mini|Flannery O’Connor, Porträtfoto 1947 A Good Man is Hard to Find (deutscher Titel Ein guter Mensch ist schwer zu finden) ist eine Kurzgeschichte der amerikanischen Schriftstellerin Flannery O’Connor, die kurz nach dem Ausbruch der schweren Immunschwächeerkrankung der Autorin entstanden ist. Nach der Erstveröffentlichung 1953 in der Literaturzeitschrift Avon book of Modern Writing wurde die Erzählung im selben Jahr als Titelgeschichte in den ersten Erzählband Flannery O’Connors aufgenommen, der 1955 neu aufgelegt wurde. Die Geschichte ist seitdem mehrfach in verschiedenen Anthologien und Sammlungen erneut veröffentlicht worden. Die deutsche Fassung erschien zuerst 1958 in der Übersetzung von Elisabeth Schnack im Sammelband Ein Kreis im Feuer – Erzählungen.Vgl. die Angaben bei Daniel Göske: Flannery O’Connor - A Good Man is Hard to Find. In: Michael Hanke (Hrsg.): Interpretationen · Amerikanische Short Stories des 20. Jahrhunderts. Reclam jun. Verlag, Stuttgart 1998, ISBN 3-15-017506-2, S. 189 und 198. Die deutsche Übersetzung in dem Sammelband Ein Kreis im Feuer wurde nach der Erstausgabe 1958 im Claasen Verlag, Hamburg, 1967 ebenso als Taschenbuchausgabe im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, veröffentlicht.

In dieser Erzählung, die mit ihrer rüden Kombination von realistischer Milieuskizze, grotesker Charakterzeichnung, satirischer Zeitkritik, tragikomischer Handlung und existenzieller Thematik zu den originellsten amerikanischen Kurzgeschichten der Nachkriegszeit zählt, wird die als tödliche Irrfahrt endende Ferienreise einer Familie geschildert, die ursprünglich von Atlanta in das südlich gelegene Florida führen sollte. Insbesondere die Schlussszene dieser Kurzgeschichte ist in der Literaturwissenschaft und -kritik dabei sehr unterschiedlich aufgenommen und interpretiert worden.Vgl. Daniel Göske: Flannery O’Connor - A Good Man is Hard to Find. In: Michael Hanke (Hrsg.): Interpretationen · Amerikanische Short Stories des 20. Jahrhunderts. Reclam jun. Verlag, Stuttgart 1998, ISBN 3-15-017506-2, S. 189 f. und S. 196 ff. Siehe auch Franz Link: ”A Good Man is Hard to Find, 1953“. In: Franz Link: Amerikanische Erzähler seit 1950 · Themen · Inhalte · Formen. Schöningh, Paderborn 1993, ISBN 3-506-70822-8, S. 24 und 26 f.

Inhalt Die Geschichte beginnt mit dem Aufbruch der Familie Bailey zu einer Urlaubsfahrt nach Florida. Großmutter Bailey kann ihren Sohn nicht dazu überreden, statt nach Florida nach East-Tennessee zu reisen, wo sie in ihrer Jugend noch den Abglanz des aristokratischen Lebens auf einer Plantage erlebte. Wie ihr eigensinniges und verschrobenes Verhalten zeigt, ist sie immer noch mit der Vergangenheit verbunden, die für sie noch menschliche Werte verkörperte, wohingegen ihr Sohn und die übrigen Familienmitglieder einzig noch die Belanglosigkeit des Alltags repräsentieren.

Während eines Zwischenaufenthaltes zu einem Imbiss an einer Tankstelle beklagt sich der Besitzer, dass ein guter Mensch nur noch schwer zu finden sei (S. 122).Textzitate und Belege beziehen sich auf die Ausgabe von A Good Man is Hard to Find in Flannery O’Connor: Complete Stories. Faber and Faber, London 1990, ISBN 978-0-571-24578-9, S. 117–133. Die entsprechenden deutschen Übersetzungen folgen der Übertragung von Elizabeth Schnack.

Der weitere Verlauf der Reise wird zunehmend durch die imaginäre Vergangenheit der Großmutter bestimmt. Sie weckt das Interesse der Kinder an einem alten Plantagenhaus, das unweit der Hauptstraße liegen soll und an das sie sich aus ihrer Jugend erinnert. Mit Hilfe der Kinder überredet sie ihren Sohn zu einem kleinen Umweg. Als ihr jedoch einfällt, dass diese Plantage nicht in Georgia, sondern in Tennessee liegt, kommt es zu einem Unfall auf der unbefestigten abgelegenen Straße. Kurz darauf hält ein Fahrzeug an der Unfallstelle, von dessen Insassen die Familie Hilfe erhofft. Aus dem großen, verbeulten schwarzen Auto, das einem Leichenwagen ähnelt („big black battered hearse-like automobile“, S. 126), steigen jedoch der bewaffnete Taugenichts („the Misfit“, S. 127) und zwei seiner Kumpane.

Bei dem Misfit handelt es sich um einen Gewaltverbrecher, der erst vor kurzem aus dem Gefängnis ausgebrochen ist und sich Zeitungsberichten zufolge auf dem Weg nach Florida befinden soll (S. 117 und 122). Die Großmutter, die davon wusste, hatte aus diesem Grunde zu Beginn der Urlaubsreise versucht, ihren Sohn dazu zu bewegen, nach Tennessee statt nach Florida zu fahren (S. 118). Sie erkennt auch sofort den Gewaltverbrecher (S. 127). Dessen Kumpane zerren den Sohn und den Enkel in den Wald und erschießen sie (S. 128 f.). Danach holen sie die Schwiegertochter, die Enkelin und den Säugling in den Wald und bringen sie ebenfalls um (S. 131).

Unterdessen redet die Großmutter ohne Unterlass auf den Misfit ein und will ihn davon überzeugen, dass er doch ein guter Mensch sein könne, wenn er sich nur dazu durchringen könne zu beten und die Hilfe Jesus’ anzunehmen (S. 128 ff.). Der Misfit ist jedoch nicht dazu bereit und bemisst sein Handeln einzig an der Strafe, die er dafür erhält:

Die Großmutter fleht kurz vor der Ermordung der letzten Familienangehörigen den Misfit nochmals an, nicht auf sie sie schießen, da er doch von guter Herkunft sei und aus einer netten Familie stamme. Sie bietet ihm alles Geld an, das sie bei sich hat, und fordert ihn ein weiteres Mal auf zu beten (S. 131 f.). Der Misfit erwidert darauf, es habe noch nie jemand dem Leichenbestatter ein Trinkgeld gegeben, und erklärt des Weiteren, Jesus hätte die Toten nicht wieder zum Leben erwecken sollen. Dies habe alles durcheinandergebracht. Wenn Jesus getan habe, was Er gelehrt habe, dann bleibe einem nicht anderes übrig, als alles wegzuwerfen und Ihm zu folgen. Wenn Er nicht getan habe, was Er gelehrt habe, dann bleibe einem weiter nichts übrig, als die paar Minuten, die man habe, so zu genießen, wie man nur könne: indem man jemanden totschlage, sein Haus herunterbrenne oder ihm sonst etwas Gemeines antue; es gebe keine anderen Vergnügen, als eine Gemeinheit zu begehen (im Original: .

Erregt behauptet der Misfit sodann, er wäre ein anderer Mensch geworden, wenn er bei Christi Auferweckung der Toten dabei gewesen wäre; er sei Christus jedoch nie begegnet (S. 132). Die Großmutter glaubt, die innere Not des Misfits zu verstehen, und bezeichnet ihn als eines ihrer Babys, worauf der Misfit zurückspringt, als habe eine Schlange ihn gebissen, und der Großmutter drei Schüsse in die Brust jagt (S. 132).

Als seine beiden Kumpane aus dem Wald zurückkehren, merkt der Misfit an, die Großmutter wäre eine gute Frau gewesen, wenn jemand da gewesen wäre, der sie jede Minute ihres Lebens erschossen hätte (im Original: ). Die Kurzgeschichte endet mit der Schlussbemerkung des Misfits, es gebe kein richtiges Vergnügen im Leben ().

Interpretationsansatz Das Handlungsgerüst dieser höchst melodramatischen Kurzgeschichte O’Connors wird – einem Road Movie ähnlich – von der plötzlich und katastrophal endenden Urlaubsfahrt einer durchschnittlichen weißen amerikanischen Familie, wie sie beispielsweise aus den Fernsehserien der frühen 1950er Jahre bekannt ist, gebildet. Der größte Teil des Geschehens wird aus der Perspektive der Großmutter geschildert, die zugleich im Mittelpunkt der Handlung steht.Vgl. Daniel Göske: Flannery O’Connor – A Good Man is Hard to Find. In: Michael Hanke (Hrsg.): Interpretationen · Amerikanische Short Stories des 20. Jahrhunderts. Reclam jun. Verlag, Stuttgart 1998, ISBN 3-15-017506-2, S. 191 und Franz Link: ”A Good Man is Hard to Find, 1953“. In: Franz Link: Amerikanische Erzähler seit 1950 · Themen · Inhalte · Formen. Schöningh, Paderborn 1993, ISBN 3-506-70822-8, S. 25.

Die Eingangsszene zeigt die Banalität der Alltagswelt der jungen Baileys, deren sechs Mitglieder weitgehend als typenhafte Karikaturen gezeichnet werden. Bailey liest Zeitung und lässt sich von den nörgelnden Kindern und dem Gerede der Großmutter nicht stören. Die Mutter bleibt namen- und konturenlos, sitzt auf dem Sofa und füttert das Baby. Baileys Sohn John Wesley gibt freche Antworten und verhält sich auch ansonsten recht dreist; sein Name weckt jedoch bereits zu Beginn ironischerweise Erinnerungen an den gleichnamigen englischen Methodistenprediger, der in Georgia 1735 vergeblich eine Erweckungsbewegung zu initiieren versuchte. Die Familie wird damit ohne viele Worte als protestantisch gekennzeichnet; zugleich deutet John Wesleys Name allerdings voraus auf die existentiell-religiöse Thematik des Schlussteils der Erzählung. Seine Schwester June Star erweist sich, wie ihr Name ebenso anklingen lässt, als selbstgefällig; der Vater selber hat als Familienoberhaupt kein Format und wird zwischen den quengelnden Kindern und seiner eigenen Mutter zerrieben, die in dem Anfangsteil der Geschichte mehr oder weniger als sentimentale, bigotte, dünkelhafte und herrschsüchtige Erscheinung einer schrulligen Southern Lady karikiert wird. Die übrigen Familienmitglieder versuchen sich möglichst von den oftmals komisch wirkenden Sonderlichkeiten der Großmutter abzuschirmen. In dieser Ausgangssituation wird die Zeitungsnachricht über den entflohenen Misfit nicht weiter ernst genommen und kann die trivialen und langweiligen Routinen bzw. Gewohnheiten der familiären Alltagsordnung nicht durchbrechen: Verbrechen wie die des Misfits haben in einer solchen geregelten Welt einfach keinen Platz. Dessen ungeachtet wird das tödliche Ende der geplanten Urlaubsfahrt damit unmittelbar zu Beginn der Kurzgeschichte angedeutet.Vgl. Daniel Göske: Flannery O’Connor – A Good Man is Hard to Find. In: Michael Hanke (Hrsg.): Interpretationen · Amerikanische Short Stories des 20. Jahrhunderts. Reclam jun. Verlag, Stuttgart 1998, ISBN 3-15-017506-2, S. 191 f. und Franz Link: ”A Good Man is Hard to Find, 1953“. In: Franz Link: Amerikanische Erzähler seit 1950 · Themen · Inhalte · Formen. Schöningh, Paderborn 1993, ISBN 3-506-70822-8, S. 25.

Die Großmutter, die trotz ihres eher matriarchalischen Auftretens ihren Willen nur selten oder aber einzig mit Tricks durchsetzten kann, versucht vergeblich, die Familie nach der Nachricht von dem Ausbruch des Misfits zu einer Umkehr der Reiseroute zu bewegen; groteskerweise hat sich die alte Dame allerdings beim Aufbruch am nächsten Morgen bereits für den Fall eines Unfalls fein herausgeputzt; in ihrem Koffer hält sie zudem ihre Katze versteckt, die später den Unfall auslöst.Vgl. S. 118 und 124. Siehe auch Daniel Göske: Flannery O‘Connor - A Good Man is Hard to Find. In: Michael Hanke (Hrsg.): Interpretationen · Amerikanische Short Stories des 20. Jahrhunderts. Reclam jun. Verlag, Stuttgart 1998, ISBN 3-15-017506-2, S. 191 f.

Zunächst wird in der ersten Hälfte der Erzählung in zahlreichen urkomischen Dialogfragmenten, vor allem in dem Geplapper der beiden Kinder und ihrer Großmutter, die selbstsüchtige, wenig liebevolle und vulgäre Banalität dieser Durchschnittsfamilie mit einem satirischen Seitenblick auf den alten und neuen Süden offengelegt. Trotz aller realitätsnahen Ortsnamen weist die Reise der Familie von Anfang an die Merkmale einer symbolischen Irrfahrt auf; so geht es nicht wie geplant nach Süden, sondern zunächst ostwärts. Die Bemerkungen der Großmutter, als sie ein schwarzes Straßenkind () erblickt und sich an eine Episode aus ihrer tugendhaften Jugend erinnert, sind von einem „althergebrachten, geistlos-gönnerhaften Rassismus“ geprägt; schließlich fährt man an einem alten Familienfriedhof vorbei – ein erstes Omen des kommenden Unheils.Vgl. Daniel Göske: Flannery O‘Connor – A Good Man is Hard to Find. In: Michael Hanke (Hrsg.): Interpretationen · Amerikanische Short Stories des 20. Jahrhunderts. Reclam jun. Verlag, Stuttgart 1998, ISBN 3-15-017506-2, S. 192.