Erich Klahn (* 16. Mai 1901 in Oldenburg; † 14. Oktober 1978 in Celle) war ein deutscher bildender Künstler. Er ist vor allem regional für die in norddeutschen Kirchen und Dienstgebäuden vorzufindenden Triptychen und gestickten Bildteppiche bekannt. Viele seiner Werke haben einen deutlichen politischen Bezug, nach dem Klahn bis 1945 dem völkisch-nationalsozialistischen Milieu zuzuordnen war.
Leben mini|Lütgendorff-Leinburgs Malschule im Hause Pferdemarkt/Ecke Kapitelstraße (1907)
Erich Klahn wurde 1901 in Oldenburg als neuntes Kind des Versicherungskaufmanns Ernst Klahn (aus Darry bei Lütjenburg) und seiner Frau Emma (geborene Kruse, aus Segeberg) geboren. Seit 1902 lebte die Familie in Lübeck.Diese und die folgenden Angaben nach: Henning Repetzky: „Eine Welt zu beackern liegt vor mir“ – Erich Klahn. Eine Monographie. Hrsg. vom Klahn-Freundeskreis e. V., Hannover 2001, S. 13ff.; ders., Artikel Erich Klahn. In: Biographisches Lexikon für Schleswig-Holstein und Lübeck. Band 12. Neumünster 2006, S. 253–257, hier: S. 254. Klahn besuchte das Gymnasium Johanneum zu Lübeck bis zur 10. Klasse (Untersekunda) und erhielt die „Obersekundareife“. Nach dem Schulabgang ging er von 1916 bis 1919 in die private Kunstschule von Willibald Leo von Lütgendorff-Leinburg. 1917 begann er zusätzlich eine Glasmaler-Lehre in der Werkstatt von Carl Berkentien, ebenfalls in Lübeck; es ist nicht bekannt, ob er sie abschloss. Während dieser Zeit entstand das Lutherfenster in der Kirche von Klein Wesenberg.Erhard Graf: Reformationsjubiläum in einer kleinen Gemeinde. In: Evangelische Stimmen, März 2017, S. 24f (mit Abb.) Von 1920 bis 1921 folgte ein Studium an der Akademie der bildenden Künste in München bei Hermann Groeber und Hugo von Habermann.Siehe auch: 05868 Erich Klahn, in: Matrikelbuch 1884–1920. Dafür gab ihm die Lübecker Freimaurerloge Zum Füllhorn, in der sein Vater Mitglied war, ein Stipendium.
Weimarer Republik Klahn wurde von Wilhelm Mildenstein konfirmiert; nach dem Krieg erhielt er auf dessen Initiative hin, der von der Insel Fehmarn stammte und Klahns dortiges buntes Fenster in der Kirche kannte, den Auftrag zur Erschaffung des Ehrenmals für die im Krieg gefallenen Mitglieder der Gemeinde. 1931 erhielt Klahn ebenfalls von ihm den Auftrag für die Umgestaltung des Altarraums.
Früh artikulierte sich bei Klahn neben dem künstlerischen ein politisches Interesse; dieses ist seit seiner Studienzeit belegt. Die parteipolitische Präferenz lag bei der gerade gegründeten NSDAP, der er spätestens 1921 angehörte. Seine Mitgliedsnummer lag (nach seiner Erinnerung) „um die 2.000“.Siehe: Diana Maria Friz: Die Ulenspiegelaquarelle im Leben Erich Klahns. In: Ulrike Bodemann (Bearb.): Erich Klahns Ulenspiegel. Illustrationsfolgen zu Charles de Costers Roman. Wolfenbüttel 1986, S. 45–55, hier: S. 46, 54; Henning Repetzky: „Eine Welt zu beackern liegt vor mir“ – Erich Klahn. Eine Monographie. Hrsg. vom Klahn-Freundeskreis e. V., Hannover 2001, S. 33. So ausweislich des Gutachtens von Henning Repetzky, siehe: Klosterkammer Hannover, 20. Mai 2014.Erich Klahn in einem Schreiben am 24. August 1946, nach: Andreas Babel: Erich Klahn: Celler und Angehörige entsetzt über Klosterkammer. In: Cellesche Zeitung, 22. Mai 2014.Die fortlaufenden Mitgliedsnummern passen zu Klahns Angabe. Nr. 1.947: Otto Gahr (Eintrittsdatum: 4. September 1920), 2.414: Max Erwin von Scheubner-Richter (Eintrittsdatum: 22. November 1920), 2.418: Lina Gahr (22. November 1920), 2.882: Ulrich Graf (Eintrittsdatum 16. Februar 1921). Allerdings wurde die NSDAP 1923 verboten, frühere Mitglieder mussten bei der Neugründung 1925 einen Antrag auf Wiederaufnahme stellen. Ein solcher ist von Klahn nicht überliefert und wurde sehr wahrscheinlich auch nie gestellt. Wahrscheinlich nahm er dies als Begründung und Ausrede für seine spätere Angabe, nicht der NSDAP angehört zu haben, obwohl er der Partei nur nach ihrer Wiedergründung nicht (mehr) angehört hatte.
Im Frühjahr 1921 überlegte Klahn, dem Freikorps Oberland beizutreten.Henning Repetzky: „Eine Welt zu beackern liegt vor mir“ – Erich Klahn. Eine Monographie. Hrsg. vom Klahn-Freundeskreis e. V., Hannover 2001, S. 33f. Umgesetzt wurde diese Absicht nicht, stattdessen besuchte er den auch aus Lübeck stammenden Bildhauer Fritz Behn, der sich ebenfalls dem rechtsextremen Spektrum angeschlossen hatte.
Eines von Klahns ersten öffentlichen Werken wurde 1922 von der – 1914 gegründeten – Lübecker protestantischen Luthergemeinde in Auftrag gegeben.Karen Meyer-Rebentisch: Vor 75 Jahren wurde die Lutherkirche gebaut. Heute ist sie Gemeindekirche und Gedenkstätte für die vier Lübecker Märtyrer. In: Lübecker Blätter. 177 (2012), H. 21, S. 368–371. Es war ein dreigliedriges „Kriegsfenster“ im Gemeindesaal, der vor dem Bau der Kirche 1937 auch als Gottesdienstraum genutzt wurde.Diese und die folgenden Angaben in: Henning Repetzky: „Eine Welt zu beackern liegt vor mir …“ Erich Klahn. Eine Monographie. Hrsg. vom Klahn-Freundeskreis e. V., Hannover 2001, S. 41–45; . Klahn wählte als zentrales Motiv eine Pietà sowie in den beiden äußeren Fenstern über den Namen von Gefallenen die Motive „Judaskuss“ (links) und die Szene der Passionsgeschichte, in der Soldaten um die Kleider Jesu würfeln.Abbildung und zeitgenössische Beschreibung in Vaterstädtische Blätter, 1922/23; Digitalisat (PDF; 39 MB) S. 1 f. Er setzte, so sein Biograf Henning Repetzky, den Verrat am Gottessohn „mit einem Verrat am deutschen Volk und … an den deutschen Soldaten“ gleich, während die „um das Gewand würfelnden Kriegsknechte die um die Reste des Deutschen Reiches schachernden Feinde“ symbolisierten. Anders als die Niederlage sah der Künstler den vorausgegangenen Krieg, so seine Worte, als „eine große Sache“.Henning Repetzky: „Eine Welt zu beackern liegt vor mir …“ Erich Klahn. Eine Monographie. Hrsg. vom Klahn-Freundeskreis e. V. Hannover 2001, S. 41–43. Sein Werk beschrieb er in politischer Diktion als „‚deutsch-christlich‘ inspiriert“. 1924/1925 entwarf Klahn mit ähnlicher Themenstellung die Innengestaltung für eine „Kriegergedächtniskapelle“ in der Lübecker Marienkirche. Sie blieb wegen allzu deutlicher politischer Positionierung unrealisiert.Siehe: L’art macabre. Jahrbuch der Europäischen Totentanz-Vereinigung. Band 4, 2003, S. 7: totentanz-online.de (PDF)
Zwischen 1924 und 1929 unternahm Klahn mehrere längere Studienreisen nach Italien, Spanien und Belgien. Seither beschäftigte er sich intensiv mit der Aquarellmalerei. Es entstanden zahlreiche Aquarellstudien, darunter eine Reihe von Architektur-Motiven. Dabei ließ er sich von Asmus Jessen anregen.Henning Repetzky: „Eine Welt zu beackern liegt vor mir“ – Erich Klahn. Eine Monographie. Hrsg. vom Klahn-Freundeskreis e. V. Hannover 2001, S. 48ff., 56.
Zu Klahns Lübecker Freunden und Förderern gehörten seit den 1920er Jahren der Graphiker Asmus Jessen, der Publizist und Schriftsteller Franz Fromme und der Publizist und Pädagoge Paul Brockhaus,Henning Repetzky: Erich Klahn. In: Biographisches Lexikon für Schleswig-Holstein und Lübeck, Band 12, Neumünster 2006, S. 253–257, hier: S. 254. denen er lebenslang verbunden blieb. Die drei waren Sympathisanten und Mitträger der Niederdeutschen Bewegung, einem Segment der Völkischen Bewegung. Zu deren „eisernem Bestand“ an „niederdeutscher Ideologie“ gehörte bis mindestens zum Ende des Nationalsozialismus ihr „Rassismus“.Monika Schürmann, Reinhard Rösler (Hrsg.): Literatur und Literaturpolitik im Dritten Reich. Der Doberaner Dichtertag 1936–1943. Rostock 2003, S. 128; vgl. auch („sozialdarwinistisch und rassisch-arisch“): Birte Arendt: Niederdeutschdiskurse, Spracheinstellungen im Kontext von Laien, Printmedien und Politik. Berlin 2010, S. 100f. Eine bedeutende Rolle in der Niederdeutschen Bewegung spielte die Fehrs-Gilde. Spätestens in den 1920er Jahren nahm sie rassistische Positionen bis hin zum „offenen Antisemitismus“ ein.Kay Dohnke, Norbert Hopster, Jan Wirrer (Hrsg.): Niederdeutsch im Nationalsozialismus. Hildesheim 1994, S. 288; Monika Schürmann, Reinhard Rösler (Hrsg.): Literatur und Literaturpolitik im Dritten Reich. Der Doberaner Dichtertag 1936–1943. Rostock 2003, S. 128. Klahn schloss sich der Gilde an, für die er 1927 im Arbeits-Ausschuss den Gildetag mitvorbereitete.Henning Repetzky: „Eine Welt zu beackern liegt vor mir“ – Erich Klahn. Eine Monographie. Hrsg. vom Klahn-Freundeskreis e. V. Hannover 2001, S. 67.
In diesem volkstumspolitisch-ideologischen Rahmen fanden am 26. und 27. Februar 1927 in Lübeck „Niederdeutsch-Flämische Tage“ statt. Sie führten Klahn und Fromme mit dem deutsch-flämischen Autor Herbert Martens zusammen. Die „Plattdeutsche Volksgilde“ Frommes zeigte ein Martens-Stück,Herbert Martens: De Meister vun Flandern. Ein flämisches Mysterienspiel. Ins Plattdeutsche übertragen von Erich Klahn. Lübeck 1927. übersetzt und inszeniert von Klahn.Henning Repetzky: „Eine Welt zu beackern liegt vor mir …“ Erich Klahn. Eine Monographie. Hrsg. vom Klahn-Freundeskreis e. V. Hannover 2001, S. 66. Hauptfigur als „de Meister vun Flandern“ war der in völkischen Kreisen prominente flämische Nationalist August Borms. Martens war ein Aktivist auf dem rechten Flügel der vlaamse beweging. Er verherrlichte Borms als Symbol des Kampfes um ein nichtbelgisches „germanisches Flandern“.Martens trat für die „völkische Seite der Künste“ und gegen „die grenzenlose Entartung“ der Literatur auf: Herbert van Uffelen: Moderne Niederländische Literatur im Deutschen Sprachraum 1830–1990. Münster/Hamburg 1993, S. 342ff., 352, siehe auch: dbnl.org. Klahn wiederum schätzte Martens als Kämpfer auf dem westlichen „germanischen Vorposten“ Flandern.So in Klahns Nachruf auf den 1935 Verstorbenen, siehe: Claus Schuppenhauer: Auch Eulenspiegel hat Zeit und Ort … Notizen über Erich Klahn und die „niederdeutsche Idee“. In: Erich Klahns Ulenspiegel. Illustrationsfolgen zu Charles de Costers Roman. (= Ausstellungskataloge der Herzog August Bibliothek, 52), Wolfenbüttel 1986, S. 13–26, hier: S. 20. Schuppenhauer ist Sprach- und Literaturwissenschaftler und Geschäftsführer des Instituts für niederdeutsche Sprache.
Damit war Klahn „unmittelbar … Akteur in einer Szenerie, die mit bildender Kunst nichts, mit flämisch-niederdeutscher Ideologie aber alles zu tun“ hatte.Claus Schuppenhauer: Auch Eulenspiegel hat Zeit und Ort … Notizen über Erich Klahn und die „niederdeutsche Idee“. In: Erich Klahns Ulenspiegel. Illustrationsfolgen zu Charles de Costers Roman. (= Ausstellungskataloge der Herzog August Bibliothek, 52), Wolfenbüttel 1986, S. 13–26, hier: S. 18.
Als Künstler war Klahn bis zu diesem Zeitpunkt und noch darüber hinaus über den lokalen und regionalen Raum nicht hervorgetreten und noch ohne Rezeption geblieben. 1927 machte er ein Zeichenlehrer-Examen an der Hamburger Kunstschule, arbeitete aber nie als solcher. 1929 begann „bestärkt und unterstützt von Asmus Jessen“, eine Zusammenarbeit mit der Teppich-Werkstatt von Carlotta Brinckmann (Webmeisterin und Tochter von Justus Brinckmann) in Celle.Henning Repetzky: „Eine Welt zu beackern liegt vor mir“ – Erich Klahn. Eine Monographie. Hrsg. vom Klahn-Freundeskreis e. V. Hannover 2001, S. 68. Klahn lieferte mit einer Fülle von Motiven die Entwürfe und die Werkstatt stickte. Durch den Kontakt mit Brinckmann und ihrer Werkstatt wurde die Stadt Celle nach Lübeck zu einem zweiten wichtigen Bezugsort für ihn.