Die Brockes-Passion (Originaltitel Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende Jesus, HWV 48) ist ein Passionsoratorium in einem Teil von Georg Friedrich Händel (Musik) mit einem Libretto des Hamburger Ratsherrn Barthold Heinrich Brockes. Die Uraufführung fand am 3. April 1719Die Datumsangabe von Anthony Hicks im Grove Music Online (23. März 1719) bezieht sich auf den Julianischen Kalender, da ist der 23. März derselbe Tag wie der 3. April in Kontinentaleuropa. (Montag der Karwochestilkunst.de) im Refektorium der Domkirche in Hamburg statt.

Entstehung Über die Entstehungsgeschichte von Händels Komposition, die er ungewöhnlicherweise nicht zur eigenen Verwendung, sondern für Musiker im entfernten Hamburg schrieb, wissen wir nur durch den Bericht Johann Matthesons in seiner Grundlage einer Ehren-Pforte von 1740. Danach wurden in der Karwoche 1719 gleich vier Passionen aufgeführt, die auf dem gleichen Textbuch basieren: neben Händels auch noch die von Reinhard Keiser (1712) und Georg Philipp Telemann, 1716 geschrieben, sowie jene vom Autor der Ehren-Pforte Mattheson, die dieser 1718 komponiert hatte.Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Oratorische Werke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 2. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1984, ISBN 85-214-5852-5, S. 48 ff.

Wie es dazu kam, dass Händel beauftragt wurde, diese Komposition zu verfassen, bleibt unklar. Der Bericht von Mattheson könnte darauf hindeuten, dass er die Komposition bei Händel angeregt, wenn nicht sogar bestellt hat. Händel kannte Brockes seit 1702 aus Halle, einem der Hauptorte der lutherischen Pietismusbewegung, als dieser an der Halleschen Universität studierte und Händel selbst am 10. Februar 1702 dort immatrikuliert wurde. Brockes hatte in der Saalestadt auch musikalische Abendunterhaltungen veranstaltet, an denen vielleicht auch Händel und Telemann beteiligt waren. Auch später in Hamburg sind sie zusammengetroffen, denn Brockes kam 1704 nach Hamburg, ein Jahr nach Händel. Zum Zeitpunkt der Komposition befand sich Händel allerdings schon seit fast vier Jahren in London.

Über die Entstehungszeit der Musik zu Brockes’ Text gibt es verschiedene Theorien: Einmal wird vermutet, dass er das Werk vermutlich im Frühsommer 1716 vor seiner im Juli gestarteten Reise nach Halle und Ansbach vertonte und es spätestens im Herbst 1716 per Post zu Mattheson nach Hamburg schickte. Plausibler ist vielleicht, dass er während seiner Reise auch in Hamburg gewesen sein und mit Mattheson die Vertonung der Passion vereinbart haben könnte. Dann wären die letzten Monate 1716 und/oder die ersten des Jahres 1717 als Entstehungszeit anzusetzen. Möglich ist ferner, dass Händel vorhatte, die Uraufführung seiner Brockes-Passion im April 1719 in Hamburg zu besuchen, denn er wollte sich ohnehin in diesem Frühjahr auf dem Kontinent nach Sängern für die neu gegründete Royal Academy of Music umschauen. Doch verzögerte sich seine Abreise, die er erst im Mai 1719 antreten konnte.

Die Brockes-Passion ist die einzige geistliche Komposition Händels auf einen deutschen Text. Die Originalpartitur ist verschollen. Es sind aber fünf Abschriften erhalten. Eine dieser Abschriften hat Johann Sebastian Bach 1746/1747 in Leipzig mithilfe eines Kopisten angefertigt.Magda Marx-Weber: Der für die Sünde der Welt… In: Michael Zywietz: Händels Oratorien, Oden und Serenaten, Laaber-Verlag, Laaber 2010, ISBN 3-89007-687-4, S. 209 ff.

Aufführungsgeschichte

Die erste Aufführung des Werks fand vermutlich schon 1716/1717 im privaten Rahmen im Hause von Brockes statt.

Bei der öffentlichen Uraufführung am 3. April 1719 in der Hamburger Domkirche sang die Städtische Kantorei unter der Leitung des damaligen Domkantors Johann Mattheson. Es wurde ein Eintrittsgeld gefordert. Die Sänger gehörten zu den beliebtesten Darstellern der Oper am Gänsemarkt. Sicher belegt sind Margaretha Susanna Kayser (Sopran), Adam Rose (Alt) und Ernst Carl Ludwig Westenholz (Bass). Möglicherweise wirkte auch Johann Adolph Hasse (Tenor) als Evangelist und Petrus mit.

Weitere Hamburger Aufführungen fanden am 20. März 1720 im Drillhaus, der Exerzierhalle der Hamburgischen Bürgerwehr, am 26. März und 7. April 1721 in der Domkirche und 5. April 1724 wieder im Drillhaus statt. Am 26. März 1723 gab es eine Aufführung in Lüneburg und zwischen 1746 und 1749 eine solche möglicherweise unter der Leitung Johann Sebastian Bachs in der Neuen Kirche in Leipzig. Im 18. Jahrhundert wurde das Werk vermutlich auch in Wien durch Joseph Haydn und in schwedischer Sprache in Stockholm von Johan Helmich Roman aufgeführt.

1722 wurden einzelne Sätze des Werkes mit Teilen der Kompositionen Keisers, Telemanns und Matthesons zu einem Passions-Pasticcio zusammengestellt und unter dem Namen Omnibus Brockes Passion in Hamburg aufgeführt.

Im 19. Jahrhundert wurde Händels Brockes-Passion nur selten aufgeführt, so z. B. im privaten Rahmen in Heidelberg von Anton Friedrich Justus Thibaut. Der Text entsprach nicht dem damaligen Zeitgeschmack. So äußerte sich der Musikwissenschaftler und Händel-Biograph Friedrich Chrysander folgendermaßen zu dem Werk:

1965 gab Felix Schröder eine Neuausgabe der Partitur heraus.Hallische Händel-Ausgabe auf der Webseite der Internationalen Händelgesellschaft, abgerufen am 11. September 2014. Seitdem wird das Werk wieder öfter aufgeführt. Die erste Wiederbelebung des Werkes in historischer Aufführungspraxis ist dem Pionier der Alten Musik August Wenzinger zu verdanken. Es erklang vom 26. Juni bis 9. Juli 1967 in St. Emmeram in Regensburg mit einem Orchester der Schola Cantorum Basiliensis und den Regensburger Domspatzen.

Libretto und Handlung → Hauptartikel zum Libretto von Barthold Heinrich Brockes: Brockes-Passion

Der Text basiert auf dem Passionsgeschehen in den vier Evangelien der Bibel, insbesondere auf den Kapiteln 26 bis 27 des Matthäus-Evangeliums. Im Gegensatz zu den späteren Werken von Johann Sebastian Bach und anderen wurde er hier nicht wörtlich übernommen, sondern auch in den Rezitativen in Versform nachgedichtet. Das Libretto wurde 1712 das erste Mal gedruckt, aber Händel lag zur Vertonung offenbar der zweite Druck aus dem Jahr 1713 mit dem Titel Der für die Sünde der Welt / gemarterte und sterbende Jesus aus den IV. Evangelisten von B[arthold]. H[einrich]. B[rockes]. / in gebundener Rede vorgestellt / und in der Stillen=Woche Musicalisch aufgeführt / Anno 1712. Hamburg 1713. […] Conrad Neumann vor.

Nach dem als Sündenbekenntnis der Gemeinde zu verstehendenHans Joachim Marx: Händels Oratorien, Oden und Serenaten: ein Kompendium, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998, ISBN 3-525-27815-2, S. 85. Eingangschor („Mich vom Stricke meiner Sünden zu entbinden, wird mein Gott gebunden“) werden die folgenden Ereignisse behandelt: Das Abendmahl, der Gang zum Ölberg, das Gebet in Gethsemane, die Gefangennahme, das Verhör vor dem Hohen Rat, die Verleugnung durch Petrus, die Auslieferung an Pilatus, die Verhandlung vor Pilatus, die Verspottung, die Kreuzigung und der Tod Jesu. Der Schlusschor ist ein trostreiches Bekenntnis zu Christus, der die Welt durch sein Leiden erlöst hat.

Musik Das Werk hat insgesamt 106 Sätze, von denen viele einen opernhaften Charakter haben. Wie in der Oper gibt es hier Ouvertüren, Rezitative, Ariosi, Arien, Ensemble-Sätze und Chöre. Allerdings wird auf tänzerische Elemente verzichtet, und eine kontemplative Stimmung herrscht vor. Trotz vieler Chorsätze hat der Chor insgesamt nur eine periphere Funktion. Die meisten Turba-Chöre sind nur kurz, und auch die vier Choräle sind schlicht gehalten. Das Passionsgeschehen wird auf die wesentlichen Elemente beschränkt. Dem erzählenden Evangelisten sind mit der Tochter Zion und den vier Gläubigen Seelen (je eine in jeder Stimmlage) allegorische Figuren gegenübergestellt, die das Geschehen reflektieren. Jesus wird nicht triumphierend, sondern duldend dargestellt. Auf äußerliche Beschreibungen wird weitgehend verzichtet. Andere in der Bibel nur kurz erwähnte Ereignisse wie der Dialog mit den Jüngern werden dagegen ausgeschmückt. Der Hörer soll sich in die Passion hineinfühlen, für die Buße empfänglich gemacht und so von seinen Sünden erlöst werden können. Durch dieses pietistische Ziel und vor allem wegen des Fehlens der wörtlichen EvangelienrezitationAus dieser war das liturgische Passionsoratorium hervorgegangen und sie blieb dessen Kern, vgl. Passion (Musik)#Geschichte und liturgischer Ort. war das Oratorium nicht wie etwa Bachs Passionen liturgisch verwendbar. Aufführungen fanden daher auch nicht im Rahmen eines Gottesdienstes in der Kirche statt, sondern im privaten Kreis oder im Konzertsaal.

Für die Musik verwendete Händel auch ältere Werke wie die dritte Klavierfuge und Teile des Utrechter Te Deum. Andererseits nutzte er später auch einige Sätze der Passion in seiner Oper Giulio Cesare, in den Oratorien Esther, Deborah und Athalia sowie in den Concerti grossi.

Orchester Zwei Oboen, zwei Fagotte, Streicher und Basso continuo (Violoncello, Laute, Cembalo).

Die Orchesterbesetzung ist sparsam. Der Klang basiert hauptsächlich auf dem Streicherensemble, das gelegentlich durch Oboen verstärkt wird. Nur in sieben Arien kommen Oboen-Soli vor. An manchen Stellen werden die Violinen unisono geführt, und es gibt auch einzelne Violin-Soli.

mini|400px|Beginn der Brockes-Passion (Sinfonia) in der Abschrift Johann Sebastian Bachs, Leipzig 1746 Struktur des Oratoriums