Hans Caudir von Spiegel, auch Johannes Gaudier genannt Spiegel von Strependorf (* Anfang des 16. Jahrhunderts im Herzogtum Liegnitz-Brieg; † 30. August 1579 in Glatz, Grafschaft Glatz) war Komtur der Johanniterkommende Glatz. Für die Kaiser Ferdinand I., Maximilian II. und Rudolph II. war er als Dolmetscher und Übersetzer der türkischen und persischen Sprache tätig.
Leben Hans Caudir genannt Spiegel entstammte einer Adelsfamilie, deren Name vermutlich mit der Wasserburg Kauder bei Bolkenhain () im Herzogtum Schweidnitz-Jauer zusammenhängt.Emil Beck: Der Denkstein des Glatzer Johanniterkomturs Hans Caudir Spiegel. (Mit einer autographischen Skizze.). In: Vierteljahrsschrift für Geschichte und Heimatskunde der Grafschaft Glatz 10 (1890/91), S. 181–183. Beck vermutet den Ursprung der - ursprünglich wohl westfälischen - Familie Spiegel in Rheine (vielleicht verwechselt mit Schloss Rheder bei Brakel)Hierzu auch: Aloys Bach: Urkundliche Kirchen-Geschichte der Graffschaft Glaz [sic], Breslau 1841, Nr. 22, S. 397 (Google -Books). Er wurde im Herzogtum Liegnitz-Brieg geboren und wuchs dort auf.Marcus Brosian: Chronica Oder Acta von der Türckischen Tyrannen herkommen vnd gefürten Kriegen. Johann Eichorn, Frankfurt an der Oder 1567, Bl. Aiiiv (Widmungsvorwort).
Türkische Kriegsgefangenschaft Seine Kenntnisse der türkischen und persischen Sprache in Wort und (arabischer) Schrift hat Caudir während einer mehrjährigen türkischen KriegsgefangenschaftAdelsbestätigung und Wappenbesserung, 1544: Fideli nobis dilecto Joanni Gaudier, Spiegel appellato, Turcicae et Persicae Linguae Interpreti nostro . . . per plures annos in captivitate (viele Jahre lang in Gefangenschaft) apud Christiani nominis hostes Thurcas; Carina Lee Johnson: Negotiating the Exotic. Aztec and Ottoman Culture in Habsburg Europe, 1500-1590. (Ph. D. diss.). University of California, Berkeley 2000, S. 147. erworben.Ernst Dieter Petritsch: Abenteurer oder Diplomaten? Ein Beitrag zu den diplomatischen Beziehungen Ferdinands I. mit den Osmanen. In: Martina Fuchs u. a. (Hrsg.): Kaiser Ferdinand I. Ein mitteleuropäischer Herrscher. (Geschichte in der Epoche Karls V. 5). Aschendorff, Münster 2005, S. 249–261, bes. S. 253. An den Türkenkriegen der Jagiellonen und Habsburger nahmen auch Soldaten aus dem böhmischen Nebenland Schlesien teil,Zum Ersten Österreichischen Türkenkrieg vgl. Heinrich Wendt: Schlesien und der Orient. Ein geschichtlicher Rückblick. (Darstellungen und Quellen zur schlesischen Geschichte 21). Ferdinand Hirt, Breslau 1916. Ein Schlesischer Fürstentag in Breslau bewilligte 1529 ein schlesisches Truppenkontingent und eine Türkensteuer; Christian d’Elvert: Die Verfassung und Verwaltung von Oesterreichisch-Schlesien in ihrer historischen Ausbildung. Rudolf Rohrer Erben, Brünn 1854, S. 84. dabei kamen verschiedentlich Johanniter-Malteser-Ritter zum Einsatz.Robert L. Dauber: Johanniter-Malteser-Ritter unter kaiserlichen Fahnen 1523–1918. Weißhaupt, Gnas 2007. Hans Caudir genannt Spiegl diente unter König Ludwig II. von Böhmen und Ungarn (1506–1526) und gehörte wahrscheinlich zu den mehr als 100.000 Gefangenen, die nach der Schlacht bei Mohács und dem Tod des Königs 1526 von Sultan Süleyman I. in die Sklaverei geführt wurden. Das Truppenkontingent der schlesischen Reiter des böhmisch-ungarischen Prinzenerziehers Markgraf Georg von Brandenburg-Ansbach-Kulmbach, Herzog von Oppeln-Ratibor und Jägerndorf, hatte sich allerdings während der eigentlichen Schlacht noch etwa zwei bis drei Tagesmärsche entfernt bei Raab (Győr) befunden,Gabriella Schubert: Berlin und Südosteuropa. In: Klaus Meyer (Hrsg.): Berlin und Osteuropa. Ergebnisse einer Vortragsreihe. (Wissenschaft und Stadt 19). Colloquium, Berlin 1991, S. 177–209, bes. S. 180. so dass Caudir die Teilnahme an dem blutigen Kampf in Mohács wohl erspart blieb.
Kaiserlicher Dolmetscher und Komtur in Lossen Caudir trat etwa 1537 in habsburgische KriegsdiensteFranz Albert: Ein Provisionsbrief für Cauder v. Spiegel (1561). In: Glatzer Heimatblätter 15,3 (1929), S. 138f. und übernahm um 1541 den neugeschaffenen Posten eines „turkischen Tulmätschen“ in Wien und Prag. 1544 bestätigte der Römisch-deutsche König Ferdinand I. – seit 1526/27 auch König von Böhmen, Kroatien und Ungarn – Caudirs Adelsstand und gewährte ihm eine Wappenbesserung.Ernst Dieter Petritsch: Die Wiener Turkologie vom 16. bis zum 19. Jahrhundert. In: Klaus Kreiser (Hrsg.): Germano-Turcica. Zur Geschichte des Türkisch-Lernens in den deutschsprachigen Ländern. (Schriften der Universitätsbibliothek Bamberg 4). Universitätsbibliothek, Bamberg 1987, S. 25–40, bes. S. 25f und 33–35. 1549 amtierte „Hanß Caudier gen. Spigel, königlich böhmischer Dolmetsch der türkischen Sprache“ als Komtur der Johanniter-Kommenden BriegDorothee von Velsen: Die Gegenreformation in den Fürstentümern Liegnitz-Brieg-Wohlau. (Quellen und Forschungen zur Reformationsgeschichte 15). Heinsius, Leipzig 1931, S. 6 mit Anm. 9 (Google-Books). und Lossen.Bereits 1322 war ein Conrad genannt Spiegel Komtur in Lossen; vgl. Colmar Grünhagen (Bearb.): Urkunden der Stadt Brieg. (Codex diplomaticus Silesiae 9). Josef Max, Breslau 1870, S. 12 (Google-Books). Sebastian vom Hor und Johann Hofemann waren seine Verwalter.Regest einer Urkunde vom 13. Dezember 1549, ausgestellt in Lossen; Maximilian Unterlauff: Neisser Urkunden im Diözesan-Archiv zu Breslau, Teil II. In: Bericht der wissenschaftlichen Gesellschaft Philomantie in Neisse 34 (1906/08), S. 1–52, bes. Nr. 248, S. 29 (PDF der Digitalen Bibliothek Oppeln). Das Gebiet beider Komturen war unter dem Einfluss des Herzogs Friedrich II. von Liegnitz und Brieg (1480–1547) bereits um 1523/25 evangelisch geworden. 1546 hat Friedrich II. das Pfarrstellen-Besetzungsrecht des Brieger Kommendators selbst übernommen,Colmar Grünhagen (Bearb.): Urkunden der Stadt Brieg. (Codex diplomaticus Silesiae 9). Josef Max, Breslau 1870, S. 211, vgl. S. 14. so dass es sich bei der Komtur zu Brieg wohl lediglich um einen Titularanspruch des Lossener Kommendators Caudir handelte.
Übersetzung der „Geschichte der Osmanen“ Hieronymus Beck von Leopoldsdorf (1525–1596) hatte von seiner Pilgerfahrt nach Palästina 1551 die Schrift Taʾrīḫ-i āl-i ʿOṯmān (= Geschichte der Osmanen) des Muhyiddin Ibn-Alaeddin Ali El-Cemali (Muḥyi ʾd-Dīn Meḥmed b. ʿAlāʾ ad-Dīn ʿAlī al-Ǧamālīʾ; Mollâ Çelebî)Richter in Adrianopel, vollendete die Schrift 1550. aus der Türkei mitgebracht, die zeitgenössische KurzfassungDer vollständige Text ist in der sog. Veranzischen Chronik aus dem ehemaligen Besitz des Graner Erzbischofs Antun Vrančić (1504–1573) erhalten; vgl. Carl Göllner: Turcica. Die europäischen Türkendrucke des XVI. Jahrhunderts, Bd. II 1551–1600. (Bibliotheca bibliographica Aureliana 23). Editura Academiei, Bukarest / Körner, Baden-Baden 1968, S. 177. einer altosmanischen Chronik.Klaus Kreiser: Der Osmanische Staat 1300–1922. Oldenbourg, München 2008, S. 80. Beck hatte die Handschrift in Konstantinopel durch Vermittlung des Dragomans des französischen Gesandten bei der Hohen Pforte Gabriel de Luitz, Baron d’Aramont, erworben.Brief von Johannes Löwenklau an den venezianischen Patrizier Giacomo Malipiero (Jacobus Maripetrus) vom 8. November 1590 aus Wien, in dem er auch die Chronik des Anonymus Hanivaldanus und den Codex Verantianus erwähnt. In: Johannes Leunclavius: Historiae Musulmanae Turcorum, De Monumentis Ipsorum Exscriptae. Andreas Wechel, Frankfurt am Main 1591, Sp. 828–841, bes. Sp. 828f (Google-Books); Johannes Heinrich Mordtmann: Mitteilungen zur osmanischen Geschichte. In: Der Islam 13 (1923), S. 152–169, bes. S. 155. Es war das erste türkische Werk über den Ursprung der Osmanen und ihre Geschichte, das in Europa bekannt wurde. Hieronymus Beck übergab die Handschrift (den sogenannten Codex Beccanus) König (ab 1558 Kaiser) Ferdinand I., der sie von seinem Dolmetscher Hans Caudier genannt Spiegel ins Deutsche übersetzen ließ.Franz Sartori: Historisch-ethnographische Übersicht der wissenschaftlichen Cultur, Geistesthätigkeit und Literatur des österreichischen Kaiserthums nach seinen mannigfaltigen Sprachen und deren Bildungsstufen, Bd. I. Carl Gerold, Wien 1830, S. 384. Markus Ambrosius von Brosenthal (* um 1530/35; † nach 1592) aus Neisse (Nysa) besorgte 1567 eine Veröffentlichung der Übersetzung, die er den Herzögen Georg II. von Brieg (1523–1586) und Heinrich XI. von Liegnitz (1539–1588) widmete. Der moldauische Historiker Dimitrie Cantemir warf Gaudier später ungenaue Erläuterungen und zu starke Orientierung an „türkischen Jahrbüchern“ vor.Demetrie Kantemir: Geschichte des osmanischen Reichs nach seinem Anwachse und Abnehmen (engl. London 1734). Christian Herold, Hamburg 1745, S. 50–52 (Google-Books).
Der Wiener Nuntius Girolamo Martinengo (1504–1569), Abt von Leno, sandte 1552 Schriftstücke von Kardinal Georg Martinuzzi (1482–1551), dem Statthalter von Siebenbürgen, an den türkischen Oberbefehlshaber in Ungarn Kara Ahmed Pascha († 1555) und den Hauptdolmetscher der Hohen Pforte İbrahim Bey alias Joachim Strasz († 1571) und bestätigte, dass die Übersetzung der türkisch geschriebenen Schriftstücke aus dem Besitz des verstorbenen Kardinals ins Deutsche durch „Joannes Spiegl juratus interpres“= vereidigter Übersetzer. erfolgt war. Caudirs Gehalt als „Türckhisch Tulmetsch“ bzw. „Dülmatschen“ betrug zunächst 20 Gulden,Karl Oberleitner: Österreichs Finanzen und Kriegswesen unter Ferdinand I. (Archiv für Österreichische Geschichte 22). Kaiserlich-Königliche Hof- und Staatsdruckerei, Wien 1859, S. 228. 1554 25 Gulden monatlich.Friedrich Firnhaber: Der Hofstaat König Ferdinand's I. im Jahr 1554. In: Archiv für Kunde österreichischer Geschichts-Quellen 28 (1861), S. 1–28, bes. S. 28.
Komtur der Johanniterkommende Glatz mini|Jesuitenkonvikt (ehemalige Johanniterkommende) in Glatz (Kłodzko) Nachdem ihm „wegen seiner treuen Dienste“ schon längere Zeit die „Commenthureyen Brigg und Lossen“ des Ordens Sanct Johannis Hierosolymitani (Hl. Johannes zu Jerusalem) überlassen worden waren, wurde Hans Caudir 1558 im Tausch gegen Brieg und Lossen Nachfolger des Niklas von Waldau (Welda)Vgl. Klement Borový: Jednání a dopisy konsistoře katolické i utrakvistické, Bd. II Akta konsistoře katolické (Monumenta Historiae Bohemicae. Staré paměti dějin českých 5/2). Ignaz Leopold Kober, Prag 1869, Nr. 771, S. 230, auch S. 234. als Komtur der Glatzer Johanniterkommende.Aloysius Bach: Urkundliche Kirchen-Geschichte der Grafschaft Glaz. Gustav Fritz, Breslau 1841, S. 120 und 397 (Google-Books). Ihm wurden 150 Dukaten und 20 Taler als Ertrag auf Glatz fest verschrieben. Der Kaiserliche Rat und königlich böhmische Erb-Truchsess Wenzel Hase von Hasenburg (1518–1578) auf Budin, Großprior der Johanniter, stellte dem „Turggischen Tulmätsch … Hanns Caudier, Spiegl genannt,“ darüber am 16. August 1558 in Strakonice eine Urkunde aus, die 1560 in Wien von Kaiser Ferdinand I. bestätigt wurde.Confirmation Hannsen Caudior Spiegl, Türgischen Tolmetsch, uber den vertrag von dem Orden zu Strakonitz, von wegen auswexlung der Comthurey Brigg und Lossen gegen Glatz, 29. August 1560; Franz Albert: Wie der Komtur C. Spiegel nach Glatz gekommen ist (1558). In: Glatzer Heimatblätter 17,3–4 (1931), S. 141. Als Glatzer Komtur nannte er sich „bevollmächtigter Inhaber der Glatzer Kommende“.Joseph Kögler: Die Chroniken der Grafschaft Glatz; Band 2: Die Pfarrei- und Stadtchroniken von Glatz, Habelschwerdt, Reinerz mit den zugehörigen Dörfern, neu bearbeitet von Dieter Pohl. Pohl, Stuttgart 1993, ISBN 3-927830-09-7, S. 67.
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