mini|300px|Ulrich Wille und Theophil Sprecher von Bernegg (in der Mitte) bei einer Manöver-Besprechung mit Offizieren. Die Generalswahl vom 3. August 1914 war eine durch Intrigen belastete Wahl zur Ernennung eines Oberbefehlshabers der Schweizer Armee für die Zeit des Ersten Weltkrieges. Dabei versuchte der Schweizer Bundesrat sich vehement und gegen den Willen des Parlaments für einen der Kandidaten einzusetzen. Die offizielle Wahl fand im Bundeshaus in Bern statt. Die eigentliche Entscheidung fiel jedoch am privaten Wohnsitz eines Kandidaten. Zum General wurde Ulrich Wille gewählt, kurz darauf der Gegenkandidat Theophil Sprecher von Bernegg zum neuen Generalstabschef ernannt.
Nach Ansicht der Presse wurde die Wahl zu ungenau untersucht und nicht korrekt aufgearbeitet. Es entstand der Eindruck, der Bundesrat wolle die Vorgänge so rasch als möglich beiseite legen, um im Interesse der Landesverteidigung Geschlossenheit gegenüber dem Inland wie aber auch gegenüber dem Ausland zu demonstrieren. Zudem sollte der bestehende Röstigraben zwischen der Deutschschweiz und der Romandie nicht unnötig vergrössert werden. Merkwürdigerweise wurde von der am gleichen Tag anberaumten Sitzung der Neutralitätskommission kein offizielles Protokoll angefertigt. Zudem äusserte sich der damalige Nationalrat Heinrich Walther später über weitere Ungereimtheiten, die sich rund um die Wahl in «bedenklichster Art» abgespielt haben sollen.
Gründe für die Generalswahl Nach länger andauernden Spannungen zwischen den Staaten der Triple Entente und den Mittelmächten war das Attentat von Sarajevo am 28. Juni 1914 Auslöser des Ersten Weltkriegs. Die Schweiz beobachtete die Entwicklungen genau. Nachdem Österreich-Ungarn am 28. Juli 1914 dem Königreich Serbien den Krieg erklärt hatte und Russland die Generalmobilmachung am 30. Juli 1914 auslöste, sah sich der Bundesrat gezwungen, ebenfalls zu handeln. Für ihn war klar, dass er die aussenpolitischen Schweizer Grundwerte Freiheit, Unabhängigkeit und Neutralität um jeden Preis wahren wollte. Nötigenfalls wollte er das Land mit sämtlichen zur Verfügung stehenden militärischen Mitteln verteidigen. Er stellte daher die gesamte Armee in Bereitschaft und befahl am 1. August die allgemeine Mobilmachung. Erst durch diese Mobilmachung wurde es notwendig, einen Oberbefehlshaber (in der Schweiz General) zu ernennen.
Mögliche Kandidaten für das Amt des Generals Ulrich Wille mini|hochkant|Ulrich Wille Der 1848 in Hamburg geborene Ulrich Wille war im Alter von drei Jahren mit seiner Familie in die Schweiz gezogen. Er heiratete im Jahre 1872 Clara, die Tochter des württembergischen Generalleutnants Friedrich von Bismarck. Später wurde ihm mehrfach vorgeworfen, während des Krieges deutschlandfreundlich eingestellt zu sein. Ulrich Wille trat 1872 in das Berufsoffizierskorps ein und erlangte durch seinen Erziehungsdrill und seine strenge Führung rasch Aufmerksamkeit. Er provozierte im Jahre 1896 seine Entlassung als Waffenchef. 1900 wurde er als Miliz-Divisionär reaktiviert und 1904 zum Korpskommandanten ernannt. Sein Hauptaugenmerk legte er auf die Kampf- und Führungsausbildung. Als Kommandant des 3. Armeekorps leitete er 1912 das viel beachtete Kaisermanöver. Wille selber hegte grosse Ambitionen auf das Amt des Generals.
Theophil Sprecher von Bernegg mini|hochkant|Theophil Sprecher von Bernegg Theophil Sprecher von Bernegg aus dem früheren Graubündner Adelsgeschlecht Sprecher von Bernegg (genannt aber meist nur Sprecher) war zwei Jahre jünger als Wille. Im Alter von 21 Jahren wurde er in den Gemeinderat seines Geburtsortes Maienfeld gewählt und hatte später verschiedene politische Ämter inne. Zudem war er als Verwaltungsrat in bedeutenden Ostschweizer Unternehmen vertreten.
In der Armee legte Sprecher eine mustergültige Karriere hin. Bereits mit 41 Jahren war er als Oberst im Generalstab der Stabschef des 4. Armeekorps. Er wurde 1905 zum Chef der Generalstabsabteilung gewählt und war ab 1909 als Oberstkorpskommandant Chef des 4. Armeekorps. Sprecher selbst wollte sich nach dem Wunsch des Parlaments richten und hatte kein favorisiertes Amt.
Alfred Audéoud Alfred Audéoud, 1853 in Genf geboren, war Kommandant des 1. Armeekorps. Von der französischsprachigen Schweiz war er als Generalstabschef vorgesehen. In dieser Funktion sollte er Sprecher unterstützen, welcher der Westschweizer Wunschkandidat für das Generalsamt war. Da die Westschweiz relativ geringe Einflussmöglichkeiten im politischen Umfeld hatte und Audéoud weniger Dienstjahre als die anderen Kandidaten aufwies, waren die Erfolgsaussichten auf eine Wahl sehr klein.
Isaak Iselin-Sarasin Der 1851 in Basel geborene Isaak Iselin-Sarasin führte das 2. Armeekorps, vertrat den Kanton Basel-Stadt im Nationalrat und war Präsident des Schweizerischen Roten Kreuzes. Er verzichtete aufgrund eines Interessenskonflikts freiwillig auf einen Wahlgang und nahm selbst an der Abstimmung nicht teil. Damit konnte er sich der Stimme enthalten und musste nicht gegen Sprecher oder Wille stimmen.
Peter Isler Peter Isler aus Wagenhausen im Kanton Thurgau war mit 66 Jahren der älteste der in Frage kommenden Kandidaten. Er war Waffenchef der Infanterie und kommandierte bis 1912 das 1. Armeekorps. Isler galt aufgrund seines hohen Alters als wenig aussichtsreicher Kandidat für das Amt.
Ansichten der Parlamentarier zu den Kandidaten Die beiden Kandidaten Wille und Sprecher erhielten jeweils unterschiedliche Wertschätzungen. Sprecher war vielen Parlamentariern seit Jahren als Stratege bekannt. Sie hoben sein Pflichtbewusstsein für das Wohl des Landes und seine umsichtige Arbeit im Generalstab hervor. Da er zudem die Landessprachen beherrschte, erhielt er über alle Parteien und Sprachgebiete der Schweiz grosse Beachtung.
Wille erhielt ebenfalls viel Anerkennung, jedoch wurde bei ihm vor allem sein Bezug zu Deutschland (insbesondere die Sympathie gegenüber dem Deutschen Kaiserreich und der preussischen Armee) kritisiert. Ebenso hielt man ihm ein geringes Verständnis für den Föderalismus und das politische System der Schweiz vor. Ein grosser Nachteil für ihn war, dass er sowohl privat als auch beruflich nur Hochdeutsch sprach und keine der anderen Landessprachen fliessend beherrschte. Seine grössten Kritiker waren die Sozialdemokraten und die Westschweizer.
Ansichten des Bundesrats zu den Kandidaten Der Bundesrat seinerseits wünschte sich Theophil Sprecher weiterhin als Generalstabschef, da dieser alle Aufmarschpläne vorbereitet hatte und den Bereich erfolgreich führte. Mit Ulrich Wille wollte der Bundesrat dem übermächtigen Deutschland einen charakterlich ähnlichen und gleichzeitig aufrechten Befehlshaber gegenüberstellen.
Ereignisse vor der Wahl Freitag, 31. Juli 1914 mini|hochkant|Arthur Hoffmann, der damalige Bundespräsident Der damalige Bundespräsident Arthur Hoffmann verschickte am 31. Juli 1914 um 11:30 Uhr ein Telegramm an Willes Privatadresse in Meilen. Der Inhalt lautete:
Wille erhielt die Nachricht gegen 15 Uhr.
Arthur Hoffmann nahm die Wahlvorbereitungen an die Hand und liess den Gesamtbundesrat für zwei Sitzungen um 17 Uhr und 19 Uhr einberufen. In diesen Sitzungen sollten die Ansichten und die gemeinsame Ausrichtung vereinbart werden. Es wurde beschlossen, dass sich der Bundesrat von der einzuberufenden Bundesversammlung die Vollmacht für die Formulierung der Neutralitätserklärung geben lassen wollte und dass der National- und der Ständerat per Telegramm zu einer ausserordentlichen Sitzung am Montag, 3. August um 10:00 Uhr aufgeboten würden.
Die Traktandenliste für Montag sah Folgendes vor:
1. Mitteilungen betreffend die Lage der Schweiz und die vom Bundesrate zur Wahrung der Unabhängigkeit und Neutralität vorgenommenen Schritte; 2. Erteilung der Vollmachten; 3. Wahl des Generals; 4. Bundesbeschluss über die Ausgabe von Banknoten im Nennwerte von 5 Franken.
Samstag, 1. August 1914 mini|Das «Bellevue Palace» im Ersten Weltkrieg. Im Vordergrund marschiert eine Train-Einheit vorbei. In der Zwischenzeit wurde die Mobilmachung ausgelöst, was für Tausende von Wehrmännern bedeutete, dass sie ihre Familien und ihren Beruf innert Stunden zurücklassen und sich in den Dienst der Armee stellen mussten. Ulrich Wille reiste am Samstagmorgen von Meilen mit dem Zug nach Bern. Unmittelbar nach seiner Ankunft begab er sich in das Grand Hotel «Bellevue Palace» und belegte dort sogleich eine Suite. Diese hatte er bereits als zukünftigen Standort des Hauptquartiers vorgesehen. Dass er die Zimmer gedanklich bereits in militärische Büros einteilte, unterstrich nochmals seine starken Ambitionen für das Generalsamt.
Im Verlaufe des Tages wurde Wille vom Bundespräsidenten empfangen. Jedoch besteht nur ein mündliches Selbstzeugnis, nicht aber offizielle Quellen für den Ort, die Dauer, den Verlauf oder den Inhalt des Gespräches. Vermutlich besprachen die Anwesenden alle denkbaren Ausgänge der Wahl. Dass Hoffmann und Wille sich gegenseitig sympathisch waren, lag einerseits daran, dass beide deutscher Abstammung waren, ausserdem hatten sie gemeinsam Militärdienst geleistet. Damals war Hoffmann als Kommandant der 12. Brigade dem Divisionskommandanten Wille unterstellt gewesen.
Sonntag, 2. August 1914 Nach Willes eigenen Angaben ist er am Sonntag zurück an seinen Wohnort gereist, am Abend aber bereits wieder im «Bellevue Palace» eingetroffen.
Der Wahltag Geschehnisse kurz vor Sitzungsbeginn mini|Camille Decoppet, Vorsteher des Eidgenössischen Militärdepartements. Vor Beginn der Sitzung begab sich eine parlamentarische Gruppe aus der Westschweiz zu Camille Decoppet, dem Vorsteher des Eidgenössischen Militärdepartements (EMD). Sie sprachen sich gegen die Kandidatur Willes aus und überbrachten ihre «schwerwiegenden Bedenken» zu Handen des Bundesrats. Decoppet nahm die Aussagen zur Kenntnis und verwies die Gruppe anschliessend an den Bundespräsidenten.
Neutralitätskommission Die Neutralitätskommission traf sich ebenfalls an diesem Tag und beriet die anstehenden Geschäfte. Schon früh ergriff Hoffmann das Wort. Er stellte aus Sicht des Gesamtbundesrats dar, dass nur der tüchtigste Truppenführer zum General gewählt werden dürfe. Sympathien und Antipathien hätten vollständig zurückzutreten. Der Bundesrat habe beide Kandidaten geprüft und sei zum Schluss gekommen, dass Sprecher zwar ein grösseres theoretisches Wissen besitze, bei Wille aber eine ruhigere Entschlossenheit und bessere Entscheidungsfindungs-Kompetenzen auszumachen seien. Die Bedenken aus der Westschweiz wies er zurück und stellte klar, Wille sei durchaus ein Schweizer mit patriotischem Denken. Die Verbindung zum deutschen Kaiser Wilhelm II. sah er als Vorteil, da dieser beim letzten Besuch die schweizerische Neutralität vollständig anerkannt hatte. Weiter betonte er, dass Deutschland glaube, die Schweiz besitze eine genügend starke Armee, um ihre Neutralität zu verteidigen. Dieser Erfolg sei Wille zuzuschreiben.