Bei der Evangelischen Kirche in Schmalleningken (heute Evangelisch-lutherische Kirche in Smalininkai) handelt es sich um ein Gebäude aus den Jahren 1877 und 1878, das im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde und nun in einem 1912 errichteten Gemeindehaus seinen Ersatz gefunden hat.
Geographische Lage Die heute Smalininkai genannte Stadt gehört zum litauischen Bezirk Tauragė (Tauroggen) und war bis 1922 dem preußischen Kreis Ragnit, danach dem Kreis Pogegen im Memelland zugehörig. Er liegt am Nordufer der Memel (litauisch: Nemunas). Die Nationalstraße KK 141 von Kaunas nach Klaipėda (Memel) führt durch das nördliche Stadtgebiet. Eine Bahnanbindung besteht nicht.
Die einstige Kirche stand auf erhöhtem Platz an der Hauptstraße.
Kirchengebäude Die alte Pfarrkirche Der Bau der einstigen Pfarrkirche in Schmalleningken wurde durch eine Kirchen-Kollekte sowie ein „Gnadengeschenk“ des Kaisers Wilhelm I.Smalinikkai - Schmalleningken ermöglicht. Am 13. Juli 1877 fand die Grundsteinlegung statt, deren Urkunde man später in den Trümmern der zerstörten Kirche fand. Hierin heißt es:
Die Gemeinde Schmalleningken, welche im Jahre 1845 aus 8 von der Gemeinde Wischwill abgezweigten Ortschaften gegründet wurde, hat bisher noch keine eigentliche Kirche besessen...so daß schon früh der Bau einer Kirche ins Auge gefaßt werden mußte. Pläne und Anschläge wurden gemacht, allein die Ausführung mußte unterbleiben, da die Gemeinde zur Aufbringung der Baukosten viel zu arm war. Endlich kam Hilfe. Eine allgemeine Kirchen-Kollekte wurde bewilligt und gehalten; auf diese Weise wurden circa 2.700 Mark zusammengebracht. Sr. Majestät, der Kaier und König Wilhelm I., der erhabene Schirmherr unserer evangelischen Kirche, geruhten ein Gnadengeschenk von 30.000 Mark allerhöchst zu bewilligen, den Rest der Baukosten erklärte sich die Gemeinde aufzubringen gerne bereit...
Heute nun, den 13ten Juli 1877 wird mit Gottes Hilfe der Grundstein der Kirche feierlichst gelegt. Noch im Laufe dieses Jahres soll der Bau unter Dach und im Jahre 1878 vollendet werden...
Der Herr aber, an dessen Segen Alles gelegen ist, segne auch diesen Bau, den wir zu seiner Ehre beginnen...er fördere kräftig das Werk unserer Hände, daß wir bald einziehen können in sein Heiligthum, ihm zu danken und ihn zu loben...Ihm aber, dem ewigen König, dem Unvergänglichen und Unsichtbaren und Alleinweisen sei Ehre und Preis von nun an bis in Ewigkeit. Amen!
Es entstand ein unverputzter ZiegelbauWalther Hubatsch, Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens, Band 2: Bilder ostpreussischer Kirchen, Göttingen 1968, S. 108, Abb. 476 mit einer geschlossenen Altarnische und einem „100 Fuß“ hohen Turm.Historisches Foto der Kirche Über dem Eingangsportal befand sich weithin sichtbar in einer Nische eine Figur des segnenden Christus.Schmalleningken, Kreis Pogegen
Der Kircheninnenraum war mit Altar, Kanzel, Taufstein und Orgel in neugotischem Stil ausgestattet.
Die Kirche wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört, die Reste abgetragen.Heinrich A. Kurschat, Das Buch vom Memelland, 1990², S. 472 In den Ruinen fand sich unversehrt die Grundstein-Urkunde von 1877.
Die jetzige Kirche Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden in Schmalleningken freikirchliche und gemeinschaftsbewegte Gruppen immer stärker und beeinflussten durch ihr aufdringliches Wirken das kirchliche Leben im Ort. Zu ihnen gehörte die pietistische Pilgermission St. Chrischona (die nahe dem Bahnhof ein eigenes Gebäude besaß), die Paulsche Pfingstbewegung sowie evangelikale Gemeinschaften deutscher wie litauischer Sprache. Um diesen Strömungen besser entgegenwirken zu können, errichtete die evangelische Kirchengemeinde ein spezielles Gemeindehaus, das im Jahre 1912 vollendet wurde. In der Zeit der Sowjetunion diente es als Kino, weshalb die Fenster vermauert wurden.
Dieses Gebäude dient heute nun als evangelisch-lutherisches Gotteshaus. Es handelt sich dabei um einen verputzten Saalbau, dessen Stirnfront zur Straße hin gerichtet ist.Der Eingang zur jetzigen Kirche in Smalininkai im Jahre 2005 Über dem Dach der Eingangstür befindet sich ein Kreuz. Vier Rundbogenfenster spenden dem Kirchenraum Licht. Der AltartischBlick auf den Altar aus Holz mit Kreuz und Leuchtern steht vor einer beleuchteten Nische mit hohem Kreuz, daneben die Kanzel und vor dem Altarbereich eine hölzerne Kommunionsbank.
Die Orgel ist ein Werk der Firma Rudolf von Beckerath Orgelbau in Hamburg. Ursprünglich stand sie in einer Krankenhauskapelle und wurde 2009 von der Hilfsaktion „Kinder in Not“ aus Lemgo (Deutschland) nach Litauen gebracht. Es handelt sich um ein einmanualiges Instrument mit drei Registern im Schleifladensystem. Ein Pedalanbau ist nicht vorgesehen.
Kirchengemeinde Schmalleningken wurde im Jahre 1845 ein KirchdorfWalther Hubatsch, Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens, Band 3: Dokumente, Göttingen 1968, S. 513, zu dessen Kirchspiel man acht weitere Ortschaften – nördlich und südlich der Memel gelegen – vom Sprengel der Kirche Wischwill (heute litauisch: Viešvilė) abtrennte. Der Gottesdienst wurde zunächst in einem angemieteten, später angekauften Privathaus gefeiert, das nach der Errichtung der Kirche das Pfarrhaus wurde.
Die Pfarrei Schmalleningken gehörte zum Kirchenkreis Ragnit (heute russisch: Neman), ab 1920 zum Kirchenkreis Pogegen (litauisch: Pagėgiai) im Memelland (mit eigenem Konsistorium) in der Kirchenprovinz Ostpreußen der Kirche der Altpreußischen Union.
Die Kirchengemeinde war ohne Kirchenpatronat, es bestand Gemeindewahl. 1925 zählte sie 2200 Gemeindeglieder. Seit Gründung der Kirchengemeinde bestand eine eigene Pfarrstelle, die in den hundert Jahren bis 1945 ununterbrochen besetzt war.
Heute ist die Zahl der evangelischen Kirchenglieder im Umfeld mehrheitlich katholischer Bevölkerung kleiner geworden. Seit den 1990er Jahren ist das frühere Gemeindehaus die Kirche der lutherischen Gemeinde Smalininkai, die zur Evangelisch-lutherischen Kirche in Litauen gehört.
Kirchspielorte (bis 1945) Zum Kirchspiel Schmalleningken gehörten vor 1945 neben dem Pfarrort Schmalleningken (Smalininkai) noch neun Orte und kleinere Ortschaften. Die nördlich der Memel gelegenen Orte gehören heute zu Litauen, die südlichen dagegen zu Russland:
Name Änderungsname1938 bis 1946 Heutiger Name (Land) Antschwenten Antšvenčiai (LT) Augstogallen Smalininkai (LT) Dirwehlen Wehlen Pogranitschny (RUS) Endruszen Endriušiai (LT) Grünhof, Forst Žaldvaris (LT) Kassigkehmen Kazikėnai (LT) Schillehnen Waldheide Pogranitschny (RUS) Wittkehmen Vidkiemis (LT) Wolfswinkel, Forst (RUS)
Pfarrer (1845–1945) In den hundert Jahren seines Bestehens amtierten neun evangelische Geistliche im Kirchspiel SchmalleningkenFriedwald Moeller, Altpreußisches evangelisches Pfarrerbuch von der Reformation bis zur Vertreibung im Jahre 1945, Hamburg 1968, S. 135: Johann Theodor Bernhard Gamradt, 1845–1856 Ludwig Kadau, 1856–1870 Johann Ferdinand Kuehn, 1870–1879 Otto Julius Stein, 1880–1888 Georg Gustav Rudolf Kusch, 1888–1893 Georg Louis B. Wittke, 1893–1905 Alfred Müller, 1905–1912 Ernst Franz Kreutzer, 1912–1913 Wilhelm Grodde, 1914–1945
Der zuletzt amtierende Pfarrer Wilhelm Grodde war während beider Weltkriege Seelsorger an der Kirche Schmalleningken. Vor den anrückenden Russen musste er im Ersten Weltkrieg fliehen, die Hälfte der Gemeindeglieder war von den Russen bis an die Wolga verschleppt worden und kam erst nach dem Friedensvertrag wieder zurück. Dann erst – 1917 – konnte er in sein Amt eingeführt werden. Im Oktober 1944 schloss sich Grodde dem Treck der Flüchtenden an, der jedoch von der Front überrollt wurde. Er kehrte zum zweiten Mal als Flüchtling nach Schmalleningken zurück, erhielt jedoch Verbot jeglicher Ausübung seines Amtes. Als Organist und Kantor in einer katholischen Kirche in der Nachbarschaft verdiente er sich seinen Lebensunterhalt, betreute verbotenerweise aber auch die evangelischen Kirchenglieder. Im Jahre 1957 schließlich wurde seiner Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland stattgegeben.
Kirchenbücher Die Kirchenbücher der Kirche Schmalleningken gelten als verschollen.
Verweise
Kategorie:Kirchengebäude der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Litauen Kategorie:Backsteinkirche Kategorie:Neugotisches Kirchengebäude Kategorie:Kirchengebäude der Kirchenprovinz Ostpreußen Kategorie:Erbaut in den 1870er Jahren Kategorie:Zerstört in den 1940er Jahren Kategorie:Memelland Kategorie:Zerstört im Zweiten Weltkrieg Kategorie:Backsteinbauwerk des Historismus Kategorie:Bauwerk des Historismus in Deutschland Schmalleningken