mini|Filialkirche Winzendorf (2022) Die römisch-katholische Filialkirche Winzendorf ist eine Kirche im Ort Winzendorf in der Marktgemeinde Winzendorf-Muthmannsdorf in Niederösterreich. Die umfangreich restaurierte ehemalige Pfarrkirche, bekannt wegen mehrerer Grabdenkmäler der Freiherrn von Teufel aus der Renaissance, steht unter . Im Zuge der vorbildhaften Restaurierung (1986–1990) wurde die Gebäudegeschichte multidisziplinär untersucht. Im Sommer finden regelmäßig Gottesdienste statt.Pfarre Winzendorf: Gottesdienste

Geschichte mini|hochkant|Altarbild Tod Mariäs Restaurierung (1986–1990) Nach Errichtung der neuen Pfarrkirche St. Josef der Arbeiter in den 1970er Jahren, die zum Dekanat Wiener Neustadt der Erzdiözese Wien gehört, wurde die alte Kirche durch eine Initiative der Bürger vor dem Verfall gerettet. 1985 begann die Restaurierung. Insgesamt haben 179 Winzendorferinnen und Winzendorfer bei der Restaurierung mitgeholfen. Als Dank wurden die Stundenlisten täglich aktualisiert in einem Schaukasten aufgehängt. Insgesamt wurden ca. 8400 freiwillige Arbeitsstunden geleistet. Am 15. August 1990 (Mariä Himmelfahrt) erfolgte die Weihe als Filialkirche. Für die vorbildliche Restaurierung unter der Leitung von Erwin Reidinger wurde Winzendorf 1991 der Europa-Nostra-Preis verliehen. Durch die initiierte multidisziplinäre Untersuchung des Bauwerks gibt es für diese Dorfkirche außerordentlich vielschichtige wissenschaftlichen Analysen.

mini|links|hochkant|Epitaph des Wolf Mathias Teufel gefallen 1587 in Krakau Im Zuge der Restaurierung 1987/88 wurde die Winzendorfer Kirche in Hinblick auf die verwendeten Maße (Fuß / Elle / Klafter), Verhältnisse der Abmessungen und die Proportionen von Baueinheiten auch zu Inschriftenstein, Särge und Gruftdeckel detailliert analysiert. Die Einrichtung wurde bei der Restaurierung neu gestaltet.

Spätmittelalter und frühe Neuzeit mini|hochkant|Langhaus zum Chor Um ca. 1300 wurde in Winzendorf die Kirche als Herrschaftspfarre und Filiale der Mutterkirche, der heutigen Pfarrkirche St. Egyden am Steinfeld, errichtet. Die Bauherren sind unbekannt, doch dürfte die Kirche entweder vom steirischen Adelsgeschlecht der Stubenberger oder vom ritterlichen Geschlecht derer von Teufel errichtet worden sein. Die im Zuge der Restaurierung in den 1980er Jahren durchgeführten Grabungen zeigten Reste eines früheren Sakralbaus und eines noch älteren Profanbaues, vielleicht ursprünglich eine Burg- und Herrschaftskapelle in Verbindung mit einem Herrschaftshof. Ebenfalls gefunden wurde eine mittelalterliche Quellfassung unter dem Hochaltar mit Gangsystem und Abfluss, heute sichtbar durch Glasplatten im Fußboden. Die erste urkundliche Erwähnung ist die Bestätigung einer Messstiftung 1377 zwischen dem Pfarrer von St. Egyden und Johann den Teufel zu Winzendorf, wo es um eine Wochenmesse „in capella beatae virginis Mariae in Winssendarff“ geht. Der Kirche, die damals zur Erzdiözese Salzburg gehörte, wurde später das Begräbnisrecht für die Pfarre eingeräumt. Dafür wurde sie mit einem Karner ausgestattet. Während ein Visitationsprotokoll von 1544 noch eine stagnierende Entwicklung der Pfarre zeigt, setzt in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ein forcierter Ausbau durch die Patronatsfamilie Teufel ein, die sich weitgehend dem Protestantismus anschloss und in der Reformationszeit eine Art Erbbegräbnis errichtet. Die Familie hatte zu dieser Zeit seit mindestens 300 Jahren ein Eigenkirchenrecht, was aus der Inschrift neben dem Kircheneingang und dem Hinweis am Epitaph des Erasmus Teufel hervorgeht. Durch Interessensverlagerungen im Geschlecht der Teufel, deren Aussterben und die Rückstufung zur Filialkirche von St. Egyden in der Gegenreformation kam es zu einem Bedeutungsverlust der Kirche.

Erstbau der Kirche mini|links|hochkant|Epitaph des Erasmus Teufel † 1552 mini|Langhaus zum Eingang Der Erstbau von Winzendorf war eine Kapelle im Chorquadrattypus. Die kleine und gedrungene Grundrissdisposition der Kirche mit Westempore und Hocheinstieg ohne Wehrcharakter gleicht in der Anlage der nahen romanischen Burgkapelle von Emmerberg bzw. der Schlosskirche von Saubersdorf. Vorbild für die stilistische Ausprägung der Detailformen wie Rippenprofile oder Fensterformen war die Bettelordensarchitektur der Zeit. Eine archäoastronomische Untersuchung zur Bestimmung des Gründungsjahres wurde nicht gemacht, da die Längsachse in keine Sonnenaufgangsposition zeigt. Eine Thermolumineszenzdatierung unterschiedlicher Ziegelproben aus dem Gebäude brachte keine weiterführenden Informationen zur Altersbestimmung.

Die Verbindung von Altar mit Quellfassung und Abflusssystem scheint sich ungeplant aus der baulichen Situation ergeben zu haben. Anhaltspunkte für eine kultische Einbeziehung der Quelle gibt es nicht. Auffallend sind die Größe des Systems, seine Begehbarkeit und die Wahl eines Kastenaltars, der an der Vorderseite ein beschädigtes bleiernes Reliquienkästchen enthielt. Die ältesten bei der Renovierung zutage getretenen Funde stammen aus dem 14. Jh. und lagen im Bereich der Quellentwässerung sowie zwischen Kirche und Karner. Gefäßkeramik aus dem 15. Jh. gab es im Bereich Chor, Sakristei und Karner. Besonders gut erhalten sind zwei nahezu unbeschädigte Töpfe aus dem 16. Jh., die am Dachboden gefunden wurden, die vermutlich mit den Umbauarbeiten der Familie Teufel in Zusammenhang stehen. Unter den Eisenfunden ist ein hochwertiges, zweiseitig sperrbares Türschloss für eine Innentür mit steinernem Rahmen hervorzuheben.

Die Saalkirche wurde vom 13. bis 15. Jahrhundert mehrmals umgebaut. Der gerade Chorschluss stammt aus dem dritten Drittel des 13. Jahrhunderts. An der Chornordseite ist eine spätgotische Kapelle angebaut. Der Anbau einer Chorkapelle dokumentiert die spätmittelalterliche Volksfrömmigkeit, die sich in einer Vermehrung der Benefizien, Altar- und Messstiftungen manifestierte. Die Begräbnisstätte der Winzendorfer Patronatsherren lag bedingt durch das Abflusssystem im älteren hinteren Teil des Langhauses und nicht beim Hauptaltar oder in der Kapelle. Die einschneidendsten Veränderungen an Kirche und Karner mit einer eindrucksvollen künstlerischen Aufwertung erfolgten im Zuge der Umwidmung der Pfarrkirche Winzendorf zum Erbbegräbnis der Herren von Teufel Ende des 16. und frühen 17. Jahrhunderts. Die Bauphase beginnt mit der Errichtung der Epitaphien für Erasmus und Christoph Teufel. Bis 1613 wurde der Kirchenraum neugestaltet, indem auf der Nordseite des Langhauses ein Nischenepitaph für Wolfgang Matthias Teufel eingebaut und der frühere Triumphbogen auf Chorbreite erweitert wurde. Mit dem Umbau des Karners zur Gruftkapelle durch Hans Christoph Teufel für seine erste Frau Maria Euphrosina enden die Umbauarbeiten 1529. Im Nordwesten steht der vor die Fassade gesetzte Turm aus 1885. Die Kirche war ehemals von einer Wehrmauer umgeben. Der Karner steht im Südwesten der Kirche. Er wurde 1613 zur Gruftkapelle umgebaut. Im Westgiebel des Karners ist ein spätgotisches Relief (Kopie) eingemauert, das das erste Thomaswunder zeigt. mini|links|hochkant|Epitaph des Christoph Teufel † 1570 mini|hochkant|Altar vor 1909 Das anfangs zweijochige Langhaus wurde später um ein weiteres Joch nach Westen erweitert. Der Übergang vom zweiten zum dritten Joch, ursprünglich die Westfassade, ist innen an einem eingezogenen Rundbogen und im Süden außen an einer hinausstehenden Wandverlängerung erkennbar. Das Langhaus hat ein Kreuzrippengewölbe über Konsolen aus dem dritten Drittel des 15. Jahrhunderts. Der leicht längsrechteckige Chor hat ein Kreuzrippengewölbe mit einfach gekehlten Rippen aus dem dritten Drittel des 13. Jahrhunderts. Im Norden des Chores führt ein verstäbtes Schulterportal aus dem vierten Viertel des 15. Jahrhunderts zum Kapellenanbau, bzw. der Sakristei mit einem Kreuzrippengewölbe.

Altar & Ausstattung mini|hochkant|Altar 2022 mini|hochkant|Neugotischer Altar von 1909 in den 1920er Jahren Der gemauerte Kastenaltar birgt an der Vorderseite ein Reliquienkästchen aus dem Anfang des 14. Jahrhunderts. Es enthielt keinen Hinweis auf einen Heiligen. Staub, Knochen, Holzsplitter, kleine Steine und Haare befanden sich in elf kleinen Stoffbeutel und Seidengewebe, die textilhistorisch untersucht wurden. Aufgrund der großen Nachfrage nach Reliquien im Mittelalter, reichte auch etwas Staub aus der Kirche des verehrten Heiligen aus. Sogenannte Reliquien zweiter Ordnung waren im Hoch- und Spätmittelalter weit verbreitet.

mini|hochkant|Rückseite des Karners vor der Restaurierung 1989 Das Altarbild, eine Kopie eines gotischen Tafelbildes Marientod aus dem Ende des 15. Jahrhunderts vom akademischen Maler Sepp Buchner aus Pitten (1989) wird vor einer Rückwand mit barocker Scheinarchitektur gezeigt. Das Bild war ursprünglich das Altarbild der Burgkapelle der rund 3 km entfernten Burg Emmerberg bereits in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts Altarbild in Winzendorf. Beim Kirchenumbau und der Renovierung ab 1882 scheint das Bild durch einen Altar ersetzt worden zu sein.Verzeichnis des Archives der vereinigten Herrschaften Hernstein, Bad Fischau, Gerasdorf und Emmerberg. Niederösterreichisches Landesarchiv. Sein Wert wurde früh erkannt. Aufbewahrungsort des Originals ist die Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums Wien. Von 1987 bis 2012 war diese Abbildung des Tods Mariäs im Dom Museum Wien. Eine Besonderheit des Bildes ist die abgebildete Katze unter dem Bett, die bei einer früheren Restaurierung einige Jahre übermalt gewesen war.

Erzherzog Rainer von Österreich, Eigentümer des Großgrundbesitzes Emmerberg und Patronatsherr, der Kirche einen neugotischen Altar gewidmet, der von 1907 bis 1909 errichtet wurde, wobei auch die Kirche renoviert wurde. Der Altar war 77 Jahre bis 1986 in der Kirche, wurde im Zuge der Restaurierung entfernt und privat verkauft. Der Altarsockel darunter hatte keine Mensaplatte. Diese wurde wahrscheinlich schon beim Vorgängeraltar entfernt. Bruchstücke fanden sich beim Abbruch der Mauer zwischen Kirche und Karner. Daraus wurde die ehemalige Mensaplatte rekonstruiert, die 1990 geweiht wurde.

Begräbnisstätte der Freiherrn von Teufel mini|links|hochkant|Epitaph der Susanne Teufel geb. Weispriach (1528–1590) In der Kirche befindet sich die Familiengruft der Teufel, an die auch eine Reihe von Epitaphien erinnert. Die Grabdenkmäler sind charakteristisch für ehemals protestantische Pfarrkirchen. Es gibt Inschriftentafeln mit vielen biographischen Details, eine Dokumentation der Genealogie oder eine figürliche Darstellung zur Vergegenwärtigung der Verstorbenen. Bei den Epitaphien von Susanna und Maria Euphrosina wird besonderer Wert auf den Kinderreichtum gelegt. Heldenmut und kriegerische Leistungen kommen in den Inschriften für Erasmus und Wolfgang Matthias zum Ausdruck. Besonderes Gewicht hat bei Erasmus und Christoph die Vorbildhaftigkeit in der Verteidigung des wahren (evangelischen) Glaubens. Der Hinweis auf die Herkunft wird besonders bei den weiblichen Familienmitgliedern deutlich, wo über dem Familienwappen der Eltern auch die Großelterngeneration angebracht ist.

mini|links|hochkant|Epitaph der Maria Euphrosina Teufel geb. Freiin von Thannhausen (1578–1613) hochkant|mini|Wiederbestattung Familie Teufel im Zuge der Restaurierung 1989