mini|Wetu-Telu-Moschee in Bayan, Lombok Wetu Telu, bzw. früher Waktu Telu (Indonesisch: „Drei Zeiten“), ist eine religiöse Gemeinschaft bei den Sasak auf der indonesischen Insel Lombok. Die Wetu Telu sind nominell Muslime. Allerdings vermischen sich in ihrer religiösen Kultur – die ebenfalls als Wetu Telu bezeichnet wird – Elemente des Islams, des balinesischen Hinduismus und der animistischen Lokalreligion. Die Wetu-Telu-Kultur hat Ähnlichkeiten mit dem javanisch-islamischen Synkretismus (kejawen), wie er von den Abangan gelebt wird.Vgl. Cederroth: „A sacred cloth religion?“ 1992, S. 10.Vgl. Budiwanti: „Islam Sasak“. 2000, S. 1.

Innerhalb der Volksgruppe der Sasak bilden die Wetu Telu nur eine kleine Minderheit, die meisten anderen Sasak sind gewöhnliche Muslime. Durch Verfolgung und Missionierung hat die Anzahl der Wetu Telu in den vergangenen Jahrzehnten stark abgenommen. Während sich in den 1930er Jahren auch die Bewohner mehrerer Orte in Zentral- und West-Lombok wie Sembalun und Narmada noch als Wetu Telu identifizierten,Vgl. Bousquet: „Recherches“. 1939, S. 152f. ist diese Gemeinschaft heute fast ausschließlich auf die entlegenen nördlichen Bergregionen sowie auf den äußersten Süden der Insel beschränkt.Vgl. Avonius: „Reforming Wetu Telu“. 2004, S. 32. Die Zahl der Wetu Telu hat im gleichen Zeitraum von 76.000Vgl. Bousquet: „Recherches“. 1939, S. 153. auf ca. 5.000 PersonenVgl. Budiwanti: „Purification Movement“. 2014, S. 144. abgenommen. Als wichtigstes Zentrum der Wetu Telu gilt heute die nördliche Bayan-Region mit den Orten Kandang Kaoq, Bayan und Tanjung.Vgl. Budiwanti: „Islam Sasak“. 2000, S. 2.

Waktu/Wetu Telu und Waktu Lima Bis in die 1960er Jahre wurde für die Wetu Telu ausschließlich der Name Waktu Telu („Drei Zeiten“) verwendet. Der Begriff korrespondierte hierbei mit dem Begriff Waktu Lima („Fünf Zeiten“), der auf Lombok für die Anhänger des orthodoxen Islams angewandt wird. Die Herkunft dieser beiden Namen ist nicht geklärt. Bei den heutigen Waktu-Lima-Muslimen ist die Auffassung verbreitet, dass die Wetu Telu deswegen so genannt wurden, weil sie im Gegensatz zu ihnen selbst nicht fünf, sondern nur drei tägliche Gebete verrichten, nämlich das Morgengebet, das Abendgebet und das Nachtgebet. Die heutigen Wetu Telu beten zwar keines dieser täglichen Gebete, tatsächlich gab es aber in den 1930er Jahren in einigen Waktu-Telu-Orten die Auffassung, dass die Kiais, die Wetu-Telu-Geistlichen, diese drei Gebete zu verrichten hätten.Vgl. Bousquet: „Recherches“. 1939, S. 161.

Zwar sind die Namen Waktu Telu und Waktu Lima für die beiden Sasak-Gruppen erst seit den 1920er Jahren nachweisbar,Vgl. Avonius: „Reforming Wetu Telu“. 2004, S. 32f. doch geht die Unterteilung der Sasak in die beiden Gruppen schon auf frühere Zeiten zurück. Sie wird historisch damit erklärt, dass die beiden Gruppen zu verschiedenen Zeiten von unterschiedlicher Seite missioniert wurden. Während die Islamisierung der Waktu Telu auf die Missionsanstrengungen von Sufis aus Ostjava zurückgeführt wird, die Anfang des 16. Jahrhunderts nach Lombok kamen, sollen die Waktu Lima erst um die Wende zum 17. Jahrhundert von Missionaren aus Makassar zum Islam bekehrt worden sein, die erheblich intoleranter waren und sie zur Aufgabe des Adat zwangen. Während die Waku Telu im Norden und Westen der Insel lebten, war das Hauptsiedlungsgebiet der Waktu Lima im Zentrum und Osten der Insel. Mit den Sasa Boda gibt es auf Lombok noch eine sehr kleine dritte Gruppe von buddhistischen Sasak, die der islamischen Mission gänzlich entgingen.Vgl. Budiwanti: „Purification Movement“. 2014, S. 144.

Warum seit den 1970er Jahren der Name Wetu Telu den alten Namen Waktu Telu verdrängt hat und was genau die Bedeutung von wetu ist, konnte bisher noch nicht geklärt werden. Während die Waktu-Lima-Muslime das Wort wetu lediglich als ein Synonym zu waktu („Zeit“) betrachten,Vgl. Budiwanti: „Islam Sasak“. 2000, S. 134. leiten es die Wetu Telu selbst von dem Sasak-Wort metu ab, das die Bedeutung von „aufsteigen, herauskommen“ hat. Der Name Wetu Telu soll demzufolge darauf verweisen, dass es insgesamt drei Weisen der Entstehung von Lebewesen gibt, nämlich 1.) die Lebendgeburt; 2.) das Entschlüpfen aus dem Ei; und 3.) die vegetative Fortpflanzung.Vgl. Budiwanti: „Islam Sasak“. 2000, S. 136.Vgl. Leemann: „Glaubensgemeinschaften“. 1974, S. 28f. Die finnische Anthropologin Avonius erhielt dagegen von einem religiösen Führer der Wetu Telu die Information, dass wetu die Bedeutung von „Gesetz“ bzw. „Grenze“ habe.Vgl. Avonius: „Reforming Wetu Telu“. 2004, S. 33f. Ihr wurde der Name Wetu Telu damit erklärt, dass die Essenz dieser Kultur auf drei nicht voneinander zu trennenden Prinzipien beruhe: Loyalität gegenüber der Regierung (pemerintahan), Loyalität gegenüber der Religion (agama), und Treue gegenüber dem Adat.Vgl. Avonius: „Reforming Wetu Telu“. 2004, S. 107, 111. Avonius vermutet, dass die Ersetzung des Begriffes waktu durch wetu in der Selbstdarstellung dieser Gemeinschaft mit dem Ziel erfolgte, das Stigma einer synkretistischen und religiös defizitären Gemeinschaft abzustreifen.Vgl. Avonius: „Reforming Wetu Telu“. 2004, S. 109.

Religiöse Besonderheiten Religiös-soziale Organisation Eine strukturelle Besonderheit der Wetu Telu ist die doppelte Organisation ihres Klerus. Die eine Klasse religiösen Personals repräsentiert den Islam, die andere das lokale Brauchtum. Die beiden Klassen stehen gleichgewichtig nebeneinander und ergänzen sich gegenseitig: Für die islamischen Riten sind die sogenannten Kiais zuständig. Zu diesen Riten gehören die Gebete, das Fasten im Monat Ramadan, die Eheschließungen und Scheidungen, die Bestattungen und der Gottesdienst in der Moschee. Die Kiais werden von einem Penghulu angeführt.Vgl. Bousquet: „Recherches“. 1939, S. 156f. Für die lokalen Riten sind die sogenannten Pemangkus verantwortlich. Sie fungieren als Mittler zwischen der Menschenwelt und der Geisterwelt, bringen den Göttern die Opfergaben (kramat) dar, vollziehen die Ahnenriten, betreuen die Heiligtümer der Wetu Telu und verwahren die heiligen Gegenstände.Vgl. „ Cederroth: A sacred cloth religion?“ 1992, S. 12. Beide Ämter werden in männlicher Linie weitervererbt. Diejenigen Söhne, die das Amt von ihrem Vater übernehmen wollen, müssen sich einem Ordinationsritus unterziehen.Vgl. Bousquet: „Recherches“. 1939, S. 157.

Die Gesellschaft der Wetu Telu ist wie diejenige der balinesischen Hindus in vier Kasten (Datoe, Raden, Buling, Jajar Karang) eingeteilt.Vgl. Leemann: „Glaubensgemeinschaften“. 1974, S. 35f. Über die weltlichen Geschicke wacht ein Ältestenrat (toak lokak).Vgl. Budiwanti: „Purification Movement“. 2014, S. 144.

Glaubenslehren und heilige Texte mini|Der Vulkan Rinjani, Sitz der Dewi Anjani Die Wetu Telu erkennen Allah als Gott und Mohammed als seinen Propheten an.Vgl. Harnish „Balinese and Sasak Religious Trajectories“. 2014, S. 64. Das zweiteilige islamische Glaubensbekenntnis ist ihnen bekannt, allerdings nur in einer erweiterten Form, die mehrere altjavanische Formeln enthält.Vgl. Bousquet: „Recherches“. 1939, S. 158f. Wichtiger als Mohammeds Prophetentum ist seine Rolle als Kontaktperson zwischen Gott und den Menschen.Vgl. Leemann: „Glaubensgemeinschaften“. 1974, S. 28f.

Neben Allah glauben die Wetu Telu auch an die Göttin Dewi Anjani, die Göttin des Vulkans Rinjani.Vgl. Bousquet: „Recherches“. 1939, S. 159. Die Wetu Telu glauben, dass ihre Ahnen in der Welt der Geister leben, die als heilige Welt der profanen sichtbaren Welt gegenübersteht.Vgl. Budiwanti: „Purification Movement“. 2014, S. 149. Wie die Muslime sehen sie Adam und Eva als ihre Stammeltern an.Vgl. Budiwanti: „Purification Movement“. 2014, S. 149.

Bousquet beobachtete in den 1930er Jahren, dass die Wetu Telu den Koran als heiligen Text verehren, allerdings nicht imstande sind, ihn zu lesen, weil sie über keine Arabisch-Kenntnisse verfügen. Daneben besitzen die Wetu Telu noch verschiedene in altjavanischer Sprache abgefasste Lontare, von denen eines Jati Swara heißt.Vgl. Leemann: „Glaubensgemeinschaften“. 1974, S. 29. Bei den religiösen Zeremonien spielen Bittgebete und Gedichte auf Javanisch und auf Sasak, die mit Flöte (suling) und Spießgeige (rebab) vorgetragen werden, eine wichtige Rolle.Vgl. Bousquet: „Recherches“. 1939, S. 165.

Festkalender und religiöse Praktiken Die Wetu Telu richten sich bei der Berechnung ihrer Feste nach dem islamischen Lunarkalender. Besondere Aufmerksamkeit widmen sie dabei dem Monat Ramadan. Die geistliche Vorbereitung auf den Ramadan, der bei ihnen als „heiliger Monat“ (bulan suci) gilt, beginnt schon im Vormonat Schaʿbān mit zwei Ritualen, die der inneren Reinigung dienen. Sie finden am ersten Schaʿbān (Rowah Wulan genannt) und am letzten Freitag des Schaʿbān (Sampet Jumʾat genannt) statt.Vgl. Budiwanti: „Purification Movement“. 2014, S. 152. Der Ramadan selbst ist durch eine Fastenpflicht gekennzeichnet, doch beschränkt sich diese auf die Kiais, die allerdings auch nicht alle Tage fasten. Nach Sonnenuntergang versammeln sich die Kiais im Ramadan zu den Tarāwīh-Gebeten in der Moschee. Am 16. Ramadan findet in der Nacht eine Dankeszeremonie statt, die nach dem bei dieser Gelegenheit abgehaltenen Qunūt-Gebet als Maleman Qunut bezeichnet wird. Weitere Dankeszeremonien, die Maleman Likuran genannt werden, finden in den letzten fünf ungeraden Ramadan-Nächten statt.Vgl. Budiwanti: „Islam Sasak“. 2000, S. 160–164. Der Ramadan-Zyklus endet mit dem Fest des Fastenbrechens, an dem die Kiais in der Moschee ein Gebet verrichten und von den einfachen Gläubigen einen Teil der Ernte als Zakāt al-fitr erhalten. Der Penghulu hält außerdem bei dieser Gelegenheit eine Chutba.Vgl. Bousquet: „Recherches“. 1939, S. 161f.

Neben dem Fest des Fastenbrechens wird außerdem der Prophetengeburtstag am 12. Rabīʿ al-awwal gefeiert, der bei den Wetu Telu Maulud Adat genannt wird.Vgl. Budiwanti: „Purification Movement“. 2014, S. 152. Die Feier beginnt um Mitternacht, man bereitet einen speziellen gelben Reis zu und rezitiert besondere Bittgebete.Vgl. Bousquet: „Recherches“. 1939, S. 163f. Im Mittelpunkt des Gedenkens bei dieser Feier steht allerdings nicht der Prophet, sondern die Stammeltern Adam und Eva.Vgl. Budiwanti: „Islam Sasak“. 2000, S. 199. Zwei weitere Feiertage, die speziell dem Gedenken an die Erschaffung der Menschen gewidmet sind, sind der Bubur Peteq am 10. Muharram und der Bubur Abang am 8. Safar.

Das wichtigste animistische Fest der Wetu Telu ist das Gawe Urip an der alten Moschee von Bayan, bei dem heilige Tücher und heiliges Wasser eine besonders große Rolle spielen Bei dieser Gelegenheit werden zahlreiche Übergangsriten vollzogen, so die Zeremonie der Namensgebung (buang au), das erste Haareschneiden bei den Kindern (ngurisang), die Beschneidung der Knaben (ngitanang), die Zahnfeilung bei Knaben und Mädchen (merosok) und manchmal auch Hochzeiten (ngawainang).Vgl. Cederroth: "A sacred cloth religion?" 1992, S. 13. Die Wetu Telu beschneiden die Knaben im Alter von 12 bis 15 Jahren,Vgl. Leemann: „Glaubensgemeinschaften“. 1974, S. 33. wobei sie allerdings nur ein kleines dreieckiges Stück aus der Vorhaut heraustrennen. Eine Mädchenbeschneidung findet anders als bei den Waktu Lima nicht statt.Vgl. Bousquet: „Recherches“. 1939, S. 168. Eheschließungen und Bestattungen erfolgen nach islamischem Ritus. Hierbei wird die Schahāda in ihrer erweiterten Form rezitiert.Vgl. Bousquet: „Recherches“. 1939, S. 158f.