges Musikleben in seinem Schloss.Jan Racek: Oratorien und Kantaten von Georg Friedrich Händel auf dem mährischen Schlosse von Náměšt, in: Händel-Jahrbuch 6, DVfM, Leipzig 1960, S. 175 ff.

Auch im 20. Jahrhundert gab es bei den Konzertveranstaltern eine große Zurückhaltung dem Stück gegenüber. Wenige Aufführungen waren in den Jahren 1910, 1913 und 1921 in Händels Geburtsstadt mit der Singakademie Halle, 1929 in Heidelberg, 1930 während des Kirchenmusik-Kongresses wieder in Halle (Saale). Selbst bei den einschlägigen Händelfestspielen hatte das Stück einen schweren Stand: 1969 kam es als „biblisches Oratorium“ in der deutschen Übersetzung von Georg Gottfried Gervinus während der Händel-Festspiele in Göttingen unter Günther Weißenborn zur Aufführung.

1983 wurde es wohl erstmals wieder in der Originalfassung von 1744 während des „London Handel Festival“ aufgeführt, ebenso bei den im gleichen Jahr stattfindenden Händel-Festspielen in Halle. In jüngerer Zeit lief Joseph nach über 40 Jahren wieder am 17. Mai 2013 in der Göttinger Stadthalle beim dortigen Händelfest, mit dem FestspielOrchester Göttingen unter der Leitung von Laurence Cummings und dem NDR Chor.Joseph 2013 in Göttingen, abgerufen am 8. Juli 2025 Im Musiktheater Linz gab es im Juni 2018 eine Produktion im Rahmen der Reihe „Oper am Klavier“ mit Lesungen aus Thomas Manns vierteiligem Roman Joseph und seine Brüder.Joseph 2018 in Linz, abgerufen am 8. Juli 2025

Die erste szenische Aufführung des Oratoriums fand am 5. März 2020 in der Michaeliskirche Kaltenkirchen, als Produktion der Christuskirche Altona mit der Regie von Rahel Thiel und unter der musikalischen Leitung von Daniel Zimmermann statt. Im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie wurde Joseph am 15. Januar 2023 mit dem Berliner Figuralchor, Berlin Baroque und Gerhard Oppelt (Leitung) aufgeführt.Joseph 2023 in der Berliner Philharmonie, abgerufen am 8. Juli 2025 Insgesamt gesehen gehört es auch heutzutage zu den seltener gespielten Oratorien Händels.

Libretto Reverend James Miller (1706–1744) hatte in Oxford anglikanische Theologie studiert und war zur Entstehungszeit des Joseph Pfarrer im Weiler Up Cerne in der Grafschaft Dorset. Neben einigen religiösen Schriften und einem Band mit seinen Predigten veröffentlichte er insbesondere in den 1730er Jahren unter Pseudonym Komödien und Lustspiele für die Londoner Bühnen und war bekannt für seine intelligenten Parodien und seinen ironischen Humor. Das sind nicht unbedingt zwingende Voraussetzungen, für das Schreiben eines Oratorienlibrettos prädestiniert zu sein. Und in der Tat fand Millers viel umstrittenes Libretto seinen Ursprung bei anderen. Er verwendete als Vorlage für den zweiten und dritten Teil die „Azione sacra da cantarsi“ Giuseppe von Apostolo Zeno, welche von Antonio Caldara 1722 vertont und in Wien uraufgeführt worden war. Diese wiederum ging auf die fünfaktige französische Schauspiel-Tragödie Joseph vom Abt Charles-Claude Genest (1711) zurück, die von Miller nahezu wörtlich übersetzt wurde. Die Vorgänge vom Besuch der Brüder Josephs in Ägypten, sowie der folgenden Aussöhnung und Wiedervereinigung der Familie mögen in ein paar Tagen geschehen sein, was jedoch bei Genest fehlt, ist die Deutung der Träume des Pharaohs durch Joseph, seine Wandlung vom Gefangenen zum Hofbeamten, sogar zum zweiten Mann im Staate Ägypten, sowie seine Werbung um Asenath und die Vermählung beider. Dieses musste Miller nun in einem ersten Teil behandeln, welcher seine Neudichtung ist und einige Jahre vor dem zweiten und dritten Teil spielt. Außerdem genügte das Textbuch so auch den formalen Anforderungen der Dreiteiligkeit eines englischen Oratoriums.

Die biblische Geschichte von Joseph, einem der zwölf leiblichen Söhne des dritten Erzvaters der Israeliten, Jakob, und der Konflikt zwischen den Brüdern, wie sie im Buch Genesis (Gen 38–45) erzählt wird, enthält eigentlich alle Zutaten für spannendes Theater: Eifersucht, Gewalt, sexuelle Übergriffe, Betrug, Gefangenschaft, Verwechslungen, Täuschung und einen exotischen Schauplatz. Aber die Geschichte ist viel zu komplex, um sie an einem einzigen Abend erzählen zu können. Womit das Problem von Millers Textbuch schon umrissen und eine mögliche Erklärung für die geringe Beachtung, die diese großartige Oratorienmusik bislang fand, geliefert ist. Miller war also gezwungen, für das Verständnis wichtige Geschehnisse, wie etwa die Hintergründe der Handlung zwischen dem ersten und zweiten Teil, wegzulassen. Die Geschehnisse werden im Libretto selbst nicht ausreichend erläutert. Natürlich gab es im damaligen Publikum eine andere Präsenz des Themas als bei heutiger Hörerschaft, denn in der englischen Literatur des 18. Jahrhunderts war Josephs Geschichte durchaus bekannt, sodass Miller eine gewisse Vertrautheit mit dem biblischen Stoff voraussetzen konnte. Zudem gab er im Textbuch der Uraufführung mit einem ausführlichen sogenannten Advertisement (Vorbemerkung) dem Publikum die benötigten Hintergrund-Informationen an die Hand.

Handlung mini|Balthasar Beschey – Josephs Brüder verkaufen ihn als Sklaven,Balthasar Beschey, Antwerpen 1744 Joseph wurde von seinen elf Brüdern versklavt und nach Ägypten verkauft. Seinem Vater erzählten die Brüder, Joseph sei von einem Raubtier getötet worden. In Ägypten wurde Joseph von seinem Herrn Potifar zunächst gut behandelt, aber später aus Eifersucht verklagt und ins Gefängnis geworfen. Anschließend wurde er wegen seiner erfolgreichen Traumdeutungen, durch die er das Land vor einer Hungersnot rettete, vom Pharaoh zum Statthalter ernannt und nahm milde Vergeltung an seinen Brüdern.

Erster Teil