mini|Die Scharten der Geschützbatterie Ermitage, Fort du Scex mini|Schloss St. Maurice mit Dufourturm im Hintergrund
Das Festungsgebiet Saint-Maurice gehörte zusammen mit den Festungen Sargans und St. Gotthard zu den drei grossen Festungsgebieten der Schweizer Armee im Reduit-Verteidigungsdispositiv des Zweiten Weltkriegs und während des Kalten Krieges. Es gehörte zum 1. Armeekorps und mit der Armee 61 zur Festungsbrigade 10 und zum Gebirgsarmeekorps 3. Geographisch umfasst es das Gebiet vom Genfersee bis zum Grossen Sankt Bernhard. Die Sperrstelle Saint-Maurice gilt als militärhistorisches Denkmal von nationaler Bedeutung. In: Silvio Keller, Maurice Lovisa: Militärische Denkmäler im Kanton Wallis, Eidgenössisches Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport, Bern 2002, Seite 18–19
Vorgeschichte mini|Überquerung des Grossen St. Bernhard während des Langobardenfeldzugs Vor der Erschliessung des Gotthardpasses Ende des 12. Jahrhunderts waren die Bündnerpässe im Osten (Lukmanierpass usw.) und der Grosse Sankt Bernhard (auch Mont-Joux-Pass) bei Martigny im Westen die bevorzugten Alpenübergänge zwischen Italien, Frankreich (Gallien) und Deutschland (Germanien). 773 zog der Onkel Karls des Grossen während des Langobardenfeldzugs über den Grossen St. Bernhard. Im Mai 1800 überschritt Napoleon den Pass.
Die Engnis von Saint-Maurice am Eingang zum oberen Rhonetal wurde von den Römern als Militärposten und Zollstation benutzt, um Abgaben auf der Handelsstrasse über den Grossen St. Bernhard erheben zu können. Ab 1476 – während der Burgunderkriege – wurde das Schloss Saint-Maurice am Eingang des Engpasses errichtet.
Angesichts des Risikos eines europäischen Konflikts nach der Julirevolution von 1830 wurde 1831 mit dem Bau der Sperrstelle Fortifikation Arzillier beim Schloss St. Maurice nach dem Konzept von Guillaume-Henri Dufour begonnen, um den Durchgang zum Grossen St. Bernhard und Simplonpass sperren zu können. mini|Turm der Dufourfestung
Strategische Lage und militärische Bedrohungen Der Passstaat Schweiz besitzt den verkehrstechnisch günstigen Mittelteil des Alpenbogens mit den Übergängen von Mittel- und Westeuropa nach Südeuropa. Zusammen mit den Verbindungen zwischen den Räumen der oberen Donau und der Rhone bildet sie einen zentraleuropäischen Knotenpunkt.
In der Pariser Akte des Wiener Kongresses von 1815, war die Rolle der Schweiz als Hüterin der Alpenpässe festgelegt worden. Die schweizerischen Befestigungen hatten im Rahmen des Territoriumschutzes die Haupteingänge der Alpentransversalen zu sichern.
Die militärhistorische Erfahrung zeigte, dass wenn Interessenskonflikte der europäischen Grossmächte herrschten oder eine Macht die Hegemonie anstrebte, drohte Kriegsgefahr. Wurden im Donauraum und in Oberitalien Interessen militärisch verteidigt, so wurden die schweizerischen Alpentransversalen von strategischer Bedeutung. Die Schweiz musste mit der bewaffneten Neutralität dafür sorgen, dass sie fremden Mächten nicht in die Hände fielen.
Saint-Maurice als Nordportal der Alpentransversalen auf der direkten europäischen Verkehrsachse zwischen Frankreich (Franche-Comté) und Italien (Piemont) war mit seiner Engnis ein militärisch bevorzugter Punkt für Festungsbauten.
19. Jahrhundert und Erster Weltkrieg Als man um 1880 die Granaten mit Melinit-Sprengstoff zu füllen begann, erwiesen sich die 1831 gebauten Dufour-Befestigungen in St. Maurice als veraltet und mussten ersetzt werden. 1892 begann man auf der rechten Rhoneseite die Forts Savatan und Dailly zu bauen. Zum Schutz der beiden Forts wurden vorerst Geschütze auf der Terrasse Ermitage ob Vérossaz platziert und 1911 wurde mit dem Bau des Flankierwerkes Galerie du Scex (vier 7,5 cm Kanonen) begonnen.
Die Festungen Dailly und Savatan wurden in drei Bauetappen zwischen 1892 und 1910 erstellt. Sie verfügten über fünfzehn unterirdische Kasernen, Schützenmauern und Beobachtungsposten, die untereinander telefonisch verbunden waren. Die Bewaffnung bestand aus über 34 Kanonen der Kaliber 5,3 bis 15 cm (Savatan: fünf 12 cm Panzerhaubitzen 1891 Typ Schumann, Dailly: sechs 12 cm Kanonen 1893 Krupp).
Zweiter Weltkrieg mini|Fort du Cindey Die Festung Cindey wurde während des Zweiten Weltkrieges zwischen 1941 und 1946 als Erweiterung des zusammenhängenden Festungskomplexes St. Maurice (bisherige Forts Dailly, Savatan und Scex) erbaut. Es übernahm die früheren Sicherungsaufgaben des Schlosses St. Maurice und der Dufour-Befestigung.
Im Chablais wurden, neben kleineren Werken und Sperrstellen, die grossen Artilleriewerke Chillon, Champillon und bei Martigny diejenigen von Follatères, Champex und Commeire erstellt.
Nach der Kapitulation Italiens am 12. September 1943 wurde, wegen der Gefahr des Durchmarsches deutscher Truppen von Italien, die Südfront wieder mobilisiert.
Kalter Krieg Mit der Truppenordnung 47 (TO 47) sollten den Festungen im Reduit spezielle Truppen fest zugeteilt werden. Dazu wurden die Reduitbrigaden 21 (Berner Oberland), 22 (Ob- und Nidwalden, Oberhasli), und 24 (Innerschweiz) geschaffen. Sie verfügten je über ein Festungsartillerieregiment.
Die Hindernisse und Feldbefestigungen aus dem Zweiten Weltkrieg wurden abgebaut, die verbleibenden permanenten Anlagen zur Kampfwertsteigerung ausgebaut und die Waffen modernisiert: Die 4,7 cm Infanteriekanonen wurden durch 9 cm Panzerabwehrkanonen 50 und das Maschinengewehr Mg 11 durch das Mg 51 ersetzt. Verschiedene Artilleriewerke wurden erst nach dem Krieg fertig gestellt und laufend verbessert sowie Bewaffnung und Ausrüstung modernisiert. Anstelle der 7,5 cm Kanonen kamen die 12 cm Festungsminenwerfer 1959. Dazu kamen moderne Unterstände und geschützte Kommandoposten.
Die Truppenordnung 1951 (TO 51) schuf die Festungsbrigaden 10 (St-Maurice), 13 (Sargans) und die bisherige Reduitbrigade 23 wurde in Festungsbrigade 23 (Gotthard) umbenannt. Für die grenznahen Festungswerke waren die Festungstruppen der Grenzbrigaden zuständig.
Bis 1997 und insbesondere mit der Truppenordnung 61 (Armee 61) folgten zahlreiche Projekte zum Unterhalt, zur Kampfkraftsteigerung und zum ABC-Schutz. Im Festungsbau fand ein Paradigmawechsel von den grossen Felswerken zu kleinen Monoblockanlagen mit wenig Besatzung und kompakter Bauweise statt.
Mit dem Rüstungsprogramm 1993 wurden acht BISON-Geschützbunker auf die Festungsgebiete St. Maurice, Gotthard und Sargans verteilt. Jede Batterie hatte zwei Monoblockbunker mit je zwei 15,5 cm Festungskanonen 89 L52 BISON. Die Bison-Batterien konnten dank ihrer Feuerkraft und mit ihren selbstzielsuchenden Granaten den Verlust der aufgehobenen Festungen mehr als ausgleichen..
Festungsbrigade 10 Die Festungsbrigade 10 (Fest Br 10 «Saint-Maurice») war eine von drei Festungsbrigaden der Festungstruppen der Schweizer Armee, die 1947 neu geschaffen wurden. Mit der Armee 61 wurden die drei Festungs- und drei Reduitbrigaden dem neu geschaffenen Gebirgsarmeekorps 3 unterstellt. Seit Ende 1994 hatte die Festungsbrigade 10 keine Festungsartillerie mehr.
Mit der Armee XXI wurden das Gebirgsarmeekorps, sämtliche übrigen Heereseinheiten sowie die Reduit- und Festungsbrigaden per Ende 2003 aufgehoben. Die Anlagen der Festungsbrigade 10 wurden von der Gebirgsinfanteriebrigade 10 (Br inf mont 10, seit 2009 Reservebrigade) übernommen.
Auftrag Die Festungsbrigade 10 hatte jeden feindlichen Vorstoss in die Rhone-Ebene und in Richtung Reduitbrigade 21 «Berner Oberland» zu verhindern und den befestigten Raum von Saint-Maurice zwischen Chiètres und Follatères zu halten.
Einheiten der Festungsbrigade 10 (1994) Die Festungen wurden von den Werkkompanien 55, 56, 57, 58 und 59 betrieben.
Das Festungsregiment 19 (Saint-Maurice – Grosser Sankt Bernhard) umfasste die Abteilung 1, 2, 3, 4 und 22: Festungsabteilung 1 (Saint-Maurice): Festungskompanie I/1 und Infanteriefestungskompanie II/1 (Savatan), Festungsartilleriekompanie III/1 (Scex), Festungskompanie IV/1 (Cindey), Festungshaubitzenkompanie V/1 (mobile 10,5 cm Hb) Festungsabteilung 2 (Typ B, Dailly): Festungsinfanteriekompanie I/2, Festungsartilleriekompanie II/2, Festungsdienstkompanie III/2 (Dailly) Festungsabteilung 3 (Martigny): Festungskompanie I/3 (Follatères), Festungshaubitzenkompanie II/3 (mobile 10,5 cm Hb) Festungsabteilung 4: Festungskompanie I/4 (Champillon/Chillon) Festungsabteilung 22: Festungskompanie I/22 (Champex/Commeire), Festungskompanie II/22 (12 cm Festungsminenwerfer)
Einsatzraum und Werke (geografisch) mini|Festungsraum Saint-Maurice der Festungsbrigade 10 (Stand 1992) Der Einsatzraum der Festungsbrigade 10, die Festungsregion Unterwallis, verläuft entlang der Achse des Grossen Sankt Bernhard, einer der grossen Alpentransversalen. Er reichte vom Genfersee bis zum Grossen Sankt Bernhard. Er hatte 350 militärische Anlagen, wovon 150 Festungen mit 13 grossen Artillerie- oder Infanteriewerken. Der Raum kann in folgende Sektoren aufgeteilt werden: mini|Schweizer Chablais Nord: Chablais (Artilleriewerke Chillon, Champillon) Zentral: Saint-Maurice (Artilleriewerke Cindey, Scex, Savatan, Dailly) West: Val de Trient (Sperren Finhaut, Litroz, Châtelard, Forclaz)Verein Fort Litroz Süd: Grosser Sankt Bernhard oder Dranse (südlich Saint-Maurice) mit 56 Werken (Artilleriewerke Les Follatères, Champex, Commeire)
Artilleriewerke (rhoneaufwärts) Chillon A 390: bei Sperrstelle und Schloss Chillon, 1942 der Truppe übergeben. Champillon A 365: bei der Sperrstelle Corbeyrier, 1942 schussbereit, zwei 10,5 cm Bunkerkanonen.. Festung Cindey A 155: Felswand westlich über St. Maurice, Panzerabwehrfort mit Infanterie und Artillerie, 1941–1946 erbaut, bis 1995 einsatzbereit, zwei 10,5 cm Panzerabwehrkanonen 46, vier 9 cm Panzerabwehrkanonen 50/57, Festungskompanie IV/1 mit 258 Mann für Cindey und Scex, seit 2002 für Besucher geöffnet. Fort du Scex – Ermitage A 160: Baubeginn 1911, Felswand westlich über St. Maurice, Flankierwerk für Savatan und Dailly, vier 7,5 cm Kanonen 1903, 1938 mit Batterie Ermitage mit vier 7,5 cm Kanonen vergrössert, Schlafraum für 120 Mann. Mit Fort Cindey durch die natürliche Höhle Grotte aux Fées verbunden. Toveyres A 140: Hang östlich St. Maurice, Bezirk Aigle, Achse Bex bis Chiètres, zwei 7,5 cm Kanonen, Gegenwerk für Cindey und Scex.. Petit-Mont A 130: nördlich Toveyres, Fluss Le Courset, Achse Bex bis Chiètres, zwei 7,5 cm Kanonen Savatan – Dailly/Aiguille A 200/250: (Hangfuss der Dent de Morcles, Lavey-Morcles), östlich St. Maurice, vier Bauperioden 1892–1894, 1895–1903, 1904–1910, 1911–1920, drei zusammengehörende Anlagen Vernayaz A 68/69: Felswand am südlichen Ortsrand von Vernayaz, Bezirk Saint-Maurice, Panzerabwehrfestung.. Follatères A 66: Rhoneknick nördlich von Martigny, 50 Scharten, Seilbahnzugang, vier 7,5 cm und zwei 10,5 cm Kanonen 39.Festungswelt Follatères. Crêtadon A 67: im Anschluss an die Festung Follatères als deren Gegenwerk Commeire A 27: Bezirk Entremont, vier 7,5 cm Kanonen, Gegenwerk zu Champex. Champex A 46: «Festung Grosser St. Bernhard», 1940–1943 erbaut, 4 Kasematten, 600 m Stollen, 300 Mann Besatzung, zwei 10,5 cm und zwei 7,5 cm Kanonen, sechs Flabkanonen Kommandoposten Festungsbrigade 10 (Führungsanlage)
Sperrstellen Kantone Waadt und Wallis (rhoneaufwärts) (Von nationaler** und regionaler* Bedeutung) Bezirk Riviera-Pays-d’Enhaut (Kanton Waadt) ChillonFort de Chillon 1941–1942.
Bezirk Aigle (Kanton Waadt) Sperrstelle Saint-Triphon – Collombey*, Corbeyrier* Sex de la Sarse VuargnyWorld of Teeone: Barrage de Vuargny (Col des Mosses) Larrevoin Pierre du Moëlle Pierre du Moëlle La Comballaz* Col du Pillon Huémoz Panex Gyron Fenalet Vasselin Bex
Bezirk Monthey Le Fenalet Porte du Scex** Sperrstelle Collombey* - Saint-Triphon (VD) Morgins
Bezirk Saint-Maurice Saint-Maurice** Vérossaz Vernayaz Evionnaz-Collonges** Finhaut* Le Châtelard Litroz*.
Bezirk Martigny Col de la Forclaz*
Bezirk Entremont