Über die Autorschaft der Werke von Molière wird in der französischen Öffentlichkeit immer wieder sehr kontrovers diskutiert, seit der französische Lyriker und Romancier Pierre Louÿs in einem 1919 publizierten Artikel die These vertrat, Pierre Corneille sei der Verfasser aller Werke, die traditionellerweise Molière zugeschrieben werden: „Molière est un chef-d’œuvre de Corneille.“ – „Molière ist ein Meisterwerk von Corneille.“Pierre Louys: In: Le Temps, 16. Oktober 1919.
Im französischen Kollektivbewusstsein ist Jean-Baptiste Poquelin alias Molière als Nationaldichter Frankreichs fest verankert, nennt man doch die französische Sprache periphrastisch la langue de MolièreLa langue de Molière – Die Sprache Molières, und das renommierte Nationaltheater, die Comédie-Française, 1680 von Ludwig XIV. gegründet, ist als la Maison de Molière, das Haus Molières, weltbekannt. Seine Autorschaft anzuzweifeln, kommt Häresie gleich.Lila Azam Zanganeh: Not Molière! Ah, Nothing Is Sacred. In: The New York Times, 6. September 2003. Publikationen, die den nationalen Mythos als Legendenbildung zu entlarven drohen, erhitzen die Gemüter und rufen polemische Debatten hervor.
Im 21. Jahrhundert wird versucht, diese Streitfrage mit Hilfe mathematisch-stilometrischer Verfahren der Computerphilologie zu entscheiden.Christof Schöch: Stilometrische Experimente, oder: Autorschaft und Gattungszugehörigkeit im französischen Theater der Klassik. auf der Website der Georg-August-Universität Göttingen
Verfechter der Corneille-These: Molière ist ein Meisterwerk von Corneille Pierre Louÿs, der erste Zweifler an der Autorschaft Molières, und seine Nachfolger Die Corneille/Molière-Kontroverse begann, als der französische Lyriker, Romancier und Literaturhistoriker Pierre Louÿs in seinem 1919 erschienenen Artikel L’auteur d’AmphitryonPierre Louÿs: In: Le Temps. 16. Oktober 1919. die These vertrat, Pierre Corneille sei der Verfasser der Komödie Amphitryon und schlechterdings aller Werke, die traditionellerweise Molière zugeschrieben werden. Als Louÿs, literarischer Kenner und Bewunderer Corneilles, das Theaterstück Amphitryon intensiv las, sei ihm bewusst geworden, dass dieses Kunstwerk im raffinierten Stil, in der unverkennbaren Handschrift des großen Corneille gedichtet war. Louÿs studierte daraufhin zahlreiche Molière-Biographien und stellt dabei fest, dass die meisten Angaben der Biographen auf puren Mutmaßungen beruhten, und es fiel ihm auf, dass Molière der Nachwelt keine einzige geschriebene literarische Zeile hinterlassen hat: „Car, si l’on écrivait la vie de Molière sur le thème: «Que sçai-je?», pas un historien sérieux n’atteindrait la centième page. Mais, avec la ressource du «Peut-être», on signe deux tomes in-8°.“ „Wenn man das Leben Molières nach dem Motto (Montaignes) «Was weiß ich (wirklich)?» beschriebe, so käme man schwerlich auf 100 Seiten. Aber mit Hilfe von vielen «Vielleicht» füllt man dicke Foliobände.“
Pierre Louÿs betonte, dass selbst die glühendsten Anhänger der Autorschaft von Molière eine enge Zusammenarbeit der beiden Künstler im Falle der Ballett-Tragödie Psyché nicht bestreiten könnten. Bei Psyché handelt es sich um ein dramatisches Gemeinschaftswerk von Molière, Pierre Corneille, Philippe Quinault und Jean-Baptiste Lully.
Wie aus dem Register von Charles Varlet La Grange hervorgeht, in dem die täglichen Aufführungen Molières verzeichnet sind,Das Register von La Grange 1658–1685, aus den Archiven der Comédie-Française spielte seine Theatertruppe zwischen 1643 und 1673 regelmäßig Stücke von Pierre Corneille. Die beiden Künstler wohnten am gleichen Ort, 1644 in Rouen, ab 1662 in Paris, und standen in engstem Kontakt.
Den kurzen bilderstürmerischen Aufsatz L’auteur d’Amphitryon publizierte Pierre Louÿs in auffallender Zeitnähe ein Jahr nach der Veröffentlichung von Abel Lefrancs Werk Sous le masque de William Shakespeare: William Stanley, VIe comte de Derby (Unter der Maske Shakespeares, 1918), in dem die Autorschaft Shakespeares bezweifelt wird.
In den folgenden Jahren unternahm Pierre Louÿs den Versuch, mit weiteren kleineren Artikeln seine These „Molière ist ein Meisterwerk von Corneille“ zu erhärten. Darin äußerte er sich zum Beispiel zu den auffälligen stilistischen Inkongruenzen oder Stilbrüchen, die man in Komödien Molières findet: Auf ausgefeilte, hochliterarische Verse folgen manchmal banale, sogar syntaktisch fehlerhafte Zeilen. Louÿs interpretierte dieses Phänomen im Sinne seiner These: Die elaborierten Verse stammten von Corneilles Hand, die stümperhaften, fehlerhaften Verslein habe Molière eigenständig hinzugefügt.
Aufgrund der allgemeinen Empörung, die seine Aufsätze hervorriefen – Sakrileg am Nationaldichter –, und wegen erhaltener Drohbriefe nahm er schließlich davon Abstand, ein ausführliches Buch zur Corneille/Molière-Problematik zu verfassen. Nach seinem Tod wurden seine Aufzeichnungen zerstreut.
Henry Poulaille führt Louÿs Argumente weiter aus In den 1950er Jahren gelangte ein großer Teil der verloren geglaubten Aufzeichnungen von Pierre Louÿs in die Hände des Schriftstellers Henry Poulaille,Jean-Paul Goujon, Jean-Jacques Lefrère: Ôte-moi d’un doute … L’énigme Corneille – Molière. Fayard, Paris 2004, ISBN 2-86553-162-7, S. 41. der daraufhin das heiße Eisen der Corneille/Molière-Kontroverse wieder öffentlich aufgriff, indem er 1957 das Buch Corneille sous le masque de Molière (Corneille unter der Maske von Molière) veröffentlichte. Darin betonte Poulaille diverse Parallelen in der Biographie der beiden Künstler. Pierre Corneille, der spätere Schöpfer der französischen Tragödie, begann seine literarische Karriere als Vers-Komödien-Dichter. Er schrieb neun Komödien: Mélite (1629), Clitandre (1630), La Veuve (1631), La Galerie du Palais (1633), La Place royale (1633), La Suivante (1634), L’Illusion comique (1635), Le Menteur (1642), La Suite du Menteur (1644).
Jean-Baptiste Poquelin begann seine Schauspielerkarriere 1644 in Rouen, der normannischen Geburtsstadt Corneilles, der zu dieser Zeit ebenfalls dort wohnte. 1644 spielte er in Rouen – gewiss in Anwesenheit Corneilles – dessen Theaterstücke. Im selben Jahr zeichnete er zum ersten Mal mit dem Pseudonym Moliere (ohne Akzent). Die Etymologie dieses Künstlernamen gibt bis heute Rätsel auf.Denis Boissier: L’affaire Molière. La grande supercherie littéraire. Jean-Cyrille Godefroy, Paris 2004, ISBN 2-86553-162-7, S. 34–38. Henry Poulaille leitete ihn von dem normannischen dialektalen Verb molierer ab, das legitimieren bedeutet. Er vertrat die These, dass Corneille und Molière in Rouen einen geheimen finanziellen Pakt abgeschlossen hätten:Henry Poulaille: Grasset, 1957. Corneille werde in Zukunft gegen Geld als Ghostwriter für seinen Strohmann Molière Verskomödien schreiben. Corneille habe das Pseudonym Moliere erfunden und „legitimiere“ damit Jean-Baptiste Poquelin als Autor der Stücke, die er in Zukunft für ihn schreiben werde. 1658 weilte Molière wieder längere Zeit mit der Theatertruppe in Rouen; dort sei der Pakt erneuert worden. 1662 zogen die Brüder Thomas Corneille und Pierre Corneille nach Paris um. Sie wohnten dort nur ein paar Schritte von Molières Theater entfernt. Nur der geheime Pakt der Zusammenarbeit könne diesen Umzug erklären. Im gleichen Jahr wurde L’Ecole des Femmes aufgeführt und dann folgten Jahr für Jahr weitere große Erfolge: L’Impromptu de Versailles (1663), Dom Juan (1665), Le Misanthrope (1666), Le Tartuffe (1667), L’Amphitryon (Jan. 1668), L’Avare (Sept. 1668), Georges Dandin (Juli 1668), L’Avare (Sept. 1668) u. a.
Hippolyte Wouters und Christine de Ville de Goyet In den 1990er Jahren interessierten sich zwei belgische Rechtsanwälte, Schriftsteller und Literaturliebhaber für die Thematik: Hippolyte Wouters und Christine de Ville de Goyet.Hippolyte Wouters, Christine de Ville de Goyet: Molière ou l’auteur imaginaire. Editions Complexe, 1990, ISBN 2-87027-343-6. Sie untersuchten das reichhaltige Hintergrundwissen, das ein Autor von Komödien wie Les Précieuses ridicules, Les Fâcheux, L’Ecole des Femmes, Le Tartuffe, Dom Juan, Amphitryon gehabt haben müsse, um solch hochkomplexe Stücke schreiben zu können. Sie kommen zu dem Schluss, dass nach dem, was von Molières Biographie als gesichert gelten könne, Jean-Baptiste Poquelin weder den nötigen Bildungsgrad noch die dazu notwendige Bibliothek besessen habe. Auch zeitlich sei es Molière unmöglich gewesen, solch komplizierte Stücke zu schreiben, sei er doch als Star-Schauspieler (oft spielte er in drei Aufführungen am selben Tag die Hauptrolle), Theaterdirektor, Regisseur und Spektakel-Arrangeur für Sonnenkönig Ludwig XIV. rund um die Uhr im Einsatz gewesen. Molière musste einfach Theaterstücke bei professionellen Schriftstellern bestellen und kaufen.
Hippolyte Wouters setzt in seinem satirischen Theaterstück Le Destin de Pierre, auf der Website des Autors den Pakt zwischen Corneille als künftigem Ghostwriter und Molière als seinem Strohmann in Szene.
Denis Boissier 2004 erschien unter großer Aufmerksamkeit der französischen Medien das Buch L’Affaire Molière. La grande supercherie littéraire (der große literarische Schwindel), in dem der Romancier Denis Boissier den bisherigen Stand der Corneille/Molière-Kontroverse ausführlich, allerdings teilweise polemisch schildert.Denis Boissier: L’affaire Molière. La grande supercherie littéraire (der große literarische Schwindel). Jean-Cyrille Godefroy, Paris 2004, ISBN 2-86553-162-7. Zusammen mit der Association cornélienne de France hat Denis Boissier eine sehr umfangreiche Website eingerichtet, auf der er alle Argumente, die für die Autorschaft Corneilles sprechen, mit zahlreichen Dokumenten untermauert.
Die Computerphilologie befasst sich mit der Corneille/Molière-Streitfage Digitale lexikometrische Analyse, Messung der intertextuellen Distanz zur Autorschaft-Zuordnung 2001 erschien in der englischsprachigen Fachzeitschrift Journal of Quantitative Linguistics ein AufsatzCyril Labbé, Dominique Labbé: Inter-textual distance and autorship attribution. Corneille and Molière. (PDF; 197 kB) In: Journal of Quantitative Linguistics, 8-3, Dezember 2001, S. 213–231. von Forschern der Universität Grenoble. Cyril Labbé (Sohn) und Dominique Labbé (Vater) behaupteten, mit Hilfe von computergestützten lexikometrischen Verfahren das Corneille-Molière-Rätsel zugunsten Pierre Corneilles gelöst zu haben. Für die Medien Frankreichs war dies eine Sensation. Die Methode der Labbés besteht darin, das Vokabular zweier großer Textkorpora miteinander statistisch zu vergleichen: 34 Theaterstücke von Pierre Corneille und 32 Theaterstücke, die traditionellerweise Molière zugeschrieben werden. Gemessen wird dabei die intertextuelle Distanz, d. h. die lexikalische Nähe der Texte von 0 bis 1. Zwischen 0 und 0,2 handelt es sich mit Sicherheit um denselben Autor, bis 0,25 ist die Wahrscheinlichkeit extrem hoch, dass es sich um ein und denselben Autor handelt. Ergebnis: 16 bis 18 der Komödien, die bisher als Werke von Molière gelten, weisen eine intertextuelle Distanz zu Corneilles Werken von nur 0,234 auf.Dominique Labbé: Corneille dans l’ombre de Molière. Histoire d’une découverte. Les Impressions Nouvelles, Paris/Bruxelles 2003, ISBN 2-906131-65-2, S. 17. Nach Meinung der beiden Forscher stammen sie demnach mit Gewissheit aus der Feder Pierre Corneilles.
Mathematische Methoden für die Zuordnung literarischer Werke