Durch eine Aktion gegen Miesmacher und Kritikaster (kurz Miesmacher-Aktion) versuchte die Reichspropagandaleitung der NSDAP im Frühjahr 1934, einem Stimmungsumschlag in der Bevölkerung entgegenzuwirken und spontane Unmutsäußerungen und laute Kritik von enttäuschten Volksgenossen und Parteiangehörigen einzudämmen. Vermutlich auf Initiative Adolf Hitlers eröffnete Joseph Goebbels am 11. Mai 1934 mit einer Rede im Berliner Sportpalast diesen „Feldzug gegen Miesmacher und Kritikaster, gegen Gerüchtemacher und Nichtskönner, gegen Saboteure und Hetzer“. Die Kampagne wurde reichsweit bis Ende Juni 1934 fortgeführt.

Hintergrund

Im Frühjahr 1934 war die anfängliche Hochstimmung nach der „Machtergreifung“ vielfach in Ernüchterung und Enttäuschung umgeschlagen: Die Rohstoff- und Devisenkrise, Mängel bei der Fettversorgung, eine zögerliche Mittelstandspolitik, regulierende Maßnahmen in der Landwirtschaft und der Lebensstil vieler als Bonzen geschmähter Funktionäre ließen eine Missstimmung aufkommen, die in allen Regionen spürbar anwuchs.Günter Morsch: Arbeit und Brot. Studien zu Lage, Stimmung, Einstellung und Verhalten der deutschen Arbeiterschaft, 1933–1936/37. Frankfurt am Main 1993, ISBN 3-631-42772-7, S. 178. Unzufriedenheit regte sich besonders in bäuerlichen und mittelständischen Kreisen.Ian Kershaw: Alltägliches und Außeralltägliches: ihre Bedeutung für die Volksmeinung 1933–1939. In: Detlef Peukert, Jürgen Reulecke (Hrsg.): Die Reihen fast geschlossen. Beiträge zur Geschichte des Alltags unterm Nationalsozialismus. Hammer, Wuppertal 1981, ISBN 3-87294-176-3, S. 273–292, hier S. 281. Die Deutschland-Berichte der Sopade stellten fest, der „Begeisterungsrausch früherer Monate“ sei verflogen.Zitiert nach Michael Grüttner: Das Dritte Reich 1933–1939 (= Gebhardt. Handbuch der deutschen Geschichte, Band 19). Stuttgart 2014, ISBN 978-3-608-60019-3, S. 70. Zwar drohte die verbreitete Unzufriedenheit zu diesem Zeitpunkt keineswegs in eine grundlegende politische Opposition umzuschlagen.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1936. Stuttgart 1998, ISBN 3-421-05131-3, S. 639. Dem unverkennbaren Stimmungstief jedoch, das sich durch zahlreiche Unmutsäußerungen und unverhohlene Kritik offenbarte, wollten die neuen Machthaber mit einem Propagandafeldzug entgegenwirken.Norbert Frei: Der Führerstaat. Nationalsozialistische Herrschaft 1933 bis 1945. München 2001, ISBN 3-423-30785-4, S. 15. Die Initiative ging dabei wahrscheinlich von Hitler persönlich aus. Die sogenannte Aktion gegen KritikasterKritikaster - verächtliche Bezeichnung für kleinliche Kritiker. Siehe Cornelia Schmitz-Berning: Vokabular des Nationalsozialismus. 2. Auflage, Berlin 2007, ISBN 978-3-11-019549-1, S. 359. richtete sich vor allem gegen Konservative, Monarchisten und Juden. Dabei wurde auch vor Provokateuren gewarnt, die eine „zweite Revolution“ in Gang setzen wollten. Unter diesem Schlagwort forderte die SA eine soziale Umgestaltung der Gesellschaft und eine militärische Gleichberechtigung neben der Reichswehr. Ihre Ausschaltung im Zuge der Röhm-Morde markiert auch das Ende der Miesmacher-Aktion.

In einem Lagebericht vom 4. Juni 1934 warnte die Staatspolizeistelle Hannover ausdrücklich, der berechtigte Kampf gegen Nörgler und Miesmacher dürfe nicht dazu führen, einem Spitzel- und Denunziantentum Tür und Tor zu öffnen.Gisela Diewald-Kerkmann: Politische Denunziation im NS-Regime oder die kleine Macht der "Volksgenossen". Bonn 1995, ISBN 3-8012-5018-0, S. 23. Andererseits erweiterten alsbald gesetzliche Bestimmungen die Möglichkeit, öffentlich geäußerte Kritik mit Strafen zu belegen.

Aktionen

Schon zwei Wochen vor Beginn der Aktion, der Rede im Sportpalast, war die örtliche Presse gehalten, täglich über die Kampagne zu berichten. In Wiesbaden zum Beispiel forderten Zeitungen dazu auf, Hakenkreuzabzeichen für 0,20 RM zu erwerben, die zum Eintritt zu den geplanten Veranstaltungen berechtigten. Transparente wurden aufgespannt und Parolen auf Bürgersteige gepinselt: „Miesmacher sind Landesverräter!“, „Kampf der Reaktion!“, „Schluss mit den Konfessionshetzern!“ In Wiesbaden und den zehn eingemeindeten Vororten wurden viertausend Plakate angeschlagen und mit Aufklebern „Heute Abend bleiben nur Miesmacher zu Hause“ aktualisiert. Dort wurden am 8. Juni 1934 insgesamt 38 Massenkundgebungen durchgeführt.Kurt Pfeil: Wie wir unsere Aktion gegen Miesmacher und Kritikaster organisierten. In: Unser Wille und Weg. Parteiamtliche Propaganda-Zeitschrift für die politischen Leiter der N.S.D.A.P. 4, Heft 8, 1934, S. 226–230 / s. a. Peter Longerich: Joseph Goebbels. Biographie. München 2010, ISBN 978-3-88680-887-8, S. 261. Reichsweit sollten die Aktionen planmäßig bis zum 30. Juni 1934 laufen.laut Ankündigung im Völkischen Beobachter vom 4. Mai 1934 – abgedr. in: Klaus Behnken (Hrsg.): Deutschland-Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (Sopade) 1934–1940. 1. Jahrgangsband, Salzhausen / Frankfurt am Main 1980, S. 105. Goebbels ordnete nach dem Ende des „Feldzugs gegen Miesmacher und Kritikaster“ einen Urlaub für alle Partei- und Gauredner bis Ende Juli an.chroniknet.de: Tageseintrag für den 1. Juli 1934 (Abruf am 13. August 2014)

Reden von Joseph Goebbels

In der Rede zum Auftakt der Aktion am 11. Mai 1934Redeauszug des Völkischen Beobachters als Dokument VEJ 1/117 in: Wolf Gruner (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945 (Quellensammlung): Band 1: Deutsches Reich 1933–1937. München 2008, ISBN 978-3-486-58480-6, S. 337–339. äußerte sich Goebbels verächtlich über „Kritikaster“, „Miesmacher“, „Hetzer“ und „Gerüchtemacher“. Die Auseinandersetzung mit ihnen sollte nicht der Staatsgewalt überlassen bleiben, sondern vom „Bundesgenossen Volk“ getragen werden. Es sei nachgerade verbrecherisch, anderen den Mut zu nehmen. Man wisse sehr wohl, der verdeckte Warenboykott des Auslands sei auf „unsere jüdischen Mitbürger zurückzuführen“. Eine letzte Warnung sei ihnen davor erteilt, wieder deutsche Bühnen zu betreten, in Redaktionsstuben aufzutauchen oder über den Kurfürstendamm zu flanieren, als ob nichts geschehen sei. Juden hätten sich wie Gäste in Deutschland aufzuführen.

Die feindliche Reaktion versuche, den Kampf gegen den Nationalsozialismus auf dem Umweg über die Kirchen fortzuführen. Goebbels wies es als eine Unterstellung der Auslandspresse zurück, dass das Prestige des Nationalsozialismus gesunken sei. Die SA sei keine Kriegs-, sondern eine Friedenstruppe, eine Truppe der Ordnung und Disziplin, die ein Garant dafür sei, dass Spannungen innen- und außenpolitischer Natur von dem gefestigten deutschen Volk beseitigt würden.Redebeitrag zur SA nach Norbert Frei: Der Führerstaat. Nationalsozialistische Herrschaft 1933 bis 1945. München 2001, ISBN 3-423-30785-4, S. 16. - Frei bezieht sich ebenfalls auf die Veröffentlichung im Völkischen Beobachter.

In seinem Tagebuch schrieb Goebbels über seine Rede im Sportpalast: „Eine Kampfversammlung wie in alten Zeiten. Gegen Meckerer und Nörgler. Rauschende Beifallsstürme. Ich bin in bester Form. […] Das war ein schwerer Schlag gegen die Sabotage. Nun nachhaken!“Elke Fröhlich (Hrsg.): Die Tagebücher von Joseph Goebbels. Band 3/I: April 1934-Februar 1936. München 2005, ISBN 3-598-23730-8, S. 48. (Eintrag vom 14. Mai 1934)

Der Rede folgten weitere Auftritte im ganzen Reich. Goebbels’ Attacken insbesondere gegen die konservativ-bürgerlichen Kritiker, die sich 1918 als zur Führung ungeeignet erwiesen hätten, steigerten sich und gipfelten in einer Rede zur SonnwendfeierQuellenhinweis: 21. Juni 1934 - Dr. Goebbels spricht auf der Sonnwendfeier (Berlin) → Hamburger Fremdenblatt am 21. Juni 1934: Man hätte besser daran getan, all „diese Herrschaften“ hinter Schloss und Riegel zu setzen.So bei Ralf Georg Reuth: Goebbels - eine Biographie. Überarbeitete und erweiterte Ausgabe. München 2012, ISBN 978-3-492-05557-4, S. 335/336.

Rede von Rudolf Heß

Der Stellvertreter des Führers, Rudolf Heß, hielt am 25. Juni 1934 eine Rede, die vom Reichssender Köln über alle deutschen Rundfunksender ausgestrahlt wurde. Darin verbat er sich die Kritik derjenigen, die versagt und den Niedergang nicht aufgehalten hätten. Die Aktion solle sichern, „daß weder ‚bewährte Konservative‘, noch ‚hoffnungsfrohe Monarchisten‘, noch auf die Erfolge der Wühlmäuse bauende Kommunisten Bedeutung gewinnen“ könnten.

Im 1935 veröffentlichten Auszug der Rede wird die „ganz besondere Bedeutung der folgenden Ausführungen“ hervorgehoben. Heß mahnt dort „jene idealistische Leichtgläubige unter meinen Parteigenossen“ zu besonderer Vorsicht, die „dazu neigen, sich Provokateuren zuzuwenden, die Volksgenossen gegeneinanderzuhetzen versuchen und dieses verbrecherische Spiel mit dem Ehrennamen einer ‚zweiten Revolution‘ bemänteln.“ „Der Befehl des Führers, dem wir Treue schworen, allein hat Geltung. Wehe dem, der die Treue bricht, im Glauben, durch eine Revolte der Revolution zu dienen! Armselig, die da glauben, auserwählt zu sein, durch agitatorisches Handeln von unten dem Führer revolutionär helfen zu müssen.“Gerd Rühle: Das Dritte Reich. Dokumentarische Darstellung des Aufbaus der Nation. Das zweite Jahr - 1934. Hummelverlag, Berlin , S. 230–232.

Reaktionen

Die Deutschland-Berichte der Sopade stellen dar, dass die „bis in letzte Dorf“ geplanten Versammlungen, Demonstrationen und Kundgebungen in fast allen Landesteilen ohne Schwung gewesen und teils wegen schwachen Besuchs ein klägliches Fiasko geblieben seien. Unter Parteianhängern sei angeblich die Meinung verbreitet, man hätte sich auf Presse-Aktionen beschränken sollen, und durch die ganze Miesmacher-Aktion wären erst Miesmacher geschaffen worden.Klaus Behnken (Hrsg.): Deutschland-Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (Sopade) 1934–1940. 1. Jahrgangsband. Salzhausen / Frankfurt am Main 1980, S. 105–106.

Tatsächlich versuchten einige höhere Funktionäre, die Aktion in ihrem Herrschaftsbereich zu bremsen. Der schlesische Gauleiter Helmuth Brückner hielt den Propagandafeldzug „für unnötig und schädlich“. Gauleiter Wilhelm Kube aus der Kurmark meinte, die Aktion löse nur Unruhe aus.Zitiert nach Der Spiegel. 25/1984 Alfred Rosenberg beklagte, die Aktion habe „einen denkbar ungünstigsten Eindruck“ im Ausland hinterlassen, dass nämlich in Deutschland eine weitverbreitete Unzufriedenheit herrsche. Auch Goebbels’ Rede mit Attacken gegen die Juden führten nur zur Hetze gegen Deutschland.Jürgen Matthäus, Frank Bajohr (Hrsg.): Alfred Rosenberg - Die Tagebücher 1934–1944. Frankfurt am Main 2018, ISBN 978-3-596-03281-5, S. 126–130, hier 128.

Das in Wien erscheinende jüdische Wochenblatt Die Wahrheit hatte befürchtet, die Miesmacher-Aktion würde in einen Pogrom ausarten, und bezeichnete den Röhm-Putsch als überraschenden Schlusseffekt der Kampagne, die sich plötzlich und unerwartet gegen die Verbreiter revolutionärer Unzufriedenheit gekehrt habe. Victor Klemperer schrieb, die Rede sei „eine maßlose Hetze und ‚letzte Warnung an die Juden‘. Offenkundige Pogromdrohung, wenn der Auslandsboykott nicht aufhöre. Versprechen, ihnen nichts zu tun, ‚wenn sie sich still in ihren Wohnungen halten‘ und nicht für ‚voll und gleichwertig‘ zu gelten beanspruchen. […] Hinter der ganzen Rede steht Verzweiflung, letzter Ablenkungsversuch. Das ganze System pfeift aus dem letzten Loch…“Victor Klemperer: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten – Tagebücher 1933–1944. Berlin 1995, ISBN 3-351-02340-5, Band 1, S. 105.