Die Schweizer Parlamentswahlen 1917 fanden am 28. Oktober 1917 statt. Zur Wahl standen 189 Sitze des Nationalrates. Die Wahlen wurden zum letzten Mal nach dem Majorzwahlrecht vorgenommen, wobei das Land in 49 unterschiedlich grosse Nationalratswahlkreise unterteilt war. Der Wahlkampf war von den sozialen Spannungen während des Ersten Weltkriegs geprägt. Trotz stark gesunkenem Wähleranteil konnte die Freisinnig-Demokratische Partei (FDP) ein letztes Mal die absolute Mehrheit der Sitze erringen. Das neu gewählte Parlament trat in der 24. Legislaturperiode erstmals am 3. Dezember 1917 zusammen.

Wahlkampf Die Sozialdemokratische Partei (SP), die vor allem in der Deutschschweiz unter dem Eindruck der Zimmerwalder Konferenz stand, beschloss im November 1915, sich nicht länger an den zu Beginn des Ersten Weltkriegs vereinbarten «Burgfrieden» zu halten und verstand sich nun als «revolutionäre Aktion der Arbeiterklasse». Durch den erfolgten Linksrutsch kam es 1916 zum Bruch mit dem Grütliverein.Sozialdemokrat. Partei der Schweiz: Protokoll über die Verhandlungen des Parteitages in Zürich, 4. und 5. November im Gesellschaftshaus zu "Kaufleuten". o. O. u. J., S. 122 ff. Durch die Ablehnung der Landesverteidigung am Parteitag in Bern im Juni 1917 nahm die SP deutliche antimilitaristische Züge an, gemässigte Vertreter wie Herman Greulich sahen sich in die Minderheit versetzt.Protokoll über die Verhandlungen des ausserordentlichen Parteitages der Sozialdemokratischen Partei vom 9. und 10. Juni 1917, im Volkshaus Bern. Bern 1917, S. 108 ff. Angesichts des weit verbreiteten Elends infolge der kriegsbedingten wirtschaftlichen Notlage (siehe Schweiz im Ersten Weltkrieg) kam es aber noch vor den Wahlen wieder zu einer Annäherung zwischen den Parteiflügeln.Gruner: Die Wahlen in den Schweizerischen Nationalrat 1848–1919, Band 1, zweiter Teil, S. 787–788.

Den Auftakt zum Wahlkampf bildeten «Teuerungsdemonstrationen» am 30. August 1917 in zahlreichen Schweizer Städten, womit sich die SP über das vom Bundesrat verhängte Demonstrationsverbot hinwegsetzte. Der Mittelstand sollte sich mit der Arbeiterschaft solidarisieren, gleichzeitig sollte die dominierende Freisinnig-Demokratische Partei (FDP) als Vertreterin von Grossbauern, Geschäftemachern und Bankiers abgestempelt werden, die sich nur dank des Wahlsystems an der Macht halten könne. Mit der Zunahme der latenten sozialen Spannungen traten die Gegensätze innerhalb der FDP immer stärker hervor. Der Graben zwischen linkem und rechtem Flügel vergrösserte sich. Die Jungfreisinnigen verstanden sich als Vertreter von Angestellten und Beamten, mit ihrer Annäherung an die Arbeiterbewegung entwickelten sie sich zu Rivalen der Mutterpartei. Der Linkskurs der Jungfreisinnigen war so ausgeprägt, dass sie als «Stosstrupp der Sozialdemokraten» kritisiert wurden. In ländlichen Regionen begann sich auch die bäuerliche Bevölkerung zunehmend vom Freisinn abzuwenden. Neu entstehende Bauernbewegungen stellten eigene Kandidaten auf und bildeten damit die Keimzelle für die spätere Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB). Die Konservative Volkspartei unterstützte zwar den Freisinn in finanzpolitischen Fragen, setzte sich aber für den Proporz ein; der christlichsoziale Flügel hegte gewisse Sympathien für die SP.Gruner: Die Wahlen in den Schweizerischen Nationalrat 1848–1919, Band 1, zweiter Teil, S. 789–791.

Während der 23. Legislaturperiode hatte es aufgrund von Vakanzen zwölf Ersatzwahlen in zehn Wahlkreisen gegeben, bei denen die Freisinnigen vier Sitzverluste hinnehmen mussten. 1917 gab es insgesamt 64 Wahlgänge (zehn mehr als drei Jahre zuvor). In 35 von 49 Wahlkreisen waren die Wahlen bereits nach dem ersten Wahlgang entschieden. Mit dem letzten Wahlgang am 9. Dezember 1917 war der Nationalrat komplett. Die Wahlbeteiligung stieg im Vergleich zu 1914 um 13,4 Prozentpunkte. Den höchsten Wert wies der Kanton Schaffhausen auf, wo aufgrund der dort geltenden Wahlpflicht 86,8 % ihre Stimme abgaben. Am wenigsten Interesse zeigten die Wähler im Kanton Uri mit einer Beteiligung von nur 23,4 %. Trotz neun Sitzverlusten und einem um 15 % geschrumpften Wähleranteil konnten die Freisinnigen nochmals knapp die absolute Mehrheit der Sitze behaupten. Dass die Sozialdemokraten trotz der Verdreifachung des Wähleranteils nur vier Sitze zulegen konnten, war auf die starken Verzerrungen durch das Majorzwahlrecht zurückzuführen.

1913 hatte die SP zusammen mit den Katholisch-Konservativen eine Eidgenössische Volksinitiative «für die Proporzwahl des Nationalrates» eingereicht (die insgesamt dritte zu diesem Thema). Aufgrund des Krieges verschleppte jedoch die Bundesversammlung die Beratung darüber um mehrere Jahre. Das Wahlergebnis von 1917 zeigte nochmals eindrücklich, dass das bisherige System nicht mehr zu halten war. Am 13. Oktober 1918 wurde die Initiative mit 66,8 % der Stimmen angenommen. Unter dem Eindruck des Landesstreiks im November 1918 beschloss man die Verkürzung der Legislaturperiode um ein Jahr, so dass das neue Wahlverfahren bereits 1919 erstmals zur Anwendung gelangte.

Zwischen 1917 und 1919 fanden aufgrund von Vakanzen nochmals zehn Ersatzwahlen in neun Wahlkreisen statt. Zwei weitere Ersatzwahlen wurden aufgrund des kurz bevorstehenden Systemwechsels nicht mehr durchgeführt. Während der Legislaturperiode traten acht Nationalräte aus der FDP aus und schlossen sich den Vorläufern der BGB an. Somit verfügten die Freisinnigen zuletzt nur noch über eine Mehrheit von einem Sitz.Gruner: Die Wahlen in den Schweizerischen Nationalrat 1848–1919, Band 1, zweiter Teil, S. 797.

Ergebnis der Nationalratswahlen

Gesamtergebnis Von 915'552 volljährigen männlichen Wahlberechtigten nahmen 547'652 an den Wahlen teil, was einer Wahlbeteiligung von 59,8 % entspricht.Gruner: Die Wahlen in den Schweizerischen Nationalrat 1848–1919, Band 3, S. 369.

Die 189 Sitze im Nationalrat verteilten sich wie folgt:Gruner: Die Wahlen in den Schweizerischen Nationalrat 1848–1919, Band 1, zweiter Teil, S. 795.Gruner: Die Wahlen in den Schweizerischen Nationalrat 1848–1919, Band 3, S. 485.

Partei Sitze1914 vor Auf-lösung Sitze1917 +/− Wähler-anteil +/− FDP 112 108 103 −9 40,8 % −15,3 % KVP 37 38 41 +4 16,4 % −4,7 % SP 18 17 22 +4 30,8 % +20,7 % LPS 16 15 12 −4 4,9 % −2,5 % DL 4 5 7 +3 3,3 % +0,6 % kl. Parteien* 2 2 4 +2 3,4 % +1,4 % Diverse – – – – 0,4 % −0,2 % * 1 Sitz für Unabhängigen, 3 Sitze für BB FDP = Freisinnig-Demokratische Partei LPS = Liberale Partei der Schweiz KVP = Konservative Volkspartei DL = Demokratische Linke (sozialpolitische Gruppe, Demokratische Partei) SP = Sozialdemokratische Partei BB = Bauern und Bürger (informeller Vorläufer der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei) DVV = Demokratisch-volkswirtschaftliche Vereinigung

Ergebnisse in den Kantonen Die nachfolgende Tabelle zeigt die Verteilung der errungenen Sitze auf die Kantone.Gruner: Die Wahlen in den Schweizerischen Nationalrat 1848–1919, Band 3, S. 313–323Gruner: Die Wahlen in den Schweizerischen Nationalrat 1848–1919, Band 3, S. 368.

Kanton Sitzetotal Wahl-kreise Betei-ligungFDP KVP SP LPS DL BB unabh. DVV 12 4 79,2 % 9 3 3 1 64,5 % 2 1 1 1 72,4 % 1 4 1 47,7 % 3 1 +1 − −1 7 1 76,2 % 2 1 +1 1 −2 1 −1 1 +1 1 +1 32 7 62,0 % 20 −4 3 +1 8 +4 1 −1 7 2 32,5 % 2 5 8 1 52,3 % 3 1 1 3 2 1 56,4 % 1 1 6 1 58,6 % 4 2 +1 − −1 8 3 39,8 % 3 5 7 1 62,2 % 3 −1 2 2 +1 1 1 26,4 % 1 1 1 23,4 % 1 2 1 86,8 % 2 3 1 59,4 % 1 2 6 1 44,6 % 2 −2 2 +1 2 +1 15 5 77,3 % 7 6 2 8 2 34,4 % 6 +1 2 − −1 7 1 78,4 % 4 1 1 1 +1 − −1 1 1 30,3 % 1 16 3 46,7 % 11 5 6 2 50,1 % 1 5 1 1 49,6 % 1 25 5 70,9 % 15 −3 7 +1 − −1 2 +2 1 +1 Schweiz 189 49 59,8 % 103 −9 41 +4 22 +4 12 −4 7 +3 3 +3 1 ±0 – −1

Ständerat Die Wahlberechtigten konnten die Mitglieder des Ständerates in 19 Kantonen selbst bestimmen: In den Kantonen Aargau, Basel-Landschaft, Basel-Stadt, Genf, Graubünden, Luzern, Schwyz, Solothurn, Tessin, Thurgau, Waadt, Zug und Zürich an der Wahlurne, in den Kantonen Appenzell Ausserrhoden, Appenzell Innerrhoden, Glarus, Nidwalden, Obwalden und Uri an der Landsgemeinde. In allen anderen Kantonen erfolgte die Wahl indirekt durch die jeweiligen Kantonsparlamente. In vielen Kantonen fanden die Ständeratswahlen damals zudem nicht gleichzeitig mit den Nationalratswahlen statt.

Sitzverteilung Die Sitzverteilung im Ständerat sah wie folgt aus: ParteiWahlen 1917Wahlen 1914FDP2424KVP1616LPS22DP11SP11

Gewählte Ständeräte Kanton1. Ständeratssitz2. StänderatssitzPeter Emil Isler, FDPGottfried Keller, FDPJohannes Baumann, FDPnur 1 SitzJohann Baptist Edmund Dähler, KVPnur 1 SitzGustav Schneider, FDPnur 1 SitzPaul Scherrer, FDPnur 1 SitzGottfried Kunz, FDPAdolf von Steiger, FDPGeorges Python, KVPGeorges de Montenach, KVPAdrien Lachenal, FDPJacques Rutty, LPSDavid Legler, DPPhilippe Mercier, FDPAndreas Laelys, FDPFriedrich Brügger, KVPJosef Dürig, KVPJosef Winiger, KVPAuguste Pettavel, FDPPierre de Meuron, LPSJakob Konstantin Wyrsch, KVPnur 1 SitzAdalbert Wirz, KVPnur 1 SitzAlbert Ammann, FDPHeinrich Bolli, FDPMartin Ochsner, KVPJosef Räber, KVPCasimir von Arx, FDPRobert Schöpfer, FDPJohannes Geel, FDPHeinrich Scherrer, SPStefano Gabuzzi, FDPAdolfo Soldini, FDPJohann Georg Leumann, FDPAlbert Böhi, FDPKarl Huber, KVPFranz Muheim, KVPHenri Simon, FDPÉmile Dind, FDPJoseph Ribordy, KVPJulius Zen Ruffinen, KVPJosef Andermatt, KVPJosef Hildebrand, KVPOskar Wettstein, FDPPaul Usteri, FDP

Literatur

Einzelnachweise

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