Das Flüchtlingslager Gmünd, zeitgenössisch meist Barackenlager Gmünd genannt, war von 1914 bis 1918 ein Flüchtlingslager in Gmünd im niederösterreichischen Waldviertel. Es gilt als eines der größten Flüchtlingslager in der ehemaligen Österreich-Ungarischen Monarchie. Die Flüchtlinge kamen vorwiegend aus Galizien, der Bukowina sowie ab Mai 1915 auch aus Istrien.
Das für etwa 30.000 Menschen ausgelegte Lager erreichte Anfang 1917 einen Belegungsstand von mehr als 31.000 Personen. Neben den Wohnbaracken gehörten Spitäler, Schulen, Werkstätten, Küchen und Kirchen zu der weitläufigen Anlage, die über eine eigene technische Infrastruktur verfügte. Die Lebensbedingungen waren zeitweise von dichter Belegung, unzureichender Ernährung und epidemischen Krankheiten geprägt. Nach der Auflösung wurden Teile des Geländes weitergenutzt. Daraus entwickelte sich ab den 1920er Jahren der Stadtteil Gmünd-Neustadt.
Vorgeschichte Um den Vormarsch der russischen Truppen in Galizien zu behindern, griff das k.u.k Militär zur Strategie der verbrannten Erde, vernichtete auf ihrem Rückzug systematisch ganze Dörfer und vertrieb deren Bevölkerung, was eine enorme Flüchtlingswelle zur Folge hatte.Walter Mentzel: Kriegsflüchtlinge im Ersten Weltkrieg in Österreich-Ungarn, Abstract der 1997 erschienenen Dissertation Kriegsflüchtlinge in Cisleithanien im Ersten Weltkrieg, abgerufen am 6. Februar 2021.Daniel Wotapek: Die provisorische Unterbringung cisleithanischer Flüchtlinge im Bezirk Gmünd ab 1914, Wien 2019, S. 41, abgerufen am 6. Februar 2021 (PDF, 2,35 MB) Mittellose Menschen wurden registriert und nach ethnischen, konfessionellen und sozialen Kriterien auf Gemeinden und Lager im Hinterland verteilt. Die Lagerunterbringung sollte Versorgung und behördliche Kontrolle erleichtern. Wohlhabendere Flüchtlinge konnten sich häufig selbst eine Unterkunft suchen und wurden statistisch nur unvollständig erfasst.Martina Viktoria Hermann: Die hölzerne Stadt. Das Barackenlager Gmünd 1914–1918. Dissertation, Universität Graz, Graz 2017, S. 20–38.
Errichtung und Anlage Für Gmünd sprachen der Anschluss an die Franz-Josefs-Bahn, die gesicherte Wasser- und Stromversorgung sowie große unbebaute Flächen. Nachdem ein Gelände zwischen dem städtischen Friedhof und dem Harabruckteich als zu klein beurteilt worden war, wählte man ein Areal südwestlich der damaligen Stadt zwischen Bahnstrecke und Aßangwald.Manfred Dacho, Franz Drach und Harald Winkler: Am Anfang war das Lager. Gmünd-Neustadt. Bibliothek der Provinz, Weitra 2014, ISBN 978-3-99028-350-9, S. 18–38.
Die Bauarbeiten begannen im Dezember 1914, schon im Januar 1915 wurden die ersten Baracken bezogen. Das eingezäunte Gelände erhielt einen Gleisanschluss, während seine Hauptachse später zum Schubertplatz und zur Schubertstraße wurde. Der Bautechniker und spätere Stadtbaumeister Hans Fürnsinn wirkte ab Februar 1915 an Planung und Erweiterung mit.Manfred Dacho, Franz Drach und Harald Winkler: Am Anfang war das Lager. Gmünd-Neustadt. Bibliothek der Provinz, Weitra 2014, ISBN 978-3-99028-350-9, S. 28–30. mini|Übersichtsplan des Flüchtlingslagers Gmünd, 1917 Nahe dem Haupteingang lagen die Aufnahmehalle, das Wachgebäude, die Gendarmerie, das Postamt und die Verwaltung. Den größten Teil des Geländes nahmen die Wohn-, Küchen-, Wirtschafts- und Spitalsbaracken ein. Daneben gab es Werkstätten, Magazine, Schulen, Kirchen, ein Theater, Einrichtungen der Feuerwehr, Bade- und Desinfektionsanlagen sowie einen Friedhof. Das Lager verfügte außerdem über eine eigene Wasser- und Abwasserversorgung. Da die ursprüngliche Anlage nur als Provisorium gedacht war, wurde sie wiederholt erweitert. Im Jahr 1916 entstanden unter anderem 26 Baracken, eine neue Bade- und Desinfektionsanlage und ein Nutzwasserpumpwerk.Daniel Wotapek: Die provisorische Unterbringung cisleithanischer Flüchtlinge im Bezirk Gmünd ab 1914. Diplomarbeit, Universität Wien, Wien 2019, DOI:10.25365/thesis.59546, S. 136–143.
Westlich der Baracken wurde 1917 eine Kleinwohnungskolonie für leitendes Personal und sozial bessergestellte Bewohner errichtet, von der große Teile (heute Villenkolonie und Eisenbahnersiedlung genannt) erhalten sind.Manfred Dacho, Franz Drach und Harald Winkler: Am Anfang war das Lager. Gmünd-Neustadt. Bibliothek der Provinz, Weitra 2014, ISBN 978-3-99028-350-9, S. 33–38.
Bewohner und Belegungsentwicklung Die Zusammensetzung des Lagers veränderte sich im Verlauf des Krieges mehrfach. 1915 lebten dort zunächst vor allem Personen, die von den Behörden als „Ruthenen“ bezeichnet wurden, also überwiegend ukrainischsprachige Bewohner Galiziens und der Bukowina. Nach dem Kriegseintritt Italiens im Mai 1915 kamen Evakuierte aus Istrien, dem Isonzogebiet und anderen Teilen des Küstenlandes hinzu. Für slowenische und kroatische Flüchtlinge verwendeten die Behörden unter anderem die Sammelbezeichnung „südländische Flüchtlinge“.Martina Viktoria Hermann: Die hölzerne Stadt. Das Barackenlager Gmünd 1914–1918. Dissertation, Universität Graz, Graz 2017, S. 49–55. mini|Hauptplatz des Flüchtlingslagers, 1916 Frontverschiebungen, Rückführungen, Transporte zwischen Lagern und Beschäftigungen außerhalb Gmünds führten zu starken Schwankungen. Selbst der Verwaltung lagen nicht durchgehend genaue Zahlen vor. Im März 1915 waren 22.247 und im Mai 27.371 Personen untergebracht. Am 1. Januar 1917 wurden 29.575 Personen gezählt. Weitere Transporte ließen die Belegung Ende Januar und Anfang Februar auf mehr als 31.000 steigen.Daniel Wotapek: Die provisorische Unterbringung cisleithanischer Flüchtlinge im Bezirk Gmünd ab 1914. Diplomarbeit, Universität Wien, Wien 2019, DOI:10.25365/thesis.59546, S. 149.
Durch die häufigen Ankünfte, Rückführungen und Verlegungen lag die Gesamtzahl der aufgenommenen Menschen deutlich über der jeweiligen Belegung. Gmünder Darstellungen gehen davon aus, dass während der gesamten Lagerzeit rund 200.000 Menschen das Lager durchliefen.Manfred Dacho, Franz Drach und Harald Winkler: Am Anfang war das Lager. Gmünd-Neustadt. Bibliothek der Provinz, Weitra 2014, ISBN 978-3-99028-350-9, S. 10. Für die Zeit von Februar 1915 bis Februar 1916 nennt bereits ein zeitgenössischer Bericht etwa 100.000 Aufnahmen. Davon sollen 30.000 Menschen zur Arbeit vermittelt, 20.000 in ihre Heimat zurückgeführt und 20.000 in andere Lager verlegt worden sein.Martina Viktoria Hermann: Die hölzerne Stadt. Das Barackenlager Gmünd 1914–1918. Dissertation, Universität Graz, Graz 2017, S. 49–50.
Verwaltung mini|Ehemaliges Haupteingangstor, heute ist darin das "Haus der Gmünder Zeitgeschichte" untergebracht.Das Lager unterstand der niederösterreichischen Statthalterei und wurde von einer eigenen Barackenverwaltung geführt. Zu deren Aufgaben gehörten Aufnahme, Registrierung, Unterbringung, Verpflegung, Gesundheitsversorgung, Arbeitsvermittlung, Schulwesen und technische Instandhaltung. August Freiherr Czapka von Winstetten leitete das Lager von Januar 1915 bis Januar 1916 während seiner Aufbauphase.Martina Viktoria Hermann: Die hölzerne Stadt. Das Barackenlager Gmünd 1914–1918. Dissertation, Universität Graz, Graz 2017, S. 40–41.
Neben österreichischen Beamten arbeiteten Angehörige der im Lager vertretenen Gruppen in Verwaltung und Fürsorge. Der aus Stryj stammende Rechtsanwalt Hilar Ritter von Pukzyn-Baczynskyj leitete das Evidenzbüro, das die Bewohner erfasste.Martina Viktoria Hermann: Die hölzerne Stadt. Das Barackenlager Gmünd 1914–1918. Dissertation, Universität Graz, Graz 2017, S. 42. Das Gelände war eingezäunt und bewacht. Wer es betreten oder verlassen wollte, unterlag den behördlichen Regelungen.Maria Ostheim-Dzerowycz: Das Flüchtlingslager in Gmünd. In: Lagerleben 1915–1918. Ukrainische Flüchtlinge in Gmünd. Österreichisch-Ukrainische Rundschau, Dokumentation/Ausstellungsschrift, o. J., S. 3–4.
Lebensbedingungen
Unterbringung und Ernährung In den großen Wohnbaracken schliefen die Bewohner auf Pritschen mit Strohsäcken. Männer und Frauen wurden grundsätzlich getrennt untergebracht, Familien teilweise gemeinsam. Die rasch errichteten Holzgebäude waren reparaturanfällig und für einen längeren Betrieb nur bedingt geeignet. Bei hoher Belegung verschärften Feuchtigkeit und unzureichende sanitäre Einrichtungen die Lage.Daniel Wotapek: Die provisorische Unterbringung cisleithanischer Flüchtlinge im Bezirk Gmünd ab 1914. Diplomarbeit, Universität Wien, Wien 2019, DOI:10.25365/thesis.59546, S. 137–143.
Zentrale Lagerküchen übernahmen die Verpflegung. Lebensmittelknappheit, Inflation und Transportprobleme erschwerten mit zunehmender Kriegsdauer die Versorgung. Eigenanbau und Viehhaltung ergänzten die Lieferungen nur teilweise. Besonders im Winter 1916/17 sank der Nährwert der Kost. Beschwerden und Berichte von Flüchtlingsvertretern dokumentieren Hunger und gesundheitliche Folgen der Unterernährung.Martina Viktoria Hermann: Die hölzerne Stadt. Das Barackenlager Gmünd 1914–1918. Dissertation, Universität Graz, Graz 2017, S. 84–103.
Religion und kulturelles Leben mini|Griechisch-katholische Holzkirche Für die zunächst überwiegend griechisch-katholischen Bewohner wurde eine hölzerne Lagerkirche errichtet. Die Pläne für die Lagerkirche stammen von Max Hans Joli und Rudolf Frass, die Ausgestaltung des Inneren der griechisch-katholischen Holzkirche nahm Bertold Löffler, ein Schüler Koloman Mosers, vor. Für Angehörige der römisch-katholischen Kirche gab es eigene Gottesdienstmöglichkeiten.Manfred Dacho, Franz Drach und Harald Winkler: Am Anfang war das Lager. Gmünd-Neustadt. Bibliothek der Provinz, Weitra 2014, ISBN 978-3-99028-350-9, S. 33–38.
Zum kulturellen Leben im Lager gehörten Chöre, Liederabende und Theaterveranstaltungen. Ukrainische Organisationen veranstalteten Vorträge, Konzerte und Gedenkfeiern. Im März 1918 fanden Feiern zu Ehren von Taras Schewtschenko statt.Lagerleben 1915–1918. Ukrainische Flüchtlinge in Gmünd. Österreichisch-Ukrainische Rundschau, Dokumentation/Ausstellungsschrift, o. J., S. 30–31.
Arbeit und Bildung Innerhalb des Lagers bestanden Schneidereien, Schuhmachereien, Tischlereien, Schlossereien und weitere Werkstätten. Die dort Beschäftigten stellten Kleidung und Gebrauchsgegenstände her, reparierten Einrichtungen und erhielten teilweise eine berufliche Ausbildung. Außerhalb des Lagers vermittelte die Verwaltung Arbeitskräfte vor allem an landwirtschaftliche und industrielle Betriebe. Die Beschäftigung bot den Flüchtlingen Verdienstmöglichkeiten und mitunter eine bessere Versorgung, blieb aber in die staatliche Arbeits- und Flüchtlingspolitik eingebunden.Daniel Wotapek: Die provisorische Unterbringung cisleithanischer Flüchtlinge im Bezirk Gmünd ab 1914. Diplomarbeit, Universität Wien, Wien 2019, DOI:10.25365/thesis.59546, S. 143–149.
Für Kinder und Jugendliche gab es eine Schule und Lehrwerkstätten. Der Unterricht wurde je nach Bevölkerungsgruppe in unterschiedlichen Sprachen erteilt.Daniel Wotapek: Die provisorische Unterbringung cisleithanischer Flüchtlinge im Bezirk Gmünd ab 1914. Diplomarbeit, Universität Wien, Wien 2019, DOI:10.25365/thesis.59546, S. 154–156.
In Handarbeits- und Nähkursen für ukrainische Frauen entstanden Stick- und Knüpfmuster sowie Perlbandarbeiten nach Motiven aus Galizien und der Bukowina. Olga von Pukzyn-Baczynskyj, die auch das Waisenhaus leitete, betreute die Mustersammlung. Das Volkskundemuseum Wien besitzt heute ein 1921 erworbenes Konvolut von 544 Arbeiten auf 173 Kartonblättern, das mit den Gmünder Kursen in Verbindung gebracht wird.Kathrin Pallestrang (Hrsg.): Stick- und Knüpfmuster ruthenischer Flüchtlinge im Ersten Weltkrieg. Aus der Sammlung des Volkskundemuseums Wien. Volkskundemuseum Wien, Wien 2014, ISBN 978-3-902381-50-7, S. 6, 28 und 47–51.
Medizinische Versorgung und Sterblichkeit