mini|Matthias Politycki auf der Frankfurter Buchmesse 2025 mini|Matthias Politycki (2015) mini|Matthias Politycki (vor 2007) Matthias Politycki [] (* 20. Mai 1955 in Karlsruhe) ist ein deutscher Schriftsteller. Er hat Romane, Erzählungen, Gedichte, Essays sowie Hörbücher publiziert und gilt als Weltreisender unter den deutschen Autoren. Bekannt wurde er vor allem durch seinen Weiberroman, seine Kreuzfahrtsatire In 180 Tagen um die Welt und zuletzt durch den Roman Das kann uns keiner nehmen. Seine Bücher wurden ins Englische, Französische, Italienische, Japanische und Chinesische übersetzt. Viel beachtet wurden auch einige seiner Artikel, mit denen er in Debatten des Feuilletons eingriff oder sie anregte. Im Juni 2025 wurde Matthias Politycki zum Präsidenten der Autorenvereinigung PEN Deutschland gewählt.

Leben Matthias Politycki ist in München aufgewachsen und besuchte dort das Maria-Theresia-Gymnasium. Nach dem Abitur 1974 leistete er den Grundwehrdienst beim Jägerbataillon 541 in Neuburg/Donau ab, entschloss sich nach seiner ersten Wehrübung jedoch, den Wehrdienst nachträglich zu verweigern, und wurde am 21. Dezember 1977 als Kriegsdienstverweigerer anerkannt. Von 1975 bis 1987 studierte er Neuere deutsche Literatur, Philosophie, Theater- und Kommunikationswissenschaft an den Universitäten München und Wien. 1981 erlangte er den Grad eines Magisters, 1987 promovierte er bei Walter Müller-Seidel in München mit einer Arbeit über Umwertung aller Werte? Deutsche Literatur im Urteil Nietzsches zum Doktor der Philosophie. Nach drei Semestern Lehrtätigkeit als Akademischer Rat am Münchener Institut für Deutsche Philologie wechselte er 1990 zum Beruf des freien Schriftstellers, wobei er bis 1999 nebenbei noch als fester freier Lektor für den Verlag C.H. Beck in München tätig war. Von 2000 bis 2005 veranstaltete Politycki – er suchte immer wieder die ästhetische bzw. poetologische Diskussion – die „Ohne Titel“-Tagungen von Autoren, Lektoren und Kritikern auf Schloss Elmau. 2011 war er Kurator beim Literaturfest München.

Matthias Politycki ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland, des Österreichischen PEN-Clubs und der Freien Akademie der Künste in Hamburg. Am 27. Juni 2025 wurde er zum Präsidenten von PEN Deutschland gewählt.

Er lebte in Hamburg und München. 2021 zog er nach Wien,Politycki aus Frust von Hamburg nach Wien umgezogen. In: Die Zeit vom 1. August 2021. Abgerufen am 1. August 2021.Schriftsteller Matthias Politycki ist aus Frust über die deutsche Diskussionskultur von Hamburg nach Wien umgezogen. In: NZZ vom 31. Juli 2021. Abgerufen am 1. August 2021. sein Umzug „dürfte wohl der am meisten kommentierte seiner Art in der jüngeren deutschen Literaturgeschichte sein“.Efeu – Die Kulturnachrichten. Perlentaucher vom 6. August 2021

Literarisches Werk Romane und Erzählungen Mit seinem 1987 erschienenen, vielbeachteten Romandebüt Aus Fälle / Zerlegung des Regenbogens. Ein Entwickelungsroman wurde Politycki in der Kritik für ein hochreflektiertes Prosastück in der Nachfolge von Arno Schmidt und James Joyce gefeiert. Schon in den beginnenden 1990er Jahren hat der „formfixierte Avantgardist“Killy-Literaturlexikon sich dann immer wieder vehement gegen diese Zuschreibung gewehrt, er forderte „Literatur muss sein wie Rockmusik“, propagierte eine „Neue Lesbarkeit“ der Deutschen Literatur und löste damit eine breite Feuilletondebatte aus.

Der 1997 erschienene Weiberroman wurde schließlich zum Bestseller und „Kultroman“Munzinger-Archiv und gilt als zentraler Text der literarischen Postmoderne in Deutschland. Politycki begründete mit dem Roman zudem seinen Ruf als „eminenter Humorist“Reinhard Baumgart: . Die Zeit vom 5. September 1997. Abgerufen am 1. August 2021 und „Akrobat der Erinnerung“.Verena Auffermann in Süddeutsche Zeitung, 19. u. 20. Juli 1997. Gleichzeitig löste er mit dem Weiberroman eine Debatte über die sog. „78er Generation“Reinhard Mohr aus, die er in der Nachfolge und in strenger Abgrenzung von der gesinnungslastigen 68er-Generation verortete. 1999 richtete das ZDF mit dem Autor Politycki eine Internetromanwerkstatt ein. Politycki veröffentlichte dort digital die Vorarbeiten zu einem Weiberromannachfolger unter dem Titel „Marietta“.Harald Schiller: . Hamburger Abendblatt vom 13. Februar 1999. Abgerufen am 1. August 2021 Dazu arbeitete er mit der jungen Schauspielerin Maike Schiller zusammen, die heute den Kulturteil der Regionalzeitung Hamburger Abendblatt verantwortet.

Mit seinem 2005 erschienenen Kuba-Roman Herr der Hörner legte Politycki dann einen „dionysisch überbordenden Mammut-Roman“Wolfgang Schneider in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21. Februar 2008. vor, der vom Überlebenskampf eines aufgeklärten Europäers in einer von archaischen Ritualen geprägten Kultur erzählt. An den Publikumserfolg seines Weiberromans konnte er jedoch erst mit seinem 2008 erschienenen Schelmenroman In 180 Tagen um die Welt anknüpfen, in dem er einen „zeitgenössischen Simplicissimus die Rituale der Reichen und der Superreichen“Uwe Wittstock in Die Welt, 21. Juni 2008 auf einem Luxus-Kreuzfahrtschiff beschreiben lässt.

2013 erschien Samarkand Samarkand, nach eigener Aussage ein Werk, das Matthias Politycki ein halbes Leben lang umgetrieben hat. Der Roman führt in das Jahr 2026 und ins sagenumwobene Samarkand. Alexander Kaufner, Gebirgsjäger und Grenzgänger, begibt sich darin auf die Suche nach einer geheimnisvollen Kultstätte. „Samarkand, Samarkand ist eine wortgewaltige, orientalisch bunte Reise- und Abenteuererzählung, die bis zum Herzen der Finsternis vordringt.“Martin Halter: Gebirgsjäger auf dem leeren Berg. In: FAZ vom 23. August 2013. Abgerufen am 1. August 2021. Der Roman entwirft eine düstere Dystopie des „Freien Westens“, der zwischen der Aggression Groß-Rußlands und den fundamentalistischen Verbänden des „Kalifen von Bagdad“ unterzugehen droht. Um die demokratischen Grundwerte zu verteidigen, liegt die Hoffnung nur noch auf einem symbolischen Sieg „für die gerechte Sache“.

In dem 2020 erschienenen Roman Das kann uns keiner nehmen treffen auf dem Gipfel des Kilimandscharo zufällig zwei Männer aufeinander, ein Sprüche klopfender Ur-Bayer und ein feinsinniger, politisch korrekter Hanseat. Politycki schildert, wie sich bei einem Roadtrip nach Sansibar eine Freundschaft zwischen den ungleichen Helden entwickelt und „welche Chancen sich öffnen, wenn man nicht in seinen eigenen Vorurteilen stecken bleibt“Im Gespräch mit Luzia Stettler. 52 Beste Bücher, SRF 2 Kultur vom 21. Juni 2020. Abgerufen am 1. August 2021.. Für Peter Henning ist es „ein packender Deutschland-Roman - erzählt vor afrikanischer Kulisse“ und eine von Polityckis „zweifellos besten Prosaarbeiten“Peter Henning: Schmäh auf dem Kilimandscharo. In: Der Spiegel vom 4. März 2020. Abgerufen am 1. August 2021..

In Äthiopien kurz vor Ausbruch des Bürgerkriegs 2020 spielt der 2023 erschienene Roman Alles wird gut – Chronik eines vermeidbaren Todes. Im Mittelpunkt steht eine Frau aus dem Volk der Suri, die versucht, aus den jahrhundertealten Traditionen ihres Volkes auszubrechen. In der Kritik wurde der Roman mitunter in der Nachfolge von Joseph Conrads Herz der Finsternis gelesen . Mit dem Roman habe sich „der von seinen Anfängen her experimentelle Autor […] zum großen, geradezu klassischen Erzähler weiterentwickelt.“ Hervorgehoben wurde auch Polityckis umfassende Kenntnis der beschriebenen Handlungsorte und Kulturen: „Weil Politycki Afrika kennt wie wenige, ist er von allen deutschsprachigen Schriftstellern der Beste, um zu beschreiben, wie wenig man Afrika kennen kann.“Dierk Wolters. In: Frankfurter Neue Presse vom 6. Mai 2023

Als seine literarischen Vorbilder hat Politycki u. a. Laurence Sterne, Diderot, Gottfried Benn sowie Vladimir Nabokov genannt, seit einigen Jahren auch Ernest Hemingway.

Lyrik Politycki hat ein umfangreiches Lyrik-Werk vorgelegt, mit dem er immer wieder Bühnenprogramme bestritten hat: 1996/1997 ging er mit Robert Gernhardt und dem gemeinsamen Lyrikprogramm Wein, Weib und Gesang auf Tour, 2004/2005 mit Hellmuth Opitz und Steffen Jacobs und dem gemeinsamen Programm Frauen. Naja. Schwierig. Uwe Wittstock hat ihn als „größten lebenden Sprachkulinariker unter den deutschen Dichtern“Uwe Wittstock in Die Welt, 21. März 2009. bezeichnet. Im Frühjahr 2018 ist Sämtliche Gedichte 2017–1987 erschienen, eine Sammlung aller bislang erschienenen Einzelpublikationen sowie der verstreut publizierten Gedichte, ergänzt durch einen Zyklus neuer Gedichte, mit einem Nachwort von Wolfgang Frühwald. „Eine poetische Entdeckungsreise“Heide Soltau: . In: ndr.de/kultur/buch/buchdesmonats vom 1. Juni 2018., hieß es im Bücherjournal des NDR anlässlich der Auszeichnung zum NDR-Buch des Monats im Juni 2018.

2025 erschien mit „Meisenfrei“ Polityckis zehnter Gedichtband. „Die im Titel anklingende Mischung aus Freiheit und Frechheit hat etwas Programmatisches“, befand die FAZ.Thomas Thiel: Alles knistert und ruht. In: FAZ vom 11. Oktober 2025. Abgerufen am 20. Januar 2025. Zum ersten Mal im lyrischen Werk werden hier auch gesellschaftskritische und politische Töne angeschlagen. Die Kritik setzte dagegen eher andere Akzente: „Auch Polityckis neue Gedichte sind feine Wortsetzungen, feierliche Alltagseinrahmungen, lebensnahe Erkundungen, in denen Sprache auf ein schöpferisches Hochplateau gelangt“, hieß es im Hamburger Abendblatt.Thomas Andre: Ein Präsident und seine Kneipe: So hat er das nur in Hamburg. In: Hamburger Abendblatt vom 30. Oktober 2025. Abgerufen am 20. Januar 2025. „So zärtlich-reine Liebeslyrik im Heine’schen Ton wagen Autoren selten“, urteilte die Sächsische Zeitung: „Solange es noch solche Bücher gibt […], muss einem nicht bange sein.“Karin Großmann: Über geschlechtergerechte Sprache und Beifall von der falschen Seite. In: Sächsische Zeitung vom 12. Januar 2026. Abgerufen am 20. Januar 2025.

Essayistik Neben zwei Essaybänden der Jahre 1998 und 2007, in denen verstreut publizierte Zeitungsartikel zusammengestellt sind, hat Politycki 2015 und 2017 zwei Bände publiziert, die als „non-fictional literature“ auf der Grenze von Literatur und Essayistik angesiedelt sind: 42,195, ein autobiographischer Band über das Marathonlaufen, und Schrecklich schön und weit und wild, eine „Melange aus philosophischem Essay und autobiographischem Erfahrungsbericht“ über „die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Reisens“.Burkhart Lauterbach in: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde 2017, Hg. Kommission für bayerische Landesgeschichte bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. München 2017 Politycki hat sich immer wieder auch in Essays und Zeitungsartikeln zur Entwicklung der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur geäußert; „er ist ein Autor, der vor Konflikten nicht zurückschreckt, einer, der sich einmischt und Stellung bezieht“Jürgen Abel: Matthias Polityckis neuer Roman »Alles wird gut« – Eine Liebe in Afrika. In: Literatur in Hamburg, 28. März 2023. Abgerufen am 16. April 2023. Große Beachtung fanden seine Essays Relevanter RealismusVom Verschwinden der Dinge in der Zukunft, S. 102 ff., publiziert unter dem Titel Was soll der RomanDie ZEIT, Nr. 26/2005 und Weißer Mann – was nunDie ZEIT, Nr. 36/2005. Zuletzt stellte Matthias Politycki seine aktuelle ästhetische Position beim deutschen Germanistentag 2016 in einem Plenarvortrag vor. Er wurde unter dem Titel Reduktion & Tempo in den Göttinger Sudelblättern (2017) publiziert.