Qopuz, abgeleitete Namens- und Schreibvarianten in mehreren Turksprachen qobiz, kobus, chomus, khomus, kumys, komuz, qomuz, bezeichnet überwiegend Bügelmaultrommeln aus Metall, die in der Unterhaltungsmusik in weiten Teilen Zentral- und Nordasiens besonders von Frauen und Kindern gespielt werden. In einigen Regionen verwendeten Schamanen sie früher als magische Hilfsmittel zur Krankenheilung. In der sibirischen Republik Sacha ist die Maultrommel ein wesentliches Element der nationalen Musikkultur.

Zur Unterscheidung von der zentralasiatischen Langhalslaute komuz dient im Kirgisischen der Namenszusatz temir-komuz („Eisen-Maultrommel“) und im Usbekischen tschang-kobus zur Unterscheidung von der Streichlaute kobys. Zum selben Verbreitungsgebiet gehörten auch hölzerne Rahmenmaultrommeln, die heute praktisch verschwunden sind.

Bauform mini|Indische morsing, klassische Form einer asiatischen Bügelmaultrommel Nach der Hornbostel-Sachs-Systematik von 1914 zählen Maultrommeln zu den Zupfidiophonen, da die elastische, mit einem Finger gezupfte oder angeschlagene Zunge ihre Schwingungen direkt auf einen selbstklingenden Bügel überträgt. Eine andere Klassifizierung als Durchschlagzungeninstrument und damit als freies Aerophon ist möglich, wenn die direkte Erzeugung eines periodisch unterbrochenen Windstroms, der sich um die Zunge bewegt, in den Mittelpunkt gestellt wird. Die Unterscheidung in der Hornbostel-Sachs-Systematik nach idioglotten Maultrommeln (bei denen Zunge und Rahmen aus demselben Material herausgeschnitten wurden) und heteroglotten Instrumenten (deren Zunge am Rahmen befestigt ist), entspricht im Wesentlichen der seit Curt Sachs (1917) geläufigen Einteilung in Rahmenmaultrommeln und Bügelmaultrommeln. Beim ersten Typ, der als älter gilt und überwiegend in Südostasien (als genggong im Malaiischen Archipel) und in Ozeanien (als susap in Melanesien) vorkommt, ist die Zunge gerade und kürzer als der Rahmen, weshalb der Spieler das Instrument mit der Zungenspitze zur Hand gerichtet hält und es mit der anderen Hand mittels einer am Rahmen befestigten Schnur in Schwingung versetzt oder das Rahmenende anschlägt. Die jüngeren und als höher entwickelt eingeschätzten Bügelmaultrommeln besitzen eine gebogene, über den Rahmen hinausragende, separate Zunge, deren angezupfte häkchenartige Spitze beim Spielen von der Hand weg nach außen orientiert ist. Bügelmaultrommeln kommen seit Jahrhunderten in Europa, Südasien, Zentral- und Nordasien einschließlich Tibet und China vor.Curt Sachs, 1917, S. 196 Sie bestehen meist aus Stahl, seltener aus Bronze; Rahmenmaultrommeln werden aus Holz, Bambus, Knochen, Elfenbein, Messing oder Kupfer gefertigt. Heteroglotte Rahmenmaultrommeln sind selten.

Während europäische Bügelmaultrommeln mit den kolonialen Eroberungen auch in beide Amerikas und nach Afrika ausgeführt wurden, stellen die asiatischen Bügelmaultrommeln eine eigenständige, möglicherweise ältere Entwicklung dar. Sie sind an einer nach hinten über den hufeisenförmigen Bügel hinausragenden Zunge erkennbar, der bei europäischen heutigen Instrumenten fehlt, bei einigen Exemplaren aus dem 14. bis 17. Jahrhundert jedoch ebenfalls vorhanden war. Bei asiatischen Maultrommeln wie beispielsweise der indischen morsing ist der hintere Zungenüberstand häufig zur Form eines Spatels breitgeklopft. Es handelt sich wahrscheinlich um funktionslose, aber in einigen Fällen kunstvolle Verzierungen.Regina Plate, 1992, S. 35

Abgesehen von diesen Verbreitungsgebieten der beiden Maultrommeltypen tauchen auch Rahmenmaultrommeln in Nordasien auf. Ein besonderer Fund ist eine alte Rahmenmaultrommel der Chanten (Ostjaken), die aus einem 10,8 Zentimeter langen Knochenstück besteht, das außen ebenso wie die Zunge keilförmig ausgeschnitten wurde. Durch ein Loch am Basispunkt der Zunge ist ein Faden gezogen und mit Knoten befestigt, an dem gezupft werden kann, wodurch die untere Seite des Rahmens in Schwingung gerät. Zu diesem Typ Rahmenmaultrommel mit Keilzunge gehört auch eine hölzerne Maultrommel des Tuwiner, deren Rahmen außen jedoch rechteckig mit abgerundeten Ecken ist. Eine gleich konstruierte Rahmenmaultrommel der Niwchen (Giljaken) aus einem schmalen Messingblech beschreibt der Geograph Leopold von Schrenck im dritten (ethnographischen) Teil seines Werkes Reisen und Forschungen im Amur-Lande in den Jahren 1854–1856. Den niwchischen Namen des abgebildeten, sehr einfachen Instruments, das angeblich von den Mandschu stammte, gibt Schrenck mit kanga oder wutschranga an.Leopold von Schrenck: Reisen und Forschungen im Amur-Lande in den Jahren 1854–1856. Band 3, dritte Lieferung. Königliche Akademie der Wissenschaften, St. Petersburg 1859, S. 683 (online bei Internet Archive) Die nebenstehende Abbildung auf derselben Seite bei Schrenck zeigt eine ähnliche flache Rahmenmaultrommel aus Holz mit einer flaschenartigen Zunge, die nach der Kategorisierung von Curt Sachs als „stufzungige Schnurmaultrommel“ außer am Jenissei, in der chinesischen Provinz Yunnan, im Osten der Region Turkestan und in Teilen Südostasiens vorkommt.Curt Sachs, 1917, S. 191 Schrencks Abbildung der stufzungigen Maultrommel zeigt als Besonderheit ein Loch in der Mitte der Zunge, in welches ein Holzzäpfchen eingepasst ist. Dieses ist in seiner Größe veränderbar und dient zum Stimmen der Maultrommel auf den gewünschten Grundton. Üblicherweise wird zu diesem Zweck auf die Zungenspitze ein Tropfen Harz, Lack oder Wachs gegeben. Dadurch erhöht sich die Masse der Zunge, die Schwingungsdauer verlängert sich und die Tonhöhe kann in gewissen Grenzen verändert werden.Ernst Emsheimer, 1964, S. 17f

Die Erkenntnisse über die Verbreitung spezieller nordasiatischer Maultrommeln stammen weitgehend von Forschern und Reisenden des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Daraus leitete Curt Sachs (1917) eine Klassifizierung der unterschiedlichen Maultrommeltypen her, die er – basierend auf der Kulturkreislehre von Leo Frobenius – in seinem Werk Geist und Werden der Musikinstrumente (1929) in eine evolutionistische Migrationstheorie der Völker einfließen ließ. Deren anhand kultureller Erscheinungsformen ermittelter Ausgangspunkt soll zusammen mit den Maultrommeln in Zentralasien gelegen haben. „Wir unterstellen eine gesetzmäßige Entwicklung vom Rohen zum Feinen, vom Unbeholfenen zum Kunstvollen.“Curt Sachs, 1917 Zum Nachweis eines so definierten kulturellen Entwicklungsgangs hielt Sachs die zahlreichen Varianten der Maultrommel für besonders geeignet. Sachs gelang es, bestimmte Maultrommeltypen nach ihrem Alter und ihrer Verbreitung in Beziehung zu setzen, ein Beweis für die Hypothese einer Ausbreitung der Maultrommel von Zentralasien nach Europa ist damit zwar nicht zu erbringen,Regina Plate, 1992, S. 70 sie wird heute aber für am wahrscheinlichsten gehalten.Gjermund Kolltveit: The Jew’ss Harp in Western Europe: Trade, Communication, and Innovation, 1150–1500. In: Yearbook for Traditional Music, Bd. 4, 2009, S. 42–61, hier S. 43

Etymologie mini|Kirgisische Musikinstrumente auf einer sowjetischen Briefmarke von 1991. Von oben nach unten: Querflöte sybyzgy, gestrichene Schalenhalslaute kobys, Maultrommel temir-komus, beidseitig offene Längsflöte tschoor (der kasachischen sybyzgy entsprechend), Langhalslaute dombra, Langhalslaute komuz Alle turksprachigen Namen von Maultrommeln sind vom alttürkischen Wort qopuz für „Laute“ abgeleitet. Qopuz bezeichnet in Zentralasien mehrere gezupfte Langhalslauten sowie ein- und mehrsaitige Streichinstrumente, erst in zweiter Linie Maultrommeln. Eine ähnliche Bedeutungsübertragung kommt im arabischen Wort rabāba zum Ausdruck, mit dem Beduinen eine alte einsaitige Fiedel mit einem kastenförmigen Korpus bezeichnen. Hiervon leiten mehrere arabische Spießgeigen rabāb bis hin zur marokkanischen ribāb ihre Namen her. Aus dem arabischen rabāba stammen seit der frühen Neuzeit bevorzugt in südeuropäischen Sprachen abgewandelte Bezeichnungen für Maultrommeln (rébute in Frankreich, ribèba in Norditalien im 15. Jahrhundert). Dass in den Turksprachen und im Arabischen Musikinstrumente nicht streng typologisch getrennt wurden (zamr hieß ein arabisches Saiteninstrument, mizmar sind arabische Blasinstrumente mit der gemeinsamen Konsonantenwurzel z-m-r), lässt sich damit erklären, dass wohl nicht die Art der Tonerzeugung, sondern die Funktion des Instruments entscheidend war.Hans Engel: Die Stellung des Musikers im arabisch-islamischen Raum. Verlag für systematische Musikwissenschaft, Bonn 1987, S. 131 Einen vergleichbaren gemeinsamen Namensursprung haben in westeuropäischen Sprachen von Althochdeutsch trumba abgeleitete Blasinstrumente (Trompete), Schlaginstrumente (Trommel) und Maultrommeln: englisch trump, mit dem Übergang in slawische Sprachen bis zur ukrainischen Maultrommel drymba.

Qopuz als Bezeichnung für eine Maultrommel kommt erstmals in einem Glossar zum Werk des aus Herat stammenden, Tschagataisch schreibenden Dichters Mir ʿAli Schir Nawāʾi (1441–1501) vor. Neben rabāba lebt auch qopuz dem Namen nach über den Umweg von qanbus zu gambus für ein malaiisches ZupfinstrumentCurt Sachs: Die Musikinstrumente Indiens und Indonesiens. Zugleich eine Einführung in die Instrumentenkunde. Georg Reimer, Berlin 1915, S. 138 im europäischen Sprachraum als Gambe weiter.Hans Hickmann: Die Musik des Arabisch-Islamischen Bereichs. In: Bertold Spuler (Hrsg.): Handbuch der Orientalistik. 1. Abt. Der Nahe und der Mittlere Osten. Ergänzungsband IV. Orientalische Musik. E.J. Brill, Leiden/Köln 1970, S. 35

Mit qopuz verwandte Formen sind qowuz, qobuz und qobus für die Region Ostturkestan. Auf Jakutisch heißt die Maultrommel chomus oder chamys, auf Turkmenisch je nach Schreibweise qobiz, kopys oder kobys, auf Kasachisch komys, auf Tschuwaschisch kabás und kupas, auf Tatarisch kobus und kubys, auf Baschkirisch kumys und auf Tuwinisch chomus (englische Umschrift khomus). Der erste Vokal bei den meisten Wortformen ist „o“, alternativ kommen „a“ und „u“ vor, der zweite Vokal ist „u“ oder „y“. Der Konsonant dazwischen ist in den älteren Formen „p“, wovon die Entwicklung zu „b“ und weiter zu „v“ fortgeschritten ist. Folglich stellt das usbekische kavuz eine jüngere Form dar.

Spekulativ ist die Einordnung ähnlicher Bezeichnungen zu einem Bedeutungsumfeld der Maultrommel. Das altaische Wort komys und das kirgisische komus besitzt auch die Bedeutung „Käfer“ und „Maikäfer“. Analog bedeutet die auf Estnisch parmupill genannte Maultrommel „Hummel“ und die estnische konnapill „Frosch“. Hierbei verbinden sich die den Klang beschreibenden Namen vieler Maultrommeln mit ihren Klangeigenschaften, die zur Nachahmung von Tierlauten geeignet sind. Über die frühere Funktion und Klangbildung von Maultrommeln lassen sich so möglicherweise Aussagen treffen, eine eindeutige Herleitung solcher Maultrommelnamen von Insektenbezeichnungen ist jedoch nicht möglich.Regina Plate, 1992, S. 152f