Bei Unruhen in Belfast zwischen 1920 und 1922 starben knapp 500 Menschen. Die Mehrzahl der Opfer wurde von Heckenschützen erschossen. Die Auseinandersetzungen fanden vor dem Hintergrund des Irischen Unabhängigkeitskrieges statt, in dem die IRA für eine von Großbritannien unabhängige Irische Republik kämpfte. Belfast wurde mehrheitlich von protestantischen Unionisten bewohnt, die für das Fortbestehen der Union mit Großbritannien eintraten. 1921 wurde Irland geteilt; Belfast wurde Hauptstadt von Nordirland. Die Unruhen in Belfast und weiteren Landesteilen hatten tiefgreifende Konsequenzen für das Verhältnis zwischen der von Unionisten gestellten Regierung und der katholisch-nationalistischen Minderheit Nordirlands.

Vorgeschichte 1912 verabschiedete das britische Unterhaus die dritte Home Rule Bill, die eine Selbstregierung Irlands vorsah. In Irlands nördlichster Provinz Ulster stellten protestantische Unionisten eine knappe Mehrheit. Sie lehnten die Selbstregierung Irlands vehement ab. 1912 entstand mit der Ulster Volunteer Force (UVF) eine unionistische Miliz mit über 100.000 Mitgliedern. Befürworter einer Selbstregierung sammelten sich in den Irish Volunteers. Mit Beginn des Ersten Weltkrieges wurden die Pläne zur Selbstregierung vorübergehend ausgesetzt. Viele Mitglieder der UVF und der Irish Volunteers kämpften im Weltkrieg in der britischen Armee. Der Osteraufstand 1916 und die nachfolgenden Wahlerfolge Sinn Féins lösten unter protestantischen Unionisten einen Schock aus. Der Irische Unabhängigkeitskrieg ab 1919 wurde von vielen Unionisten Ulsters als ethnische Säuberung der protestantischen Minderheit im Süden und Westen der Insel gesehen.Parkinson, Belfast’s Unholy War, S. 17 f.

Belfast hatte bei der Volkszählung 1911 knapp 387.000 Einwohner, von denen gut 24 Prozent Katholiken waren.Government of Northern Ireland: Census of Population of Northern Ireland 1951. Belfast County Borough. (pdf, 9,4 MB) S. XXIII. Im 19. Jahrhundert war es in der Stadt mehrfach zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Protestanten und Katholiken gekommen. Belfast war ein Zentrum der Textil- und Werftindustrie. Beide Branchen waren im Ersten Weltkrieg gut ausgelastet; insbesondere die Werften mit ihren zuvor fast ausschließlich protestantischen Belegschaften stellten vermehrt Katholiken ein. Nach Kriegsende kam es zu einer Wirtschaftskrise; im Januar 1922 waren in Belfast 27 Prozent der versicherten Arbeiter beschäftigungslos.Jonathan Bardon: Belfast. An Illustrated History. Blackstaff Press, Belfast 1983, ISBN 0-85640-272-9, S. 192;Parkinson, Belfast’s Unholy War, S. 15, 17 f.

Verlauf Ausbruch der Unruhen mini|Katholische Wohnviertel in Belfast (1911) Der führende unionistische Politiker Edward Carson erklärte am 12. Juli 1920 auf einer Gedenkveranstaltung des Oranier-Ordens an die Schlacht am Boyne, in Ulster gebe es keine Toleranz für Sinn Féin. Falls es keinen Schutz vor den Machenschaften Sinn Féins gebe, werde man die Dinge selbst in die Hand nehmen.Parkinson, Belfast’s Unholy War, S. 25 f;Jonathan Bardon: A History of Ulster. Blackstaff, Belfast 1992, ISBN 0-85640-466-7, S. 470 f. Wenige Tage später ermordete die IRA einen hochrangigen Polizisten in Cork. Bei der Beerdigung des Polizisten in seiner Heimatstadt Banbridge kam es zu gewaltsamen Übergriffen auf die Katholiken der Stadt.Parkinson, Belfast’s Unholy War, S. 28;Lynch, People’s Protectors, S. 378.

Am 21. Juli rief die Belfast Protestant Association (BPA) zu einer Versammlung vor der Werft Workman, Clark auf, an der 5000 Menschen teilnahmen. Versammlungsteilnehmer erzwangen sich Zutritt zur Werft Harland & Wolff und vertrieben dort arbeitende Katholiken, aber auch protestantische Gewerkschafter. Katholiken wurden brutal zusammengeschlagen, zum Teil sprangen sie auf der Flucht in Hafenbecken. Auch in anderen Betrieben der Maschinenbau- und Textilindustrie Belfasts kam es zu Vertreibungen, die teils von Arbeitskollegen, teils von marodierenden Banden initiiert wurden. Die BPA organisierte Bürgerwehren, um Arbeiter an der Rückkehr zu ihren Arbeitsplätzen zu hindern. Teilweise kam es auch zu Vertreibungen von Protestanten aus von Katholiken dominierten Berufen wie Brauerei- oder Hafenarbeiter.Parkinson, Belfast’s Unholy War, S. 33–36, 58.

Noch am 21. Juli brachen Unruhen im Osten Belfasts um das katholische Wohngebiet Short Strand aus. Von den Werften kommende Straßenbahnen wurde angegriffen, protestantische Mobs attackierten die katholische Kirche von Short Strand. Innerhalb von 48 Stunden wurden etwa 60 Sprit Groceries geplündert oder in Brand gesteckt; eine damals weit verbreitete Kombination aus Pub und Lebensmittelgeschäft, deren Besitzer häufig Katholiken waren. Bei Einbruch der Dunkelheit kam es zu Schießereien, die auf weitere Teile Belfasts übergriffen, insbesondere die Grenze zwischen der von Katholiken bewohnten Falls Road und der von Protestanten bewohnten Shankill Road. Die britische Armee versuchte die Unruhen durch den Einsatz von Schusswaffen zu beenden.Parkinson, Belfast’s Unholy War, S. 42–45, 51 f.

Infolge der Unruhen flüchteten vor allem Katholiken aus ihren Häusern, insbesondere dort, wo sie in der Minderheit waren, oder an den Rändern ausschließlich protestantischer Viertel. Häufig waren die Flüchtlinge verbal, schriftlich oder durch Gewalt wie eingeworfene Fenster eingeschüchtert worden. Besonders betroffen waren kleinere katholische Gebiete wie Short Strand oder Marrowbone, wo ganze Straßenzüge niedergebrannt wurden. Zum Teil kam es auch zum einvernehmlichen Tausch von Häusern zwischen Protestanten und Katholiken. Bevorzugtes Fluchtziel waren vergleichsweise sichere Gegenden wie die Falls Road, wo die Flüchtlinge bei Verwandten, in Sälen oder Schulen unterkamen. Vorübergehende Fluchtziele waren auch Schottland und der Süden Irlands.Parkinson, Belfast’s Unholy War, S. 59–65.

Die Belfaster Straßenbahn war ein häufiges Ziel von Anschlägen, da aus dem Fahrziel recht sicher auf die Konfession der Fahrgäste geschlossen werden konnte und die Täter kein „feindliches“ Gebiet aufsuchen mussten. Zum Teil wurden Fahrgäste nach ihrer Konfession befragt, ehe sie zusammengeschlagen wurden. Die Triebwagen wurden durch Maschendraht geschützt, der Flaschen und Steine, nicht jedoch Bomben und Handgranaten abhalten konnte. Nach Zeitzeugenberichten durchfuhren die Züge Straßen, in denen häufig Heckenschützen aktiv waren, mit hoher Geschwindigkeit, wobei sich die Fahrer hinter das Fahrpult kauerten und die Fahrgäste sich auf den Boden warfen. Mindestens 25 Fahrgäste starben bei Anschlägen.Parkinson, Belfast’s Unholy War, S. 170–172, 181, 341.

Ab dem 25. August kam es zu weiteren schweren Unruhen in Belfast. Auslöser war ein Anschlag der IRA in Lisburn, bei dem der Polizist Oswald Swanzy erschossen wurde. Swanzy stand bei Republikanern im Verdacht, an der Ermordung des Bürgermeisters von Cork, Tomás MacCurtain, beteiligt gewesen zu sein.Parkinson, Belfast’s Unholy War, S. 49, 66f. Im Oktober 1920 beruhigte sich die Lage, gleichwohl es in den folgenden sechs Monaten weiterhin zu einzelnen Zwischenfällen kam.Parkinson, Belfast’s Unholy War, S. 95.

Dem Historiker Alan F. Parkinson zufolge brachen die Unruhen nicht als Teil einer geplanten Kampagne aus, auch wenn es seit Beginn des Irischen Unabhängigkeitskrieges Vorbereitungen radikaler Unionisten (auch als Loyalisten bezeichnet) gegeben habe.Parkinson, Belfast’s Unholy War, S. 308.

Belfast-Boykott und Wahl des nordirischen Parlaments Anfang August 1920 bildete sich in Belfast ein Boykott-Komitee, dem unter anderen der katholische Bischof Joseph MacRory, der IRA-Führer Frank Aiken und der Dáil-Abgeordnete Seán MacEntee (Sinn Féin) angehörten. Mit einem Boykott Belfaster Firmen sollte eine Wiedereinstellung der von ihrem Arbeitsplatz Vertriebenen erreicht werden. Der Dáil lehnte einen Boykott zunächst ab; allerdings fand der Boykott wenige Tage später die Unterstützung der provisorischen südirischen Regierung. Anfänglich blieb die Beteiligung am Boykott verhalten, ehe Anfang 1921 Joseph MacDonagh die Leitung des Boykotts übernahm. Im Sommer 1921 bestanden in ganz Irland rund 400 Boykott-Komitees; IRA-Einheiten versuchten, den Boykott gewaltsam durchzusetzen.Parkinson, Belfast’s Unholy War, S. 73–75. Siehe auch: der Dáil-Debatte am 6. August 1920. Historiker stufen den Boykott als nur in wenigen Bereichen erfolgreichParkinson, Belfast’s Unholy War, S. 82. oder nahezu völlig kontraproduktivLynch, People’s Protectors, S. 388. ein. Der Handel zwischen Belfast und anderen Landesteilen ging zurück; die Wirtschaftsbeziehungen der Stadt zu Großbritannien verstärkten sich. Zugleich verschärfte der Boykott die Gegensätze zwischen Republikanern und Unionisten.

mini|Menschenmenge vor geschmücktem Kaufhaus beim Besuch Königs Georg V. in Belfast am 22. Juni 1921 Das britische Parlament verabschiedete im Dezember 1920 den Government of Ireland Act, der die Schaffung zweier Parlamente zur autonomen Selbstverwaltung Irlands vorsah: Das nordirische Parlament mit Sitz in Belfast sollte für die sechs nordöstlichen Grafschaften Ulsters zuständig sein, das südirische Parlament für die anderen 26 Grafschaften Irlands. Die ersten Wahlen zum nordirischen Parlament am 24. Mai 1921 endeten mit einem Wahlsieg der Unionisten, die 40 Mandate errangen. Je sechs Mandate entfielen auf Sinn Féin und die gemäßigte United Irish League um Joseph Devlin. Im Wahlkampf war es bei starker Präsenz der Sicherheitskräfte nur zu relativ wenigen Zwischenfällen gekommen. In der ersten Parlamentssitzung wurde James Craig zum nordirischen Premierminister gewählt; er hatte im Februar Edward Carson als Führer der Unionisten abgelöst. Bei der feierlichen Parlamentseröffnung am 22. Juni rief König Georg V. zu Frieden, Versöhnung und Vergebung auf. Der Besuch des Königs in Belfast löste bei Unionisten großen Jubel aus; von Nationalisten wurde er weitgehend ignoriert. Die nationalistischen Abgeordneten waren der Parlamentseröffnung ferngeblieben.Parkinson, Belfast’s Unholy War, S. 99, 111, 124–126, 129–135;Bardon, History of Ulster, S. 481.

Ende des Unabhängigkeitskrieges Am 9. Juli 1921 schlossen die britische Armee und die IRA einen Waffenstillstand im Unabhängigkeitskrieg, der zwei Tage später in Kraft trat. Gemäß den Waffenstillstandsbedingungen wurde die Übertragung von Befugnissen von der britischen an die nordirische Regierung ausgesetzt und die Rekrutierung von Polizisten eingestellt – beides Bedingungen, durch die sich die Unionisten benachteiligt sahen. Der Waffenstillstand und die Deeskalation in anderen Teilen der Insel verstärkten die Gewalt in Belfast:Parkinson, Belfast’s Unholy War, S. 142 f. Noch am 9. Juli verübten IRA-Mitglieder unweit der Falls Road einen Anschlag auf eine Polizeipatrouille, bei dem ein Polizist getötet und zwei verletzt wurden sowie ein gepanzertes Fahrzeug zerstört wurde. Der folgende Tag wurde als Blutsonntag von Belfast bekannt: An ihm starben 16 Menschen, darunter 11 Katholiken; 161 Häuser wurden zerstört. Im Gebiet zwischen der Falls Road und der Shankill Road kam es zu anhaltenden Schießereien und Straßenschlachten zwischen rivalisierenden Menschenmengen.Parkinson, Belfast’s Unholy War, S. 152–154. Das vierte Quartal 1921 verlief vergleichsweise ruhig. Allerdings starben Ende November innerhalb von drei Tagen mindestens 24 Menschen, meist durch Heckenschützen, die im Norden und Osten Belfasts aktiv waren.Parkinson, Belfast’s Unholy War, S. 164, 167–170.