mini|Die Rose von Scharon, Holzschnitt aus Die Bibel in Bildern, Julius Schnorr von Carolsfeld 1860 mini|Nicolaes van Verendael: Büste der Jungfrau Maria in einer Girlande, ca. 1670–90, Prado, Madrid. Die Inschrift unter der Büste „Ego flos campi“, setzt Maria mit der Rose von Scharon gleich.

Rose von S(ch)aron, Blume in S(ch)aron, Blume(n) zu S(ch)aron, Blume des Scharon oder S(ch)aronsblum(e) sind auf einem Bibelzitat aus dem Hohelied (2,1) basierende Trivialnamen, die auf unterschiedliche Arten von Blütenpflanzen angewandt werden, die sich in aller Welt hoher Wertschätzung erfreuen. Allerdings muss hinsichtlich der Anwendung solcher Trivialnamen auf das Problem hingewiesen werden, dass deren mangelnde Genauigkeit zu Verwirrungen und Missverständnissen führen kann. Die Begriffe „Rose von Scharon“, „Saronsblume“ und verwandte Bezeichnungen wie die lateinische Form „flos campi“ wurden auch zu häufig benutzten Wendungen in Dichtung und Musik. Die englische Form Rose of Sharon existiert auch als weiblicher Vorname.

Biblische Ursprünge Hebräische Formulierung und Übersetzungen mini|Pancratium maritimum in Israel mini|Tragopogon porrifolius mini|Cistus creticus und Cistus salviifolius in Israel mini|Gladiolus italicus in Israel mini|Tulipa montana mini|Tulipa agenensis in Israel mini|Narcissus tazetta in Israel mini|Lilium candidum Chavatzelet HaSharon (Hebräisch חבצלת השרון) ist die Bezeichnung für eine Blumenzwiebel. Das hebräische Wort חבצלת (ḥăḇaṣṣelaṯ) bezeichnet eine Blume unbekannter Identität, die in deutschen Bibelübersetzungen von mit Blume in Scharon (revidierte Lutherbibel) Narcisse der Saronsflur (Textbibel) Narzisse von Scharon (Elberfelder) Narzisse in der Scharonebene (Hoffnung für Alle) Narzisse von Saron (Schlachter) Frühlingsblume [...], wie sie in den Wiesen [wächst] (Gute Nachricht, mit dem Hinweis auf Narzisse (?) von Scharon als wörtlicher Übersetzung) Blume auf den Wiesen des Scharon (Einheitsübersetzung) Rose von Scharon (Neues Leben) Lilie des Scharon (Neue evangelistische Übersetzung) und in der Vulgata mit flos campi (Blume des Feldes; Hld 2,1 ist die einzige Stelle zumindest in den protokanonischen Büchern der Vulgata, an der sich flos campi in genau dieser grammatikalischen Form findet) benannt wird.

Identifikationen Etymologen haben das biblische Wort חבצלת zögernd mit den Wörtern בצל beṣel, mit der Bedeutung „Zwiebel“, und mit חמץ ḥāmaṣ, auch mit Chametz transliteriert, hier möglicherweise mit der Bedeutung „scharf“ oder „vorzüglich“, in Verbindung gebracht (The Analytical Hebrew and Chaldee Lexicon). Schon in der Lutherbibel von 1545 findet sich die Formulierung ein Blumen zu Saron; die englische Bezeichnung rose of Sharon erscheint erstmals 1611 in der King-James-Bibel. Laut einer Anmerkung zu Hld 2,1 durch das Übersetzungskomitee der New Revised Standard Version handelt es sich dabei um eine Fehlübersetzung eines allgemeineren hebräischen Wortes für Krokus. Die Rose im botanischen Sinne ist explizit in der hebräischen Bibel nicht belegt.

Eine mögliche Interpretation des biblischen Bezugs ist die Dünen-Trichternarzisse (Pancratium maritimum), die im Spätsommer knapp oberhalb der Flutlinie blüht. Der hebräische Name dieser Pflanze ist חבצלת oder חבצלת החוף (Strand-ḥăḇaṣṣeleṯ). Da sie auch in der Scharonebene der Mittelmeerküste wächst, besteht die Möglichkeit, dass die Bibelstelle sich auf diese Pflanze bezieht. Die Heiligenlegende der Restituta von Afrika behauptet, Dünen-Trichternarzissen seien erblüht, als ihr Leichnam auf Ischia anlandete.

Verschiedene Gelehrte haben vorgeschlagen, dass es sich bei der biblischen Rose von Scharon um eine der folgenden Pflanzen handeln könnte:

die Haferwurzel (Tragopogon porrifolius), womit sie Albertus Magnus identifizierte;Carl Jessen, Ernst Heinrich Meyer: Alberti Magni ex Ordine Praedicatorum. De vegetabilibus libri VII : historiae naturalis pars XVIII. Reimer, Berlin 1867. Digitalisat Bayerische Staatsbibliothek. Buch VI/404 (S. 546 f): (Tragopogon porrifolius Lin.) Oculus porci est flos, qui flos campi vocatur, crescens in altis locis siccis iuxta vias, habens radicem delectabilem, propter quod comeditur, et a porcis in pastum effoditur; et habet stipitem parum altum, in cuius supremo est flos rutilans ipse multum, et exsiccatus retinet eundem colorem. Folia autem habet parva et stricta, et profert florem in theca valde fusca. Est autem calidus et siccus temperate. eine Art der Zistrosen (Cistus), wie Carl von Linné meinte; einen Krokus oder eine ähnliche Pflanze, die im Küstenbereich der Scharonebene wächst (New Oxford Annotated Bible); eine Gladiole (Gladiolus); die Berg-Tulpe (Tulipa montana), „eine hellrote tulpenähnliche Blume … die heute in den Hügeln von Scharon gedeiht“ (rose In: Harper's Bible Dictionary); die Sonnenaugen-Tulpe (Tulipa agenensis) oder Scharontulpe, eine Tulpenart, die von einigen Botanikern vorgeschlagen wird; die Strauß-Narzisse (Narcissus tazetta); die Madonnen-Lilie (Lilium candidum), eine Lilienart, die von einigen Botanikern vorgeschlagen wird, aber wohl eher mit der „Lilie im Tal“, die im zweiten Teil von Hld 2,1 erwähnt wird, gemeint sein könnte.

Gegenwärtig bestehen einige Gelehrte darauf, ḥăḇaṣṣeleṯ mit „eine sprießende Zwiebel“ zu übersetzen, wobei verschiedensprachige Versionen und Lexika in die Analyse einbezogen wurden.Satoshi Mizota. Dissertation for MA: Aich University, 2008.

Moderner Gebrauch mini|Hypericum calycinum mini|Hibiscus syriacus Der Name „Rose von Scharon“ wird im Allgemeinen auch für zwei unterschiedliche Pflanzen verwendet, die außerhalb der Levante beheimatet sind und mithin nicht als die biblische Pflanze in Betracht kommen: das Großkelchige Johanniskraut (Hypericum calycinum), ein immergrüner, blühender Strauch aus Südosteuropa und Südwestasien; der Straucheibisch (Hibiscus syriacus), ein laubwerfender Busch aus Ostasien.

Kulturgeschichte Viele nachbiblische Poeten erwähnten die Rose von Scharon oder die Saronsblume.Cf. Artikel: „Saron“ in: Der Große Brockhaus: Handbuch des Wissens in zwanzig Bänden. 21 Bände. Brockhaus, Leipzig 151928–1935; Band 16: Roq–Schq, S. 455. Hier einige Beispiele für die Verwendung des Begriffs:

Vor dem 18. Jahrhundert Das älteste bekannte Hostieneisen zur Herstellung von Altarbroten aus dem Karthago des 6. oder 7. Jahrhunderts, also aus der Zeit vor der Zerstörung der Stadt durch die Araber, weist um das Christusmonogramm herum in Anlehnung an Hld 2,1 die Inschrift Hic est flos campi et lilium („Dies ist eine Blume des Feldes und eine Lilie“) auf.Henri Leclercq, in The Catholic Encyclopedia. Band 7. Robert Appleton Company, New York 1910. 10. Sept. 2013. Hier wird also der im Abendmahlssakrament gegenwärtige Christus mit der Rose von Scharon gleichgesetzt. Die sephardische Dichtkunst des 10. bis 15. Jahrhunderts macht reich von dem Wort חבצלת (ḥăḇaṣṣeleṯ) Gebrauch, das in englischen Übersetzungen stets mit „Rose of Sharon“ wiedergegeben wird, ausnahmsweise auch mit „lily“. (Siehe Tor 47 der Tahkemoni.)Judah Alharizi: The Book of Tahkemoni, englische Übersetzung: David Simha Segal. The Littman Library of Jewish Civilization, London 2001. So findet sich der Begriff das gesamte Sefer Tahkemoni des Juda al-Charisi (1165–1225) hindurch und in einem großen Teil des Werks des sogenannten goldenen Zeitalters der iberisch-jüdischen belles lettres, was Werke von Dichtern wie Schmuel ha-Nagid (993–1056), Moses ibn Esra (um 1055-nach 1138), Yehuda Halevi (um 1075–1141), Abraham ibn Esra (um 1093 bis etwa 1167) und anderen umfasst.Cole, Peter. The Dream of the Poem. Englische Übersetzung: Peter Cole. Princeton University Press, Princeton. 2007. mini|Franz Pforr, Maria und Sulamith (1811), Sammlung Georg Schäfer, Schweinfurt mini|Hibiscus syriacus, Blüte Gabriel von Lebenstein schrieb Ende des 14. Jahrhunderts ein Kurztraktat über „gebrannte Wässer“. (Älteste Handschrift: Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod. 54 Aug. 4°, Bl. 19r-24r, 1. Viertel 15. Jh.) Über die Rose von Scharon heißt es dort: „Flos campi die rotten. Es stet geschriben in dem buch der mynnenden sel, es hab auch vnser libe fraw gesprochen durch jren junckfrawlichen mundt: Ich bin ein plvm vnd bin gehaissen flos campi.“ Die Sprecherin von Hld 2,1 (Sulamith) wird hier also mit Maria, der Mutter Jesu, identifiziert. Mit welcher Pflanze Gabriel von Lebenstein die flos campi hier gleichsetzte, ist unbekannt, möglicherweise mit der Haferwurzel, mit der sie Albertus Magnus im 13. Jahrhundert identifizierte. 1539 erschien in Buch I der fünfstimmigen Motetten Nicolas Gomberts an zehnter Stelle Ego flos campi. Clemens non Papa (1510 bis um 1557) schrieb im Herbst 1550 die Motette Ego flos campi zu und . (Tondatei abrufbar unter Saturday Chorale) Jacobus Vaet (1529–1567), ein Schüler Clemens non Papas, benutzte dessen Motette für seine Messe Missa Ego flos campi.Beschreibung von Dave Lewis auf AllMusic (Als CD des Ensemble Cinquecento erschienen. 2009 entstand eine Aufnahme unter Beteiligung von Terry Wey.) Francisco Guerrero schrieb in Venedig im Jahre 1589 die achtstimmige Motette Ego flos campi zu . (Notenblätter als PDF auf der Webseite der Universität Málaga) Leonhard Lechner (um 1553–1606) schrieb die Motette Ich bin ein Blumen zu Saron (fünfter Teil von Das Hohelied Salomonis) zu . (Notenblätter als PDF auf der Webseite IMSLP) Claudio Monteverdi (1567–1643) schrieb 1624 die einstimmige Motette Ego flos campi et lilium convallium (SV 301) zu . Dieterich Buxtehude (um 1637–1707) schrieb die Kantate Ich bin eine Blume zu Saron (BuxWV 45, Edition Butorac München 2012) zu . (Tondatei abrufbar unter Saturday Chorale, Notenblätter als PDF unter Saron.de)

18. Jahrhundert Johann Heinrich Reitz ließ 1726 seiner Biographie Georg Balthasars in der Historie der Wiedergebohrnen ein Gedicht folgen, das die Rose von Scharon als Sarons-Blum erwähnt. Hier seien nur die ersten beiden Strophen zitiert, die auf diese Pflanze Bezug nehmen:

Klein und arm an Hertz und Munde Mußst du seyn / wann Christus soll Gehen auff in deinem Grunde: Denn die Rose und Viol Wächst im Thal der nidern Seelen / Die nichts Hohes hier erwählen!

Mögtst du nur so seyn demüthig Wie die nidre Sarons=Blum / Und demnach stehn ehrerbietig Und vor GOtt gebücket=krumm: So soltst du gar bald die Gaben Seines Geistes in dir haben.

Das Gedicht wurde durch seine Aufnahme als Volksliedtext in Achim von Arnims 1805 erschienenem ersten Band der Liedersammlung Des Knaben Wunderhorn unter dem Titel Werd ein Kind bekannt.

19. Jahrhundert Der englische Baptistenpastor Charles Haddon Spurgeon (1834–1892) bezog den Begriff der Rose von Scharon im Kontext von Hld 2,1-2 und an anderen Stellen auf Christus: „‚Ich bin eine Blume zu Saron.‘ Das war die beste und seltenste unter allen Rosen. Der Herr Jesus ist nicht bloß ‚eine Rose‘, sondern Er ist die ‚Rose zu Saron‘, gerade wie Er seine Gerechtigkeit ‚Gold‘ nennt und dann beifügt: ‚Gold aus Ophir‘, das Beste von allem Besten.“ „Nimm die Rose von Saron, und nimm ein Blatt um das andre davon und lege es ein zwischen die Blätter deines Gedächtnisses, so wirst du erfahren, daß es noch lange Zeit hernach seinen köstlichen Duft von sich gibt und das ganze Haus mit Wohlgeruch erfüllt. Christus befriedigt den edelsten Geschmack des feingebildeten Herzens und des Geistes aufs völligste. Der wählerischeste Liebhaber von Wohlgerüchen ist durchaus befriedigt mit dem Duft der Rose; und wenn die Seele die höchste Stufe des wahren Geschmacks erreicht hat, so wird sie dennoch immer wieder aufs neue von Christo angezogen, ja, sie schätzt Ihn nur umso höher. Der Himmel selber besitzt nichts, was diese Rose zu Saron überträfe.“