mini|hochkant=1.4|Durban Die Inder in Südafrika bilden weltweit eine der größten Diasporagruppen Indiens. Sie trugen nach 1860 von Durban aus zur ökonomischen und demographischen Entwicklung auf dem Gebiet der heutigen südafrikanischen Provinz KwaZulu-Natal signifikant bei und erwuchsen zu einer einflussreichen kulturellen, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Kraft in Südafrika. Der Anteil dieser Bevölkerungsgruppe an der Gesamtbevölkerung Südafrikas betrug um 2013 etwa 3 Prozent und umfasste damit etwa 1,5 Millionen Menschen.Ministry of External Affairs (2013): India-South Africa Relations. auf www.mea.gov.in (englisch)
Allgemein mini|Moschee der indischen Bewohner von Durban in der Grey Street Nach Auffassung von Alwyn Didar Singh, einem ehemaligen Staatssekretär des Ministry of overseas Indian affairs in Indien, ist die südafrikanische Hafenstadt Durban die Metropolregion mit dem zahlenmäßig stärksten Einwohneranteil außerhalb des indischen Subkontinents. Renu Modi, ehemaliger Direktor des Centre for African Studies an der University of Mumbai, schätzt ein, dass in Südafrika die größte indischstämmige Bevölkerungsgruppe auf dem afrikanischen Kontinent lebt.Anahita Mukherji: Durban largest 'Indian' city outside India. Mitteilung vom 23. Juli 2011 auf www.timesofindia.indiatimes.com (englisch)
Die indischstämmige Bevölkerung Südafrikas wird in der Fachliteratur häufig unter dem Oberbegriff „Asiatics“ (deutsch: Asiaten) zusammenfassend geführt und dieser dahingehend synonym zur Bezeichnung „Inder“ verwendet. Nach 1903, in der Endphase der Qing-Dynastie, kamen aber auch chinesische Kontraktarbeiter in das Gebiet von Transvaal. Etwa ein Viertel der asiatischen Bevölkerungsgruppe gab Anfang des 20. Jahrhunderts an, dass ihre Muttersprache Chinesisch sei.H. Sonnabend: Population. In: Ellen Hellmann, Leah Abrahams (Hrsg.): Handbook on Race Relations in South Africa. Cape Town, London, New York, Oxford University Press, 1949, S. 9 Die Abgrenzung des demographischen Gruppenbegriffs „Asiatics“ in Südafrika unterlag stets differenzierten Auffassungen.
Geographische Verteilung in Südafrika Die bevorzugten Wohnregionen der indischstämmigen Bevölkerung Südafrikas liegen in den Provinzen KwaZulu-Natal (etwa 80 Prozent) und Gauteng (etwa 15 Prozent). Eine kleinere Gruppe (etwa 5 Prozent) lebt in Kapstadt und dessen Umgebung.
In KwaZulu-Natal weist Durban unter den Städten der Provinz die größte Zahl indischstämmiger Einwohner auf. Ferner zählen die Siedlungen Chatsworth, Phoenix, Tongaat, Verulam und KwaDukuza zu den wichtigsten Wohnorten. In der Küstenregion von Durban leben etwa 500.000 Inder. Im benachbarten Pietermaritzburg erreicht die Zahl dieser Einwohnergruppe etwa 200.000 Personen. Weitere Orte mit signifikantem Bevölkerungsanteil sind Dundee, Glencoe, Ladysmith und Newcastle.
In der Provinz Gauteng konzentriert sich die indische Bevölkerung auf die Ortschaften Lenasia südlich von Soweto sowie Laudium und weitere Vorstädte von Pretoria.Department of Information, Department of Indian Affairs: The Indian community is settling down in Lenasia. In: Fiat lux, Durban 1971, Ausgabe September, S. 6–11 (Repositorium Fiat lux, National Library of Australia: bibliographischer Nachweis)Department of Information, Department of Indian Affairs: Laudium and its Industries. In: Fiat lux, Durban 1973, Ausgabe November, S. 25–27 (Gesamtverzeichnis)
Kleinere Gruppen leben in der Provinz Eastern Cape sowie in weiteren südafrikanischen Provinzen.indiainsouthafrica.com: . Archivversion auf www.archive.is (englisch)
Indischstämmige Bevölkerungsgruppen auf dem afrikanischen Kontinent existieren auch in anderen Staaten. Eine nennenswerte Anzahl gibt es in Mosambik und Tansania. Für die Arbeit in Zuckerrohrplantagen kamen Kontraktarbeiter auch nach Mauritius.EISA. African Democracy Encyclopaedia: Mauritius: Sugar, indentured labour and their consequences (1835-1910). auf www.eisa.org.za (englisch)
Überblick zur sozio-ökonomischen Entwicklung Frühe Einwanderung durch Sklavenarbeit Seit 1684 kamen Inder nachweislich in das südliche Afrika. Sie wurden als Sklaven für die Aktivitäten der Niederländischen Ostindien-Kompanie (VOC) zuerst in Kapstadt angesiedelt. Es wird geschätzt, dass diese Gruppe mehr als 16.000 Personen umfasste. Zwischen 1690 und 1725 sollen Indischstämmige etwa 80 Prozent des Sklavenanteils am Kap ausgemacht haben. Bis zur Beendigung der Sklavenwirtschaft in der Kapkolonie im Jahre 1838 blieb dieser hohe Anteil bestehen.South African History Online: Indian South Africans. auf www.sahistory.org.za (englisch)South African History Online: History of slavery and early colonisation in South Africa. auf www.sahistory.org.za (englisch)
Entwicklungen im 19. Jahrhundert mini|Zuckerrohr- und Bananenplantage in Südafrika (historische Fotografie) mini|Zuckerfabrik in Mount Edgecombe, nördlich von Durban (historische Fotografie) mini|Frühe indische Einwanderer als Kontraktarbeiter in Durban Indische Landwirtschaft in Natal des 19. Jahrhunderts Als bedeutendster historischer Ausgangspunkt der indischstämmigen Bevölkerungsgruppe in Südafrika gilt jedoch allgemein die massive Einwanderung agrarwirtschaftlich interessierter Kontraktarbeiter (indentured servants) seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Nach 1860 kamen hauptsächlich über den Hafen Durban indische Arbeitskräfte mit Zeitverträgen für Tätigkeiten in der Zuckerwirtschaft von Natal. Die Kontraktarbeiter zogen im zunehmenden Maße und zeitversetzt eine wachsende Anzahl freiwilliger Einwanderer aus Indien nach oder wurden nach den 5 Pflichtjahren ihres Vertrages vielfach selbst freiwillige Einwohner von Natal. Für Rückkehrwillige übernahm jedoch die Regierung in Pietermaritzburg anfallende Aufwendungen. Erst im Jahre 1911 verbot die indische Regierung diese Praxis der Anwerbung von Arbeitskräften. Zwei Drittel von ihnen waren zu dieser Zeit Hindus und sprachen Tamil oder Telugu. Der andere Teil setzte sich aus Muslimen und Christen zusammen.
Seit 1872 nutzten Inder in der Umgebung von Durban eigenständig Land, zunächst in Pacht, später als Eigentum, und errangen vorwiegend als Gartenbaubetriebe einen wachsenden Marktanteil in der regionalen Versorgung mit Gemüse und Tabak, der einige Jahre später in Pietermaritzburg und Durban monopolartige Dimensionen annahm.The Department of Economics, Natal University College: Indian Agriculture. In: Hellmann, Abrahams, 1949, S. 214–215 Zunächst entfalteten sich die kleinen Gartenbaubetriebe landeinwärts zentrumsnah in Durban, das damals von europäischen Einwanderern dominiert war. Die Flächen für den Gemüse- und Obstanbau lagen in den südlich des Hafens befindlichen Küstenebenen, am westlichen Rand bei Sydenham und Mayville, bei den Berea-Hügeln und zwischen dem Umbilo- und dem Umgeni-Fluss. Im Zuge des stadträumlichen Wachstums wurden diese Areale schrittweise umgenutzt und die indischen Gartenbauer verlagerten ihre Aktivitäten in Gebiete um Pinetown entlang der damaligen Verkehrswege zwischen Durban und Pietermaritzburg. Weitere Flächenexpansionen gab es in Richtung Hammarsdale.
Oft zogen sie, wenn das Land zu wertvoll für die gartenbauliche Nutzung geworden war und bei spürbarem Flächenmangel in dessen Umgebung, aus ökonomischen Erwägungen in Gruppen von einer Farm zur nächsten. Dieser kaskadenartig verlaufende Prozess, typischerweise von spekulativen Vorgehensweisen flankiert, vollzog sich auch im Umfeld von Pietermaritzburg und anderen Städten. Innerhalb dieser Entwicklung gaben immer mehr Inder ihre Tätigkeit als Gärtner auf und fanden fortan Betätigungsfelder im Handel und in der Industrie. Dieser Transformationsprozess nahm nach 1904 deutlichere Konturen an, wobei sich größere Landwirtschaftsbetriebe mit besserer Kapitalausstattung herausbildeten. Von diesen Wandlungen weniger betroffen waren die mehrheitlich durch indischstämmige Eigentümer beherrschten Zuckerrohranbaugebiete bei Stanger und Lower Tugela nördlich von Durban sowie im Umfeld von Umzinto und Port Shepstone am südlichen Küstenabschnitt Natals.The Department of Economics, Natal University College: Indian Agriculture In: Hellmann, Abrahams, 1949, S. 218–219
Typische Produkte des indischen Gartenbaus für den Privatkonsum in Natal waren zu dieser Zeit: für indische Konsumenten: Hülsenfrüchte, Kürbisse für europäische Konsumenten: Gartensalat, Rote Beete, Karotten, Echter Sellerie für Konsumenten aller Gruppen: Weißkohl, Blumenkohl, Tomaten, Früchte
Inder in anderen Regionen des späteren Südafrikas Die Regierung des Oranje-Freistaates verbot 1891 mit einer Rechtsverordnung, dass Inder auf ihrem Gebiet Land erwerben oder nutzen durften. Ähnlich reagierten die Behörden der Transvaal-Republik, die 1885 mit dem Transvaal Act No. 3 den freien Erwerb von Grundstücken für Inder untersagten. Ausnahmen wurden für ausgewählte Straßen, kleine Quartiere oder besonders ausgewiesene Areale gewährt. Dazu bediente man sich der Begründung „for purposes of sanitation“ (deutsch: für Hygienezwecke). Mit einer staatlichen Verordnung, der Ordinance 17 aus dem Jahre 1905, richtete man Gemeindebezirke für „Asiaten“ ein. In der Kapkolonie bestanden keine diesbezüglichen Verbote, obwohl die Bewegungsfreiheit hin zu den benachbarten Staaten eingeschränkt war.Maurice Webb: Indian Land Legislation. In: Hellmann, Abrahams, 1949, S. 206–207
1900 bis 1911 Einwanderung und Bürgerrechte mini|Der 1906 erbaute Narainsamy-Tempel der Hindus an der Inanda Road im Durbaner Stadtteil Newlands mini|Die Riverside-Moschee des Sufi Sahib im Durbaner Stadtteil Umgeni Um 1900 wanderte eine große Zahl Inder in das Gebiet des heutigen Südafrikas ein. Viele von ihnen kamen aus Britisch-Indien und verstanden sich als britische Untertanen. Demzufolge gingen sie von der Voraussetzung aus, wie alle anderen Bürger des British Empire behandelt zu werden und mit den gleichen Rechten ausgestattet zu sein.South African History Archive: The Transvaal Asiatic Registration Act. In: Sunday Times Heritage Project auf www.sthp.saha.org.za (englisch)
1903 wandte sich eine in East London lebende Gruppe von Indern mit einem Hilfeersuchen an den Indischen Nationalkongress in Bombay, da sie die Gemeindeordnung ihres südafrikanischen Aufenthaltsortes für sich als einschränkend und demzufolge unakzeptabel empfanden.South African History Online: Liberation history Timeline 1900-1909. auf www.sahistory.org.za (englisch) Im selben Jahr kam es zur Gründung der Transvaal British Indian Association, die später in Transvaal Indian congress umbenannt wurde.South African History Online: Transvaal Indian Congress (TIC). auf www.sahistory.org.za (englisch) Mahatma Gandhi war an ihrem Aufbau maßgeblich beteiligt, wobei er dafür in der indischen Bevölkerung von Transvaal starke Unterstützung fand.Rajmohan Gandhi: Gandhi. The Man, His People, an the Empire. University of California Press, 2006 S. 96 (englisch), online auf www.books.google.de Als Sekretär dieser Organisation gelang es ihm, Einfluss auf deren Wirken zu nehmen.E. S. Reddy: THAMBI NAIDU - 'Lion Like' Satyagrahi in South Africa. auf www.mkgandhi.org (englisch)
Gandhi schuf 1904 nördlich von Durban und am Rande der Ortschaft Inanda ein Siedlungsprojekt, das den Namen Phoenix Settlement erhielt. Von hier lenkte er die Aktivitäten des passiven Widerstands in Natal und Transvaal. Hier ließ er auch die Zeitung Indian Opinion drucken und mit deren Hilfe seinen Auffassungen schriftlich verbreiten.eNanada: The Phoenix Settlement. auf www.enanda.co.za (englisch)