miniatur|hochkant=1.3|Die ersten Kontakte zu staatenlosen Stammesvölkern führten zur Bezeichnung Naturvolk („Australia: the first hundred years“, A. Garran, 1886)
Mit dem Sammelbegriff Naturvölker werden traditional orientierte Ethnien der Gegenwart sowie alle historischen Lebensverbände bezeichnet, die außerhalb oder vor dem Beginn der industrialisierten Zivilisation leben oder lebten (dementsprechend werden einzelne Angehörige eines Naturvolks gelegentlich auch als Naturmenschen bezeichnet)Eintrag Naturmensch (3. Bedeutung) im Duden-Online-Wörterbuch. Abgerufen am 4. August 2021.. Die nähere Bestimmung und die Verwendung der Bezeichnung ist abhängig vom jeweiligen Zusammenhang: Die gegenwärtige Ethnologie hat sich von dem ursprünglichen Fachbegriff distanziert, da er mittlerweile als veraltet, uneinheitlich oder abwertend (pejorativ) angesehen wird. Im späteren 19. Jahrhundert wurde der Begriff zur Abgrenzung der angeblich überlegenen, europäischen „Kulturvölker“ von „primitiven“ Völkern benutzt (siehe auch: Eurozentrismus). Im 20. Jahrhundert versuchten einige Autoren, Naturvolk ohne pejorative Nebenbedeutung als Sammelbegriff für traditionell subsistenzorientierte Jäger und Sammler, Feldbauern und Hirtennomaden zu etablieren.Müller, S. 27f, 42f, 52f, hier 52. Die frühere Assoziation zu „kulturlosen Völkern“ wurde jedoch nie vollständig überwunden.Michael Schönhuth: Stichwort: Naturvolk, Das Kulturglossar online, abgerufen am 29. Juni 2015. Als konventioneller Oberbegriff für „nicht-industrialisierte Menschengruppen abgelegener Wildnisregionen mit naturverbundenen Versorgungsstrategien“ wird die Bezeichnung außerhalb der ethnologischen Wissenschaft weiterhin verwendet.Seite: „Terminologie“ auf www.survivalinternational.de. Abgerufen am 15. Juni 2013.Waldemar Stöhr: Lexikon der Völker und Kulturen als Taschenbuchausgabe auf der Grundlage des „Westermann-Lexikon der Geographie“. Westermann, Braunschweig 1972, S. 140–141. Diese ökologisch-ökonomische Bestimmungskomponente spielt bei der Mehrzahl der heutigen Verwendungen die entscheidende Rolle (siehe: „Naturvolk“ als populäre Bezeichnung).WBU: Welt im Wandel – Erhaltung und nachhaltige Nutzung der Biosphäre. Springer-Verlag, Berlin/Heidelberg 2000, ISBN 3-540-67106-4, S. 124–126, 187.Gabriela Petersen: Der Begriff „Naturvolk“ in der Ethnologie – Herkunft, Diskussion, Theorieprobleme. Wissenschaftliche Hausarbeit zur Erlangung des akademischen Grades eines Magister Artium der Universität Hamburg, veröffentlicht: SUB 934497217, Hamburg 1987, S. 57.
Naturvolk war ursprünglich ein kulturkritischer Begriff der europäischen Aufklärung.Georg Bollenbeck: Eine Geschichte der Kulturkritik. Von Rousseau bis Günther Anders. C.H. Beck, München 2007, ISBN 978-3-406-54796-6. Die Wortschöpfung wird Herder zugeschrieben; lexikalisch ist er erstmals 1777 belegt. Die grundlegenden Ideen dazu stammen von Rousseau und anderen Vordenkern der Aufklärung. Der Zivilisation des 18. Jahrhunderts wurde mit der romantischen Vorstellung des „edlen Wilden“ ein Gegenbild des Menschen in seinem ursprünglichen Naturzustand entgegengehalten.
Das Wort Naturvolk kommt im deutschen Sprachraum, im niederländischen (natuurvolk)Niederlande u. a. H. Kluin: Het geestesleven der natuurvolken. 's-Gravenhage, 's-Gravenhage 1924. und skandinavischen (naturfolk) Sprachraum vorDänemark, u. a. Nationalmuseet (Denmark). Etnografisk samling: Tropiske naturfolk. J. D. Qvist & komp. bogtr., København 1940.Schweden, u. a. Åke Hultkrantz: Naturfolk och kulturfolk, Världens länder och folk efter andra världskriget. Sven Dahl, Part I, Stockholm 1947.Norwegen, u. a. Fredrik Chr. Brøgger: „Naturfolk“ i teori og praksis: Skildringen av Samene og den nordlige naturen i Knud Rasmussens Lapland (1907). In: Nordlit : Tidsskrift i litteratur og kultur Issue 32 (Juli 2014), Universitetet i Tromsø. S. 99–115. sowie in der Form naturels in der französischen Sprache.Le Grand Robert de langue française. Band 6, Le Robert, Paris 1985, S. 701. Ursprünglich gab es keine Entsprechung im Englischen.
Im englischsprachigen Raum existiert in Ökologie und Anthropologie seit 1976 der Begriff ecosystem people („Ökosystem-Menschen“), der alle Ethnien bezeichnet, die auf traditionelle, subsistenzorientierte Weise ausschließlich von den Ressourcen eines oder weniger benachbarter Ökosysteme leben. Diese Definition schließt die konventionell so genannten „Naturvölker“ mit ein. Lediglich die vage Beschränkung auf abgelegene Wildnisgebiete fehlt. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen setzte die „sog. Naturvölker“ mit den Ökosystem-Menschen gleich. In der deutschen Literatur hat sich der neue Begriff allerdings bislang nicht etabliert.
Als populärer Ersatz für die umstrittene Bezeichnung Naturvolk werden vor allem die beiden Bezeichnungen Ethnie oder indigene Völker (französisch peuples autochtones) verwendet. Für eine differenzierte Benennung mit Bezug zur Lebensweise der Menschen sind diese Begriffe jedoch nicht geeignet, da zu allgemein und demnach ihrerseits irreführend oder gar falsch. Darüber hinaus wurden verschiedene alternative Bezeichnungen für nicht-industrielle Gruppen entwickelt, die je nach fachlichem Zusammenhang (Ethnologie, Soziologie, Politik, Menschenrechte, Ökologie) verwendet werden.
Die Bezeichnung Naturvolk im ethnologischen Kontext miniatur|Der Titel dieser Kohle- / Tuschezeichnung von Jacques Arago aus dem frühen 19. Jahrhundert enthält die Bezeichnung „les Naturels“, das französische Pendant zum Ausdruck „Naturvölker“. mini|Zu den anerkannten „traditionellen Völkern und Gemeinschaften“ Brasiliens (die oftmals unkorrekt als „Naturvölker“ bezeichnet werden) gehören auch Nachkommen afrikanischer Sklaven.
Waren die „Naturvölker“ in der Anfangszeit der Forschungsgegenstand der Völkerkunde schlechthin, so haben sich die gegenwärtigen Ethnologen von dieser Bezeichnung weitestgehend distanziert.
Das im kategorialen Denken zentrale gegensätzliche Begriffspaar (Dichotomie) Natur ↔ KulturStephan Bühnen: Kultur und Kulturen in Ulrich Veit, Tobias L. Kienlin, Christoph Kümmel (Hrsg.): Spuren und Botschaften. Waxmann Verlag, Münster 2003, ISBN 978-3-8309-1229-3, S. 495–496, hier 494–497. legt den Gegensatz Naturvolk ↔ KulturvolkMüller, S. 389, insbesondere 389–391. nahe, der auch falsche Vorstellungen befördert hat: Es gibt weder kulturlose Völker noch mehr oder weniger stark von der Natur abhängige Völker.Dieter Haller (Text), Bernd Rodekohr (Illustrationen): Dtv-Atlas Ethnologie. 2. Auflage. dtv, München 2010. S. 15.Andre Gingrich u. Elke Mader (Hrsg.): Metamorphosen der Natur: sozialanthropologische Untersuchungen zum Verhältnis von Weltbild und natürlicher Umwelt. Böhlau Verlag, Wien 2002, ISBN 978-3-205-99499-2, S. 23. Bereits Herder und Voltaire, der unter dem Eindruck des Werks La Araucana („Die Araukanerin“) von Alonso de Ercilla y Zúñiga stand, machten Front gegen die Vorstellung eines solipsistischen rohen und räuberischen Naturmenschen, welcher selbst Kant und Hegel unterlegen waren: Auch im Naturzustand verfüge der Mensch über Sprache, daher über Vernunft, Bildung und Tradition.K. Grotsch: Naturvölker/Kulturvölker. In: Joachim Ritter u. Karlfried Gründer: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Bd. 6, Basel 1984, Sp. 635–641, hier: 636. Auf diesen offensichtlichen Widerspruch deutete auch der Titel des Werkes Die Kultur der Kulturlosen von Karl Weule (1910) hin.Karl Weule: Die Kultur der Kulturlosen. Kosmos, Stuttgart 1910.
Die Karriere des Begriffspaars Natur – Kultur fällt zusammen mit der Verarbeitung der Differenz- und Fremdheitserfahrung durch Herausbildung der Völkerkunde und Völkerpsychologie in Deutschland, repräsentiert durch den Philosophen Franz Theodor Waitz und den Geographen Moritz Ludwig Frankenheim. Frankenheim unterscheidet drei verschiedene Entwicklungsstadien von Völkern auf dem Weg zur Humanität von der reinen Selbsterhaltung der Naturvölker über die Entwicklung des geistigen Strebens bei den Kulturvölkern hin zu einer erst in Anfängen vorhandenen Klasse von Menschen, die eine Vorstellung von der Einheit des Menschengeschlechts entwickeln. Waitz gelangt zu seinem Typus des Naturmenschen durch Abstraktion von der Kultur und Analogiebildung zu einem „unerzogenen“, egoistischen Kind. Von diesem Zustand ausgehend gebe es verschiedene Bildungsstufen ohne feste Grenzen zwischen ihnen.Grotsch 1984, Sp. 637 f.
Auch neuere evolutionistische Ansätze sahen in den Naturvölkern weniger hoch entwickelte Kulturen. Man sah die Abhängigkeit der Naturvölker von regionalen Ressourcen und die geringere regionale Abhängigkeit moderner Industriegesellschaften. Betrachtet man jedoch neuere Formen von Abhängigkeit von Natur wie Umweltkatastrophen (Klimawandel, Ozonloch, Übersäuerung der Meere), scheint dieses Kriterium von Höherentwicklung fraglich.Dieter Haller (Text), Bernd Rodekohr (Illustrationen): Dtv-Atlas Ethnologie. 2. Auflage. dtv, München 2010. S. 15. Abhängigkeit von Natur stellt demnach kein gutes Kriterium für Höherentwicklung dar und kann auch Naturvölker nicht treffsicher von Industriegesellschaften unterscheiden.
Den entscheidenden Durchbruch brachte 1871 die Veröffentlichung Primitive Cultures von Edward Tylor, der den Blick darauf lenkte, dass den Kulturvölkern eine Pluralität von Kulturen der sogenannten „Naturvölker“ gegenüberstehe, die ausnahmslos über kulturintegrative Institutionen verfügen würden.
Jeder der wiederholten Versuche, den Begriff zu retten, wurde im Laufe der Zeit als diskriminierend oder irreführend kritisiert.
Die analoge Bezeichnung „les naturels“ (wörtlich: „die Natürlichen“) wird in Frankreich ähnlich problematisch gesehen.Michèle Duchet: Anthropologie et Histoire au siècle des lumières – Buffon, Voltaire, Rousseau, Helvétius, Diderot. Francois Maspero, Paris 1971. S. 37, 180ff (insbes. 185), 296. Für Naturvolk und les naturels gibt es im englischsprachigen Raum eine Begriffsvielfalt mit zum Teil ähnlichen Benennungen, wie Natives („Ursprüngliche“), First Nations („Erste Nationen“), Tribal Peoples („Stammesvölker“) oder Aborigines („Ureinwohner“). In jüngster Zeit wurde in den USA die Bezeichnung ecosystem people eingeführt, die der konventionellen Bedeutung des Naturvolk-Begriffes in etwa entspricht.
Naturvölker oder indigene Völker? Heute wird in der Ethnologie und in anderen Fachrichtungen, der Umweltbewegung oder im Kontext der Menschenrechte mangels einer prägnanten Alternative auch für traditionelle Bevölkerungsgruppen, deren Lebensweise sehr eng mit ihrer natürlichen Umwelt verflochten ist, häufig die allgemeine Bezeichnung „indigene Völker“ verwendet.Indigene Völker und Naturschutz: Grundsatzerklärung des WWF.Pro REGENWALD e. V. - Präambel und Ziele.Was sind indigene Völker?. Website von OroVerde.Die Erd-Charta (Artikel 12b). Dies ist jedoch ebenfalls nicht korrekt, denn „indigen“ ist eine völkerrechtlich definierte politische Kategorie, die keinen Rückschluss auf die vorgenannte Lebensweise zulässt. Eine große Zahl der Indigenen hat heute einen westlichen Lebensstil. Darüber hinaus ist der Begriff „indigen“ in diesem Zusammenhang bisweilen sogar unzutreffend, wie beispielsweise für die brasilianischen Quilombolas – Nachkommen afrikanischer Sklaven,Gawora, S. 19–20. die nach der geltenden Definition nicht als Indigene betrachtet werden dürften.Manuela Zips-Mairitsch: Lost Lands?: (Land) Rights of the San in Botswana and the Legal Concept of Indigeneity in Africa. LIT Verlag Münster, 2013, Part 2: “Beeing Indigenous in Africa”: Legal Developments of Indigenous Peoples Law in Africa, S. 79ff.
Begriffsgeschichte Naturvolk zur Zeit der Aufklärung miniatur|hochkant=1.6|Auszug aus Herders „Älteste Urkunde des Menschengeschlechts“