mini|Schilling Glockengiesserei in Apolda (Thüringen, Deutschland) - historisches Logo Fünf Generationen der Glockengießerfamilie Schilling in Apolda prägten die Entwicklung der thüringischen Kleinstadt zur überregional bekannten Glocken-Stadt im 19. und 20. Jahrhundert maßgeblich mit. Die Familiengeschichte als Unternehmer begann 1868 mit der Einheirat in die Familie Ulrich. Letzte Angehörige dieser Kunsthandwerks-Dynastie ist Margarete Schilling (* 1932), Autorin und Expertin für Glocken und Carillons. mini|hochkant|Glockengießermeister Franz-Peter Schilling (Mitte) bei einem Glockenguss 1965
Franz Schilling Franz Friedrich August Schilling wurde 1853 geboren. Seine Schwester heiratete 1865 den Glockengießer Carl Richard Emil Ulrich in Apolda. 1868, also mit 15 Jahren, wurde Franz Schilling in das Unternehmen seines Schwagers aufgenommen und erlernte dort das Glockengießerhandwerk. Bereits 1877 wurde er Teilhaber des Unternehmens; ein Jahr später schied sein Schwager ganz aus dem Geschäft aus. Er lebte bis 1926.
Als Franz Schilling den Betrieb C. F. Ulrich in der Unteren Bahnhofstraße in Apolda Ende 1878 übernahm, existierten außer der Gießerei Gebrüder Ulrich in der Apoldaer Glockengießereistraße noch viele derartige Firmen. Angesichts dieser Konkurrenz war es für Franz Schilling wichtig, sich zwischen Handwerk und beginnender Industrialisierung zu entscheiden und die Nebenproduktion der Vorgänger aufzugeben. Der allgemeine wirtschaftliche Aufschwung und die verhältnismäßig lange währende Friedenszeit ermöglichten es ihm, seine schöpferischen Fähigkeiten zu entfalten. 1889 errichtete er in Allenstein (ehemals Ostpreußen) eine Filiale, in der mehr als ein Jahrzehnt Glocken gegossen und ausgeliefert wurden.
Im Jahr 1895 verlieh ihm das Herzoglich-Sächsische Staatsministerium Weimar den Titel eines „Hofglockengießers“ – dieser Titel war von unschätzbaren Wert für die Aufwärtsentwicklung des Betriebes, da wichtige Auftraggeber um des Wörtchens „Hof“ willen, das für sie Qualität und Ehre bedeutete, dort Glocken in Auftrag gaben. Die Gießbücher Franz Schillings dokumentierten die Leistungsfähigkeit der Gießerei von 1878 bis 1901. Sie ist beachtlich, da der Bedarf an Glocken zu jener Zeit durch die große Anzahl der existierenden Glockengießereien so gut wie gedeckt war und fast nur noch bei Kirchenneubauten oder Glocken-Erneuerungen Aufträge zu erhalten waren. Schillings Schwager und Vorgänger Richard Ulrich lieferte in 15 Jahren knapp 500 Glocken, Franz Schilling kam in 18 Jahren auf das Dreifache. Im Merkbuch führte er von 1878 bis 1889 2.245 Glocken auf, von 1902 bis 1911 goss er 3.012 Stück, also insgesamt 5.457 Glocken.
Franz Schilling wurde besonders als Gießer sehr großer Glocken berühmt. 1894 goss er die Glocken für die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin. 1899 schuf er die Glocken der Kreuzkirche in Dresden, die beide Kriege und die Zerstörung Dresdens überstanden. Aus den Gießbüchern ist ersichtlich, dass viele seiner Glocken aus Kanonen gegossen wurden.
Generationswechsel: Otto Schilling und Friedrich Schilling 1911 übernahmen die beiden älteren Söhne Otto und Friedrich Schilling unter dem Firmensignet „Hofglockengießerei Franz Schilling Söhne, vormals Carl Friedrich Ulrich“ den Betrieb. Otto Schilling wurde später ebenfalls zum Hofglockengießer ernannt. In der Firma wurden in den wenigen Jahren vor dem Ersten Weltkrieg sehr viele Glocken gegossen, so auch zehn Glocken für die Michaeliskirche in Hamburg.
Die Glockengießerei Franz Schilling Söhne entwickelte sich zur größten und bedeutendsten Glockengießerei in Deutschland. Ihre Erzeugnisse wurden zu einem beträchtlichen Teil auch über die Grenzen des Landes ausgeführt. Doch der Ausbruch des Ersten Weltkrieges brachte einschneidende Veränderungen, Franz Schilling musste die Geschäfte wieder allein führen, da seine Söhne eingezogen wurden.
Hartgussglocken „Schilling & Lattermann“ Um die Lücken im Glockenbestand der Nachkriegszeit wieder zu füllen, gründeten der Glockengießermeister Otto Schilling und der Hammerwerksbesitzer Gottfried Lattermann in Morgenröthe-Rautenkranz im Vogtland 1918 eine OHG zum Zwecke des Gusses und Vertriebs von Hartgussglocken für Kirchen, Schulen und ähnliche Einrichtungen unter der Firmenbezeichnung Schilling & Lattermann. Der Sitz war Apolda, die Dauer der Zusammenarbeit bis 1927 festgelegt, sie bestand jedoch bis 1966. Die Führung der Geschäfte stand nur dem Gesellschafter Schilling zu, der den gesamten Vertrieb der Glocken, die Werbung, die zur Erlangung von Aufträgen erforderlichen Reisen, den Abschluss der Lieferverträge und dergleichen übernahm.
Lattermanns Verpflichtung war, sämtliche in Auftrag gegebene Glocken in seinem Morgenröther Werk nach den Angaben und Entwürfen von Schilling gießen zu lassen. Die dort gegossenen Glocken wurden nach Apolda gebracht und in der Schmiede und Schlosserei mit Armaturen und Glockenstühlen versehen.
Im Jahre 1919 kam zudem ein Vertrag mit der Berndorfer Metallwarenfabrik in Berndorf über die Einrichtung einer Bronzeglockengießerei zustande, der bis 1927 galt.
Franz August Schilling als Nachfolger des verstorbenen Friedrich Schilling Im Jahre 1927 wurde der jüngste Sohn des Glockengießers Franz Schilling, Franz August Schilling, Mitinhaber der Glockengießerei Franz Schilling Söhne. Er übernahm auch die Aufgaben seines 1928 verstorbenen Bruders Friedrich Schilling. Obwohl sich durch die allgemeine Wirtschaftskrise der Existenzkampf weiter verschärfte, wurden Glocken und Glockenspiele für viele Kirchen und andere Einrichtungen gegossen, darunter für die Herz-Jesu-Kirche in Zürich in der Schweiz, für Kirchen in Reykjavík in Island und in Philadelphia in den USA.
Im Jahre 1931 beschäftigte die Firma Schilling 70 Arbeitskräfte. Sie übernahm noch die Glockengießerei Heller in Rothenburg ob der Tauber, 1936 auch die Radlersche Glockengießerei in Hildesheim. Bis 1931 entstanden in Apolda mehr als 12.000 Glocken – ein bedeutender Anstieg an Aufträgen aus dem Ausland sprach für den internationalen Ruf der Gießerei: Die Glocken gingen nach Argentinien, Australien, Belgien, Brasilien, China, Dänemark, Finnland, Griechenland, Indien, Island, Japan, Jerusalem, Norwegen, Österreich, Russland, Schweiz und USA.
In der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg ging der Umsatz trotz ausgeführter Großprojekte wie Glockenspiele für die NS-Ordensburg Krössinsee und andere Einrichtungen beträchtlich zurück. Im Jahre 1939 fand in Apolda der letzte Guss für Lenk in den Berner Alpen statt. Otto Schilling schreibt am 8. Oktober 1939 in sein Gießbuch: „Das Gießen von Glocken ist verboten.“ Da die Schillings eine Beteiligung am Kriegsgeschäft ablehnten, schlossen sich die Tore der Gießerei für Jahre.
Zweiter Weltkrieg Im zweiten Jahr des Zweiten Weltkrieges war die deutsche Kriegswirtschaft – ähnlich wie 1917 – in große Bedrängnis geraten, da es ihr an den für die Kriegsführung dringend benötigten Buntmetallen mangelte, insbesondere waren die verfügbaren Vorräte an Kupfer und Zinn bedenklich geschrumpft. Wie im Jahre 1917 beschlagnahmte die Regierung wieder Bronzeglocken. Neben vielen anderen wurden auch die Glocken des Hofglockengießers Franz Schilling für die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin vernichtet. Sein Sohn Franz August Schilling schreibt am 16. November 1942 in Berlin an seine Frau: „Gestern, Sonntag, ging ich an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche vorbei, da lag neben dem Hauptportal der untere Teil der großen Glocke. Sie ist nun auch zerschlagen worden. Auf dem ersten Stück, das ich sah, las ich ,Franz Schilling’, da wurde es mir doch sehr weh ums Herz.“
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 kam der Wiederaufbau der Glockengießerei Franz Schilling Söhne nur schwer in Gang. Metallmangel und der Mangel an Facharbeitern erschwerten die ohnehin schwierige allgemeine Situation. Zunächst waren nur Umgüsse möglich; die ersten Neugüsse fanden im August 1946 statt, dazu verwendete man auch Kupferdraht, zerbrochene und zerbeulte Zinngefäße sowie Glockenschrott.
Franz August Schilling Die Arbeitskräfte wurden für den Wiederaufbau der zerbombten Städte benötigt. Franz August Schilling (* 2. Februar 1897 in Apolda; † 10. Oktober 1977 in Apolda; oft als Franz Schilling benannt) schrieb 1948 in das Gießbuch: „Homburg ging durch, weil ungelernte und uninteressierte Arbeiter die Form aufgemauert haben.“ Zu jener Zeit war der künftige Arbeiterstamm, der Jahrzehnte im Betrieb verblieb, nur auf dem Montageplatz der Schmiede und Schlosserei beschäftigt. Franz August Schilling kümmerte sich später zudem noch als Glockenkustos in den Glockenlagern Oranienburg, Hettstedt und Ilsenburg um die Sicherstellung der im Krieg nicht eingeschmolzenen Glocken und konnte die Heimatorte von mehr als 1.300 Glocken ermitteln.
Nach dem Zweiten Weltkrieg gewannen auch Hartgussglocken aus Morgenröthe-Rautenkranz wieder an Bedeutung, die Gemeinden sammelten Hufeisen, alte Ketten und ähnliches für die Glockenspeise. Nochmals gingen Tausende Glocken aus Morgenröthe in viele Weltteile für Kirchen, Schulen und Schiffe, darunter auch die Glocke für Lambaréné an Albert Schweitzer. Auch die Oder-Neiße-Friedensglocke in Frankfurt/Oder ist eine Hartgussglocke. Mit der Verzierung von Glocken beauftragte Franz Schilling Künstler wie Elly-Viola Nahmmacher, Kurt Grohmann und Horst Jährling.S. 26 in: Margarete Schilling: Glocken aus Apolda. Apolda 1986.
Erst in den 1950er Jahren war der Metallmangel behoben. In der Glockengießerei Franz Schilling Söhne entstanden wieder viele Bronzeglocken, etwa für den Erfurter Dom, den Meißner Dom, die St.-Hedwigs-Kathedrale in Berlin sowie die Buchenwald-Glocke. Glocken wurden nach Bayern, Hessen und in andere Länder geliefert, ab 1968 exportierte die Firma ein Jahrzehnt lang Glocken in die ČSSR nach Mähren, Böhmen und in die Slowakei, darunter große Geläute für Brünn und Blatná sowie Glocken für Prag. Seine letzten Glocken goss Franz August Schilling 1969 für Jasenná und Ranzin.
Franz Schilling war verheiratet mit Margarete Schilling, geborene Hänke. Ihr Sohn Franz Peter Schilling kam am 13. Februar 1930 in Jena zur Welt. 1956 hatte Franz Schilling einen Verkehrsunfall, der seine Arbeitsfähigkeit dauerhaft einschränkte. Daraufhin holte er seinen Sohn vom Studium in der Bundesrepublik Deutschland zurück nach Apolda und machte ihn zum Gesellschafter. Ende 1969 zwang ein Herzinfarkt Franz Schilling, sich weitestgehend aus der Arbeit in der Glockengießerei zurückzuziehen. Ab Anfang 1970 musste Sohn Peter Schilling die Gießerei ohne seinen Vater weiterführen.
Die Glockenstadt Apolda verdankt Franz August Schilling zudem Leihgaben des inzwischen über 50 Jahre existierenden Glockenmuseums, das die Entwicklung der Glocke von den Anfängen bis zur Gegenwart zeigt.
Otto Franz Georg Schilling und Friedrich Wilhelm Schilling Die Söhne des Hofglockengießers Otto Schilling, Otto Franz Georg Schilling (1911–1973) und Friedrich Wilhelm Schilling (1914–1971) trugen viel zur Verbesserung des Klanges der Schilling-Glocken, besonders in Bezug auf Glockenspiele, bei; sie erforschten intensiv die Teiltonreihen und entwickelten diese weiter, ein langwieriger Prozess bei der zeitraubenden Glockenherstellung.