mini|Jost Winteler um 1880 mini|Unterschrift von Jost Winteler(Brief vom 2. Januar 1876)
Jost Winteler (* 21. November 1846 in Filzbach, heute zu Glarus Nord; † 23. Februar 1929 auf der Hochsteig bei Wattwil) war ein Schweizer Sprachwissenschafter, Kantonsschullehrer, Ornithologe und Dichter.
Nachhaltig bekannt wurde er einerseits mit seiner wegweisenden dialektologischen Dissertation, in der er als erster eine Ortsmundart phonetisch exakt aufzeichnete, und anderseits als Hausvater Albert Einsteins in Aarau. Überdies prägte er an der Kantonsschule Aarau als unkonventioneller Lehrer für Geschichte und Religionsgeschichte mehr als eine Generation Schüler. Seine ornithologischen Studien waren hingegen umstritten, und als Dichter blieb ihm der Erfolg versagt.
Rund ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod vertrat der bedeutende Linguist Roman Jakobson die These, Winteler habe in seiner Dissertation von 1875 die Linguistik der 1920er und 1930er Jahre schon vorweggenommen und zudem Einstein auf den Gedanken der Relativitätstheorie gebracht. Diese Einschätzung widerlegte der Germanist Manfred Kohrt jedoch 1984 in einer detaillierten wissenschaftsgeschichtlichen Untersuchung.
Leben Ausbildung und berufliche Tätigkeit Jost Winteler – nach eigener Aussage sprach man seinen Namen im Glarner Dialekt Jos Wintler ausJost Winteler: Erinnerungen aus meinem Leben. Ergänzungen und Verdankungen, Schülern, Freunden und Verehrern gewidmet. In: Wissen und Leben 10 (1917), S. 534. – wuchs als Sohn eines Lehrers und Bauern zunächst in Filzbach am glarnerischen Kerenzerberg auf.Das Folgende in diesem Kapitel insbesondere nach Jost Winteler: Erinnerungen aus meinem Leben. Ergänzungen und Verdankungen, Schülern, Freunden und Verehrern gewidmet. In: Wissen und Leben 10 (1917), Hefte 11, S. 525–447, und 12, S. 617–647; August Tuchschmid: Professor Dr. Jost Winteler. 1846–1929. In: August Tuchschmid, Hans Kaeslin, Sophie Haemmerli-Marti: Jost Winteler, 1846–1929. Sauerländer, Aarau 1930; Ludwig Storz: Jost Winteler. In: Biographisches Lexikon des Aargaus 1803–1957. Hrsg. von der Historischen Gesellschaft des Kantons Aargau. Sauerländer, Aarau 1958, S. 881–883 (zugleich Argovia 68/69); und Roman Hess: Papa Winteler oder Der stumme Prophet. Eine unbekannte Grösse in Einsteins Biographie. In: Die Weltwoche Nr. 38 vom 20. September 1978, S. 29. Aufgrund der freisinnigen Einstellung des Vaters, die im konservativen Filzbach nicht mehr recht gelitten war, zog die Familie später nach Krummenau im st.gallischen Toggenburg, wo der Vater auf dem hoch über dem Dorf gelegenen Fosen ein Haus gekauft hatte. Die Realschule besuchte Winteler im talaufwärts gelegenen Nesslau, das Progymnasium im bündnerischen Schiers und das Gymnasium im thurgauischen Frauenfeld.
Auf Wunsch des Vaters, der selbst gerne Pfarrer geworden wäre, und einiger Gönner der Familie nahm er ein Theologiestudium in Zürich und Basel auf, das er nach wenigen Semestern abbrach. Winteler konnte sich weder mit der an der Basler theologischen Fakultät herrschenden Orthodoxie, die «Glauben verlangte», noch mit der an der Universität Zürich dominierenden liberalen Richtung, die «nicht selten im Übereifer und aus Mangel an Feinsinnigkeit Gefühle, die mir von Kindheit auf heilig waren, verletzte», anfreunden. Auch gegenüber der Vermittlungstheologie, die «Eiertänze aufführte», hatte er seine Vorbehalte.Jost Winteler: Erinnerungen aus meinem Leben. Ergänzungen und Verdankungen, Schülern, Freunden und Verehrern gewidmet. In: Wissen und Leben 10 (1917), S. 618. Mit dem Abbruch des Theologiestudiums ging er zugleich aller Stipendien verlustig.
Winteler beschloss nun, das Lehramt zu machen – ein Entscheid, der ihm insofern leicht fiel, als er schon während seines bisherigen Studiums geschichtliche und germanistische Vorlesungen besucht hatte. Basler und Zürcher Lehrer in Geschichtswissenschaft waren Jacob Burckhardt, Balthasar Räber, Johannes Scherr, Georg von Wyss und Max Büdinger; im Bereich der germanischen Philologie hatte er schon bei Wilhelm Wackernagel und Gottfried Kinkel gehört. 1870 zog er in das thüringische Jena, um bei August Leskien Sprachwissenschaft zu studieren. Da dieser jedoch kurz darauf nach Leipzig berufen wurde, nahm Winteler vor allem an Veranstaltungen von Eduard Sievers und Berthold Delbrück teil. Seinen Aufenthalt finanzierte er sich mit der Tätigkeit als Hauslehrer bei einer Familie in der Rhön sowie als Lehrer an der Grossherzoglichen sachsen-weimar-eisenachschen Ackerbauschule ausserhalb Jenas. 1875 promovierte er mit einer Arbeit über seinen heimatlichen Dialekt.
Winteler kehrte noch im gleichen Jahr in die Schweiz zurück und fand zuerst eine Anstellung am Zollikoferschen Töchterinstitut in Romanshorn, musste die Stelle allerdings bald verlassen, da ihm eine zu grosse Nähe zu einer Schülerin vorgeworfen wurde. Im bernischen Burgdorf, wo er anschliessend als Bezirksschullehrer arbeitete, verstand er sich mit dem Rektor schlecht. 1880 wurde er zum Schuldirektor in Murten gewählt. Statt wie erhofft sich wissenschaftlicher Tätigkeit hingeben zu können, wurde er in politische Händel hineingezogen, als die ultramontane Freiburger Kantonsregierung das protestantisch-liberale Städtchen mittels eines neuen Schulgesetzes aus der Feder Georges Pythons unter ihre Kontrolle zu bringen versuchte. Durch seinen Rücktritt kam er 1884 der Entlassung zuvor und wurde, mit einer Empfehlung von Bundesrat Emil Welti, umgehend an die ebenfalls für ihren freiheitlichen Geist bekannte Kantonsschule Aarau berufen – sein in Aarau unterlegener Mitbewerber war der Schriftsteller und spätere Nobelpreisträger Carl Spitteler. Winteler unterrichtete dort von 1884 bis 1909 Geschichte und zum kleinen Teil Griechisch, vorübergehend auch Latein sowie von 1901 bis 1914 das Freifach Interkonfessionelle Religionsgeschichte einschliesslich Philosophie.
Nachdem er sein Arbeitspensum schon 1909 wegen eines Stimmleidens hatte reduzieren müssen, trat Winteler 1914 ganz von seiner Stelle zurück. Seinen Lebensabend verbrachte er aus gesundheitlichen Gründen wieder im Toggenburg, erst in Krummenau und dann auf der Hochsteig, einem Hof nordwestlich von Wattwil.
Familie mini|hochkant=1.5|V. l. n. r.: Marie Winteler, Maja Einstein, Paul Winteler, Anna Winteler, Jost Winteler, Pauline Winteler, Rosa Winteler; um 1900. 1871 heiratete Winteler die Jenenserin Pauline Eckart,Das Historische Lexikon der Schweiz (Bd. 11, 503) und Roman Hess: Jost Winteler (S. 29) schreiben den Namen «Eckhardt»; Albert Fölsing: Albert Einstein (S. 53), Franziska Rogger: Maja Einstein (S. 21) und Ludwig Storz: Jost Winteler (S. 881) aber «Eckart», was auch der überwiegenden Namensschreibung in Thüringen entspricht. August Tuchschmid: Professor Dr. Jost Winteler. 1846–1929 (S. 3) und wohl von daher Ludwig Storz: Jost Winteler (S. 881) nennen als Heiratsjahr «1876»; die Angabe «1871» im Historischen Lexikon der Schweiz dürfte jedoch zutreffend sein, da der zweitälteste Sohn Fridolin laut Historisch-Biographischem Lexikon der Schweiz (Bd. 7, 552) 1873 zur Welt kam. Albert Fölsing: Albert Einstein vermerkt überdies S. 53, man habe Pauline später nur Rosa genannt; Ludwig Storz: Jost Winteler, nennt ausschliesslich diesen letzteren Namen. Winteler selbst schweigt sich in seinen Lebenserinnerungen von 1917 über seine Familie vollständig aus. Tochter eines Tuchhändlers und Oberjägers sowie Verwandte von Goethes Ehefrau Christiane Vulpius. Der Ehe entsprossen insgesamt sieben Kinder: Anna, Jost Fridolin (genannt Fritz), Rosa, Marie, Mathias, Jost jun. und Paul.
1906 suchte ein schweres Schicksal die Familie Winteler heim, als Sohn Jost jun. seinen Schwager Ernst Bandi (Rosas Ehemann), seine Mutter Pauline und schliesslich sich selbst erschoss. Er hatte zuvor als Koch in den Vereinigten Staaten gearbeitet und war überzeugt, dass ein geheimer Orden gegen ihn wirke, so dass der besorgte Vater ihn in die Schweiz holte. Freilich wähnte er sich auch in Aarau verfolgt und glaubte offenbar, sein Schwager sei ein Mitglied des Geheimbundes und seine Mutter stehe unter dessen Einfluss. Die Staatsanwaltschaft erkannte auf Doppelmord in geistesgestörtem Zustand.Detailliert hierzu Franziska Rogger: Einsteins Schwester. Maja Einstein – ihr Leben und ihr Bruder Albert. Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2005, S. 33–38. – Die Angabe in August Tuchschmid: Professor Dr. Jost Winteler. 1846–1929. In: August Tuchschmid, Hans Kaeslin, Sophie Haemmerli-Marti: Jost Winteler, 1846–1929. Sauerländer, Aarau 1930, S. 8, wonach es sich um den jüngsten Sohn gehandelt habe, ist unzutreffend, war dieser (Paul) doch ab 1910 mit Maja Einstein verheiratet.
Albert und Maja Einstein mini|Das «Rössligut» in Aarau: Wohnhaus der Familie Winteler. Als der nachmalige Physiker und Nobelpreisträger Albert Einstein 1895/1896 an der Kantonsschule Aarau seine Matura nachholte, wohnte er bei der Familie Winteler. Jost und Pauline Winteler wurden Alberts Ersatzeltern, und insbesondere zum «Mamerl», das heisst zu Pauline, herrschte ein sehr herzliches Verhältnis.Albert Fölsing: Albert Einstein. Eine Biographie. Suhrkamp, Aarau 1993, S. 53; Elmar Holenstein: Albert Einsteins Hausvater in Aarau: der Linguist Jost Winteler. In: Schweizer Monatshefte 59 (1979), S. 226. – Winteler selbst erwähnt in seinen freilich schon 1917 erschienenen Lebenserinnerungen seinen berühmten Pensionsgast nicht, und auch in Tuchschmids Nachruf von 1930 und Storz’ biographischem Artikel von 1958 wird Einstein nicht genannt. Der 16-jährige Schüler verliebte sich in deren 18-jährige Tochter Marie; dass er ihr später Mileva Marić vorzog, verwand Marie zeitlebens nicht.Franziska Rogger: Einsteins Schwester. Maja Einstein – ihr Leben und ihr Bruder Albert. Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2005, S. 21 ff.; vgl. auch Albert Fölsing: Albert Einstein. Eine Biographie. Suhrkamp, Aarau 1993, S. 57 f., und Mathias Plüss: Relativ verliebt. In: Das Magazin 23, 9. Juni 2018, S. 22–28. Auch als Alberts Schwester Maja Einstein 1899 nach Aarau zog – ihr Bruder studierte damals am Eidgenössischen Polytechnikum in Zürich –, fand sie sogleich bei Wintelers Familienanschluss. 1910 heiratete sie deren jüngsten Sohn Paul († 1952), einen Juristen und Künstler. Schon zuvor, 1898, hatte ein enger Freund Einsteins, Michele Besso, Wintelers Tochter Anna geheiratet.