Mit Toyota-Krieg (arabisch حرب التويوتا Ḥarb al-Tūyūtā, französisch Guerre des Toyota) wird der 1987 im Norden des Tschad an der tschadisch-libyschen Grenze ausgefochtene Krieg bezeichnet. Er bildete die letzte Phase des tschadisch-libyschen Grenzkonflikts. Seinen Namen erhielt er von den Toyota-Pickups, die den Streitkräften des Tschad einen nennenswerten Mobilitätsvorteil verschafften.Clayton (1998), S. 161 Der Krieg von 1987 endete mit einer schweren Niederlage für Libyen, das amerikanischen Quellen zufolge ein Zehntel seiner Armee verlor, wobei 7.500 Männer getötet und militärische Ausrüstung im Wert von 1,5 Milliarden US-Dollar zerstört oder erbeutet wurde.Simons (2004), S. 58 Die tschadischen Streitkräfte hatten nur 1.000 Tote zu beklagen.Pollack (2002), S. 397
Hintergrund Die Grundlage für den Konflikt bildete die libysche Besetzung insbesondere des Aouzou-Streifens im nördlichen Tschad im Jahr 1983. Libyens Staatschef Muammar al-Gaddafi weigerte sich die Legitimität des tschadischen Präsidenten Hissène Habré anzuerkennen. Er unterstützte die oppositionelle Übergangsregierung der Nationalen Einheit (GUNT), die versuchte Habré zu stürzen, militärisch. Durch das Eingreifen Frankreichs, das zunächst mit der Operation Manta und später mit der Operation Epervier die libysche Expansion auf den Bereich nördlich des 16. Breitengrades – im trockensten und am dünnsten besiedelten Teil des Tschad – beschränkte, wurde der Plan Libyens vereitelt, eine neue Regierung im Tschad einzusetzen.Pollack (2002), S. 382–385
Seit 1983 war der Tschad de facto geteilt. Die nördliche Hälfte wurde von der Rebellen-Übergangsregierung GUNT unter der Führung von Goukouni Oueddei kontrolliert und vor Ort von libyschen Kräften unterstützt. Der Süden wurde von der, vom Westen unterstützten, tschadischen Regierung unter Hissène Habré gehalten wurde.Pollack (2002), S. 383 Diese Teilung des 16. Breitengrades (die so genannte Rote Linie) in libysche und französische Einflusszonen wurde 1984 von Frankreich informell anerkannt, nachdem Frankreich und Libyen vereinbart hatten, ihre Truppen aus dem Tschad abzuziehen.Brecher & Wilkenfeld (1997), S. 92. Diese Vereinbarung wurde von Libyen nicht eingehalten, das mindestens 3000 Mann im Norden des Tschad verblieben ließ.Ngansop (1986), S. 160.
In der Zeit zwischen 1984 und 1986, in der es zu keinen größeren militärischen Auseinandersetzungen kam, konnte Habré seine Position dank der westlichen Unterstützung und der Nichteinhaltung des französisch-libyschen Abkommens von 1984 durch Libyen erheblich stärken. Ab 1984 kam es auch innerhalb der GUNT zu zunehmenden Spannungen zwischen den Fraktionen, wobei der Kampf zwischen Goukouni und Acheikh ibn Oumar um die Führung der Organisation im Mittelpunkt stand.Nolutshungu (1995), S. 191–192, 210. Habré nutzte die Schwierigkeiten der GUNT und schloss eine Reihe von Abkommen mit kleineren Rebellengruppen, so dass die GUNT Anfang 1986 nur noch aus drei der elf ursprünglichen Fraktionen bestand, die 1979 das Abkommen von Lagos unterzeichnet hatten. Bei den verbleibenden Fraktionen handelte es sich um die Forces Armées Populaires (FAP) von Goukouni, den bewaffneten Zweig des Conseil démocratique révolutionnaire (CDR) von Acheikh und dem Teil der tschadischen Streitkräfte (FAT), der Wadel Abdelkader Kamougué die Treue gehalten hatte.
1986 rebellierte die GUNT gegen Gaddafi und entzog Libyen damit die wichtigste Legitimation für seine militärische Präsenz im Tschad. Habré sah eine Gelegenheit, den Tschad hinter sich zu vereinen, und befahl seinen Truppen, den 16. Breitengrad zu überschreiten, um sich im Dezember mit den GUNT-Rebellen – die in der Provinz Tibesti gegen die Libyer kämpften – zu vereinigen.Nolutshungu (2002), S. 212 Einige Wochen später schlug eine größere Truppe in Fada zu und zerstörte die dortige libysche Garnison. Durch Kombination von Guerillamethoden und konventioneller Kriegsführung in einer gemeinsamen StrategieAzevedo (1998), S. 124. gelang es Habré innerhalb von drei Monaten, fast den gesamten Norden des Tschad zurückzuerobern. In den folgenden Monaten fügte er den Libyern weitere schwere Niederlagen zu, bis im September ein Waffenstillstand zur Beendigung des Konflikts unterzeichnet wurde. Der Waffenstillstand ließ die Zugehörigkeit des umstrittenen Aouzou-Streifens offen, der schließlich 1994 vom Internationalen Gerichtshof dem Tschad zugesprochen wurde.
Kräfte vor Ort
links|mini|Eine Karte des Tschad mit der Präfektur Borkou-Ennedi-Tibesti, in der der Krieg stattfand Anfang 1987, dem letzten Jahr des Krieges, war die libysche Expeditionsstreitmacht immer noch beeindruckend: 8.000 Soldaten, 300 Panzer, Mehrfachraketenwerfer (Raketenartillerie) und reguläre Artilleriegeschütze, Mi-24-Hubschrauber und sechzig Kampfflugzeuge. Diese Streitkräfte hatten kein einheitliches Kommando, sondern waren in eine Operative Gruppe Süd, die mit 2.500 Mann in der Tibesti aktiv war, und eine Operative Gruppe Ost, deren Zentrum in Faya-Largeau lag, unterteilt.Pollack (2002), S. 391
Die libysche Militärdisposition im Tschad war zwar beeindruckend, wies aber gravierende Schwächen auf. Die Libyer waren auf einen Krieg vorbereitet, in dem sie ihre tschadischen Verbündeten am Boden und aus der Luft unterstützen sollten, die dann als Sturmtruppen fungieren und für die Aufklärung sorgen sollten. Bis 1987 hatte Muammar Gaddafi jedoch seine Verbündeten verloren, was die unzureichenden Kenntnisse Libyens über das Gebiet offenlegte. Die libyschen Garnisonen glichen nun isolierten und verwundbaren Inseln in der tschadischen Sahara. Bezeichnend waren auch die niedrige Moral der Truppen, die in einem fremden Land kämpften, und die strukturelle Desorganisation des libyschen Militärs, die zum Teil auf Muammar Gaddafis Angst vor einem Militärputsch gegen ihn zurückzuführen war. Diese Furcht veranlasste ihn, die Professionalisierung der Streitkräfte zu vermeiden.Nolutshungu (1995), S. 218–219.
Die Libyer hatten es auch mit den stark verstärkten Nationalen Streitkräften des Tschad (FANT) zu tun, die sich aus 10.000 motivierten Soldaten zusammensetzten und von erfahrenen und fähigen Kommandeuren wie Idriss Déby, Hassan Djamous und Staatschef Hissène Habré selbst geführt wurden. Während die FANT zuvor über keine Luftstreitkräfte, eine begrenzte Mobilität und nur wenige Panzer- und Flugabwehrwaffen verfügte, konnte sie 1987 auf die französische Luftwaffe zählen, die die libyschen Flugzeuge am Boden hielt und vor allem 400 neue Toyota-Pickups zur Verfügung stellte, die mit MILAN-Panzerabwehrlenkraketen ausgestattet waren. Diese Fahrzeuge gaben der letzten Phase des tschadisch-libyschen Konflikts den Namen „Toyota-Krieg“.Azevedo (1998), S. 149–150
Vertreibung der Libyer rechts|mini|Eine libysche Mil Mi-24, die von tschadischen Streitkräften in Ouadi Doum erbeutet wurde Habré wählte als erstes Ziel für seine Rückeroberung des nördlichen Tschad die gut befestigte libysche Kommunikationsbasis Fada. Sie wurde von 2.000 Libyern und einem Großteil der Milizen des Demokratischen Revolutionsrats (CDR), Gaddafis engsten tschadischen Verbündeten, verteidigt und war mit Panzern und Artillerie gut ausgerüstet. Hassan Djamous, der dreißigjährige Oberbefehlshaber der FANT, stellte etwa 4.000–5.000 Mann gegen die libysche Garnison von Fada auf. Djamous nutzte die überlegene Geländekenntnis seiner Armee, zu der offenbar auch unbekannte Zugänge zum Stützpunkt gehörten, und vermied einen Frontalangriff. Er nutzte die hohe Mobilität seiner Truppen, um die libyschen Stellungen zu umzingeln und dann seine Truppen zu entfesseln, die die verteidigende Garnison zerstörten. Bei der Schlacht wurden 784 Libyer getötet und 100 Panzer zerstört, während nur 50 FANT-Soldaten starben.Nolutshungu (1995), S. 216.
Die unerwartete Niederlage verblüffte Gaddafi, der daraufhin am 4. Januar reagierte, indem er alle Reservisten der Armee zum Dienst zurückrief. In einem Akt des Trotzes gegenüber Frankreich ordnete er außerdem die Bombardierung von Arada, weit südlich des 16. Breitengrades, an. Frankreich schlug mit einem neuen Luftangriff auf Ouadi Doum zurück und zerstörte das dortige libysche Radarsystem, wodurch die libysche Luftwaffe im Tschad für mehrere Monate lahmgelegt wurde.Brecher & Wilkenfeld (1997), S. 94 Gaddafi versuchte, die Bedrohung durch die FANT einzudämmen, indem er mehrere neue Bataillone in den Tschad verlegte (insbesondere nach Faya-Largeau und Ouadi Doum), darunter auch Einheiten der Revolutionsgarde, einer Eliteeinheit. Dadurch erhöhte sich die Zahl der libyschen Streitkräfte im Land bis März auf insgesamt 11.000.Pollack 2002, S. 392
Im März 1987 wurde der wichtigste libysche Luftwaffenstützpunkt Ouadi Doum von tschadischen Truppen eingenommen. Obwohl die libysche Basis durch Minenfelder, 5.000 Soldaten, Panzer, gepanzerte Fahrzeuge und Flugzeuge stark verteidigt wurde, unterlag sie einer kleineren tschadischen Angriffstruppe unter der Führung von Djamous, die mit Pick-ups mit Maschinengewehren und Panzerabwehrwaffen ausgerüstet war. Beobachter schätzten, dass bei den tschadischen Siegen in den ersten drei Monaten des Jahres 1987 mehr als 3.000 libysche Soldaten getötet wurden, gefangen genommen wurden oder desertierten. Eine große Anzahl von Panzern, gepanzerten Mannschaftstransportwagen, Artillerie, Starrflüglern und Hubschraubern wurde erbeutet oder zerstört. In einigen Fällen schickte Libyen seine eigenen Flugzeuge, um verlassene libysche Ausrüstung zu bombardieren, damit die Tschader sie nicht benutzen konnten.Chad victors claim aid from US intelligence". The Times. Nr. 62734. London. 1987"Billion-dollar litter of Libyans' desert defeat". The Times. Nr. 62741. London. 1987. S. 11. Es wurde berichtet, dass in vielen Fällen libysche Soldaten auf der Flucht vor den Kämpfen getötet wurden. In Ouadi Doum hatten libysche Soldaten, die in Panik durch ihre eigenen Minenfelder rannten, hohe Verluste erlitten.Metz 2004, S. 262.
Der Fall von Ouadi Doum war ein schwerer Rückschlag für Libyen. Die libyschen Streitkräfte, die von den meisten ihrer tschadischen Verbündeten im Stich gelassen wurden, fanden sich auf fremdem Territorium isoliert vor, und der Verlust des wichtigsten libyschen Luftwaffenstützpunkts im Tschad hinderte Libyen daran, seine Truppen aus der Luft zu schützen. Generell hatte die Offensive gegen FANT die Verwundbarkeit der schweren libyschen Panzer gegenüber einem mobileren Gegner offenbart. Auf Befehl Gaddafis wurde ein allgemeiner Rückzug aus der Präfektur Borkou-Ennedi-Tibesti eingeleitet, beginnend mit Faya-Largeau. Die Stadt hatte in den vergangenen vier Jahren als wichtigster libyscher Stützpunkt gedient, drohte aber umzingelt zu werden. Die 3.000 Mann starke Garnison zog sich zusammen mit den Überlebenden von Ouadi Doum in Richtung des libyschen Stützpunkts in Maatan-as-Sarra nördlich der tschadischen Grenze zurück.Collelo (1990) Um den Schaden für sein internationales Ansehen zu verringern, verkündete Gaddafi, dass Libyen die Konfrontation gewonnen habe und nun den Tschad verlasse, damit die Opposition ihren Teil zum Kampf gegen Habré beitragen könne.Azevedo (1998), S. 150.
Diese Militäraktionen gaben Habré die Kontrolle über den Tschad und die Möglichkeit, mit der Vertreibung Libyens aus dem Aouzou-Streifen zu drohen, beeinträchtigten die internationale Wahrnehmung Libyens als bedeutende regionale Militärmacht und ließen erneut Zweifel an der Kompetenz und Entschlossenheit der libyschen Soldaten aufkommen, insbesondere bei Einsätzen jenseits der Landesgrenzen, denen sie sich offensichtlich nicht persönlich verpflichtet fühlten.Metz (2004), S. 262