MATADOR ( Man-portable Anti-Tank, Anti-DOoR; etwa Einmannwaffe gegen Panzerfahrzeuge und Panzertüren) ist eine ungelenkte rückstoßfreie Panzerabwehrhandwaffe. Die Entwicklung begann im Jahr 2000 als Weiterentwicklung der leichten Panzerfaust Armbrust. Der Hersteller Dynamit Nobel Defence (DND) bezeichnet die Matador als RGW 90 (, rückstoßfreie Granatwaffe).
Hintergrund und Entwicklung Nach dem Ende des Kalten Krieges sank die Bedeutung der Panzerabwehr bei der Beschaffung schwerer Handwaffensysteme. Dafür gewannen – insbesondere durch die verstärkte asymmetrische Kriegführung – Waffen an Bedeutung, welche Gegner niederhalten und hinter Deckungen bekämpfen konnten und entsprechend dieser Fähigkeiten einstellbar sind. Des Weiteren sollten Ziele in über 1000 Meter Entfernung bekämpft werden können, was bis zu diesem Zeitpunkt nur relativ schweren und mit mehreren Soldaten zu bedienenden Lenkflugkörpern möglich war. Auch haben diese Lenkflugkörper eine erhebliche Rückstrahlzone, was den Einsatz aus Räumen heraus erschwert, und die zumeist verwendeten Hohlladungen haben nur eine geringe Wirkung auf Gebäude und Befestigungen, da sie für eine hohe punktuelle Durchschlagsleistung wie die Vorderseite eines Kampfpanzers optimiert wurden. Ein weiterer Kritikpunkt waren die hohen Kosten insbesondere bei „Fire-and-Forget“-Lenkwaffen. Gefordert wurde daher eine leichte, von einem Soldaten zu bedienende, mit verschiedenen Gefechtsköpfen ausrüstbare Waffe mit großer Reichweite.
Die Streitkräfte Singapurs (Singapore Armed Forces, SAF) und die Defence Science & Technology Agency (DSTA) entwickelten die Matador zusammen mit Dynamit Nobel Defence, einem deutschen Tochterunternehmen des israelischen Staatskonzerns Rafael Advanced Defense Systems.
Technik Die Matador gehört zu den leichtesten Waffen ihrer Klasse. Der Gefechtskopf ist sowohl gegen Fahrzeugpanzerungen und Weichziele als auch gegen Mauerwerk effektiv. Die Waffe hat eine nur geringe Hitzewirkung nach hinten, was den Einsatz in beengten Räumen ermöglicht. Sie soll in der Lage sein, die Panzerung gepanzerter Fahrzeuge und leichter Kampfpanzer zu durchschlagen. Im Verzögerungsmodus kann der Gefechtskopf Breschen in Mauerwerk schlagen, das stärker als eine doppelt gemauerte Wand ist. Damit können im Häuserkampf Zugänge geschaffen werden. Das Projektil ist aufgrund des durchgängig brennenden Marschtriebwerkes weitgehend windunempfindlich.
Gefechtskopf Der Gefechtskopf ist in Abhängigkeit von der Version der Matador sowohl als High Explosive Anti Tank (HEAT) auf Hohlladungsbasis gegen gepanzerte Ziele als auch im Modus Quetschkopfgeschoss (High Explosive Squash Head / HESH) gegen Befestigungen ausgeführt. Bei manchen Versionen wird zum Einstellen des HEAT-Modus ein Abstandsrohr ausgezogen.
Zieleinrichtung Um die geforderte Kampfreichweite von 1200 Metern bei einer hohen Ersttrefferwahrscheinlichkeit des Gefechtskopfes zu erreichen, wurde bei der RGW 90 das Feuerleitvisier Dynahawk verbaut, welches über eine umfangreiche Sensorik verfügt und Neigungswinkel, Verkantungswinkel, Zieldistanz, Zielbewegung sowie die Munitionstemperatur erfasst. Durch die eingebaute Optik und einen Laserentfernungsmesser werden die Zieldaten an den Gefechtskopf übermittelt. Der Dynahawk wird als einziges Teil der Waffe wiederverwendet.
Rückstoßverringerung mini|Vergleich der Armbrust (oben) mit der Matador
Ähnlich wie bei der Panzerabwehrhandwaffe Armbrust wird der Rückstoß durch eine Gegenmasse verringert. Die Gegengemasse besteht aus geschreddertem Plastik, das beim Schuss aus der Rückseite der Waffe ausgestoßen wird. Dieses Plastikknäuel wird durch den Luftwiderstand rasch abgebremst, so dass die Waffe in beengten Räumen (ab 15 m³) abgeschossen werden kann. Das Plastikknäuel bewirkt auch einen Ausgleich des Schwerpunktes.
Varianten mini|Soldat der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte mit Matador Die RGW ist in den Kalibern 90 mm, 60 mm und zukünftig auch 110 mm sowie mit diversen Gefechtsköpfen verfügbar. Es existieren Varianten zur Panzerabwehr wie auch verschiedene Anti-Struktur Waffen.
RGW 90 Die RGW 90 Familie umfasst alle Wirkmittel im Kaliber 90 mm. Teilweise wird auch der Name Matador verwendet. Anfangs bezeichnete der Hersteller die Waffe auch als Panzerfaust 90 bzw. Pzf 90. Die RGW 90 hat je nach Variante eine Länge von ungefähr 1 m und wiegt zwischen 7,5 und 13 kg.
RGW 90 HH / Matador-HH Die RGW 90 HH ( HEAT/HESH, Hohlladung/Quetschkopf) verfügt über einen Gefechtskopf mit Monohohlladung. Mit ausgezogenem Abstandsrohr (HEAT-Modus) wird die Hohlladung im optimalen Abstand zum Ziel gezündet für einen maximalen panzerbrechenden Effekt, womit gepanzerte Ziele bis zu leichten Kampfpanzern bekämpft werden können. Mit eingefahrenem Abstandsrohr (HESH-Modus) wird die Ladung erst nach dem Aufprall gezündet, wobei sich die Hohlladung verformt und wie ein Quetschkopf wirkt. Dieser Modus eignet sich für die Bekämpfung von leichten Strukturen wie Mauerwerk oder ungepanzerten Fahrzeugen. Der Gefechtskopf verfügt über ein Marschtriebwerk und wird auch als HEAT-RA ( High-Explosive Anti-Tank – Rocket-Assisted, Hohlladung mit Raketentriebwerk) bezeichnet. Standardmäßig verfügt die RGW 90 HH über ein Zielfernrohr sowie eine Picatinny-Schiene oder proprietäre Montageschiene für ein Nachtsichtgerät oder Feuerleitsystem. Die RGW 90 HH misst 960 mm mit eingefahrenem und 1080 mm mit ausgezogenem Abstandsrohr. Die ursprüngliche Ausführung wiegt je nach Quelle 8,7 kg bzw. 8,9 kg und ist in der Lage, Panzerungen mit einer Dicke von >500 mm RHA zu durchschlagen. Die Ausführung A2 verfügt über diverse Verbesserungen wie ein reduziertes Gewicht von 8,0 kg und eine Durchschlagsleistung von fast 600 mm RHA. Ausführung A3 wiegt 7,5 kg und hat eine Leistung von 700 mm RHA. Die effektive Einsatzdistanz liegt zwischen 20 und 500 m.
RGW 90 HH-T Die RGW 90 HH-T ( HEAT/HESH-Tandem, Hohlladung/Quetschkopf-Tandem) verfügt über einen Gefechtskopf mit Tandemhohlladung. In Sachen Einsatzspektrum und Handhabung ist die RGW 90 HH-T identisch mit der RGW 90 HH, wobei dank der Tandemhohlladung auch Kampfpanzer mit Reaktivpanzerung effektiv bekämpft werden können. Die RGW 90 HH-T misst je nach Position des Abstandsrohrs 960 mm bzw. 1150 mm, wiegt 8,0 kg und hat eine Durchschlagsleistung von >700 mm RHA ohne Reaktivpanzerung bzw. >600 mm RHA hinter Reaktivpanzerung. Die Einsatzdistanz liegt zwischen 20 und 600 m.
Matador-MP Die Matador-MP (, ) ist eine Mehrzweckwaffe mit einem Quetschkopf-Gefechtskopf, welcher eine Vielzahl von Bodenzielen, von leicht gepanzerten Fahrzeugen über befestigte Stellungen bis hin zu Häuserwänden, zerstören kann. Der Gefechtskopf erkennt automatisch, ob es sich um ein „hartes“ oder ein „weiches“ Ziel handelt und stellt sich entsprechend ein. Befestigte Ziele wie Bunker werden im sogenannten „Durchschlagsmodus“ ( penetrating mode) und übrige Ziele im HESH-Modus bekämpft. Eine wiederverwendbare Zielerfassungshilfe, welche eine hohe Ersttrefferwahrscheinlichkeit ermöglicht und ein Reflexvisier und einen Laser-Entfernungsmesser umfasst, kann an einer Picatinny-Schiene an der Waffe befestigt werden. Das Zielgerät kann auch mit Nachtsichtgerät verwendet werden. Die minimale Kampfdistanz beträgt 14 m; die wirksame Reichweite beläuft sich auf 500 m. Die Matador-MP misst 1 m, wiegt 11,3 kg ohne bzw. 12 kg mit Zielgerät.
Matador-WB / RGW 90 WB Die Matador-WB ( oder Wall Breacher, ) bzw. RGW 90 WB ist eine spezialisierte Waffe, die ein mannsgroßes Loch in eine Hauswand schlagen kann. Dies wird erreicht, indem ein explosiv geformter Partikelring das Mauerwerk vorperforiert und dann der Überdruck der Ladung das Mauerstück herausdrückt. Der EFR-Gefechtskopf ( Explosively Formed Ring, etwa ringbildende Ladung) vom Kaliber 174 mm befindet sich außerhalb des Rohrs. Gezielt wird mittels wiederverwendbarem Reflexvisier. Die minimale Kampfdistanz beträgt 20 m, die effektive Reichweite beläuft sich auf 120 m. Die Waffe misst 1 m (ohne Gefechtskopf) und wiegt ca. 13 kg.
Matador-AS / RGW 90 AS / RGW 90 ASM Mit einem Tandem-Gefechtskopf in zwei Modi kann die Matador-AS (, ) bzw. RGW 90 AS oder RGW 90 ASM ( Anti-Structure Munition, Anti-Struktur Munition) eingesetzt werden. Die Vorladung reißt eine kleinere Öffnung in die Struktur (z. B. eine Mauer). Im Mousehole-Modus explodiert die Nachschussladung in dieser Öffnung und reißt eine große Öffnung, durch die dann ein Soldat in das Gebäude eindringen kann. Im Blast-Modus explodiert die Nachschussladung erst im Inneren des Gebäudes.Brigadegeneral Erich Heinrich Könen: Ausgewählte bewährte und neue Waffensysteme für den Einsatz – Abteilung K im Profil. In: Moderne Streitkräfte / BAAINBw. ISBN 978-3-934401-31-0. Mit der Matador-AS können nebst Gebäuden, Bunkern und Feldbefestigungen auch leicht gepanzerte Fahrzeuge zerstört werden. Diese Version soll vom United States Marine Corps bestellt werden. Zusammen mit der RGW 60 ASM nimmt die RGW 90 ASM an der XM919 Ausschreibung der US Army teil. Im Rahmen des einsatzbedingten Sofortbedarfs wurden im Jahr 2012 Waffen dieses Typs für die deutschen Truppen in Afghanistan beschafft. Der Gefechtskopf verfügt über ein Marschtriebwerk. Die minimale Kampfdistanz beträgt 10 m, die effektive Reichweite beläuft sich auf 400 m. Die Matador-AS misst 1 m, wiegt je nach Ausführung bzw. Ausstattung 8,7 kg bis 10 kg und verfügt standardmäßig über ein Zielfernrohr.
RGW 90 LRMP / Wirkmittel 90 Die LRMP (, ) – auch als Wirkmittel 90 bezeichnet – bietet mit einem Mehrzweck-Gefechtskopf die größte Reichweite der Matador-Familie. Sie kann in Entfernungen von 20 bis 1200 m eingesetzt werden. Der hochexplosive Sprengkopf verfügt über eine Ummantelung aus vorgeformten Splittern. Mit ihm können ungepanzerte und leicht gepanzerte Ziele nicht nur im direkten, sondern auch im indirekten Schuss bekämpft werden, wenn sich das Ziel hinter einer Deckung befindet. Dazu wird vor dem Schuss die Entfernung zum Ziel gemessen und der programmierbare Sprengkopf über dem Ziel zur Explosion gebracht.Brigadegeneral Erich Heinrich Könen: Ausgewählte bewährte und neue Waffensysteme für den Einsatz – Abteilung K im Profil. In: Moderne Streitkräfte / BAAINBw. ISBN 978-3-934401-31-0.
Das Wirkmittel 90 wird als Panzer- und Infanterieabwehrwaffe von der Bundeswehr eingesetzt.Wirkmittel 90. In: Y – Das Magazin der Bundeswehr. Nr. 6, Dezember 2020/Januar 2021, S. 38 f. Die nachtkampffähige schultergestützte Einmannwaffe dient der Bekämpfung weicher und halbharter Ziele, wie kleine Infanteriegruppen, leicht gepanzerte Fahrzeuge oder Feldbefestigungen, in Kampfentfernungen bis 600 m im Direktschuss bzw. 1200 m im Luftsprengpunkt über Infanterie. Sie kann so programmiert werden, dass die Patrone über dem Ziel oder nach Aufschlag und Durchschlagung der Zielstruktur mit Verzögerung explodiert, also z. B. hinter Mauern und Feldbefestigungen. Eingesetzt werden kann sie ebenso zur Gefechtsfeldbeleuchtung im Bereich des sichtbaren und des infraroten Lichtes sowie zur Blendung des Gegners durch die Verwendung von Nebelpatronen. Der abnehmbare Feuerleitrechner enthält einen Laserentfernungsmesser und einen Ballistik-Rechner und zeigt die berechnete Anhaltemarke dem Schützen im Feuerleitvisier zusammen mit der Laserzielmarke, Zielentfernung und Verkantungs-Zielfehler an. Die Programmierung des Gefechtskopf erfolgt durch das Feuerleitsystem.
Als Munitionsarten werden die Sprengpatrone MZ (Mehrzweck) DM11 gegen ungepanzerte Ziele, die Antistrukturmunition ASM DM22 gegen gepanzerte/befestigte Ziele, die Nebelpatrone RP (roter Phosphor) DM15, die Gefechtsfeldbeleuchtung IR (Infrarot) DM16 sowie für Ausbildungszwecke die Übungspatrone DM18 verwendet. Außerdem gibt es die Patrone DM26 zur Gefechtsfeldbeleuchtung im sichtbaren Bereich. Hinter der Patrone befindet sich eine Gegenmasse, die beim Schuss nach hinten zerstäubt und so einen Schuss ohne Rückstoß und auch aus Räumen heraus erlaubt.