mini|Felicitas-Stollen Der Schieferbergbau in Südwestfalen geht im Sauerland und den angrenzenden Gebieten im Sieger- und Wittgensteiner Land bis in das späte Mittelalter und die frühe Neuzeit zurück. Die Produkte wurden aber wegen der hohen Transportkosten, von Ausnahmen herausragender religiöser und weltlicher Bauten abgesehen, nur in der engeren Umgebung vertrieben. Insbesondere im 19. und 20. Jahrhundert spielte Schiefer infolge wachsender Nachfrage und des Anschlusses der Region an die Eisenbahn eine bedeutende wirtschaftliche Rolle. Die Produkte wurden nun auf dem nationalen und auch dem internationalen Markt abgesetzt. In der Region selbst sorgte die vermehrte Verwendung des Materials dafür, dass Schiefer als ein landschaftsprägender Baustoff gilt. Nach einer Boomphase in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ließ die Bedeutung durch wachsende Konkurrenz anderer Schieferanbieter und anderer Materialien deutlich nach. Nach einem gewissen Aufschwung in der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg begann der endgültige Niedergang. Nur wenige Betriebe bestehen bis heute.

Geologie und Fundstätten mini|Zugemauerter Stolleneingang in der Lengenbecker Schiefergrube Sperlingslust Es wurde Tonschiefer vorwiegend aus dem Mitteldevon abgebaut. Auf dem nördlichen Zug des Oberdevon beginnt der Dachschiefer im oberen Ruhrtal bei Meschede und setzt sich über Eversberg, Velmede, Bestwig, Ostwig, Nuttlar, Antfeld bis Altenbüren fort. Die Lagerung der Schieferbänke ist meistens sehr flach. Sie übersteigen kaum 15 bis 20°. Nur wo Gebirgsfaltungen auftreten bekommen sie ein steileres bis 45 bis 50° steigendes Einfallen. Dies ist insbesondere bei der Grube Ostwig der Fall. Die Mächtigkeit schwankt zwischen 3 und 10 m. Die Schieferlager stehen in Wechselwirkung mit Kalksteinbänken, die lokal Flinz genannt werden. Diese haben eine durchschnittliche Mächtigkeit von 0,1 bis 0,5 m.

Lenneschiefer wurde bei Silbach, Siedlinghausen, Nordenau, Lengenbeck und bei Fredeburg abgebaut. Die Mächtigkeit der Vorkommen ist sehr unterschiedlich und schwankt zwischen 5 und 30 m. Die Lager sind meist durch raue Tonschieferlagen getrennt. Die Qualität des dort gewonnenen Dachschiefers ist hoch. Das Gestein ist leicht spaltbar, von dunkelgrauer Farbe und wetterbeständig.

Die Lagerstätten im benachbarten Wittgenstein reichen bis ins Sauerland herein. Dort wechseln sich Dachschiefer und Quarzitschichten ab. Dieser Komplex hat das in den Gliedern der rheinischen Devonformation gewöhnliche Streichen von Südwesten nach Nordosten und ist ungewöhnlich steil aufgerichtet, oft senkrecht und meist nicht unter 60 bis 70° geneigt. Der Komplex der vor allem in der Gegend von Raumland ausgebeutet wurde, ist zwar nur wenige Kilometer breit, hat aber eine Länge von etwa 25 km und reicht bis in die Gegend von Hallenberg. Der Schiefer kommt dort in einer Mächtigkeit von bis zu 30 m und mehr vor. Der Schiefer aus Raumland und Silbach zeichnet sich durch eine ungewöhnliche Dauerhaftigkeit, gleichmäßige blaugraue Farbe und ist leicht spaltbar.Theodor Plümpe: Die westfälische Schieferindustrie. Diss., Leipzig 1916, S. 1f.

Der Abbau konzentrierte sich auf die Reviere bei Fredeburg und Nuttlar. Hinzu kommen Hallenberg und das Biggetal südlich von Attendorn. Das Raumländer Revier südöstlich des Rothaargebirges liegt im Wittgensteiner Land. Auch in der Gegend von Siegen wurde zeitweise Schiefer abgebaut. Neben Dachschiefer wurden auch größere Platten und Schultafeln produziert.Reinhard Köhne: Der Schieferbergbau im südwestfälischen Bergland Onlineversion; Volker Wrede: Dachschieferbergbau im Sauerland. In: Westfälisches Schieferbergbau-Museum Schmallenberg-Holthausen (Hrsg.): Bergbau im Sauerland. Schmallenberg-Bad Fredeburg 1996, S. 371

Mittelalter und Frühe Neuzeit Zu Beginn wurde der Schiefer von kleinen Betrieben für den lokalen Gebrauch abgebaut. Schiefer wurde bereits im Mittelalter verwandt. Seit wann er systematisch abgebaut wurde, ist nicht bekannt. Es gibt keine Belege für die Behauptung, dass der Abbau in der Raumländer Gegend bis ins frühe Mittelalter zurück reicht.Theodor Plümpe: Die westfälische Schieferindustrie. Diss., Leipzig 1916, S. 3f. In der Nähe von Siegen wurde bereits im 14. Jahrhundert Schiefer abgebaut. Im 18. Jahrhundert hatten die Brüche in dieser Gegend aber nur regional begrenzte Bedeutung. Im Jahr 1574 wurde Schiefer von Hallenberg nach Raumland geliefert. Auch bei Raumland selbst wurde Schiefer gewonnen. Aber ein wirklicher Aufschwung erfolgte erst im 19. Jahrhundert.Thomas Spohn: Alter und Herkunft vorindustrieller Schieferdeckungen in Westfalen. In: Südwestfalenarchiv 13. Jg. 2013, S. 200f.

mini|Bohren von Sprenglöchern mit einem Handbohrmeißel und der Beleuchtung durch eine Öllampe (Nuttlar um 1900) In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurde Schiefer bei Nuttlar und Antfeld abgebaut. Hallenberger Schiefer wurde 1578 zum Schlossbau nach Arnsberg geliefert. Im Biggetal bei Attendorn wurde seit dem 18. Jahrhundert Schiefer gewonnen. Die Klöster Bredelar und Grafschaft ließen zu dieser Zeit bei Silbach und Giershagen ebenfalls Schiefer abbauen. Mit Dachschiefer wurden insbesondere Kirchen, Wehranlagen und wegen der Feuergefahr Hütten- und Hammerwerke gedeckt. So verfügt der Wartturm der Briloner Landwehr über eine Schieferdeckung aus dem 14. oder 15. Jahrhundert. Der überwiegende Teil der üblichen Fachwerkhäuser war dagegen mit Stroh gedeckt.Reinhard Köhne: Der Schieferbergbau im südwestfälischen Bergland Onlineversion, Thomas Spohn: Alter und Herkunft vorindustrieller Schieferdeckungen in Westfalen. In: Südwestfalenarchiv 13. Jg. 2013, S. 200–204 Auch im märkischen Sauerland wurde Schiefer abgebaut. So wurde 1724 von einem Schieferbruch bei Herscheid oder von Brüchen im Amt Velbert berichtet. Größere über lokale Bedeutung hatte die dortige Schiefergewinnung nicht.Thomas Spohn: Alter und Herkunft vorindustrieller Schieferdeckungen in Westfalen. In: Südwestfalenarchiv 13. Jg. 2013, S. 200

Der Abbau unterlag den jeweiligen Bergordnungen. Im Herzogtum Westfalen war dies die kurkölnische Bergordnung. Der Landesherr verlieh die Förderrechte und erhielt dafür Abgaben. Auf Grund der hohen Transportkosten spielte der Export kaum eine Rolle.

Anfangs erfolgte der Abbau über Tage in sogenannten Schieferkuhlen. Später wurde Schiefer in der Regel unter Tage mit Stollen und Querschlägen abgebaut. Der unter Tage abgebaute Schiefer hat den Vorteil, dass er sich besser spalten und bearbeiten lässt.Reinhard Köhne: Der Schieferbergbau im südwestfälischen Bergland Onlineversion

Veränderung der regionalen Baukultur mini|Beispiel eines schiefergedeckten und mit Schiefer verkleideten Fachwerkhauses in Schmallenberg Häuser mit Strohdach waren stark feuergefährdet. Nachdem im Jahr 1778 im Herzogtum Westfalen eine Feuerversicherungsordnung mit entsprechenden Bauvorschriften erlassen worden war, wurden Schieferdächer auch bei Privatgebäude häufiger. Konkurrenz mit anderen feuerfesten Formen der Dachbedeckung bestand in der Region kaum. Auch die spätere hessische und preußische Regierung folgte diesem Kurs. Preußen untersagte 1836 erneut die Deckung der Häuser mit Stroh. Zwar wurden diese Bestimmungen unterlaufen und es bestand Bestandschutz für den Altbestand, aber das Material verbreitete sich deutlich stärker als zuvor.Reinhard Köhne: Der Schieferbergbau im südwestfälischen Bergland Onlineversion

In der Praxis setzten sich das Schieferdach oder die Verschieferung der Hauswände erst allmählich durch und die Schieferbedachung hat nie, wie häufig angenommen, eine dominierende Bedeutung gehabt. Dafür spielten die recht hohen Kosten auch noch im 19. Jahrhundert eine Rolle.Thomas Spohn: Alter und Herkunft vorindustrieller Schieferdeckungen in Westfalen. In: Südwestfalenarchiv 13. Jg. 2013, S. 195–198; Kirsten Bernhard: Feuerversicherungsanträge als Quellen. Auswertungsmöglichkeiten am Beispiel der Einführung neuer Baumaterialien im Sauerland. In: Südwestfalenarchiv Jg. 8 2008 242 Eine zeitgenössische Statistik von 1722 zeigt, dass in den Städten des märkischen Sauerlandes Schieferdächer eine absolute Ausnahme darstellten. Von 108 Häusern in Plettenberg verfügten nur fünf über ein Schieferdach. Von 511 Häusern in Altena hatte nur eines ein Schieferdach. Nach dem Stadtbrand von 1795 in Olpe im Herzogtum Westfalen sollte ein feuerfestes Dach eigentlich bei jedem Bau Standard sein. Tatsächlich hatten noch 1877 67 von 299 Häusern ein Strohdach. Es gab aber auch andere Beispiele. In Rüthen mit 297 Häusern hatten 1808 231 Strohdächer, aber immerhin bereits 58 Häuser verfügten über ein Schieferdach. Auch später waren Schieferdächer keine Selbstverständlichkeit, wie die Auswertung der Anträge zur Westfälischen Provinzial-Feuersozietät aus dem Amt Attendorn für die Jahre zwischen 1859 und 1929 zeigt. Dabei machte sich bereits die Konkurrenz durch alternative Bedachungsarten deutlich bemerkbar. Danach hatten nur 7 % der versicherten Häuser Schieferdächer. Davon waren 18 % öffentliche Bauten, 54 % private Häuser und 28 % Nebengebäude. Mehr als die Hälfte der Gebäude waren mit Ziegel gedeckt. Allmählich kamen auch Blech- und Asphaltbedachungen auf.Thomas Spohn: Alter und Herkunft vorindustrieller Schieferdeckungen in Westfalen. In: Südwestfalenarchiv 13. Jg. 2013, S. 193–195; Kirsten Bernhard: Feuerversicherungsanträge als Quellen. Auswertungsmöglichkeiten am Beispiel der Einführung neuer Baumaterialien im Sauerland. In: Südwestfalenarchiv Jg. 8 2008, S. 242–250

Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts spielte der Schieferabbau nur eine relativ geringe Rolle. Von 175 Gruben waren nur etwa 15 in Betrieb. Das Fehlen leistungsfähiger Verkehrsverbindungen führte dazu, dass die Produkte im Wesentlichen nur in der nächsten Umgebung abgesetzt werden konnten. Dies gilt insbesondere für die Gruben im Kreis Olpe, wo um diese Zeit noch in einem nennenswerten Umfang Schiefer gewonnen wurde. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts nahm die Bedeutung des Schieferbergbaus zu.Theodor Plümpe: Die westfälische Schieferindustrie. Diss., Leipzig 1916, S. 8

Bergrechtliche Bestimmungen Mit dem preußischen Berggesetz von 1865 wurde der Schiefer zu einem Grundeigentümermineral und unterlag nicht mehr dem Staatlichen Bergrecht. Allerdings galt für vor 1865 aufgeschlossene Gruben das Bergrecht weiter. Dies betraf einen Großteil der Gruben des Sauerlandes. Die neuen Gruben unterstanden dagegen der Gewerbeaufsicht und den Ortspolizeibehörden. Die Zahl der neueren Gruben war relativ gering. Der Wandel des Rechtsstatus kann daher nur bedingt, die wirtschaftliche Lage der Betriebe beeinflusst haben. Die älteren Gruben wurden meist als bergrechtliche Gewerkschaften betrieben. Die Beschäftigten der alten Gruben waren durch Knappschaften versichert.Theodor Plümpe: Die westfälische Schieferindustrie. Diss., Leipzig 1916, S. 17

Wirtschaftliche Veränderungen mini|Schrämmarbeiten an einer Schieferbank (Nuttlar um 1900) Eine gewisse Vergrößerung des Absatzradius war im eigentlichen Sauerland mit dem verstärkten Bau von Straßen seit der hessischen Zeit ab 1803 verbunden. Dennoch blieb dieser auf die engere Umgebung beschränkt. Erst der Eisenbahnbau ermöglichte den leichteren Versand. Zwar wurde die Region noch nicht selbst von der Bahn erreicht, aber der Bau der westfälischen Eisenbahn erlaubte den Transport zur nächsten Bahnstation. Schiefer wurde bis nach Holland, Baden, den Provinzen Posen und Schlesien abgesetzt. Die Nachfrage war 1854 so groß, dass diese nicht völlig befriedigt werden konnte. Der Absatz hätte noch viel höher sein können, hätten die hohen Frachtkosten für den Landtransport zu den Bahnhöfen die Rentabilität für entferntere Gruben nicht belastet.Theodor Plümpe: Die westfälische Schieferindustrie. Diss., Leipzig 1916, S. 8, 27