Der Fundort Strofilas ( , auch als Strophilas transkribiert) auf der Kykladeninsel Andros ist das bisher älteste bekannte Beispiel defensiver Siedlungsarchitektur auf einer Ägäisinsel. Die Anlage wird in die Spätphase der jungsteinzeitlichen Attika-Kephala-Kultur und die frühe Phase der bronzezeitlichen Grotta-Pelos-Kultur zwischen 4500 und 3300 v. Chr. datiert. Ohne erkennbare Gewaltspuren erfolgte die endgültige Auflassung. In der späten Jungsteinzeit war Strofilas eine große, dicht besiedelte und wohlhabende Siedlung mit politischen, wirtschaftlichen und sozialen Strukturen. Als urbane Siedlung wird es früher datiert als die früh-bronzezeitlichen Beispiele in der nördlichen und östlichen Ägäis wie Troja, Liman Tepe (beim antiken Klazomenai, westlich von Izmir) oder Poliochni. Der etwa 2,5 Kilometer südwestlich gelegene Fundort beim Kap Plaka ist möglicherweise eine Folgesiedlung.

Lage mini|Kap Strofilas von Westen Das Kap Strofilas (Ακρωτήρι Στρόφιλας) liegt in der Mitte der Westküste von Andros. Das Gipfelplateau ist zum Meer hin durch steile hohe Felsen natürlich befestigt. Die Siedlung liegt auf dem weitläufigen Plateau zwischen 120 und 140 m Höhe.Griechisches Gesetzesblatt (ΦΕΚ 434/Β/9.6.1994) vom 9. Juni 1994, S. 3835 Zu beiden Seiten des Kaps liegen sichere Ankerplätze. Der landseitige Zugang über einen Sattel war durch ein komplexes Verteidigungssystem gesichert. Die Lage von Strofilas ermöglichte seinen Bewohnern die Kontrolle der bedeutenden Metall- und Seehandelswege von Attika und Euböa bis nach Sifnos und Paros.Kouka 2008, S. 313

In unmittelbarer Nähe des Fundplatzes liegen ein Steinbruch mit Betonwerk und die ungeordnete Mülldeponie der Insel; auf dem südlich benachbarten Kap die Siedlung Zagora aus geometrischer Zeit. mini|Strofilas

Archäologische Ausgrabungen In seiner Dissertation erwähnt Robin Barber 1978 einen möglichen frühbronzezeitlichen Fundort auf der Landzunge unmittelbar nördlich von Zagora, der ihm von Mitgliedern des dortigen Grabungsteams mitgeteilt worden war.R. L. N. Barber: The Cyclades in the middle and late Bronze Age. 1978, S. 36 Ebenfalls mit Bezug zu Zagora berichtet Anthi Koutsoukou 1992 in ihrer Dissertation von der dem Wind ausgesetzten und wasserlosen Fundstelle Strophylas. Auffallend waren bei ihrer Begehung rotpolierte Keramik, ähnlich der von Kephala, sowie gestielte und blattförmige Obsidianspitzen. Sie vermutete, dass sich an Stelle der modernen Trockenmauer ehemals eine ältere Mauer befand und schätzte den Fundort im Übergangsbereich von Jungsteinzeit zur Bronzezeit.Anthi Koutsoukou: An archaeological survey in north-west Andros, Cyclades. 1992, S. 460 Im Rahmen einer Oberflächenbegehung untersuchte die Archäologin Christina Televantou im Herbst 1992 das kleinere Plateau Strófillas (). Anhand von Oberflächenfunden wie Steinwerkzeugen, Obsidianklingen und Keramikscherben konnte sie die bemerkenswerten Überreste einer prähistorischen Siedlung der späten Jungsteinzeit zuordnen.Christina Televantou [Χριστίνα Τελεβάντου]: Archeologikon Deltion [Αρχαιολογικόν Δελτίον], Band 49, Heft B2 (1994), Athen 1999, S. 687. Auf einer Fläche von etwa zwei Hektar sind die Überreste der dicht bebauten Siedlung erhalten. Sie waren von umfangreichen Lesesteinhaufen abgedeckt, die Landwirte in den letzten Jahren angelegt hatten. Seit 1998 leitet Christina Televantou die archäologischen Ausgrabungen, inzwischen als Mitarbeiterin der 21. Ephorie für Prähistorische und Klassische Altertümer (KA' Eφορεία Προϊστορικών και Κλασικών Αρχαιοτήτων).

Anlage mini|Strofilas Die einzige landseitige Zugangsmöglichkeit zur befestigten Siedlung von Strofilas war durch ein gestaffeltes System bestehend aus Vormauer und einer Festungsmauer mit Bastionen gesichert. Die Befestigung umschließt auf dem Plateau des Kap Strofilas (Ακρωτήρι Στρόφιλας) etwa 2,5 bis 3 Hektar mit der Siedlung und einer Freifläche. Die gut organisierte Siedlung bestand aus dicht aneinander gebauten geräumigen Gebäuden mit apsidenförmigem oder rechteckigem Grundriss. Mehrere Siedlungsphasen sind nachweisbar.

Befestigung Auf dem unteren Teil des Sattels verbindet eine etwa 80 Zentimeter breite Vormauer (protichisma προτείχησμα) aus großen bearbeiteten Steinen mit der Funktion als Annäherungshindernis die beiden steilen Felshänge des Plateaus. Diese Mauer vom Ende des Spätneolithikums oder dem Beginn des Endneolithikums ist fast über ihre gesamte Länge sichtbar und von einer neuzeitlichen Trockenmauer überbaut. Weiter südlich verläuft die höher gelegene Hauptmauer parallel in einem Abstand von etwa 15 Metern. Die Hauptmauer ist stellenweise bis zu einer Höhe von 2 Metern in sehr gutem Zustand erhalten. Eine ursprüngliche Höhe von 3,5 bis 4 Metern wird vermutet. Die Mauerbreite variiert zwischen 1,6 und 2,5 Meter, sie verstärkt sich bei den Bastionen auf mehr als 5 Meter. Die zweischalige Mauer besteht aus großen Steinen mit Lehmbindemittel und einer Füllung aus kleineren Steinen. Eine besonders starke Bastion sicherte ein Tor am westlichen Mauerende. Zwei weitere ähnliche Bastionen sicherten den zentralen und westlichen Bereich. Die gesamte Befestigungsanlage schützte neben der Hochebene mit der Siedlung auch die weitläufige Landzunge und ermöglichte im Belagerungszustand das Weiden von Tierherden.

Der deutliche Höhenunterschied zwischen der Vormauer in Verbindung mit der höher gelegenen Hauptmauer und den Bastionen stellt ein komplexes Verteidigungssystem dar.Televantou 2008, S. 45 Dieser Höhenunterschied sicherte den Verteidigern einen besseren Überblick und eine größere Reichweite der Waffen. Durch den begrenzten Raum zwischen den Mauern waren die Bewegungsmöglichkeiten der Angreifer eingeengt.Ivanova 2008, S. 120

Der neolithische Fundort von Strofilas ist das bisher älteste bekannte Beispiel einer Befestigungsanlage auf den Ägäisinseln. Aufgrund von baulichen Gemeinsamkeiten mit später entstandenen Fluchtplätzen und befestigten Dörfern der bronzezeitlichen frühkykladischen Kastri-Phase wird sie als deren Vorläufer angesehen. Bevorzugte Lagen waren Hügeloberflächen, der Verlauf von Festungsmauern orientierte sich an den örtlichen, topographischen Gegebenheiten, dabei wurden große Geröllblöcke und Felsen einbezogen, sie werden als eigenständige lokale südägäische Entwicklung zur Verteidigung größerer Siedlungen angesehen.Ivanova 2008, S. 193 f

Gebäude Die Siedlung war dicht mit geräumigen Gebäuden mit apsidenförmigem oder rechteckigem Grundriss bebaut. Das Mauerwerk war sorgfältig und stabil aus Platten von lokal anstehendem Gestein mit einem hohen Lehmanteil errichtet. Die Außenmauern sind teilweise bis zu einer Höhe von einem Meter erhalten. Ihre Stärke von 60 bis 80 cm lässt auf ein zweites Stockwerk schließen. Die Fußböden bestanden aus gestampfter Erde. Vermutlich besaßen die Gebäude Flachdächer aus einer Deckung mit Steinplatten und Mörtel.

Die älteste Struktur ist der Apsidenbau 1, dem nordwestlich ein weiterer Apsidenbau angeschlossen war. Das Gebäude von 6 m × 10 m war in zwei Räume unterteilt. Im östlichen Raum wurden reichlich spätneolithische Keramik und weitere Artefakte nachgewiesen. Bemerkenswert sind die Fragmente eines zylindrischen Pyxis und eine Marmorfigurine mit dreieckigem Kopf der frühkykladischen (FK I) Pelos-Lakkoudes-Kultur. Im südwestlichen Bereich war der Apsidenbau 1 durch ein rechteckiges Gebäude überbaut. Das 12,5 m × 13,5 m große Gebäude Beta besteht aus dem etwa 100 m² großen Raum 3 (Χώρος 3), an der Ostseite schließen sich zwei kleineren Räume an.Andros. – Strophilas, 2000 Chronique des fouilles en ligne, École française d’Athènes und British School at Athens, PDF (französisch) Im Raum 3 sind fünf Steinplatten regelmäßig angeordnet, sie dienten zur Aufnahme von Holzpfosten für die Dachkonstruktion. Im südöstlichen Bereich ist verdichteter und geglätteter roter Lehm erhalten.Andros – Strophilas, 2011 Chronique des fouilles en ligne, École française d’Athènes und British School at Athens, PDF (französisch)

Größtes Gebäude ist ein geschlossener Hallenbau, der im Süden vom Gebäude Beta und den Apsidenbauten 1 und 2 im Osten umgeben ist. Dieses Gebäude mit einer Grundfläche von etwa 100 m² ist durch zwei Ebenen unterteilt. Der südliche Teil, der etwa ein Drittel des gesamten Gebäudes einnimmt, hat einen erhöhten Lehmboden mit einer zentralen großen kreisförmigen Steinkonstruktion von etwa 2 m Durchmesser sowie einer Steinbank entlang der Südseite. Der zweite Hallenbereich vor diesem erhöhten Boden hat eine Fläche von 70 m². Auf der flachen und geglätteten Oberfläche des Untergrundes befindet sich das bisher größte bekannte und komplexeste Felsbild der Ägäis.

Die apsidenförmigen Grundrisse zählen zu den frühesten bekannten Belegen dieser Form in Griechenland. Zeitgleiche Verwendungen sind aus Rachmani in Thessalien sowie aus Ftelia auf Mykonos belegt. Von jungsteinzeitlichen Gebäuden aus Chios und Rhodos sind kurvige oder D-förmige Grundrisse nachgewiesen. Für die frühhelladischen Epochen FH II und III sind bisher in den zentralen Regionen des griechischen Festlandes reine Apsidenhäuser dokumentiert, für die zeitgleiche kykladische Keros-Syros-Kultur Siedlungen mit kreisförmigem Grundriss belegt.

Felsbilder Bei den Ausgrabungen in Strofilas wurden die umfangreichsten und frühesten Felsbild-Kompositionen in der Ägäis freigelegt. Die schematischen oder naturalistischen Motive datieren in der spätneolithischen Phase der Siedlung.Televantou: Strofilas: a Neolithic Settlement on Andros. 2008, S. 46. Insgesamt bedecken mehr als 100 DarstellungenTelevantou: The Roots of Pictorial Art in the Cyclades: from Strophilas to Akrotiri. 2013, S. 23. eine Gesamtfläche von etwa 200 m². Die bisher bedeutendsten wurden auf der Oberfläche des Untergrundes etwas außerhalb und an einigen Blöcken direkt auf der Festungsmauer sowie auf dem Felsboden des Heiligtums im Inneren der Siedlung entdeckt. Die Mehrheit dieser gepickten oder geritzten Felsbilder ist nur bei günstigen Lichtbedingungen nach Sonnenaufgang oder kurz vor Sonnenuntergang sichtbar. Vielleicht waren sie ehemals weiß eingefärbt.Televantou: Strofilas: a Neolithic Settlement on Andros. 2008, S. 47.

Auf dem anstehenden Fels außerhalb der Hauptmauer und im östlichen Bereich der Ausgrabung nimmt eine sehr große Komposition eine Fläche von etwa 70 m² ein. Die Motive zeigen die beiden bedeutendsten Tätigkeiten, die das Überleben der Bewohner der Siedlungen sicherten: landwirtschaftliche Praktiken, insbesondere Tierhaltung, aber auch die Jagd auf Wildtiere wie Hirsch, Wolf und Schakale und daneben ihre maritimen Aktivitäten um Fischerei, Handel und Navigation. Mindestens 12 Schiffe verschiedener Typen und Größen sind dargestellt, daneben zahlreiche Tiere, ein großer Fisch und möglicherweise ein Oktopus. Die Darstellung eines Tiertransports zeigt die Bedeutung der ehemals vegetationsreichen Insel Andros in der Entwicklung des Schiffbaus und im Seehandel. Diese naturalistischen Motive sind mit verschiedenartigen schematischen kombiniert, wie eine Art menschlicher Fußabdruck in Form einer Acht, ein Motiv, das auch von Naxos bekannt ist, jungsteinzeitliche Ringidole sowie kleine, spiralförmig angeordnete gepickte runde Vertiefungen, weitere Symbole sind nicht erklärbar.