Der heutige Krefelder Stadtteil Hüls (seit der frühen Neuzeit „Flecken Hüls“) war eine selbständige Gemeinde, die zunächst 1970 zur ehemaligen Kreisstadt Kempen und 1975 nach Krefeld eingemeindet wurde. Der Kernort basiert auf der dem Rittergeschlecht von Hüls (de Hulse) zugehörigen Herrlichkeit, hervorgegangen aus deren Allod, d. h. Eigenbesitz – als Ministeriale erstmals nachgewiesen im Jahre 1112. Aufgrund Wappenähnlichkeit wird es von den Grafen von Tecklenburg abgeleitet und wurde Namensgeberin verschiedener Gutshöfe namens Hülshoff in Westfalen. Zu Anfang lebte das Geschlecht auf einer „alten“ Burg im Hülser Bruch, die im Jahre 1455 durch einen etwas näher am Ort liegenden Neubau ersetzt wurde. Bei der Herrlichkeit handelte sich um eine Unterherrschaft des Erzstiftes (Kurfürsten) von Köln, dem die Hülser Ritter – und deren Untersassen – zu Dienst und Waffengang verpflichtet waren.

mini|hochkant|Wappen – rotes Meerblatt ohne Stengel – und Helmzier der Ritter von Hüls Eine Besonderheit stellt der nördliche Ortsteil, die so genannte Hülsisch-Moersische Straße dar, die im Zuge einer Erbteilung des Jahres 1363 um etwa 1410 mit der (untergegangenen) Papenburg (Haus an gen Eynde) an die Grafschaft Moers kam – und in der Folge an deren Nachfolger Oranien und Preußen; ihre Bewohner unterlagen somit – anders als der kurkölnische Kernort – bis zur Franzosenzeit der Moersischen, später Oranischen Gerichtsbarkeit. Die Aufhebung der hoheitlichen Adelsrechte durch die Franzosen im Jahre 1806 und der anschließende Zusammenschluss des Hülsisch-Kurkölnischen Ortes mit dem Moersisch-Oranischen Ortsteil bedeutete das Ende der Herrlichkeit und das Entstehen der Gemeinde Hüls.Hans Kaiser: Territorienbildung in…Kempen, Oedt, Linn / Hüls – Allod in der Hand von Ministerialen. Verlagshaus Lapp, Mönchengladbach 1979, S. 147–148. mini|hochkant|Hülsdorn (Ilex/Stechpalme) – der namengebende Strauch für die Herrlichkeit Hüls

Teil 1: Herrlichkeit Hüls – von den Anfängen bis zur Katharina von Hüls (1565) Der Name Hüls leitet sich ab vom Hülsdornbusch (auch Ilex) – der im Mittelalter häufig im Umfeld des Ortes vorkam.Werner Mellen: Hüls – eine Chronik / Herren von Hüls 1100–1565 / Seite 16f. Verlag H. Kaltenmeier Söhne, Krefeld-Hüls 1998, ISBN 3-9804002-1-2. Die siedlungs- und verfassungsgeschichtlichen Wurzeln von Dorf und Herrlichkeit Hüls basierten nicht auf einem grundherrschaftlichen Villikationsverband, sondern entsprangen dem allodialen Eigenbesitz einer seit 1165 nachgewiesenen Dienstmannen-Familie, die später in den Ritterstand kam und ihre Machtgrundlage bis ins 15. Jahrhundert durch Erwerb und Pfandpolitik zu quasi landesherrlichen Befugnissen ausgebaut hat.

Herrlichkeit Hüls – Allod in der Hand von Ministerialen Die ersten bekannten Träger Hülser Namen stehen in Verbindung mit einer „alten“ (vor 1455 untergegangene) ersten Hülser Burg im Hülser Bruch (nahe dem jetzigen Freibad, am Landwehrgraben), worauf eine heutige Flur-/Straßen-Bezeichnung hinweist. Im Schutz der Burg entstand an einer Trockenrinne an der Grenze zur Bruchniederung eine ständig wachsende Ansiedlung, die um 1500 n. Chr. im Ortskern bereits über mehr als 80 Höfe verfügte. Es handelte sich um Lehm-Balken-Fachwerkhäuser zumeist mit Stroh-Eindeckung.

Die zweite „eigentliche“ Burg (heute als restaurierte Ruine erhalten mit Räumlichkeiten für kulturelle Zwecke) wurde ab 1455 erbaut durch Friedrich von Hüls, mit Erlaubnis des Kölner Erzbischofs Dietrich II. von Moers: „dahs er ein Hauß auf das broich hinder hulß bawen möge“. Die aus Backstein errichtete, mit Mauer und Türmen versehene Wasserburg hatte ein zweigeschossiges Haupthaus auf einem erhöhten Gewölbekeller, eine eigene Betkapelle und war umgeben von Graben und Vorburg.Werner Mellen: Hüls – eine Chronik / Nachfolgegeschlechter 1565–1798 / Seite 35f. Verlag H. Kaltenmeier Söhne, Krefeld-Hüls 1998, ISBN 3-9804002-1-2.

mini|Burg Hüls nach der Restaurierung im Jahre 2007 Nach dem Tode der letzten Hülser Herrin Katharina – zwei Jahre nach ihrem Gemahl Godert Haes von Konradsheim zu Sollbrüggen – starb 1565 die Hauptlinie ohne Leibeserben aus und verwandte auswärtige Adelshäuser setzten Amtmänner auf der Burg (als Dienstsitz) ein. Mehrfach wurde die Burg durch Kriege und Wetterunbill beschädigt, 1868 nach Sturm und Blitzschlag stürzte der Turm ein; nur notdürftig hergestellt, verfiel das Gebäude danach zur Ruine.

Das Haus Hüls – neuere Erkenntnisse Archäologische Untersuchungen aus dem Jahre 2011 und Erkenntnisse aus dem Jahre 2015 lassen darauf schließen, dass es sich bei der alten Burg (am Freibad) um eine Fluchtburg oder Schanze gehandelt hat (ähnlich der Schanze an der Vinnbrück), auch wegen der unmittelbaren Lage am Landwehrgraben.Hülser Heimatblätter 2015, Heft 62; Paul Schumacher in: Das Haus Hüls. Seite 941–943, Verlag H. Kaltenmeier Söhne, Herausgeber: Heimatverein Hüls e.V., Krefeld 2015.

Das ursprüngliche Haus Hüls könnte im Bereich des Beginenklosters „Klausur“ gelegen haben; darauf lässt auch eine Schenkung schließen, wonach der Ritter Friedrich von Hüls im Jahre 1419 dem Kloster „einen Garten vermacht, wo früher der Marstall gestanden und wo die Klausnerinnen wohnen sollen“. Wenn der Marstall – wie anzunehmen – ein Teil des ritterlichen Gutes war, dann hat sich auch das Gut selbst an dieser Stelle nahe dem Ortszentrum und der Kirche befunden.Hülser Heimatblätter 2015, Heft 62; Paul Schumacher in: Das Haus Hüls. Seite 941–943, Verlag H. Kaltenmeier Söhne, Herausgeber: Heimatverein Hüls e.V., Krefeld 2015. Als weiteres Indiz gilt eine Urkunde aus dem Jahre 1144, in der von einem „Bethaus im befestigten Hüls“ die Rede ist (oratorium in castro hulse). Bethäuser und Burgkapellen befanden sich in der Regel im Umfeld eines Rittergutes – die heutige Nachfolgekirche dieses Bethauses befindet sich direkt anschließend an das Beginenkloster.Hülser Heimatblätter 2015, Heft 62; Paul Schumacher in: Das Haus Hüls, Seite 941–943, Verlag H. Kaltenmeier Söhne, Herausgeber: Heimatverein Hüls e.V., Krefeld 2015.

Im Jahre 2004 hat man im Aushub der jetzigen Burgruine Scherben aus dem 12. und 14. Jahrhundert gefunden, wahrscheinlich aus Abriss des ehemaligen Hauses Hüls, der zur Anschüttung beim Bau der unweit entfernten (heutigen) Burg Hüls verwendet wurde.Hülser Heimatblätter 2015, Heft 62; Paul Schumacher in: Das Haus Hüls, Seite 941–943, Verlag H. Kaltenmeier Söhne, Herausgeber: Heimatverein Hüls e.V., Krefeld 2015.

Genealogie des Hauses Hüls Als Wappen führten die Hülser Herren ein rotes, stängelloses Seerosenblatt und als Helmzier einen silbernen Widderkopf. Als Siegelbild ist das stängellose Seerosenblatt seit 1294 belegt. Später kam als Schöffensiegel ein grünes Blatt mit Stängel auf – das sich bis zur heutigen Zeit in leicht veränderter Form als Siegel und Wappen des Ortes erhalten hat.Feinendegen/Vogt (Hrsg.): Krefeld – die Geschichte der Stadt, Band 1. Guido Rotthoff – Das Mittelalter / VIII Hüls – Die Herren von Hüls / Seite 468f, Verlag van Ackeren, Krefeld 2000, ISBN 3-9804181-6-2. Erstmals im Jahre 1122 und ab 1388 bis 1565 lässt sich der Stammbaum der Hülser Ritter lückenlos aufzeigen:

1112: mit Rethere de Holese wird erstmals ein Mitglied des Hülser Geschlechtes erwähnt. Im Jahre 1116 wird dieser (jetzt: Reterus de Holse) ausdrücklich als Ministeriale genannt, im Zusammenhang mit der Beurkundung einer Schenkung. Bis 1131 gibt es weitere Erwähnungen dieses Retherus. 1167 bis 1182: in dieser Zeit gibt es mehrere Erwähnungen, von Leonius de Hulsen und Johannes de Hulse. 1222 bis 1277: weitere Mitgliedes des Hülser Hauses sind dokumentiert, so Herimannus, Henricus (miles = Ritter), Geldolfus (frater), Johannes und Gozwinus. 1288: Ritter Gottfried von Hüls wird als Vasall des Erzbischofs Siegfried von Westerburg in der Schlacht von Worringen gefangen genommen. Am Fuße der Tönisberger Höhen befindet sich in einem Stichweg zur Biegung der B9 ein Erinnerungsdenkmal an den sogenannten Vertrag von Vinnbrück, in dem sich der Ritter Gottfried (neben anderen) als Vasall an den Kölner Erzbischof band.

Seit 1308 bis zur 1565 verstorbenen Katharina – mit ihrem Gemahl Godert Haes letzte Herrin in Hüls – sind alle Namen der in Hüls ansässigen Linie lückenlos nachgewiesen (erste Jahreszahl jeweils erste bekannte Nennung):

1308/24: Geldolf (I) von Hüls, Drost zu Liedberg 1343: Walrave von Hüls ⚭ Stine von Kessel 1363: Geldolf (II) von Hüls ⚭ 1365 Jutta von Rode (auf Haus Rath bei Krefeld-Elfrath) (Geldolf II stiftet im Jahre 1398 ein Grundstück zur Errichtung des Beginenklosters „Klausur“)

Geldolfs Bruder Matthias verpfändete sein 1363 erhaltenes Erbteil, die „Moersische Straße“ mit der so genannten Papenburg, um 1410 an die Grafen von Moers – woraus in späteren Jahren besitzrechtliche und religiös motivierte Verwicklungen entstehen sollten.

1392: Friedrich (I) von Hüls 1. ⚭ Agnes de Rade, 2. ⚭ Jutgen van Hogepath 1417: Geldolf (III) von Hüls ⚭ Katharina von Stammheim (Geldolf III setzt 1428 die Statuten fest für ein weiteres Beginenkloster, das etwa 1420 erbaute „Cäcilien-Konvent“). (zur Zeit Geldolf III erfolgt um 1434 die Konsekration (Weihe) der Hülser Pfarrkirche – ein Neubau oder eine Erweiterung der alten Kirche) (Geldolf III erbaut 1443 die Hülser Herrenmühle, eine Windmühle in der Feldflur auf dem Wege nach Kempen; später kam eine Rossmühle hinzu) 1445 Friedrich (II) von Hüls 1. ⚭ Eva von Harff, 2. ⚭ Johanna von Boedberg (Friedr. II ist der Erbauer der heutigen 2ten Burg, deren Bau 1455 durch den Erzbischof genehmigt wird) 1474 Friedrich (III) von Hüls ⚭ 1488 mit Petronella Schenck von Nideggen – mit dieser Heirat kommt eine Hälfte der Herrlichkeit Walbeck an Hüls. 1488 Katharina von Hüls und Walbeck ⚭ 1517 Godert Haes von Conradsheim zu Sollbrüggen (in die Kindheitszeit der Katharina fällt 1492 der Hexenprozess, bei dem die Magd Nesgen tho Range vom Inrath zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt wird)

mini|350px|Besiedelung der Herrlichkeit Hüls im 16./17. Jahrhundert; der kurkölnische Ortskern wurde bereits ab 1300 intensiv besiedelt, der darüber liegende Moersische Ortsteil erst ab dem 16. Jahrhundert; die Bauernzeilen am Brustert und an der Bruckerschen Straße sowie die Bauerschaften Steeg und Orbroich sind bis ins Jahr 1400 zurückverfolgbar – Skizze und Angaben nach Lichtenberg/Kaiser. Katharinas Ehemann Godert Haes entstammte einer angesehenen Adelsfamilie – Amtmänner und Juristen – von Haus Sollbrüggen in Krefeld-Bockum; durch geschickte Rechts- und Erbgeschäfte verstand er es, das Vermögen und die Ländereien des Hauses Hüls zu erweitern – so kam die Familie in den Besitz der Burg Steprath bei Walbeck. Katharinas Ehe blieb kinderlos – ihr Ziehsohn „Valenus“ von Geldern (leiblicher Sohn einer Cousine der Katharina) konnte später wegen Erbstreitigkeiten das ihm zugedachte Erbe nicht antreten.

Godert Haes war Gefolgsmann des Kurfürsten/Erzbischofs Hermann V. von Wied, der nach erfolglosen reformatorischen Bestrebungen auf Druck durch Papst und Kaiser sein Amt niederlegte. Auch der Hülser Ritter Haes war als Förderer der Reformation bekannt. Über ihn ist überliefert, dass er mehrfach die Schwestern des Cäcilienkonvents wegen religiöser Differenzen drangsalierte. 1559 beschwerten sich die Pfarrer von Hüls und umliegender Orte darüber, dass der Hülser Herr auf seiner Burg Wiedertäufern Gelegenheit zur Predigt vor größerem Publikum gegeben habe. Unbelegt ist die Überlieferung, wonach Godert Haes die Hülser Fronleichnamsprozession durch Waffengewalt zu verhindern versuchte und daran nur durch die Steeger Schützenbruderschaft gehindert wurde.