Als kalte und heiße Kulturen oder kalte und heiße Kulturelemente werden in stark abstrahierenden, kulturvergleichenden Modellen entweder ganze Kulturen oder Gesellschaften oder einzelne kulturelle Elemente in Bezug auf die zugrunde liegenden Weltanschauungen und die Bereitschaft zu einem kulturellen und sozialen Wandel eingeordnet. Die Bandbreite erstreckt sich zwischen den beiden (theoretischen) Extremwerten „kalt“ und „heiß“: Je kälter eine Gesellschaft auf der Skala ist, desto ausgeprägter ist ihr Bestreben, ihre traditionellen Kulturmerkmale möglichst unverändert zu bewahren – eine Kultur wird als umso heißer eingeordnet, je größer ihr Antrieb zu tiefgreifenden und schnellen Modernisierungen der Gesellschaft ist.

Am kalten Pol finden sich vor allem herrschaftsfreie und sozial gleichgestellte Ethnien und indigene Völker, die keine dauerhaften Herrscher und kaum ausgeprägte Rangordnungen kennen (vergleiche auch soziologische Theorien der vormodernen Gesellschaft). Der heiße Pol dagegen liegt in stärkster Ausprägung bei den modernen, sozial geschichteten Industriegesellschaften.Dietmar Treichel, Claude-Hélène Mayer (Hrsg.): Lehrbuch Kultur. Lehr- und Lernmaterialien zur Vermittlung kultureller Kompetenzen. Waxmann, Münster u. a. 2011, ISBN 978-3-8309-2531-6, S. 36.

Das Modell von kalt und heiß wird in strukturalistischen Studien der Kulturpsychologie, der Ethnologie (Völkerkunde) und der Anthropologie (Menschenkunde) angewendet sowie in abgewandelter Form (Heißes und kaltes Medium nach McLuhan) in den Medienwissenschaften.Arnold Groh: Kulturwandel durch Reisen: Faktoren, Interdependenzen, Dominanzeffekte. In: Christian Berkemeier (Hrsg.): Begegnung und Verhandlung. Möglichkeiten eines Kulturwandels durch Reise. Lit, Münster 2004, ISBN 3-8258-6757-9, S. 17.Marshall McLuhan: Die magischen Kanäle. Understanding Media. Verlag der Kunst, Dresden/Basel 1994, ISBN 3-364-00308-4, S. 45 (erstveröffentlicht 1964).

Alle Ansätze, die mit solchen „thermischen Metaphern“ arbeiten, nutzen die Polarisierung von Kulturmerkmalen und damit die starke Vereinfachung der Wirklichkeit als Mittel, um grundlegende Muster zu erkennen und zu verdeutlichen. Die Bildung von Stereotypen durch ein Festhalten an der Vereinfachung wird von keinem Autor beabsichtigt.David Graeber, David Wengrow: Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit. Deutsche Ausgabe, 4. Auflage, Klett-Cotta, Stuttgart 2022, ISBN 978-3-608-98508-5. S. 35.

Begriffsgeschichte mini|170px|Claude Lévi-Strauss schuf das meta­pho­rische Bild von kalten und heißen Gesellschaften Der Gegensatz von heiß und kalt bildete schon in der antiken Philosophie eines von mehreren zentralen Gegensatzpaaren, die später vor allem metaphorisch verwendet wurden (z. B. Kalter Krieg im Gegensatz zum „heißen“ Krieg). Die Gegenüberstellung von kalten und heißen Kulturen, Gesellschaften oder ihren Elementen, Sozialbeziehungen und Handlungsstrategien ist heute wieder ein Thema der Ethnopsychologie und kognitiven Anthropologie, die (u. a. am Beispiel der Zubereitung von Speisen) zeigen, dass die Wahrnehmung des Heiß-Kalt-Klassifikationsystems stark kulturabhängig ist.James S. Boster, Susan C. Weller: Cognitive and Contextual Variation in Hot-Cold Classification. In: American Anthropologist 92 (1990) 1, S. 171–179.

In seinem Werk Das wilde Denken schlug der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss vor, Kulturen nach ihrer weltanschaulichen Einstellung zum Kulturwandel zu unterscheiden. Er stellte fest, dass „primitive“ und „naturangepasste“ Ethnien komplexe soziale Verhaltenssysteme (Tabus, Rituale, Totemismus, komplizierte mythische Moralkonzepte u. ä.) haben, um jeglichen Wandel der bewährten Lebensweisen so weit wie möglich zu vermeiden. Um die bis dahin verwendeten stark abwertenden Bezeichnungen für diese Völker zu vermeiden (Primitive, Wilde, Naturvölker), schlug er die Bezeichnung kalte Gesellschaften vor. Entsprechend bezeichnete er als heiße Gesellschaften die modernen Zivilisationen, für die eine fortschreitende Entwicklung aller Lebensbereiche kennzeichnend ist.Claude Lévi-Strauss: Das wilde Denken. 4. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt 1981, ISBN 3-518-07614-0, S. 270.

Während die Klassifizierung von Lévi-Strauss noch auf einer reinen Zweigliederung (Dichotomie) der Kulturen beruhte, erweiterten insbesondere Jan Assmann und Mario Erdheim sie später zu einem fließenden Spektrum zwischen zwei Polen.

Gegensätzliche kalte und heiße Gesellschaften kalt heiß Die Betrachtung möglichst unterschiedlicher Gesellschaften führt zu den unvereinbar erscheinenden Gegensätzen kalter und heißer Kulturen

Sowohl „Hitze“ als auch „Kälte“ sind nach Assmann aktiv erzeugte Zustände einer Kultur oder Gesellschaft, die durch vielfältige Mechanismen erhalten werden.Jan Assmann: Religion und kulturelles Gedächtnis. Zehn Studien. 3. Auflage. Beck, München 2007, ISBN 978-3-406-56590-8, S. 23 (erstveröffentlicht 2000).

„Kalte“ Gesellschaften haben in Jahrtausenden gelernt, dass vom Menschen herbeigeführte (anthropogene) Veränderungen ihrer an die äußeren Bedingungen gut angepassten Lebensweise unvorhersehbare Risiken bergen. Entsprechend sind sie bestrebt, den kulturellen Wandel ihrer Gesellschaft so gering wie möglich zu halten und sich den langsamen und gleichbleibenden Zyklen in der Natur anzupassen. Dazu haben sie eine Vielzahl von Riten, Mythen, Traditionen und beständigen Wertvorstellungen entwickelt, um die stabilen Abläufe ihres Alltages weitgehend unverändert zu bewahren oder bei Störungen ein Gleichgewicht wieder herzustellen. Lévi-Strauss hat diese Verarbeitung menschlicher Geschichte als „besondere Weisheit“ bezeichnet, da es sich nicht um ein Unvermögen vermeintlich primitiver Kulturen handelt, sondern um das bewusste „Einfrieren“ des Wandels in einer speziellen Form kollektiver Erinnerung. Solche Kulturen misstrauen grundsätzlich der menschlichen Erfindungs- und Erneuerungskraft (Innovation).

„Heiße“ Gesellschaften dagegen vertrauen auf die Kreativität des Menschen und versuchen mit Hilfe eines sich zunehmend beschleunigenden Fortschritts, die Natur immer stärker an ihre Bedürfnisse anzupassen. Reflexion ersetzt die Riten, eine chronologische Aufzeichnung der Geschichte ersetzt die Mythen und eine Modernisierung ersetzt die überlieferte Tradition. Das naturwissenschaftlich, technologisch und wirtschaftlich orientierte Denken wird zur Sinn gebenden Leitlinie und zum „Motor“ dieser Entwicklung.

Nach Lévi-Strauss muss diese Unterscheidung wertfrei verstanden werden: Die kalten Kulturen sind weder unterentwickelt noch haben die heißen Kulturen einen Entwicklungsvorsprung. Die folgende Übersicht unterscheidet Eigenschaften kalter und heißer Gesellschaften:

Mario Erdheim: Psychoanalyse und Unbewußtheit in der Kultur. Aufsätze 1980–1987. Suhrkamp, Berlin 1988, ISBN 3-518-28254-9, S. 331–344. Leslie White: The Science of Culture. A Study of Man and Civilization. Straus & Giroux, Farrar 1949, S. 206–207. Edward Goldsmith: Der Weg. Ein ökologisches Manifest. Bettendorf, München u. a. 1996, ISBN 3-88498-091-2, S. 16, 71–72, 86, 96–98, 144, 295, 382, 390–401 und 416–420. Christof Forderer: Der kränkelnde Besieger. In: taz.de. 10. Oktober 2012, abgerufen am 29. August 2014 (Buchbesprechung zu Claude Lévi-Strauss: Anthropologie in der modernen Welt). Anja von Hahn: Traditionelles Wissen indigener und lokaler Gemeinschaften zwischen geistigen Eigentumsrechten und der public domain. Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht, Springer, Heidelberg u. a. 2004, ISBN 3-540-22319-3, S. 5–18 und 47–56. Arnold Groh: Globalisation and Indigenous Identity. In: Psychopathologie Africaine. Sciences sociales et psychiatrie en Afrique. Band 33, Société de psychopathologie et d'hygiène mentale de Dakar XXXIII, 2005–2006, S. 33–48 (englisch).

Jürgen Paeger: Hintergrundinformation: Eine kleine Geschichte des menschlichen Energieverbrauchs. In: oekosystem-erde.de. Eigene Webseite, 2006–2014, abgerufen am 29. August 2014. Dieter Haller: Dtv-Atlas Ethnologie. 2., vollständig durchgesehene und korrigierte Auflage. dtv, München 2010, ISBN 978-3-423-03259-9, S. 53, 177–179 und 196–209. Klaus F. Röhl: III. Die Entwicklungstheorien von Luhmann und Habermas. In: rechtssoziologie-online.de. Universität Bochum, 2012, abgerufen am 29. August 2014. Bernhard A. Baudler: Ende der Kindheit: Initiationsriten und ihre subjektiven Deutungen unter dem Einfluss von Senioritätsprinzip und Erwachsenenzentriertheit. In: Werner Martin Egli, Uwe Krebs (Hrsg.): Beiträge zur Ethnologie der Kindheit. Erziehungswissenschaftliche und kulturvergleichende Aspekte (= Studien zur Ethnopsychologie und Ethnopsychoanalyse. Band 5). Lit, Münster 2004, ISBN 3-8258-7247-5, S. 57–78. Walter Hirschberg (Hrsg.): Wörterbuch der Völkerkunde. Neuausgabe, 2. Auflage. Reimer, Berlin 2005, ISBN 3-496-02650-2, S. 88 und 413. Klemens Ludwig: Flüstere zu dem Felsen. Herder, Freiburg u. a. 1993, ISBN 3-451-04195-2, S. 9–23. Göran Burenhult (Hrsg.): Illustrierte Geschichte der Menschheit. Band: Naturvölker heute. Bechtermünz, Augsburg 2000, ISBN 3-8289-0745-8, S. 213–226. Hendrik Neubauer (Hrsg.): The Survivors. Vom Ureinwohner zum Weltenbürger. Tandem Verlag, Potsdam 2008, ISBN 978-3-8331-4627-5, S. 98–99 und 202–203. Frank Baldus u. a.: Denkmodelle. Auf der Suche nach der Welt von morgen. Nunatak, Wuppertal 2001, ISBN 3-935694-01-6, S. 279–293. Kalte Gesellschaften Heiße Gesellschaften Leitbild Fortdauer: „beharrliches Festhalten“ an den Traditionen Fortschritt: „gieriges Bedürfnis“ nach kulturellem Wandel vorrangige Wertvorstellungen Dasein, gruppensolidarische Einheit, Idealismus, ethnisch „verpflichtende“ Religion Entwicklung, schöpferische Auseinandersetzung, Materialismus, Wissen soziokulturelle Merkmale größtmögliche Anpassung der Kultur an die Umwelt überlieferte, festliegende Handlungsnormen ein festliegendes gesellschaftliches Konzept homogene lokale Kleingruppen soziale Gleichheit geringe Flexibilität in neuen Situationen ohne fremde Einflüsse sehr stabil größtmögliche Anpassung der Umwelt an die Kultur ausgehandelte, veränderliche Konventionen verschiedene konkurrierende gesellschaftliche Konzepte heterogene globale Massengesellschaft soziale Ungleichheit hohe Flexibilität in neuen Situationen permanente Gefahr chaotischer und instabiler Zustände Wirtschaft Befriedigung der biologischen und kulturellen Grundbedürfnisse Anpassung der Bedürfnisse an die äußeren Gegebenheiten Subsistenzwirtschaften manuelle Arbeitsweisen konstant sehr niedrige Wirtschaftsleistung sehr geringe Arbeitsteilung extrem niedriger Energieverbrauch weniger als 2000–4000 kWh pro Person und Jahr natürliche Kreislaufwirtschaft moralisch begründete Nachhaltigkeit Befriedigung ständig neu erzeugter Bedürfnisse und Wünsche Anpassung der äußeren Gegebenheiten an die Bedürfnisse globale Marktwirtschaft, Massenkonsum manuelle, maschinelle, automatisierte Arbeitsweisen zunehmend wachsende Wirtschaftsleistung extrem differenzierte Arbeitsteilung extrem hoher Energieverbrauch Beispiele: Deutschland 47.500 kWh/P/a, USA 90.000 kWh/P/a vorwiegend Linearwirtschaft bewusst geforderte Nachhaltigkeit Wissen des Einzelnen eher praktisch, detailliert, unkritisch aus der Tradition übernommen, Großteil selbst erfahren, individuell sehr ähnlicher Wissensstand umfassendes Umweltwissen eher theoretisch, oft oberflächlich, oft hinterfragt, Großteil fremd vermittelt, individuell sehr unterschiedlicher Wissensstand fragmentarisches Umweltwissen Erinnerung und Bedeutung Wiederkehrendes, Regelmäßiges, Bewährtes, kulturelles Gedächtnis Einmaliges, Besonderes, Neues, Geschichtsschreibung Strategien zur Problemlösungen Rituale, individuelle Fähigkeiten, gegenseitige Hilfe, Glaube, bewährte Methoden Reflexion, materielle Möglichkeiten, technische Hilfsmittel, Wissenschaft, innovative Methoden Weltbild mythisch und magisch, ganzheitlich, naturverbunden, statisch