Turkī al-Binʿalī, , Kunya: Abū Sufyān, Pseudonyme Abū Humām Bakr ibn ʿAbd al-ʿAzīz al-Atharī () und Abū Chuzaima al-Mudarī (; * 3. September 1984 in Bahrain; † 31. Mai 2017), war ein salafistisch-dschihadistischer Ideologe, Scheich, Prediger und Mufti der Terrormiliz Islamischer Staat. Er war von den Vereinigten Staaten auf die Terrorliste der Specially Designated Nationals and Blocked Persons gesetzt worden. Diese Maßnahme ging mit Sanktionen seitens der US-Regierung einher, die sämtliche Konten, die er in den USA besitzen könnte, hatte einfrieren lassen und ihren Bürgern es verboten hatte, mit ihm Geschäfte zu machen. Bahrain hingegen hatte ihn nicht als Terroristen aufgeführt, was von mehreren Stellen Kritik an der Regierung in Manama auslöste. Seine Staatsbürgerschaft hatte ihm Bahrain jedoch schon 2015 entzogen.

Al-Binali wurde nach Einschätzung von US-Streitkräften am 31. Mai 2017 bei einem Luftangriff auf al-Mayadin in Syrien getötet.Bethan McKernan: Death of Isis’ chief cleric in US air strike throws group into crisis. The Independent, 21. Juni 2017

Werdegang Turkī al-Binʿalī stammte aus einem Clan, der der in Bahrain regierenden Königsfamilie Āl Chalīfa nahesteht.Noor Mattar: ISIS Recruits Fan Bahrain’s Sectarian Flames With YouTube Call to Arms. globalvoicesonline.org, 1. Oktober 2014; abgerufen am 11. Oktober 2014Bill Law: Bahrain: The Islamic State threat within. middleeasteye.net, 14. Oktober 2014; abgerufen am 25. Oktober 2014 Er lebte im Stadtteil Busaitin der bahrainischen Hafenstadt al-Muharraq.ISIS Leader Al-Binali: A terrorist who moves freely. bahrainmirror.no-ip.info, 17. November 2014; abgerufen am 30. August 2015 Nach biografischen Angaben, die von einem seiner Studenten stammen, begann Turkī al-Binʿalīs islamische Unterweisung bereits in jungen Jahren. Für den Erwerb einer höheren Ausbildung zog er nach Dubai, wo er „Arabische und Islamische Wissenschaften“ studierteDer geistige Führer der Terrormiliz. handelsblatt.com, 29. Januar 2015; abgerufen am 4. Oktober 2015 und wegen dschihadistischer Tendenzen verhaftet und abgeschoben wurde. Danach studierte er in Beirut und wieder in Bahrain. Die Biografie erwähnt sodann weitere Verhaftungen Turkī al-Binʿalīs, innerhalb und außerhalb Bahrains, und gibt an, dass ihm die Vereinigten Arabischen Emirate, Katar, Ägypten, Kuwait und andere Staaten die Einreise verweigerten. Ferner verortete ihn die Biografie in salafistischen und salafistisch-dschihadistischen Netzwerken, indem sie seine Unterweisungen bei den Islamgelehrten Abdallah ibn Dschibrīn († 2009) und Zuhayr al-Shawish († 2013) sowie den Dschihadisten Abū Muhammad al-Maqdisī und ‘Umar al-Haddushi ausführt. Abū Muhammad al-Maqdisī zertifizierte Turkī al-Binʿalīs Bildungsabschluss (Idschāza), die eine Lehrerlaubnis in Bezug auf Abū Muhammad al-Maqdisīs Werke einschließt. Als Abū Muhammad al-Maqdisī im Jahr 2009 ein Scharia-Gericht auf seiner Webseite einrichtete, berief er Turkī al-Binʿalī als einen seiner Muftis. Mindestens bis zum Sommer 2013 konnte er durch mehrere Staaten der arabischen Welt offenbar frei reisen und predigen.Ala'a Shehabi: Why Is Bahrain Outsourcing Extremism? foreignpolicy.com, 29. Oktober 2014; abgerufen am 30. August 2015 Unbehelligt trat er als Redner auf einer Demonstration von Sympathisanten des Islamischen Staats auf, die in der bahrainischen Hauptstadt Manama stattfand, vor der Botschaft der Vereinigten Staaten.Bill Law: Bahrain: The Islamic State threat within. middleeasteye.net, 14. Oktober 2014; abgerufen am 31. August 2015 Im Juni 2013 hielt er eine Reihe von Vorträgen in der libyschen Hafenstadt Sirte. Auch rekrutierte er dabei Kämpfer für den Islamischen Staat.Nathaniel Barr: The Islamic State’s Uneven Trajectory in Libya. moderntokyotimes.com, 20. September 2015; abgerufen am 4. Oktober 2015 Nach Presseberichten hielt sich Turkī al-Binʿalī seit Februar 2014 in Syrien auf. Spätestens seit 2013 spielte er die Rolle eines „ideologischen Leitsterns des Islamischen Staats“.Cole Bunzel: The Caliphate’s Scholar-in-Arms. isn.ethz.ch (The International Relations and Security Network, Eidgenössische Technische Hochschule Zürich), 30. Juli 2014; abgerufen am 5. September 2014 Zwei Cousins Turkī al-Binʿalīs, Muhammad ʿIsā und ʿAlī Yūsuf al-Binʿalī, sollen sich ebenfalls dem Islamischen Staat angeschlossen haben.Giorgio Cafiero, Daniel Wagner: Bahrain’s Daesh Dilemma. huffingtonpost.com, 15. Januar 2015; abgerufen am 30. August 2015

Im Juli 2013 verfasste er eine Biografie seines Anführers Abū Bakr al-Baghdādī.Aaron Y. Zelin: Abu Bakr al-Baghdadi: Islamic State’s Driving Force. washingtoninstitute.org, 30. Juli 2014; abgerufen am 7. September 2014 Turkī al-Binʿalīs Fatwas und Statements werden in den Gebieten verbreitet, die unter der Kontrolle des Islamischen Staats stehen. Turkī al-Binʿalī galt auch als Autoritätsperson für das deutsche Netzwerk der Organisation Millatu Ibrahim von Mohamed Mahmoud und Denis Cuspert.Behnam T. Said: Islamischer Staat: IS-Miliz, al-Qaida und die deutschen Brigaden. Verlag C. H. Beck, München 2014, ISBN 978-3-406-67211-8, S. 83; books.google.de – chbeck.deDenis Cuspert – eine jihadistische Karriere. Senatsverwaltung für Inneres und Sport des Landes Berlin, Abteilung Verfassungsschutz, Lageanalyse, September 2014, S. 18; berlin.de (PDF; 1,3 MB) Die Führung des Islamischen Staats soll Turkī al-Binʿalī auf seine Anregung hin damit beauftragt haben, islamische Geistliche in Jordanien, Saudi-Arabien, Marokko, Jemen und anderen Staaten für die Sache des Islamischen Staats zu gewinnen.Bassem Mroue: Der Terror-Ideologe. In: taz, 30. Januar 2015; abgerufen am 30. August 2015 Anfang 2015 wurde berichtet, dass Bahrain Turkī al-Binʿalī die bahrainische Staatsbürgerschaft entzogen habe. foxnews.com, 31. Januar 2015; abgerufen am 30. August 2015

Infolge eines Anschlags auf die Imam-Dschaʿfar-as-Sādiq-Moschee in Kuwait, den die Terrormiliz Islamischer Staat am 26. Juni 2015 verübt hatte, soll Turkī al-Binʿalī nach Presseberichten damit gedroht haben, dass Bahrain das Ziel eines nächsten Anschlags sein werde.Mugdha Variyar: Isis Threatens Ramadan Attack in Bahrain; Minister Calls for Common Mosques for Shias and Sunnis After Kuwait Bombing. ibtimes.co, 29. Juni 2015; abgerufen am 30. August 2015 Nach einem Bericht eines Ausschussvorsitzenden des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen vom 15. November 2015 gehörte Turkī al-Binʿalī zu einer Gruppe von Personen, die von Abū Bakr al-Baghdādī 2013 dazu benannt wurden, strategische Aktivitäten des Islamischen Staats in Libyen zu leiten.Letter dated 18 November 2015 from the Chair of the Security Council Committee pursuant to resolutions 1267 (1999) and 1989 (2011) concerning Al-Qaida and associated individuals and entities addressed to the President of the Security Council (PDF), S. 7, abgerufen im Portal un.org am 18. Februar 2016Colum Lynch: The Islamic State Will Survive America’s Military Onslaught. foreignpolicy.com, 11. Februar 2016; abgerufen am 18. Februar 2016

Ideologie Turkī al-Binʿalī orientierte sich an der Islaminterpretation des hanbalitischen Gelehrten Muhammad ibn ʿAbd al-Wahhāb,Turki al-Binali: Summarized notes from the classes on The Three Fundamental Principles. . der im 18. Jahrhundert lebte und durch seine puristisch-traditionalistische Lehre den Anstoß zur Reformbewegung der Wahhābīya gab. Turkī al-Binʿalīs Rolle für den Islamischen Staat bestand darin, dessen Widersacher anzufechten. Seine Anfechtungen gehören zu den weitreichendsten sowie am stärksten publizierten und rezipierten Äußerungen eines Scharia-Experten des Islamischen Staats.Nico Prucha: Is this the most successful release of a jihadist video ever? Part 2. Webseite vom 21. Mai 2014 im Portal jihadica.com, abgerufen am 13. September 2014 Turkī al-Binʿalī griff verbal andere Ideologen des Dschihadismus und Mainstream-Islamismus an. Dazu zählen Al-Qaida-Führer Aiman az-Zawāhirī, Abū Qatāda al-Filastinī und Abū Muhammad al-Maqdisī, sein früherer Lehrmeister.

Apologien zur Staatlichkeit und zu Vorhaben der Terrormiliz Islamischer Staat Eine Verschärfung seiner Äußerungen trat im Januar 2014 ein, kurz bevor es eine Auflehnung islamistischer Kampfgenossen des Islamischen Staats in Nordsyrien gab, die über die Weigerung des Islamischen Staats, sich einem Schiedsgerichtsurteil zu unterwerfen, erbost waren. Turkī al-Binʿalī vertrat in diesem Konflikt den Standpunkt, dass der Islamische Staat ein souveränes Gemeinwesen mit eigenen Rechtsprechungsorganen und einem hinreichenden Rechtssystem sei (siehe Islamischer Staat (Theorie)).

Takfirismus Turkī al-Binʿalī äußerte sich ferner zu der Frage, welche Gruppen nach Ansicht des Islamischen Staats Muslime sind. So vertrat er als Takfirist etwa den extremen sunnitischen Standpunkt, dass Angehörige der schiitischen Glaubensrichtung der Alawiten als der Häresie (bidʿa) verfallene Ungläubige (kuffār) zu töten seien. Ihre Kinder allerdings, die noch keine Schamhaare haben, wären als Sklaven zu nehmen und zum Islam zu bekehren.Alfred Hackensberger: Ein Dschihadist wie aus dem Bilderbuch. Welt Online, 28. Februar 2014; abgerufen am 7. September 2014 Turkī al-Binʿalī rechtfertigte auch die Versklavung jesidischer Frauen.The millennial ISIS preacher radicalizing the next generation of jihadis. nypost.com, 28. Januar 2015; abgerufen am 31. August 2015

Standpunkt gegenüber Schiiten Turkī al-Binʿalī vertrat auch gegenüber Schiiten einen extremen Standpunkt. Auf der Homepage seines ehemaligen Lehrers Abū Muhammad al-Maqdisī schrieb Turkī al-Binʿalī in einer undatierten Fatwa, der ersten Turkī al-Binʿalīs gegen die Schiiten, mit Verweis auf Abū Muhammad al-Maqdisī, dass die heutigen Zwölfer-Schiiten Ungläubige seien. Die wichtigsten Vorwürfe sind, dass die Schiiten den Koran für verfälscht halten, sie den Großteil der Prophetengenossen verfluchen und an die Verborgenheit und Rückkehr des zwölften Imams glauben.

2013 gab Turkī al-Binʿalī dann dem „Radio des Monotheismus“ (iḏāʿat at-tauḥīd), einem Radiosender im libyschen Sirte, ein Interview. Darin beschrieb er die schiitische Geschichte aus seinen Augen. Anfangs wären Schiiten lediglich Anhänger ʿAlīs gewesen. Nach und nach seien sie jedoch unter den Einfluss des Teufels geraten. Die erste bidʿa habe stattgefunden, als sie ʿAlī anstatt ʿUthmān als rechtmäßigen Kalifen ansahen. Diese Auffassung sei deshalb absurd, da Muhammad in einem Hadīth, welches bei at-Tirmidhī und al-Buchārī überliefert ist, gesagt haben soll, dass Abū Bakr, ʿUmar und ʿUthmān ihm folgen würden. Indem die Schiiten diese drei Kalifen abgelehnt haben, hätten sie demnach auch den Islam abgelehnt. Heute würden die Zwölfer-Schiiten zusammen mit den Alawiten und den Drusen einen Krieg gegen die Sunniten führen. Deshalb hätte Ibn Taimīya bereits richtig geurteilt, als er schrieb, dass diese drei Parteien schlimmer als Juden und Christen seien – jene glaubten nur an einen Gott und seien so zumindest noch dem Monotheismus zuzurechnen.Turkī al-Binʿalī: Ḫaṭar ar-rāfiḍa. 5. August 2013 (arabisch) (Abruf unterbunden wegen unzulässigem Inhalt).

Die Auseinandersetzung mit Abū Muhammad al-Maqdisī Frühere Zusammenarbeit und Bruch