Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten ist eine autobiographische Essaysammlung des österreichischen Schriftstellers und Auschwitz-Überlebenden Jean Améry. Das Werk gehört zu den zentralen Texten der deutschsprachigen Holocaustliteratur und ist gekennzeichnet durch eine radikale Selbstbefragung des Autors, welche auf eine „Wesensbeschreibung der Opfer-Existenz“Die Seitenzahlenangaben beziehen sich auf: Jean Améry: Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten. Nördlingen 1970. Dieses Zitat ist aus dem Vorwort, S. 9. zielt. Gleichzeitig reflektiert Améry in seinen Essays die Verdrängungs- und Exkulpationsmomente der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft. Seine zentrale Forderung lautet, dass dem jüdischen Verfolgten ein gleichberechtigter Raum in der öffentlichen Diskussion über die nationalsozialistische Vergangenheit eingeräumt werden muss.
Entstehung Neben der Veröffentlichung von Primo Levis Auschwitz-Bericht Ist das ein Mensch? (1961) und der von Améry zeitlebens als Provokation empfundenen These Hannah Arendts von der „Banalität des Bösen“ in ihrem Bericht über den Eichmann-Prozess, war es vor allem der Aufsehen erregende Frankfurter Auschwitz-Prozess, der Améry dazu bewog, seine eigenen Reflexionen über das Lagerleben und -überleben niederzuschreiben und zu veröffentlichen.
Anlässlich des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses machte er Karl Schwedhelm, dem Leiter der Literaturabteilung des Süddeutschen Rundfunks, für den Améry seit 1960 als temporärer Kulturkorrespondent in Belgien gearbeitet hatte, einen Vorschlag für eine Rundfunksendung. Durch diese Anfrage, in der Améry ein „Auschwitz-Tagebuch“ ankündigte, das Reflexionen „über fundamentale existenzielle Probleme des KZ-Universums und namentlich der Reaktionen eines Intellektuellen“J. Améry an K. Schwedhelm, Brief vom 18. Januar 1964. Zitiert nach: Jean Améry: Ausgewählte Briefe 1945–1978. Band 8, Stuttgart 2007, S. 101. enthalten solle, kam der entscheidende Kontakt zu Helmut Heißenbüttel, dem Leiter der Abteilung „Radio-Essay“ zustande – nicht umgekehrt, wie von Améry in seinen autobiographischen Werken dargestellt.Schneider 2012, S. 38 ff.
Heißenbüttel lud Améry ein, zunächst den Essay An den Grenzen des Geistes zu schreiben, dessen Ausstrahlung am 19. Oktober 1964 im Nachtprogramm des Süddeutschen Rundfunks erfolgte und von Améry selbst gelesen wurde. Aufgrund der positiven Resonanz Heißenbüttels schlug Améry im Mai 1965 die Fortsetzung der „Auschwitz-Sendung“ vor, wobei er gleichzeitig von seinem Vorhaben berichtete, ein Buch über den Themenkomplex zu veröffentlichen, jedoch gleichzeitig auf finanzielle Schwierigkeiten bei der Umsetzung des Projekts verwies.J. Améry an H. Heißenbüttel, Brief vom 20. Mai 1964. Zitiert nach: Jean Améry: Ausgewählte Briefe 1945–1978. Band 8, Stuttgart 2007, S. 108. Amérys Plan stieß bei Heißenbüttel auf großes Interesse, so dass 1965/66 auch die anderen vier Essays von Jenseits von Schuld und Sühne als Radiobeiträge gesendet wurden. Helmut Heißenbüttel ebnete damit den Erfolg Amérys im westdeutschen Kulturbetrieb der 1960er Jahre. In der Folge blieb er ein ständiger Förderer Amérys und wirkte auch an der postumen Veröffentlichung der Werke Amérys mit.
Die Buchveröffentlichung von Jenseits von Schuld und Sühne war eng an die Rundfunkarbeit geknüpft, da alle Texte zuvor als Rundfunkreihen gesendet wurden und ihre Realisierung erst durch die gutbezahlte Ausstrahlung gewährleistet werden konnte. Die Essays blieben von den Arbeitsbedingungen beim Rundfunk nicht unberührt: Sie sind durch einen wiederkehrenden formalen Aufbau gekennzeichnet und umfassen 20 bis 23 Seiten, was einer Lesezeit von 50 bis 60 Minuten entspricht. Die Veröffentlichung des Buchtextes wich letztlich nur wenig von der Funkform ab, außer dass Höreranreden und Wiederholungen gestrichen wurden und Améry andere Titel wählte. Auch die Wahl der literarischen Form des Essays wurde von den funkspezifischen Möglichkeiten mitbestimmt, jedoch erfüllte dieses Genre die Ansprüche Amérys bestens, da es ihm ein offenes, von der eigenen Erfahrung ausgehendes Schreiben ermöglichte, das den Leser in die Denkbewegung einbeziehen und zur kritischen Reflexion anhalten sollte.Schneider 2012, S. 51–52.
Im Frühjahr 1966 erschien die Erstausgabe des Buches mit einer Auflagenhöhe von 3.000 Exemplaren im Szczesny Verlag. Im Herbst desselben Jahres wurde bereits eine zweite Auflage in Auftrag gegeben, die jedoch aufgrund finanzieller Schwierigkeiten des Verlags, der in der Folge im Mai 1968 aufgelöst wurde, nicht mehr zustande kam. Améry wurde daraufhin von Heißenbüttel und dem Merkur-Herausgeber Hans Paeschke an den liberal-konservativen Klett Verlag vermittelt. In den Jahren 1977, 1980 und 1997 folgten Wiederauflagen des Essaybandes.
Inhalt „An den Grenzen des Geistes“ Im ersten Essay der Sammlung geht es Améry darum, die Konfrontation des Intellektuellen mit der Grenzsituation im Konzentrationslager Auschwitz zu beschreiben. Der Intellektuelle wird dabei von Améry als ein Mensch definiert, der innerhalb eines „geistigen“, d. h. humanistischen und geisteswissenschaftlichen, Referenzrahmens lebt. Zuallererst stellt Améry die grundlegende Frage, ob das Denken dem Lagerhäftling angesichts der alltäglichen Gräuel im Lager in irgendeiner Weise helfen oder seine Situation erleichtern konnte. Die Antwort lautet, dass der Geist nicht nur nichts half, sondern den Intellektuellen allein ließ und in letzter Konsequenz sogar zu dessen Selbstzerstörung führte. Isoliert von Gleichgesinnten, verliert der Geist für den Lagerinsassen in Auschwitz seine soziale Funktion: Das tiefgreifende Kommunikationsproblem zwischen dem geistigen Menschen und seinen nicht-intellektuellen Kameraden macht es dem Intellektuellen unmöglich, den Glauben an eine geistige Welt aufrechtzuerhalten. Der Geist verkommt zu einer Irrealität, einem Sprachspiel. Améry illustriert diese These anhand einer Situation, in der er sich auf dem Rückweg vom Arbeitseinsatz an die Strophe eines Hölderlin-Gedichts erinnert, das jedoch keine geistigen Assoziationen mehr in ihm wecken kann:
Da der Geist in Auschwitz letztlich seine Grundqualität, die Transzendenz, verliert, empfindet der Lagerhäftling angesichts ästhetischer Vorstellungen, wenn nicht gar Hohn oder Schmerz, so doch wenigstens völlige Indifferenz. Schlimmer noch ist es allerdings um die Fähigkeit des analytisch-rationalen Denkens bestellt: Statt in der Grenzsituation des Lagers hilfreich zu sein, führt diese Améry zufolge direkt in die Selbstzerstörung. Im Gegensatz zu seinen „ungeistigen“ Kameraden kann der Intellektuelle vor dem Hintergrund seines humanen Weltbildes die SS-Logik der Vernichtung nicht begreifen. Sind erste Widerstände jedoch gebrochen, beginnt der an das kritische Analysieren und Hinterfragen gewöhnte Intellektuelle, alle bisherigen Gewissheiten anzuzweifeln: Angesichts der totalen Machtdemonstration des SS-Staates innerhalb der Lagermauern drängt sich dem Häftling bald die selbstzerstörerische Frage auf, ob es sich bei seiner eigenen antizipierten Vernichtung nicht um die vernünftige Durchsetzung des Rechts des Stärkeren handelt.
Améry beendet den Essay mit der zusätzlichen Frage, was der geistige Mensch aus der Erfahrung in Auschwitz gelernt habe. Améry zufolge sind die Intellektuellen weder weiser noch „tiefer“ geworden, wohl aber klüger, insofern sie skeptisch gegenüber jeglichen metaphysischen Aussagen geworden sind. Letztlich zeichnet Améry den aus dem Lager Zurückgekehrten als „entblößt […], ausgeplündert, entleert, desorientiert“ (S. 32) – kurz: als einen Menschen, der die „Alltagssprache der Freiheit“ (ebd.) erst wieder mühsam erlernen muss.
„Die Tortur“ Améry schildert in diesem Text seine Verhaftung durch die Gestapo im Jahre 1943 und anschließende Folterung im Lager Fort Breendonk. Davon ausgehend entwickelt er gleich zu Anfang des Textes zwei Thesen, die diesen wie einen roten Faden durchziehen: Die erste These besagt, die Tortur sei „das fürchterlichste Ereignis, das ein Mensch in sich bewahren kann“ (S. 34), während die zweite lautet, dass die Tortur kein bloßes Merkmal des Dritten Reiches darstellte, sondern dessen Essenz.
Améry beschreibt den ersten Schlag, den er im Fort von seinen Peinigern erfährt, als Verletzung der eigenen physischen Grenze, die einer Verletzung des eigenen Ichs gleichkommt. Mit der Gewissheit, dass alle sozialen Konventionen – wie dem Verbot zu Schaden oder der Hilfspflicht – in der Situation der Folter nichtig geworden sind, geht ein tiefgreifender Verlust des Weltvertrauens einher. Die Schmerzen, die Améry im weiteren Verlauf seiner Folter durchlebte, liegen an der Grenze des sprachlichen Mitteilungsvermögens. Da derjenige, der bis zur Schmerzgrenze gefoltert wird, seinen Körper wie nie zuvor erfährt, bezeichnet Améry die Tortur als vollständige Verfleischlichung des Menschen. Aus diesem Grund bleibt sie unauslöschlich eingebrannt:
Auch mit seinen Peinigern beschäftigt sich Améry ausführlich. Da diese die radikale Negation des anderen zum Prinzip erheben, gesteht er sich zu, sie als Sadisten zu bezeichnen. In gleicher Weise stellen nach Améry Sadismus und Tortur die prägenden Elemente des Nationalsozialismus in seiner Gesamtheit dar.
„Wieviel Heimat braucht der Mensch?“ In diesem Essay versucht Améry, eine Antwort auf die im Titel gestellte Frage zu finden. Dabei geht er in erster Linie auf die spezifische Situation der aus dem Dritten Reich geflohenen jüdischen Exilanten ein, trifft darüber hinaus aber – trotz eigener Vorbehalte – auch einige allgemeingültige Aussagen zum Thema Heimat. Um die prekäre Situation der jüdischen Emigranten zu verdeutlichen, grenzt Améry ihr Schicksal von dem anderer deutscher Emigranten ab: Im Gegensatz zu diesen verloren die Juden nicht nur all ihren Besitz, ihre Arbeitsplätze und die gewohnte Umgebung, sondern büßten zusätzlich ihre Mitmenschen sowie die Sprache ihrer Heimat ein. Ihre eigenen Landsleute waren seit dem Anschluss Österreichs zu Feinden geworden, während ihre Muttersprache sich im Dritten Reich mehr und mehr in eine feindselige entwickelte. Da ihnen nachträglich das Heimatrecht entzogen worden war, wussten die jüdischen Exilanten nicht mehr, wer sie waren:
Heimweh wird in diesem Zusammenhang zur Selbstentfremdung, in letzter Konsequenz jedoch zur Selbstzerstörung, da das gleichzeitige Empfinden von Heimweh und Heimathass ein „unmöglicher, neurotischer Zustand“ (S. 66) ist. Das Bewusstsein, ein Verjagter zu sein, ließ Améry hingegen die Wichtigkeit der Heimat genauer erkennen. Heimat bedeutet für ihn in erster Linie Sicherheit:
Im Exil hingegen ist die Mimik der fremden Menschen für den Emigranten nicht entzifferbar; in ihren Gesten, Kleidern und Häusern lässt sich keine Ordnung finden. Da die frühesten Sinneseindrücke die Persönlichkeit konstituieren, werden Améry zufolge Muttersprache und heimische Umwelt zur Vertrautheit, die ein Sicherheitsgefühl garantiert. In letzter Konsequenz bedeutet dies aber, dass es für den Exilanten keine „neue Heimat“ geben kann. Aus Amérys Perspektive wird dies besonders im Alter zu einem Problem, da der alternde Mensch im steigenden Maße von der Erinnerung an die Vergangenheit abhängig ist. Der aus dem Dritten Reich vertriebene Jude hat jedoch laut Améry kein Anrecht mehr auf seine Vergangenheit. Das nüchterne Fazit des Essays lautet daher auch kurz und knapp:
„Ressentiments“