Ursula von Münsterberg, Herzogin von Münsterberg und Troppau sowie Gräfin von Glatz (, auch Voršila Minstrberská, kněžna a Kladská hraběnka; * um 1491/95 oder 1499Vgl. Siegismund Justus Ehrhardt: Abhandlung vom verderbten Religions-Zustand in Schlesien. Wilhelm Gottlieb Korn, Breslau 1778, S. 197 (Google-Books); ähnlich Roman von Procházka: Genealogisches Handbuch erloschener böhmischer Herrenstandsfamilien, Bd. I. Degener & Co., Neustadt an der Aisch 1973, S. 201. vermutlich in Teschen; † nach 2. Februar 1534 vermutlich im Stift Gernrode oder in Liegnitz) war eine katholische Nonne des Ordens der Magdalenerinnen und später evangelische Schriftstellerin.
Leben mini|hochkant|Titelseite der Christlich vrsach, Ausgabe Nürnberg 1529 Ursula, die eine Enkelin des böhmischen Königs Georg von Podiebrad war, entstammte dem Adelsgeschlecht Podiebrad. Ihre Eltern waren Herzog Viktorin von Münsterberg und Troppau (1443–1500) und Margarete (Alena Margherita) Palaiologina de Montferrat († 1496 oder nach 1500).
Als Waise wuchs sie bei ihrer Tante Sidonie von Böhmen (1449–1510) am Hof ihres Cousins, des albertinischen sächsischen Herzogs Georg des Bärtigen (1471–1539), in Dresden auf.
Um 1508/10 trat Ursula als Kind auf Wunsch ihrer Tante Sidonie in das Magdalenerinnen-Kloster in Freiberg ein und legte die Ordensgelübde ab. Von ihren Mitschwestern wurde sie „das freuichen“ genannt.D. h.: das Frauchen, Fräulein, die Prinzessin; vgl. Johann Karl Seidemann: Die Herzogin Ursula von Münsterberg und ihre Flucht aus dem Kloster S. Mariae Magdalenae de poenitentia zu Freiburg. In: ders.: Erläuterungen zur Reformationsgeschichte durch bisher unbekannte Urkunden. Justus Naumann, Dresden 1844, S. 118, 122–125 und 127. Aus dem Kloster korrespondierte sie mit ihrer Tante 2. Grades Herzogin Margarethe von Anhalt, durch Geburt Herzogin von Münsterberg.
Vermutlich wurde Ursula von Münsterberg durch Lorenz Soranus († 1531), bis etwa 1526 Lektor am Freiberger Franziskanerkloster, mit den Schriften Martin Luthers bekannt.Vgl. Ernst Ludwig Enders (Bearb.): Dr. Martin Luther's sämmtliche Werke. Briefwechsel, Bd. VIII Briefe von Juni 1530 bis April 1531. Vereinsbuchhandlung, Calw 1898, S. 369; vgl. Brief von Ursula von Münsterberg an Stephan Roth vom 19. Juni 1530. Auch der aus Leipzig vertriebene Magister Andreas Bodenschatz († 1553), der seit 1526 als Prediger des Magdalenerinnen-Klosters in Freiberg wirkte, war evangelisch gesinnt.Vgl. Johann Karl Seidemann: Die Herzogin Ursula von Münsterberg und ihre Flucht aus dem Kloster S. Mariae Magdalenae de poenitentia zu Freiburg. In: ders.: Erläuterungen zur Reformationsgeschichte durch bisher unbekannte Urkunden. Justus Naumann, Dresden 1844, S. 112. Katharina von Mecklenburg (1487–1561), die Frau ihres – damals noch katholischen – Cousins Heinrich des Frommen von Sachsen (1473–1541), ließ zudem offenbar lutherische Bücher in das Kloster schmuggeln. Am 6. Oktober 1528 verließ Ursula von Münsterberg unter dem Einfluss der Reformation zusammen mit Dorothea Tanberg (Thannsberg) (* um 1510; † nach 1548)Um 1538 Heirat mit Mag. Georg Scharff (* 1506; † um 1576), 1539 bis 1544 Pfarrer in Briesnitz, später Kaplan in Dresden, 1553, 1559 vermutlich in Leuben; vgl. Gewährung einer Provision durch Herzog Moritz' vom 4. April 1543; Otto Hubert Ermisch (Bearb.): Urkundenbuch der Stadt Freiberg in Sachsen, Bd. I. (Codex diplomaticus Saxoniae regiae II, 12). Gieseke & Devrient, Leipzig 1883, S. 522f, Nr. 739 (Digitalisat des Instituts für Sächsische Geschichte und Volkskunde e. V.). aus Freiberg und Margaretha Volckmar aus Leipzig das Kloster. Eine weitere Nonne, Katharina Wildeck († nach 1538), Tochter oder Nichte des Zwickauer Ratsherren Hans Wildeck († 1529), hatte sich ursprünglich der Flucht anschließen wollen, aber ihren Entschluss geändert.Vgl. Emil Herzog: Ein Beitrag zur Reformationsgeschichte. Die Flucht der Nonne Ursula, einer Herzogin von Münsterberg, aus dem Freiberger Magdalenenkloster betr. In: Mitteilungen von dem Freiberger Alterthumsverein 19 (1882 (1883)), S. 105–108 bes. S. 106 (Google-Books); Hans Prescher, Otfried Wagenbreth: Georgius Agricola - seine Zeit und ihre Spuren. Deutscher Verlag für Grundstoffindustrie, Leipzig / Stuttgart 1994, S. 57f.
Ursula von Münsterberg floh in das ernestinische Kurfürstentum Sachsen über Leisnig, wo sie bei Pfarrer Dominikus Beyer (1477–1552) – einem früheren Freiberger Franziskaner – Unterschlupf fand, nach Wittenberg.Vgl. Joseph Hilgers: Der Index der verbotenen Bücher. In seiner neuen Fassung dargelegt und rechtlich-historisch gewürdigt. Herder, Freiburg in Breisgau 1904, S. 148–150. Ursula von Münsterberg veröffentlichte eine kurz vor dem Verlassen des Klosters im April 1528 abgefasste Schrift, in der sie ihren Austritt in 69 Artikeln rechtfertigte. Martin Luther berichtete Nikolaus Hausmann am 29. Juni und 5. August brieflich von der geplanten und Georg Spalatin am 20. Oktober 1528 von der durchgeführten Flucht und schrieb ein Nachwort (Sendschreiben) zur Schrift der Herzogin. Wahrscheinlich sind seine handschriftlichen 15 Thesen „Das clauster leben vnchristlich vnd schedlich sey“ von 1528Vgl. „Grund und vrsach, das Closter leben unchristlich sey“. In: WA, Abt. V Schriften / Werke, Bd. 59 Nachträge zu Bd. 1–57 und zu den Abteilungen ‚Deutsche Bibel‘ und ‚Tischreden‘. Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 1983, S. 100–103. (ein verändernder Auszug aus „De votis monasticis“ (= „Von den Mönchsgelübden“) von 1521) eine Reaktion auf die Klosterflucht Ursulas.Vgl. Otto Albrecht: Katechismusstudien III. Handschriftliches zum Kleinen Lutherischen Katechismus im Jenaer Kodex Bos. q. 25a. In: Theologische Studien und Kritiken 80 (1907), S. 564–608, bes. S. 586; Heiko Augustinus Oberman: The Two Reformations, hrsg. von Donald Weinstein. Yale University Press, New Haven (Connecticut) 2003, S. 53. miniatur|links|Brief von V[rsula] g[eborene] H[erzogin] tz[u] M[ünsterberg] &c E[ure] S[chwester] I[n] C[hristo] an Stephan Roth, 1528.In Z. 12 wird der Zwickauer Ratsherr Hans Wildeck erwähnt.|180px Mit dem Zwickauer Stadtschreiber Stephan Roth wechselten Ursula von Münsterberg und Dorothea Tanberg 1528–1530 mehrere Briefe, in denen es unter anderem um das Schicksal der im Kloster zurückgelassenen Nonne Katharina Wildeck ging.Vgl. Hubert Ermisch: Herzogin Ursula von Münsterberg. Ein Beitrag zur Geschichte der Reformation in Sachsen. In: Neues Archiv für sächsische Geschichte und Alterthumskunde 3 (1882), S. 320f und 331f.
Die albertinischen Herzöge Georg der Bärtige und Heinrich der Fromme von Sachsen intervenierten vergeblich bei ihrem ernestinischen Vetter Kurfürst Johann dem Beständigen von Sachsen (1468–1532), der sich weigerte, ihnen ihre „Muhme“ – die entflohene Herzogin – auszuliefern.Vgl. Otto Hubert Ermisch (Bearb.): Urkundenbuch der Stadt Freiberg in Sachsen, Bd. I. (Codex diplomaticus Saxoniae regiae II, 12). Gieseke & Devrient, Leipzig 1883, S. 477–485 und 496 (Digitalisat des Instituts für Sächsische Geschichte und Volkskunde e. V.).Vgl. Hubert Ermisch: Herzogin Ursula von Münsterberg. Ein Beitrag zur Geschichte der Reformation in Sachsen. In: Neues Archiv für sächsische Geschichte und Alterthumskunde 3 (1882), S. 306–310. Die Flucht Ursulas von Münsterberg fiel in die Zeit eines Konflikts zwischen Georg dem Bärtigen und Johann dem Beständigen während der sog. „Packschen Händel“. Herzogin Margarethe von Anhalt versuchte brieflich, ihre Nichte zur Rückkehr in das Kloster zu bewegen. Das Jungfrauenkloster St. Maria Magdalena zur Buße (auch: Jakobskloster) in Freiberg wurde im Januar 1529 einer strengen Visitation unterzogen.Vgl. Otto Hubert Ermisch (Bearb.): Urkundenbuch der Stadt Freiberg in Sachsen, Bd. I. (Codex diplomaticus Saxoniae regiae II, 12). Gieseke & Devrient, Leipzig 1883, S. 485–496.
Im Januar 1529 reiste Ursula von Münsterberg nach Marienwerder zu ihrer Schwester Apollonia (* vor 1496 oder 1500; † 1529),Brief an Stephan Roth in Zwickau vom 9. Januar 1529. die seit 1528 mit dem dortigen Bischof Erhard von Queis verheiratet war.Vgl. Paul Tschackert (Bearb.): Urkundenbuch zur Reformationsgeschichte des Herzogthums Preußen, Bd. II/1 Urkunden, erster Theil. 1523 bis 1541. (Publicationen aus den K. Preußischen Staatsarchiven 44). S. Hirzel, Leipzig 1890, Nr. 605, S. 206; Nr. 683, S. 230.Vgl. Max Perlbach: Die preussischen Beziehungen der Herzogin Ursula von Münsterberg, In: Neues Archiv für Sächsische Geschichte und Altertumskunde 4 (1883), S. 346–348 Ihre Schwester starb zwei Monate später im März desselben Jahres im Kindbett nach der Geburt ihrer Tochter Maria (* 1529; † 1538), ihr Schwager im September 1529.Vgl. Paul Tschackert: Urkundenbuch zur Reformationsgeschichte des Herzogthums Preußen, Bd. I Einleitung. (Publicationen aus den K. Preußischen Staatsarchiven 43). S. Hirzel, Leipzig 1890, S. 160f (Digitalisat in der OpenLibrary). Herzog Albrecht von Preußen nahm die verwaiste Tochter Maria seiner „mumb“ Apollonia „neben unser muhmen“ Ursula von Münsterberg zu sich nach Königsberg.Brief von Herzog Albrecht an den Amtsverweser zu Marienwerder vom 10. November 1529. In: Paul Tschackert: Urkundenbuch zur Reformationsgeschichte des Herzogthums Preußen, Bd. II/1, Nr. 683, S. 230 (Google-Books; eingeschränkte Vorschau). Er war ein Schwager von Apollonias und Ursulas Vetter Herzog Friedrich II., Herzog von Liegnitz und Brieg, und von Georg dem Bärtigen von Sachsen. 1530 hielt sich Ursula von Münsterberg in Liegnitz bei ihrem Vetter Friedrich II. auf und suchte noch im selben Jahr bei Äbtissin Elisabeth von Weida um Aufnahme in das freiweltliche Damenstift Gernrode nach. Wahrscheinlich erfolgte die Anfrage erst nach dem Tod ihrer streng altgläubigen Tante Margarethe von Münsterberg († 28. Juni 1530), die als Regentin des Fürstentums Anhalt-Dessau die Erbschutzvogtei über das Stift wahrgenommen hatte. Die Äbtissin sicherte in ihrer Antwort „hilf unnd fursehung“ zu; Friedrich II. von Liegnitz, der darum in einem Schreiben an den Ansbacher Kanzler Georg Vogler (* 1486/87; † 1550) gebeten hatte, und sein Schwager Markgraf Georg „der Fromme“ von Brandenburg-Ansbach-Kulmbach – verheiratet mit Hedwig von Münsterberg-Oels (1508–1531) – verwandten sich anlässlich des Augsburger Reichstags 1530 beim sächsischen Kurfürsten Johann dem Beständigen für die Herzogin.Vgl. Des Markgrafen Georg zu Brandenburg Bedenken seinen Räthen zu Augsburg gegeben, etwa Anfang Oktober 1530. In: Karl Eduard Förstemann (Hrsg.): Urkundenbuch zu der Geschichte des Reichstages zu Augsburg im Jahre 1530, Bd. II. Buchhandlung des Waisenhauses, Halle 1835, Nr. 251, S. 729–735, bes. S. 733 (Google-Books). Bis 1532 ist Ursulas von Münsterberg Anwesenheit in Liegnitz belegt.Paul Tschackert: Urkundenbuch zur Reformationsgeschichte des Herzogthums Preußen, Bd. II/1, Nr. 771, S. 259; Nr. 849, S. 282 (Digitalisat im Internet Archive). Ihr letztes Lebenszeichen ist ein Brief an Friedrich II. in Liegnitz vom Februar 1534 ohne Angabe des Absendeortes, in dem sie von ihrem schlechten Gesundheitszustand berichtet und letztwillige Verfügungen trifft.Vgl. Hubert Ermisch: Herzogin Ursula von Münsterberg. Ein Beitrag zur Geschichte der Reformation in Sachsen. In: Neues Archiv für sächsische Geschichte und Alterthumskunde 3 (1882), S. 333.
Ursulas von Münsterberg Schrift„Ursulae Munsterbergensis Ducissae defensio, quare vitam Monasticam deseruerit“ (= „Herzogin Ursulas von Münsterberg Rechtfertigungsschrift, aus welchem Grunde sie das klösterliche Leben verlassen habe“); auch verderbt „Visula Munsterlegensis Ducissę defensio“ u. ä., vgl. Horatius Lutius (Orazio Luzi) (Hrsg.): Sacrosancti Concilii Tridentini canones, et decreta, Anhang Index librorum prohibitorum. Johann Anton Remondinus, Bassano o. J. [um 1730], S. 71f (Google-Books). stand von 1596 bis 1900 auf dem Index Librorum Prohibitorum, erst unter Papst Leo XIII. verschwand dort ihr Name.