Überakademisierung ist ein teils analytisch, teils polemisch verwendeter Begriff, der die Ausbildung eines zu hohen Anteils von Absolventen des tertiären Bildungsbereichs über den geschätzten oder postulierten Bedarf hinaus bezeichnet. Eine in den 2010ern postulierte Variante der These von der Überakademisierung junger Menschen in Deutschland lautet: „Wir haben weitaus mehr Studierende als Arbeitsplätze, die zwingend von Akademikern besetzt werden müssen.“Hugo Müller-Vogg: Der deutsche Akademisierungswahn The European. 26. Mai 2015. Von einer Überakademisierung wird auch mit kritischer Absicht gesprochen, wenn ein abgeschlossenes Studium zur Eingangsvoraussetzung für ein ganzes bisher nicht akademisiertes Berufsfeld wird oder werden soll.

Das ungefähre Äquivalent für diesen Begriff in den angelsächsischen Ländern lautet Overeducation. Mit Overeducation sind jedoch auch überdurchschnittliche (Aus-)Bildungs- und Verweilzeiten im Sekundarschulwesen gemeint, die im deutschen Begriff der Überakademisierung nicht eingeschlossen sind. Während sich dieser auf ein Überangebot an akademisch Qualifizierten auf dem Arbeitsmarkt bezieht, stehen im Fokus des Begriffs Overeducation die individuellen Arbeitsmarktrisiken für Menschen, die beim Berufseinstieg freiwillig eine Tätigkeit unterhalb ihres Qualifikationsniveaus wählen oder dazu gezwungen sind. Überakademisierung und Overeducation hängen jedoch eng zusammen und werden hier gemeinsam betrachtet.

Das Hauptproblem beim Versuch, den Begriff zu objektivieren, besteht darin, zu beurteilen, welche der im Studium erworbenen Kompetenzen die betreffende Person vermutlich in der Praxis des später ausgeübten Berufes nie wird anwenden müssen. Relativierend ist festzuhalten, dass ökonometrische Studien die gesamtwirtschaftlichen Folgen einer für die konkrete Tätigkeit nicht ausreichenden Qualifikation im Vergleich zur Überqualifizierung als geringeres Problem einschätzen.Kateřina Maršíková, Václav Urbánek: A comparison of educational mismatches across Europe. In: Ekonomie + Management. Band 18, 2015, Nr. 4, S. 24–38.

Geschichte der Klage über „zu viele Akademiker“ und die Erhöhung von beruflichen Anforderungen „Zu viele Akademiker und Menschen, die es werden wollen“ Kritik an zu vielen und zu lange Studierenden ist nicht neu. Insbesondere im tendenziell bildungsfeindlichen Nationalsozialismus wurde das Studium nicht unmittelbar nützlicher Fächer zugunsten eines Körper-, Wettkampf- und Heroenkults und der Idee einer homogenen Volksgemeinschaft ohne Statusunterschiede abgewertet. Insbesondere wurden Frauen – allerdings nur bis kurz vor Kriegsausbruch – Opfer einer bildungsfeindlichen Politik durch Begrenzung des Zugangs zur tertiären Ausbildung.Michael Grüttner: Das Dritte Reich. 1933–1939. Gebhardt Handbuch der deutschen Geschichte, 10. Auflage. Band 19. Stuttgart 2014, S. 454 ff. Bereits 1938 klagten Berliner Hochschullehrer in einer Denkschrift über die allgemeine Senkung des Bildungsniveaus (S. 461 f.)

Auch im Nachkriegsdeutschland wurden von konservativen Kreisen, häufig von Lehrerverbänden des Sekundarschulwesens, immer wieder Bedenken gegen eine Overeducation und Überakademisierung erhoben. Dieses Argument war oft verbunden mit Einwänden gegen die grenzenlose Durchsetzung des Elternwillens bei der Schulwahl und dem Hinweis auf die vermeintliche Ausschöpfung der Begabungsreserven. Neuerdings wird verstärkt der fehlende Praxisbezug der Gymnasial- bzw. akademischen Bildung kritisiert, so zuletzt wieder seitens des Deutschen Philologenverbands 2013.DPhV warnt vor den Folgen einer Überakademisierung, Teachers’ News, 12. November 2013, .

Zusätzlich wird die Diskussion langer Schul- und Studienzeiten durch fehlende junge Beitragszahler in den Sozialkassen, vor allem der Rentenversicherung geprägt. Das Missverhältnis zwischen Leistungsbeziehern und Beitragsleistenden verschärft sich nachhaltig.

Von sozialdemokratischer und gewerkschaftlicher Seite wird die Steigerung der Studienanfängerrate eines Jahrgangs von 11 Prozent im Jahre 1970 auf 55 Prozent im Jahre 2013 hingegen immer noch als unzureichend angesehen: Kinder von Nicht-Akademikern und insbesondere Migranten seien weiterhin unterproportional an der Gesamtzahl der Studierenden beteiligt.Siehe bspw. Eduard Heußen: Fachkräftemangel oder Überakademisierung? Der zukünftige Bildungsbedarf aus Sicht der Unternehmen. Wirtschaft und Politik: impulse, Friedrich-Ebert-Stiftung, Mai 2014, online: library.fes.de (PDF; 140 kB).

Auch anti-elitäre Bewegungen und Einstellungen in Demokratien kritisieren eine angebliche oder tatsächliche Überakademisierungsfalle (overeducation trap), so z. B. in den seit 1776 notorisch elitefeindlichen USA oder in Südkorea. Die Falle bestehe darin, dass High-School-Absolventen sich gezwungen sehen, einen College-Abschluss anzustreben, da sie sehen, dass selbst Collegeabsolventen oft nur anspruchslose, schlecht bezahlte Jobs erhalten. So würden immer mehr staatliche Ressourcen ohne nachhaltige Wirkung ausgegeben.Siehe die in den USA gegründete, weltweit aktive Initiative Overeducation, die Strafen für Arbeitgeber fordert, welche überqualifizierte Absolventen einstellen. Ähnlich wird in Deutschland argumentiert, dass Abiturienten, die (vor allem aufgrund schlechter Noten) keinen attraktiven Arbeits- oder Ausbildungsplatz erhalten, sich gezwungen sehen, ein Studium anzuschließen, oder dass Bachelors, die keinen attraktiven Arbeitsplatz erhalten, einen Masterstudiengang anschließen. Studienabschlüsse werden so „zwar wichtiger, aber weniger wert“.

Oft versuchen auch Berufsverbände wie die American Medical Association den professionellen Nachwuchs durch Studienbeschränkungen quantitativ zu begrenzen und dadurch die Einkommen ihrer Mitglieder hoch zu halten. Abruf am 27. August 2014. Eine Überakademisierung beklagen aber auch Verbände, die ihre Ausbildungsprogramme in unmittelbarer Konkurrenz zum Hochschulbesuch sehen, v. a. die Handwerkskammern.Handwerkspräsident Otto Kentzler hält Trend zur Akademisierung für fatal. Saarbrücker Zeitung, 2. Januar 2013, online: «Überakademisierung ist ein Irrweg»: Handwerkspräsident fördert Bildungswende auf news4teachers.de, 27. Juli 2022.

Seit der ersten PISA-Studie und den zunehmenden Klagen über Fachkräftemangel dürfte zwar Konsens darüber bestehen, dass auch in Deutschland noch Begabungsreserven erschlossen werden können und müssen; kein Konsens besteht freilich hinsichtlich der Frage, ob dies durch Stärkung der akademischen oder beruflichen (und hier wiederum: im Rahmen einer dualen, vollzeitschulischen oder kooperativen Ausbildung?) geschehen solle. An Stelle der pauschalen Frage nach Über- oder Unterausbildung der jungen Menschen treten die Fragen nach der optimalen Ressourcenallokation auf die verschiedenen Zweige des Ausbildungssystems und die Forderung nach Verkürzung der rein schulischen, praxisfernen Ausbildungsanteile. So stellte die Hessen-Agentur (eine Dienstleistungsagentur des Landes Hessen für Wirtschaftsförderung) fest, dass die Ausbildung in zweijährigen Ausbildungsgängen für Assistenzberufe an höheren Berufsfachschulen oft nur gewählt wird, weil betriebliche Ausbildungsplätze fehlen. Die vollzeitschulische Ausbildung sei aber zu praxisfern und führe zu Schwierigkeiten beim Einstieg ins Erwerbsleben. Viele Absolventen strebten direkt nach der Ausbildung daher eine Weiterbildung an. Auch das BIBB stellte 2006 bei einem Vergleich der Arbeitsmarktschancen von dual und vollzeitschulisch ausgebildeten Absolventen bessere Arbeitsmarktchancen der Absolventen des dualen Systems und höhere Abbruchquoten bei der vollzeitschulischen Ausbildung fest. Trotz dieser Probleme neigten die Berufsschulen dazu, ihre Angebote zu „verfestigen“ und gingen damit zu wenig auf lokale Arbeitsmarktbedürfnisse ein.Wilfried Möhrle: Evaluierung der Berufsausbildung an der zweijährigen höheren Berufsfachschule (Assistentenberufe). Hessen-Agentur, Report Nr. 745, Wiesbaden 2008, S. 12 ff., 68 ff.

Selbst die OECD, die jahrelang Deutschland wegen angeblich zu geringer Akademikerquoten rügte, neigt in den letzten Jahren zu der Auffassung, dass das deutsche stark praxisbezogene duale Ausbildungssystem eine Reihe von Vorteilen gegenüber einer rein schulischen oder akademischen Berufsbildung aufweise und als Vorbild gelten könne.OECD-Studie: Gute Bildung rettet die Deutschen vor dem Absturz. In: Die Welt, 25. Juni 2013, online: welt.de

Insbesondere bezogen auf Südeuropa kam angesichts der hohen Jugendarbeitslosigkeit nach den immer noch sichtbaren negativen Arbeitsmarktfolgen der Finanzkrise von 2008–2012 die Frage auf, ob dort nicht zu viele Jugendliche zu lange am Fachkräftebedarf vorbei ausgebildet wurden bzw. werden. Der Vergleich der Arbeitslosenquoten in Ländern, die ihre Studierendenquoten stark ausgebaut haben wie Frankreich, Spanien, Italien und Großbritannien, mit denen in Deutschland, Österreich und der Schweiz – so der Pädagoge Karl-Heinz Dammer – zeige, dass die humankapitaltheoretische These von der Korrelation wirtschaftlichen Erfolgs mit einem hohen formalen Bildungsniveau nicht zutreffe und die akademische Bildung vor allem eine sozialsymbolische Bedeutung besitze.Karl-Heinz Dammer: Julian Nida-Rümelin und der “Akademisierungswahn”. [Online https://bildung-wissen.eu/kommentare/julian-nida-ruemelin-und-der-akademisierungswahn.html] 11. September 2013.

Bezogen auf Deutschland ergab jedoch im Jahr 2020 eine Analyse von Vergütungsfachleuten der Internetplattform Gehalt.de, der mehr als 740.000 Gehaltsdatensätze zugrunde lagen, dass das Lebenseinkommen von Menschen mit einem Bachelor- oder Master-Abschluss in der Regel deutlich höher ist als das von nicht-akademischen Fachkräften. Richtig sei zwar, dass 25-Jährige, die nie studiert hätten, durchschnittlich ein kumuliertes Einkommen von 132.000 Euro erzielt hätten, während Gleichaltrige mit einem Bachelor-Abschluss 122.000 Euro verdient hätten und solche mit einem Master-Abschluss erst ins Berufsleben starteten. Am Ende ihres Berufslebens hätten jedoch Akademiker durchschnittlich 2,85 Millionen Euro verdient, nicht-akademische Fachkräfte hingegen nur 1,9 Millionen Euro.Nadine Bös: Bachelor und Master lohnen sich – meistens. faz.net. 6. September 2020.

Angeblich „unnötige“ bzw. kontraproduktive Akademisierung bisher nicht-akademischer Berufe Überakademisierung ist auch ein Abwehrargument gegen Bestrebungen, eine Hochschulzugangsberechtigung bzw. einen Studienabschluss zur Eingangsvoraussetzung für den Beginn einer Berufsausbildung bzw. der Ausübung eines bestimmten Berufs zu machen.Markus Linten / Sabine Prüstel: . Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) (Hrsg.). 2017.

Derartige Forderungen nach einer Akademisierung der Ausbildung kamen und kommen in Deutschland vor allem im Gesundheitswesen insgesamt,Gesundheitsfachberufe: Auf dem Weg in die Akademisierung. Ärzteblatt. 2012.Wissenschaftsrat: Empfehlungen zu hochschulischen Qualifikationen für das Gesundheitswesen. 13. Juli 2012. insbesondere in den Bereichen Pflege,Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe (DBfP): Weiterentwicklung der Pflege. 2015. Physiotherapie,Verband Physikalische Therapie (VPT): LogopädieDeutscher Bundesverband für Logopädie e. V. (dbl): Akademisierung ohne Ausnahme: Logopädie gehört an die Hochschule. Forum Logopädie. Heft 1/2013 sowie im Bereich frühkindliche Erziehung und BildungSabine Mertel, Cornelia Wustmann: Akademisierung versus Nicht-Akademisierung der Erzieher/-innenausbildung. Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) Hildesheim / Holzminden / Göttingen. 2004. auf. Aber auch von den Gewerkschaften kamen Forderungen nach der Akademisierung der Ausbildung z. B. der Fluglotsen zum Verwaltungswirt, was mit gehaltspolitischen Argumenten begründet wurde.