mini|Christian Ludwig Bokelmann, Bildnis aus der Zeitschrift Daheim, 1881 Christian Ludwig Bokelmann (* 4. Februar 1844 in St. Jürgen (Lilienthal) bei Bremen; † 14. April 1894 in Berlin) war ein deutscher Genre- und Porträtmaler des Realismus und des Naturalismus in der Tradition der Düsseldorfer Schule.
Werdegang Christian Ludwig Bokelmann war Sohn eines Lehrers und Organisten aus St. Jürgen. Seine Mutter war eine Tochter von Jakob Heinrich Delius, eines evangelischen Pfarrers in Worpswede.Harburger Lebensbilder (13): Ludwig Bokelmann (1844–1894). In: Harburger Feierstunden. Wöchentliche Beilage der Harburger Anzeigen und Nachrichten Kreisblatt, 92. Jahrgang, Nr. 12 (11. Januar 1936), Titelseite (PDF) Bokelmann erlernte auf Wunsch der Eltern in Lüneburg und Harburg den Beruf eines Kaufmanns. Erst ab 1868, nach dem Tod seines Vaters, konnte er – seiner Neigung und dem Rat eines Hamburger Zeichenlehrers und Malers folgend – bis 1871 an der Kunstakademie Düsseldorf und seit 1871 im Privatatelier von Wilhelm Sohn Malerei studieren. 1873 stellte er auf der Wiener Weltausstellung aus, seit 1874 auf den Berliner Akademieausstellungen, 1878 auf der Weltausstellung Paris, 1881 in Brüssel. 1877 errang er auf einer Ausstellung in Gent eine Goldene Medaille.Wolfgang Cortjaens: Zwischen Institutionalisierung und individuellem Austausch. Deutsch-belgischer Kulturtransfer am Beispiel der Düsseldorfer Malerschule von 1831 bis 1865. In: Bettina Baumgärtel, Band 1, S. 170. In den 1880er Jahren unternahm er – getrieben von einem ethnografischen Interesse, worin er Vorbildern der Düsseldorfer Schule wie Rudolf Jordan, Benjamin Vautier und Ludwig Knaus folgte – eine ausgedehnte Studienreise durch die Marschen und Nordfriesland. 1883 besucht er erstmals Sylt. Auch die Künstlerkolonie von Katwijk suchte er auf.Julia Hümme: Gregor von Bochmann (1850–1930). Leben und Werk eines deutschbaltischen Malers in Düsseldorf. Verlag Ludwig, Kiel 2007, ISBN 978-3-937719-31-3, S. 29 (online). In dieser Zeit betrieb Bokelmann verstärkt Naturstudien und Freilichtmalerei. Nach mehreren Aufenthalten in Nordfriesland und auf der Insel Föhr wandte er sich verstärkt dem traditionellen Volksleben zu.Ulrich Schulte-Wülwer, Föhr, Amrum und die Halligen in der Kunst, Heide 2012, S. 78–80.
Von 1892 bis 1893 wirkte Bokelmann als Professor für Genremalerei an der Kunstakademie Karlsruhe. 1893 folgte er einem Ruf an die Königliche akademische Hochschule für die bildenden Künste in Berlin, wo er als Nachfolger des verstorbenen Professors Hugo Vogel die Malklasse übernahm. Auf beiden Positionen begleitete ihn Fritz Mackensen, der Bokelmann durch Emilie Stolte kennengelernt hatte, als sein Meisterschüler und Freund.Nicole Roth: Wie modern ist die Düsseldorfer Malerschule? In: Bettina Baumgärtel, Band 1, S. 255. Auch mit dem niederdeutschen Dichter Klaus Groth war Bokelmann befreundet. Bokelmann war Mitglied des Düsseldorfer Künstlervereins Malkasten im Portal malkasten.org, abgerufen am 14. September 2014. und der Preußischen Akademie der Künste, Sektion für die Bildenden Künste, Berlin (1894).Christian Ludwig Bokelmann. Kurzbiografie im Portal adk.de, abgerufen am 14. September 2014. Er starb auf tragische Weise bei einem Sturz von einer Leiter in seinem Charlottenburger Atelier, als er einen Lorbeerkranz aufhängen wollte, den ihm dankbare Schüler zu seinem 50. Geburtstag überreicht hatten.Wilhelm Dehlwes: Lilienthal und seine Einwohner. Band II, Selbstverlag der Gemeinde Lilienthal, 1. Auflage, 1981, S. 246 (online). Beerdigt wurde Bokelmann auf dem alten Friedhof in Harburg.
Auszeichnungen Bokelmann war Träger des Bayerischen Verdienst-Ordens vom Heiligen Michael 3. Klasse, des Belgischen Leopolds-Ordens und des Sächsisch-Ernesinischen Haus-Ordens. Darüber hinaus wurden ihm folgende Ehrungen zuteil: 1873: Medaille für Kunst auf der Weltausstellung in Wien 1877: Goldene Medaille in Gent 1878: Kleine goldene Medaille für Kunst in Wien 1879: Große goldene Medaille für Kunst in Berlin und Ehrendiplom in München 1880: Goldene Medaille in Brüssel und Ehrenmitglied des cercle artistque et litteraire in Brüssel 1882: Goldene Medaille in München 1888: Ehrenmitglied der Akademie der Künste in Wien 1889: Goldene Erzherzog Carl Ludwig-Medaille auf der Internationalen Kunstausstellung in Wien, sowie Medaillen für Kunst von Sydenham, Melhouse etc. 1891 Ehrendiplom 1. Klasse in London
Kunsthistorische Würdigung mini|Eine Verhaftung, 1881 mini|Abschied der Auswanderer, 1882 Adolf Rosenberg, ein Zeitgenosse Bokelmanns, stufte ihn 1890 als Vertreter des Realismus und Naturalismus ein und befand, dass er, der „kaltblütige Meister unbestechlicher Beobachtung“, der „erste Düsseldorfer Genremaler [sei], welcher sich [der] künstlerischen Herausforderungen einer neuen Zeit gewachsen zeigte“.Adolf Rosenberg: Christian Ludwig Bokelmann. In: Zeitschrift für bildende Kunst, Jahrgang 1890, Carl von Lützow (Hrsg.), Verlag E. A. Seemann, Leipzig, S. 3 (Digitalisat).
In Bokelmanns späterem Schaffen dominieren „ernste Bildthemen mit sozialkritischen Anklängen“; er überwand darin den Atelierton und fand hin zu einer „reich nuancierten Raummalerei“ (Wend von Kalnein).Wend von Kalnein (Hrsg.), S. 274 (Katalog-Nummern 37, 38).
Seine Arbeit repräsentiert eine „Hinwendung zum sozialen ‚modernen Sittenbild‘, das die wirtschaftlichen Krisen der Gründerzeit spiegelt“ (Bettina Baumgärtel).Bettina Baumgärtel: Die Chronik der Düsseldorfer Malerschule. In: Bettina Baumgärtel, Band 1, S. 369.
Werke (Auswahl) mini|Abendmahl in Selsingen, 1893/1894 Großes Album mit 58 Zeichnungen, vor allem aus der Düsseldorfer Studienzeit, 1868–1870Bokelmann, Christian Ludwig: Großes Album mit 58 Zeichnungen, 1868. Webseite im Portal kettererkunst.de, abgerufen am 14. September 2014 Im Trauerhause, 1873, ausgestellt auf der Wiener Weltausstellung Bis in den hellen Tag hinein (Die Spieler), 1874, Salford Museum and Art Gallery, Salford/Greater Manchester, erstes anekdotisch-sozialkritisches Gemälde Bokelmanns in der Tradition von David Wilkie und Ludwig KnausVgl. Kathrin DuBois: Die Macht des Geldes. In: Bettina Baumgärtel, Band 2, S. 318 . Webseite im Portal bbc.co.uk, abgerufen am 14. September 2014. Im Leihhause, kurz vor der Eröffnung (Vorraum eines Leihhauses), 1875/1876, sozialkritisches Gemälde, das Auswirkungen des „Gründerkrachs“ von 1873 reflektiertVgl. Kathrin DuBois: Christian Ludwig Bokelmann: Im Leihhause, kurz vor der Eröffnung, 1876. In: Bettina Baumgärtel, Band 2, S. 316Wiedergabe als Lithografie in: Die Gartenlaube, 1881, Heft 47, S. 784. Die Volksbank kurz vor dem Krach, 1877, Milwaukee Art Museum, ausgestellt auf der Weltausstellung Paris 1878, Darstellung einer Szene vor der Volksbank in Wien am 9. Mai 1873Bildbeschreibung Christian Ludwig Bokelmann, Die Volksbank kurz vor dem Krach (1877). Webseite im Portal germanhistorydocs.ghi-dc.org, abgerufen am 14. September 2014.The People’s Bank Shortly Before the Crash. Webseite im Portal collection.mam.org, abgerufen am 14. September 2014 Bildnis Johann Baptist Paffrath, 1878, Museum KunstpalastNadine Müller: „Es ist ganz kurios, hier handelt alles mit Bildern“ – Einblicke in den Düsseldorfer Kunsthandel im 19. Jahrhundert an ausgewählten Beispielen. In: Bettina Baumgärtel, Band 1, S. 314 (Abbildung 2). Wanderlager vor Weihnachten, 1878 Die Testamentsverfassung, 1879, schildert anekdotisch-psychologisch die Vorgänge um die Versöhnung einer Tochter mit ihrem Vater bei dessen TestamentsverfassungVgl. zeitgenössische Bildbeschreibung in: Die Gartenlaube, 1888, Heft 18, S. 308. Der Kunstkenner, 1879 Letzte Augenblicke eines Wahlkampfes, 1880 Eine Verhaftung (Des Kindsmords verdächtigt), 1881 Abschied der Auswanderer (Aufbruch der Auswanderer), 1882, Galerie Neue Meister, DresdenChristian Ludwig Bokelmann (1844-1894): Abschied der Auswanderer, 1882. Bildbeschreibung im Portal musee-imaginaire.de, abgerufen am 14. September 2014. Im Gerichtssaal (Im Gerichtsvorsaal), 1883 Spielbank in Monte Carlo, 1884, „das Motiv zu einem Spiegelbilde der nervösesten Konzentration des modernen Touristen- und Abenteurerlebens“ (Adolf Rosenberg) Streikversuch der Tischlergesellen, 1885 Nordfriesisches Begräbnis, 1887/1888 im Portal kgi.ruhr-uni-bochum.de, abgerufen am 14. September 2014Sonja Grunow: Kinderbild um 1900. Dissertation Karlsruhe 2012, Karlsruher Schriften zur Kunstgeschichte, Band 9, LIT Verlag, Berlin 2013, ISBN 978-3-643-12135-6, S. 395, Abbildung 5.86 (online). Frauen in der Kirche von Nieblum, 1892, 80 × 60 cm, Museum Kunst der Westküste, Alkersum, Föhr Der Dorfbrand, 1885,Dorfbrand, Bildbesprechung im Portal museen-sh.de, abgerufen am 14. September 2014. 1886 und 1888, ungeschönte Darstellung eines Unglücks vor dem Hintergrund gewandelten ZeitgeschmacksVgl. Lilian Landers: „… ein neues Fach des Genres“ – Das sozialkritische Genrebild der Düsseldorfer Malerschule im internationalen Vergleich. In: Bettina Baumgärtel, Band 1, S. 204. Bleibergwerk in Selbeck, 1888, Nationalgalerie Berlin,Bleibergwerk in Selbeck, Webseite im Portal bildindex.de, abgerufen am 14. September 2014 ungeschönte Darstellung der industriellen Arbeitswelt im Ruhrgebiet Nach dem Brand (Die Bewirtung der Abgebrannten), 1893
Galerie
Weblinks
Christian Ludwig Bokelmann, Künstlerdatenbank im Portal van-ham.com Christian Ludwig Bokelmann, Auktionsresultate im Portal artnet.com Christian Ludwig Bokelmann (1844–1894), Auktionsresultate im Portal invaluable.com
Literatur
Hans Wohltmann: Ludwig Bokelmann * 4. 2. 1844 – † 15. 4. 1894. In: Mitteilungen des Stader Geschichts- und Heimatvereins, Jg. 41, Heft 3 (1966), S. 2 f. Wend von Kalnein (Hrsg.): Die Düsseldorfer Malerschule. Verlag Philipp von Zabern, Mainz 1979, ISBN 3-8053-0409-9, S. 274 (Katalog-Nummern 37, 38) Barbara Hodel: Christian Ludwig Bokelmann (1844–1894). Monographie und Werkkatalog. Europäische Hochschulschriften: Kunstgeschichte, Band 46, Verlag P. Lang, Frankfurt am Main, Bern, New York 1985, ISBN 978-3-8204-8258-4 (Inhaltsverzeichnis) Ernst Schlee: Der Maler Christian Ludwig Bokelmann als Darsteller des nordfriesischen Volkslebens. In: Nordelbingen, Heft 55 (1986), S. 141 ff. Rüdiger Articus, Ralf Busch: Christian Ludwig Bokelmann. Ein wiederentdeckter Volkslebenmaler des 19. Jahrhunderts. Veröffentlichungen des Hamburger Museums für Archäologie und Geschichte Harburgs, Ausgabe 68 (1994). Volker Frank: Bokelmann, Christian Ludwig. In: Saur Allgemeines Künstlerlexikon. Die bildenden Künstler aller Zeiten und Völker. Mitherausgegeben und begründet von Günter Meißner. K. G. Saur, München/Leipzig 1992–2010, ISBN 3-598-22740-X, Band 12: Bobrov–Bordacev (1996), S. 351. Bettina Baumgärtel (Hrsg.): Die Düsseldorfer Malerschule und ihre internationale Ausstrahlung 1819–1918. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2011, ISBN 978-3-86568-702-9, Band 1: S. 44, 170, 204, 209, 225, 255, 314, 369, 371, 373; Band 2: S. 316–319 (Katalog-Nr. 266, 268)
Einzelnachweise
Kategorie:Maler (Deutschland) Kategorie:Maler (Düsseldorf) Kategorie:Maler (Düsseldorfer Malerschule) Kategorie:Genremaler Kategorie:Porträtmaler Kategorie:Maler des Realismus Kategorie:Maler des Naturalismus Kategorie:Hochschullehrer (Akademische Hochschule für die bildenden Künste) Kategorie:Mitglied der Preußischen Akademie der Künste Kategorie:Geboren 1844 Kategorie:Gestorben 1894 Kategorie:Mann