Als kardiorenales Syndrom (KRS) wird in der Medizin eine gleichzeitige Erkrankung von Herz und Niere bezeichnet, bei der die akute oder chronische Funktionseinschränkung des einen Organs zu einer Funktionseinschränkung des anderen Organs führt.Claudio Ronco, Peter McCullough u. a.: Cardio-renal syndromes: report from the consensus conference of the acute dialysis quality initiative. In: European Heart Journal. Band 31, Nummer 6, März 2010, S. 703–711, . . PMID 20037146. . „Funktionsstörungen des Herzens können die Nierenfunktion ungünstig beeinflussen und umgekehrt“,Gerd Harald Herold: Innere Medizin 2021, Selbstverlag, Köln 2020, ISBN 978-3-9821166-0-0, S. 653 f. Wörtlich auch in der Ausgabe 2026, Herausgeber Gerd Herold, Heinz Beckers, Karsten Lehmann, ISBN 978-3-9821166-5-5, S. 651. auch ohne eigentliche Herzkrankheiten oder Nierenkrankheiten.Dinna N. Cruz, Anna Giuliani, Claudio Ronco: Acute kidney injury in heart failure. In: Oxford Textbook of Clinical Nephrology. Herausgegeben von Neil Turner, Norbert Lameire, David J. Goldsmith, Christopher G. Winearls, Jonathan Himmelfarb, Giuseppe Remuzzi, 4. Auflage, Oxford 2016, Oxford University Press, ISBN 978-0-19-959254-8, Band 2, Kapitel 248, S. 2109–2114.
„9 von 10 erwachsenen Amerikanern haben das CKM-Syndrom. Das Cardiovascular-Kidney-Metabolic Syndrome, das die American Heart Association 2023 als neues Krankheitskonzept vorgeschlagen hat.“Deutsches Ärzteblatt, 121. Jahrgang, Nummer 11/2024 vom 31. Mai 2024, Ausgabe A, S. A 776. Dortige Quelle: The Journal of the American Medical Association 2024, .Rahul Aggarwal, John W. Ostrominski, Muthiah Vaduganathan: Prevalence of Cardiovascular-Kidney-Metabolic Syndrome Stages in US Adults, 2011-2020. In: The Journal of the American Medical Association (JAMA) 2024; DOI:10.1001/jama.2024.6892, online am 8. Mai 2024.
Geschichte Schon das ägyptische Totenbuch beschrieb einen Zusammenhang zwischen Herz und Niere. Auch die alte chinesische Medizin postulierte im Rahmen der Fünf-Elemente-Lehre eine Wechselwirkung zwischen diesen beiden Organen. Das Alte Testament erwähnt viermal Herz und Nieren (in den Psalmen und bei Jeremia„du prüfst Herzen und Nieren“, Jeremia 11, 20; 17, 10; 20, 12. Zitiert nach: Stuttgarter Biblisches Nachschlagewerk. Anhang zur Stuttgarter Jubiläumsbibel, S. 367.).Joshua Grant, Hector O. Ventura: A Historical Perspective on Evolving Concepts of Cardiorenal Syndrome in Heart Failure. In: W. H. Wilson Tang, Frederik H. Verbrugge, Wilfried Mullens (Hrsg.): Cardiorenal Syndrome in Heart Failure. Springer-Verlag, Cham / Schweiz 2020, ISBN 978-3-030-21032-8, S. 2.
Pierre François Olive Rayer (7. März 1793 – 10. September 1867) wusste, dass „selbst ganz gesunde Nieren bei bedeutenden Störungen des Herzens“ eine Niereninsuffizienz zeigen.Pierre François Olive Rayer: Die Krankheiten der Nieren und die Veränderungen der Harnsecretion, aus dem Französischen übersetzt von Samson Landmann, Ferdinand Enke Verlag, Erlangen 1844, Nachdruck, ISBN 978-1-275-92047-7, § 505, S. 299 f. Johanna Bleker wies darauf hin, dass Francois-Olivier [sic] Rayer die Bright’sche Krankheit oder den Morbus BrightiiVgl. etwa Friedrich Müller: Morbus Brightii. In: Verhandlungen der deutschen Gesellschaft für Pathologie. 9. Tagung, 1905, S. 64–99. (benannt nach Richard Bright, 1789–1858) als Nephritis albuminosa bezeichnete.Johanna Bleker: Die Geschichte der Nierenkrankheiten. Boehringer Mannheim 1972, S. 102–107. Carl Anton Ewald sah 1888 dagegen eine „Structurveränderung der Nieren in Verbindung mit der Hypertrophie des Herzens.“Carl Anton Ewald: Stichwort Nierenentzündung. In: Albert Eulenburg (Hrsg.): Real-Encyclopädie der gesammten Heilkunde, 2. Auflage, 14. Band, Verlag Urban & Schwarzenberg, Wien / Leipzig 1888, S. 376–405, Zitat S. 398.
Franz Volhard und Theodor Fahr beschrieben 1914 in ihrem Standardwerk Die Brightsche Nierenkrankheit den damaligen Stand der Wissenschaft: „Es ist sehr bemerkenswert, daß dieser renal bedingte, kardiorenale Zusammenhang in manchen Fällen erst Jahrzehnte, in vielen Jahre, in einigen schon Monate nach dem akuten Stadium eintritt.“Franz Volhard, Theodor Fahr: Die Brightsche Nierenkrankheit – Klinik, Pathologie und Atlas. Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg 1914, ISBN 978-3-662-24203-2 (Reprint), doi:10.1007/978-3-662-26316-7; Zitat S. 175.
„Auch wurde in der Zeit zwischen den Weltkriegen deutlicher betont, daß die Nieren primär gesund sind und ihre Funktion erst im Gefolge primär extrarenaler Einwirkungen, zum Beispiel Kreislaufstörungen oder massiver Dehydratation, beeinträchtigt wird. ... Nonnenbruch (1942) faßte deshalb die Fälle von extrarenalen Azotämien, bei denen sich zwar nach seiner Auffassung kein charakteristisches morphologisches Substrat, aber doch unabhängig von anatomischen Läsionen eine Hyposthenurie als Hinweis auf das gleichzeitige Vorhandensein eines renalen Faktors fand, als extrarenales Nierensyndrom zusammen und exemplifizierte es vor allem am akuten hepatorenalen Syndrom.“Eberhard Buchborn, H. Edel: Akutes Nierenversagen, in: Handbuch der inneren Medizin, 5. Auflage, 8. Band, 2. Teil, Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg / New York 1968, ISBN 3-540-04152-4, S. 942–1083, Unterkapitel: Historisches, S. 943–945, Zitate S. 944.
Wie das hepatorenale Syndrom wird auch das kardiorenale Syndrom zu den extrarenalen Nieren-Syndromen nach Wilhelm Nonnenbruch gezählt.Wilhelm Nonnenbruch: Die doppelseitigen Nierenkrankheiten – Morbus Brightii, Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart 1949, S. 170–192. Unabhängig davon wurde der Begriff des kardiorenalen Syndroms ursprünglich nur für den Zustand verwendet, bei dem die Therapie einer Herzinsuffizienz (Herzschwäche) durch eine zunehmende Verschlechterung der filtrativen Nierenfunktion (Niereninsuffizienz) begrenzt wird. Aufgrund der hohen praktischen Relevanz wird diese Definition im klinischen Alltag weiterhin häufig verwendet.Mark Dominik Alscher, Udo Sechtem: Kardiorenales Syndrom. In: Der Internist. 53, 2012, S. 309–318, . Früher sprach man vom kardiorenalen Asthma,Theodor Brugsch: Lehrbuch der inneren Medizin, 5. Auflage, 1. Band, Verlag Urban & Schwarzenberg, Berlin/Wien 1940, S. 527. von einer urämischen KardiopathieHenry Jahn, Renée Schmitt, Christian Brandt: Kardiovaskuläres System bei chronischer Niereninsuffizienz – urämische Kardiopathie. In: Horst Brass, Thomas Philipp, Walter Schulz (Hrsg.): Manuale nephrologicum. Loseblattsammlung, Dustri-Verlag Dr. Karl Feistle, Deisenhofen 1997, ISBN 3-87185-222-8, Band 1, Kapitel VII-4-6. und vom Asthma uraemicum.Max Bürger: Einführung in die innere Medizin, Sammelwerk "Der Kliniker", Verlag Walter de Gruyter, Berlin 1952, S. 259.Herbert Assmann: Lehrbuch der inneren Medizin, Verlag von Julius Springer, 4. Auflage, 1. Band, Berlin 1939, S. 505.Alexander von Domarus, Hans Freiherr von Kress: Grundriß der inneren Medizin. 22. Auflage. Springer Verlag, Berlin / Göttingen / Heidelberg 1957, S. 453.
Im Jahr 2008 wurde der Begriff des KRS durch die Acute Dialysis Quality Initiative (ADQI) so erweitert, dass er das gesamte Spektrum der gegenseitigen Beeinflussung der beiden Organe umfasst. Zur Unterscheidung werden der Begriff kardiorenales Syndrom (im engeren Sinne) verwendet, wenn eine Herzerkrankung zu einer Schädigung der Niere führt, und der Begriff renokardiales Syndrom, wenn umgekehrt eine Nierenerkrankung das Herz schädigt. Hierbei entstehe eine Täter-Opfer-Konstellation: Renokardiale Insuffizienz – kardiorenale Insuffizienz.Horst Brass et al. (Hrsg.): Kardiovaskuläre Erkrankungen und Niere, Dustri-Verlag, München-Deisenhofen 2001, ISBN 3-87185-320-8, S. 44. Eingeschlossen ist im Weiteren der Zustand, bei dem eine systemische Grunderkrankung zu einer simultanen Schädigung von Niere und Herz führt.
Epidemiologie Daten zur Epidemiologie des KRS liegen kaum vor. Bei Patienten mit einer stabilen Herzinsuffizienz liegt in 20 – 60 % der Fälle auch eine chronische Niereninsuffizienz vor. Kommt es zu einer akuten Dekompensation der Herzinsuffizienz, ist eine gleichzeitige Niereninsuffizienz mit fast 70 % deutlich häufiger. Bei Patienten mit terminaler Niereninsuffizienz ist die Herzinsuffizienz die häufigste Todesursache.B. Schamberger, Jens Lutz, Heike Bruck, Thomas Münzel: Kardiorenales Syndrom. In: Der Nephrologe. 8, 2013, S. 298–307, .
Einteilung Die aktuelle Einteilung des KRS wurde durch Claudio Ronco et alii vorgeschlagen und 2008 auf einer Konsensus-Konferenz der ADQI akzeptiert. Sie unterscheidet fünf Typen nach pathogenetischen Gesichtspunkten und dem zeitlichen Verlauf. Typ Grunderkrankung Folgeerkrankung Beispiel Typ 1 Akutes kardiorenales Syndrom Akute Herzinsuffizienz Akutes Nierenversagen Herzrhythmusstörung, akutes Koronarsyndrom, kardiogener Schock, Herzmuskelentzündung, akutes Rechtsherzversagen Typ 2 Chronisches kardiorenales Syndrom Chronische Herzinsuffizienz Chronische Niereninsuffizienz Kardiomyopathie, Herzklappenfehler, Mikrovaskulopathie, Makrovaskulopathie, periphere Ischämie Typ 3 Akutes renokardiales Syndrom Akutes Nierenversagen Akute Herzerkrankung (z. B. Herzinsuffizienz, akutes Koronarsyndrom, Herzrhythmusstörung, kardiogener Schock, Lungenödem) Kontrastmittelinduziertes Nierenversagen, interstitielle Nephritis, Harnstau, beiderseitige Nierenarterienstenose Typ 4 Chronisches renokardiales Syndrom Chronische Niereninsuffizienz Chronische Herzinsuffizienz (systolisch oder diastolisch), akute Herzinsuffizienz, akutes Koronarsyndrom Glomerulonephritis, Zystennieren, Atherosklerose, linksventrikuläre Hypertrophie Typ 5 Sekundäres kardiorenales Syndrom Systemische Erkrankung Herzinsuffizienz (akut oder chronisch), akutes Koronarsyndrom, akutes Nierenversagen, chronische Niereninsuffizienz Sepsis, Diabetes mellitus, Lupus erythematodes, Amyloidose, AutoimmunerkrankungenGerd Harald Herold: Innere Medizin 2021, Selbstverlag, Köln 2020, ISBN 978-3-9821166-0-0, S. 654. Eine eindeutige Zuordnung ist klinisch häufig nicht möglich. Die chronische Herzinsuffizienz und die Niereninsuffizienz kommen oft gemeinsam vor, da ihnen weitgehend die gleichen Risikofaktoren zugrunde liegen. Somit ist Typ 5 sehr häufig. Kommt es beispielsweise bei Typ 5 zu einer akuten Verschlechterung der Herzinsuffizienz, kann gleichzeitig der Typ 1 vorliegen.
Pathophysiologie „Die pathophysiologische Interaktion zwischen Herz und Niere ist nicht vollständig verstanden, augenfällig ist allerdings die enge pathophysiologische Verzahnung der beiden Organe.“Vedat Schwenger: Kardiorenales Syndrom. In: Mark Dominik Alscher: Referenz Nephrologie. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2019, ISBN 978-3-13-240001-6, DOI:10.1055/b-0039-171076, S. 541–545, Zitat S. 542 und Abbildung 11.10 auf S. 541.
Bei der Entstehung des Kardiorenalsyndroms kommt es zu einer wechselseitigen Beeinflussung zwischen Herz und Niere in dem Sinne, dass eine Herzinsuffizienz die Funktion der Nieren einschränkt, während eine Niereninsuffizienz wiederum die Herzfunktion beeinträchtigt.Ulrich Kuhlmann, Joachim Böhler, Friedrich C. Luft, Mark Dominik Alscher, Ulrich Kunzendorf (Hrsg.): Nephrologie. 6. Auflage. Georg Thieme Verlag, Stuttgart / New York 2015, ISBN 978-3-13-700206-2, Kapitel Kardiorenales Syndrom, S. 223–226.M. K. Shamseddin, P. S. Parfrey: Mechanisms of the cardiorenal syndrome, in: Nature Reviews Nephrology, Band 5, Jahrgang 2009, S. 641–649. Bei den meisten Patienten mit kardiorenalem Syndrom findet sich keine eingeschränkte Ejektionsfraktion.Tinsley Randolph Harrison: Harrisons Innere Medizin, 20. Auflage, Band 3, Georg Thieme Verlag, Berlin 2020, ISBN 978-3-13-243524-7, S. 2201.
Kardiorenale Einflüsse (Typ 1 und 2)