mini|Hemingway im Mailänder Lazarett, 1918 In Another Country ist eine Kurzgeschichte des amerikanischen Schriftstellers Ernest Hemingway. Diese teilweise autobiografische Erzählung Hemingways erschien erstmals im April 1927 in Scribner‘s Magazine und wurde im Oktober des gleichen Jahres in die Anthologie Männer ohne Frauen aufgenommen.Carlos Baker: Hemingway - The Writer as Artist, Princeton University Press, 4. Aufl. 1972, S. 411 und 418. Die Geschichte ist seitdem mehrfach anthologisiert und neu aufgelegt worden, beispielsweise 1938 in The Short Stories of Ernest Hemingway: The First Forty-nine Stories and the Play The Fifth Column, 1947 in The Essential Hemingway (Neuauflage 1970 und 1974) oder 1962 in The First Forty-Nine Stories (Neuauflage 2004). Die Erzählung behandelt das Leben der Soldaten im Lazarett während des Ersten Weltkrieges.

Die bislang einzige autorisierte Übersetzung der Kurzgeschichte ins Deutsche von Annemarie Horschitz-Horst wurde erstmals 1929 unter dem Titel In einem andern Land in der Erzählsammlung Männer im Rowohlt Verlag veröffentlicht.Diese deutsche Ausgabe der Kurzgeschichtensammlung Hemingways von Horschitz-Horst ist seitdem unter dem späteren Titel Männer ohne Frauen in zahlreichen Neuauflagen erschienen, unter anderem auch als Lizenzausgabe im (Ost-)Berliner Aufbau-Verlag in der ehemaligen DDR. Die deutsche Übertragung der Geschichte von Horschitz-Horst ist in zahlreichen anderen Sammlungen neu veröffentlicht worden, beispielsweise im Rowohlt Verlag 1950 in Ernest Hemingway: 49 stories (Lizenzausgabe im Aufbau Verlag 1965) bzw. als Neuauflage 2009 ebenfalls im Rowohlt Verlag unter dem Titel Die Stories von Ernest Hemingway

Der deutsche Titel von Hemingways zweitem Roman A Farewell to Arms lautet ebenfalls In einem andern Land. Diese zwei Werke sind nicht nur unter einem gleichlautenden deutschen Titel erschienen und liegen in der Entstehungszeit eng beieinander, sondern sind auch im Schauplatz, in den Figuren, in der Atmosphäre sowie in der Thematik ähnlich.Vgl. Klaus Lubbers: ‘No happy end to it’: Untersuchungen zu Ernest Hemingways ‘In Another Country’, ’A Day’s Wait’ und ‘A Clean, Well-Lighted Place’, S. 53 f. Siehe auch Reiner Poppe: „In Another Country“. In: ders.: Ernest Hemingway · Aus dem Erzählwerk · Untersuchungen und Kommentare. Beyer Verlag, Hollfeld/Ofr. 1978, S. 22. Beide basieren auf Hemingways persönlichen Erfahrungen während des Ersten Weltkrieges, als er als Sanitäter in der italienischen Armee direkt an der Front diente und bei einem Einsatz schwer verwundet wurde.Vgl. zu dem autobiografischen Hintergrund der Erfahrung Hemingways im Ersten Weltkrieg ausführlich die Darstellung bei Carlos Baker: Ernest Hemingway -: A Life Story, London 1969, S. 61–102, vor allem S. 67–80. Siehe auch George-Albert Astre: Ernest Hemingway - In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Rowohlt Taschenbuchverlag, Reinbek b. Hamburg 1961, ISBN 3-499-50073-6, S. 23 ff., und Reiner Poppe: „In Another Country“. In: ders.: Ernest Hemingway · Aus dem Erzählwerk · Untersuchungen und Kommentare. Beyer Verlag, Hollfeld/Ofr. 1978, S. 21.

Inhalt

mini|Hemingway in Mailand, 1918 Die Kurzgeschichte handelt von einer Gruppe Soldaten, die in einem Mailänder Lazarett wegen ihrer Kriegswunden behandelt werden und ihrer Beziehungen zueinander. Auch wenn der Ich-Erzähler nicht namentlich genannt wird, ist davon auszugehen, dass es sich dabei um Nick Adams handelt,So werden im Mittelpunkt des Zyklus der Nick-Adams-Stories aus In Our Time auch an anderer Stelle Nicks Kriegserlebnisse an der italienischen Front und seine dort erlittenen Verwundungen thematisiert. Vgl. dazu eingehender Philip Young: Die Erlebnisse von Nick Adams ·Ernest Hemingways „In Our Time“. In: Gerhard Hoffmann (Hrsg.): Amerikanische Literatur des 20. Jahrhunderts · Band 1. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1972, ISBN 3 436 01444 3, S. 147–168, hier insbesondere S. 155 ff. Vgl. auch Phillip Young: Ernest Hemingway. Übersetzt von Hans Dietrich Berendt, Diedrichs Verlag, Düsseldorf u. a. 1954, ohne ISBN, S. 35. Ebenso ausführlich Klaus Lubbers: ‘No happy end to it’: Untersuchungen zu Ernest Hemingways ‘In Another Country’, ’A Day’s Wait’ und ‘A Clean, Well-Lighted Place’, S. 53. der häufig auch als literarisches Alter Ego Hemingways betrachtet wird.So z. B. George-Albert Astre: Ernest Hemingway - In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Rowohlt Taschenbuchverlag, Reinbek b. Hamburg 1961, ISBN 3-499-50073-6, S. 13. Der anerkannte Hemingway-Biograf und Interpret Carlos Baker weist in seiner Deutung des Hemingwayschen Werks allerdings nachdrücklich darauf hin, dass die Figur des Nicholas Adams selbstverständlich nicht mit Hemingway selber gleichzusetzen sei, ungeachtet der zum Teil durchaus vorhandenen biografischen Ähnlichkeiten oder Parallelen. Siehe Carlos Baker: Hemingway - The Writer as Artist, Princeton University Press, 4. Aufl. 1972, S. 128. Siehe dazu auch Phillip Young: Ernest Hemingway. Übersetzt von Hans Dietrich Berendt, Diedrichs Verlag, Düsseldorf u. a. 1954, ohne ISBN, S. 39 f. Die Geschichte wird aus seiner Sicht dargeboten.

In Another Country beginnt mit dem Satz: „Es war immer noch Krieg im Herbst, wir machten aber nicht mehr mit.“Ernest Hemingway, Gesammelte Werke, Rowohlt Verlag, Hamburg 1977, Band 6, Seite 319 Es wird die Situation im Lazarett geschildert. Der Erzähler und weitere Soldaten werden an Apparaten physisch behandelt. Nick Adams erhielt an der Front eine schlimme Knieverletzung; der Stabsarzt ist zuversichtlich, dass er völlig regeneriert wird und wieder Football wird spielen können. Ebenfalls positiv bewertet er die Lage eines italienischen Majors – vor dem Krieg einer der besten Fechter Italiens –, dessen eine Hand schwer verwundet wurde. Der Stabsarzt zeigt ihm eine Fotografie einer ähnlich verkümmerten Hand und berichtet, sie sei durch die Physiotherapie nahezu vollständig geheilt worden, doch es gelingt ihm schließlich nicht, den Major von der Wirkung der Apparate zu überzeugen.

Ebenfalls eingeführt werden drei jüngere Soldaten, etwa im Alter des Protagonisten. Sie alle wurden verwundet und werden an den Apparaten behandelt, wobei zwei von ihnen Auszeichnungen für ihre Tapferkeit ausgezeichnet wurden. Der dritte und jüngste Junge wurde nach nur einer Stunde an der Front schwer verstümmelt. Er trägt ein schwarzes Seidentuch vor dem Gesicht, da dieses entstellt ist und er keine Nase hat. Ärzte versprechen ihm, ihm eine Nase rekonstruieren zu können, was aber immer wieder misslingt, da sie seine Nase nicht ganz richten können. Dieser Junge kommt aus einer wohlhabenden Familie; der andere Junge hatte Rechtsanwalt werden wollen, der letzte von ihnen Berufssoldat, wodurch er als einziger durch den Krieg seinem Lebensziel näher gekommen ist.

Zu viert gehen sie oft nach der Therapie in das Café Cova und trinken dort und unterhalten sich mit Mädchen. Dafür müssen sie durch das kommunistische Viertel, wo man ihnen Sachen hinterher ruft, weil sie Offiziere sind und daher von den italienischen Kommunisten gehasst werden, aber sie fühlen sich vor tatkräftigen Übergriffen sicher, da sie immerhin zu viert sind. Im Café selbst wird der Ich-Erzähler zunächst immer wohlwollend empfangen, da er ein ausgezeichneter Offizier ist, doch wenn die Urkunde gelesen wird, ist den Beteiligten ebenso wie Nick selbst klar, dass er praktisch nur ausgezeichnet wurde, weil er Amerikaner ist. Diese Tatsache führt schließlich auch zum Bruch zwischen dem Protagonisten und den zwei für Tapferkeit geehrten Soldaten. Nick stellt sich nach der Cocktailstunde oft die Frage, ob er auch all die Sachen getan hätte, wofür diese beiden Soldaten ihre Orden bekommen haben, und auch wenn er sich oft einredet, dass er sie tatsächlich getan hätte, kommt er schließlich während eines Spazierganges zurück ins Lazarett zu dem Schluss, dass er doch zu viel Angst vorm Sterben gehabt habe und nichts davon getan hätte.

Mit dem entstellten Jungen verbindet ihn daher eine Freundschaft und Zuneigung, weil dieser Bursche nie die Gelegenheit hatte, ähnlich tapfer wie seine Landsleute zu agieren, da sein Kriegsdienst bis zur Verwundung gerade mal eine Stunde lang währte. Der Major sagt derweil aus, er halte nicht viel von Tapferkeit, und anstatt über den Krieg zu sprechen, verbessert er lieber Nicks Grammatik, der Italienisch für eine einfache Sprache, doch als der Major zunehmend auf dessen Grammatik achtet, wird Nick schließlich bewusst, dass er praktisch Angst verspüre, vor dem Major wieder einen Fehler zu machen, und durchdenkt jeden Satz mehrfach im Geiste, ehe er zu ihm spricht.

Über den Major weiß der Erzähler zu berichten, dass er immer pünktlich zur Therapie an den Apparaten erscheint, obwohl er nichts von ihnen hält. Eines Tages beschimpft er sie jedoch wutentbrannt als Blödsinn. Auch Nick sei (offenbar nicht nur wegen seiner oftmals fehlerhaften Grammatik) „blöde, unmöglich und ein Schandfleck“.Ernest Hemingway, Gesammelte Werke, Band 6, Seite 324 Mit dem aufgebrachten Major entwickelt sich dann doch noch ein Gespräch. Er fragt Nick, was er nach dem Ende des Krieges vorhabe. Nick antwortet direkt, dass er vorhabe, zurück nach Amerika zurückzukehren. Er sei zwar nicht verheiratet, wie er auf eine Frage des Majors antwortet, habe dies aber vor. Der Major bezichtigt Nick, ein Narr zu sein, und betont scharf, wobei er wieder aggressiv wird, dass ein Mann nicht zu heiraten habe. Er solle sich nicht an etwas binden, was er verlieren werde. Nick fragt nach, warum er es verlieren werde, woraufhin der Major sehr wütend wird und immer nur stur betont, dass er es verlieren werde. Er entlädt seine Wut und verschwindet, um dann später nochmals auf Nick zuzugehen und sich für sein Verhalten zu entschuldigen. Er offenbart ihm, dass seine Frau kürzlich verstorben sei und er sich noch nicht damit abfinden könne. Nick fühlt sich elend vor Mitgefühl und kann auf diese Information ähnlich wie der Major nicht richtig verarbeiten. Weinend verlässt der Major das Lazarett. Der Arzt verrät Nick, dass die sehr junge Frau des Majors nach wenigen Krankheitstagen an einer Lungenentzündung gestorben sei. Sie und der Major hätten geheiratet, nachdem er als dauernd kriegsuntauglich ausgemustert worden sei.

Der Major taucht drei Tage lang nicht im Lazarett auf, anschließend erscheint er aber zur pünktlichen Stunde und trägt einen schwarzen Trauerflor. Der Arzt hat inzwischen Vorher-Nachher-Bilder in die Gegend der Apparate gehängt, die den Soldaten Mut machen sollen, dass sie wieder geheilt werden können. Doch der Major beachtet jene Bilder über verstümmelte Hände gar nicht; er blickt immerzu nur aus dem Fenster.

Erzähltechnische Gestaltung und Bedeutung