Arkesilaos (, andere Namensform ; * um 315 v. Chr.; † 241/240 v. Chr. in Athen) war ein antiker griechischer Philosoph. Nach seiner Heimatstadt wird er auch Arkesilaos von Pitane genannt. Er lebte in Athen und gehörte der Platonischen Akademie an, die er jahrzehntelang als Scholarch leitete und der er eine neue Ausrichtung gab. Mit ihm begann die Epoche der später so bezeichneten Jüngeren („skeptischen“) Akademie, die auch (weniger passend) „Mittlere Akademie“ genannt wird.

miniatur|200px|Fragment über Arkesilaos aus den Academica des Philodemos (Papyrus Herculanensis 1021, Spalte 17 der Oxforder Abschrift) Seine Philosophie geht von der Erfahrung der Aporie (Ausweglosigkeit) aus, die in manchen Dialogen Platons eine zentrale Rolle spielt. Wenn hartnäckige Versuche, definitive, unwiderlegbare Antworten auf philosophische Fragen zu finden, gescheitert sind, stellt sich eine „aporetische“ Ratlosigkeit ein. Alte scheinbare Gewissheiten haben sich im Verlauf einer philosophischen Untersuchung als fragwürdig erwiesen, ohne dass es gelungen ist, neue Sicherheiten an ihre Stelle zu setzen. Aus der Verallgemeinerung solcher Erfahrungen und aus einer eingehenden Analyse des Erkenntnisvorgangs ergibt sich ein grundsätzlicher Zweifel an der Fähigkeit des Verstandes, gesichertes Wissen hervorzubringen. Überdies meint Arkesilaos, zeigen zu können, dass sich zu jeder beliebigen philosophischen Aussage starke Gegenargumente finden lassen. Daher betrachtet er es als ein Gebot der Redlichkeit, sich generell des Urteilens zu enthalten, also darauf zu verzichten, bloße Meinungen als Urteile mit Wahrheitsanspruch zu formulieren. Damit wird er zum Begründer des Skeptizismus innerhalb der Platonischen Akademie, der dort in der Folgezeit bis ins frühe 1. Jahrhundert v. Chr. die herrschende Richtung bleibt. Der akademische Skeptizismus steht in Wechselwirkung mit einer ähnlichen außerakademischen Strömung, dem Pyrrhonismus („pyrrhonische Skepsis“).

Quellen

Die biographischen Hauptquellen sind die Lebensbeschreibung des Arkesilaos bei dem Doxographen Diogenes Laertios und ein Bericht in den Academica (Academicorum index) des Philodemos. Beide Darstellungen enthalten Material aus einer verlorenen biographischen Schilderung des Antigonos von Karystos, der ein jüngerer Zeitgenosse des Arkesilaos war. Philodemos hat das Werk des Antigonos wohl unmittelbar gekannt, Diogenes Laertios hingegen bezog seine von dort stammenden Kenntnisse auf indirektem Weg aus einer ebenfalls verlorenen Zwischenquelle. Wichtige Auskünfte über die Lehre sind Sextus Empiricus zu verdanken. Erhalten sind ferner Auszüge aus einem verlorenen Werk des Mittelplatonikers Numenios, die der Kirchenvater Eusebios von Caesarea in seiner Praeparatio evangelica überliefert; dabei handelt es sich allerdings um eine verzerrte Darstellung aus gegnerischer Sicht. Viele weitere Informationen überliefert Cicero, einige Plutarch. Oft ist in den Quellen nur allgemein von den akademischen Skeptikern die Rede, doch hat die Forschung aus dem Zusammenhang erschlossen, dass damit auch oder in erster Linie Arkesilaos gemeint ist.Eine knappe Übersicht über die Quellenlage gibt Woldemar Görler: Älterer Pyrrhonismus. Jüngere Akademie. Antiochos aus Askalon. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Bd. 4, 2. Halbband, Basel 1994, S. 775–989, hier: 775 f., 786 f. Vgl. Tiziano Dorandi: Arcésilas de Pitane. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques, Bd. 1, Paris 1989, S. 326–330, hier: 327 f.

Leben

Arkesilaos stammte aus der Stadt Pitane in der Aiolis an der Nordwestküste Kleinasiens. Sein Vater Seuthes trug einen thrakischen Namen. Die Familie war begütert. Als sein Vater starb, war er noch unmündig. Daher wurde er der Vormundschaft seines Halbbruders Moireas unterstellt. In seiner Heimat erhielt er Unterricht bei dem Astronomen und Mathematiker Autolykos von Pitane.Hans Joachim Mette: Zwei Akademiker heute: Krantor von Soloi und Arkesilaos von Pitane. In: Lustrum 26, 1984, S. 7–94, hier: 78.

Nach dem Wunsch seines Vormunds sollte er sich zum Redner ausbilden lassen, aber er zog die Philosophie vor. Mit der Unterstützung eines anderen Halbbruders konnte er seinen Willen durchsetzen. Zum Studium begab er sich nach Athen. Dort waren der Musiktheoretiker Xanthos und der Mathematiker Hipponikos seine Lehrer. Er schloss sich dem peripatetischen Philosophen Theophrast an, bei dem er aber wohl mehr rhetorischen als philosophischen Unterricht erhielt.Anthony A. Long: Diogenes Laertius, Life of Arcesilaus. In: Elenchos 7, 1986, S. 429–449, hier: 440; Woldemar Görler: Arkesilaos. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Bd. 4, 2. Halbband, Basel 1994, S. 786–828, hier: 788. Später wurde er von dem Platoniker Krantor für die Akademie gewonnen; Theophrast bedauerte den Weggang des begabten Schülers. Fortan war Arkesilaos mit Krantor eng befreundet. Nach dessen Tod gab er hinterlassene Schriften des Verstorbenen heraus. Er nahm am Unterricht der Scholarchen Polemon und Krates teil und äußerte seine hohe Bewunderung für diese beiden Philosophen. Nach dem Tode des Krates übernahm er zwischen 268 und 264 die Leitung der Akademie, nachdem ein zunächst in dieses Amt gewählter Philosoph namens Sokratides verzichtet hatte.Für die Einzelheiten des Amtswechsels siehe Woldemar Görler: Arkesilaos. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Bd. 4, 2. Halbband, Basel 1994, S. 786–828, hier: 791 f.

In Debatten verfolgte Arkesilaos wie Sokrates das Ziel, unberechtigte Wissensansprüche zurückzuweisen. Dabei ging er aber anders vor als das klassische Vorbild. Er verzichtete auf die sokratische Ironie und das Bekenntnis der eigenen Unwissenheit. Anstelle des sokratischen Dialogs mit Fragen und kurzen Antworten wählte er gewöhnlich eine Vorgehensweise, bei der er erst den Gesprächspartner ausführlich zu Wort kommen ließ, dann auf dessen Darlegungen einging und ihm schließlich Gelegenheit zu einer Erwiderung bot. Er begnügte sich nicht damit, nach Sokrates’ Vorbild dem anderen die mangelnde Stringenz von dessen Argumentation vor Augen zu führen. Vielmehr wollte er die Geltung seiner These zeigen, nach der es zu jeder Aussage eine Gegenthese gibt, die mit Argumenten von vergleichbarem Gewicht begründet werden kann, was zur Folge hat, dass man sich einer Entscheidung zu enthalten hat.Simone Vezzoli: Arcesilao di Pitane, Turnhout 2016, S. 20. Vgl. die unterschiedlichen Meinungen von Charles E. Snyder: The Socratic Benevolence of Arcesilaus’ Dialectic. In: Ancient Philosophy 34, 2014, S. 341–363 und Anna Maria Ioppolo: Elenchos socratico e genesi della strategia argomentativa dell’Accademia scettica. In: Michael Erler, Jan Erik Heßler (Hrsg.): Argument und literarische Form in antiker Philosophie, Berlin 2013, S. 355–369, hier: 364–367.

Arkesilaos war freigebig und gewährte vielen Bedürftigen diskret finanzielle Unterstützung. Seine außergewöhnliche Überzeugungsfähigkeit brachte ihm zahlreiche Schüler ein, obwohl er auch als scharfer Tadler bekannt war und zum Spott neigte. Sein klares, präzises Denken, sein rhetorisches und didaktisches Geschick, sein Humor und seine Schlagfertigkeit fanden Anerkennung. Von wohlgesinnter Seite wurde er als frei von Eitelkeit beschrieben, während Gegner ihm Ruhmsucht unterstellten. Er ermutigte seine Schüler, auch andere Lehrer außerhalb der Akademie zu hören. Trotz scharfer sachlicher Gegensätze zu anderen Schulrichtungen behandelte er deren Anhänger respektvoll; öffentliche persönliche Polemik gegen sie gestattete er seinen Schülern nicht. Als sein Schüler Baton, ein Komödiendichter, einen Vertreter einer gegnerischen philosophischen Richtung auf der Bühne angegriffen hatte, verbot er ihm die Teilnahme an seinen Lehrveranstaltungen und zwang ihn so zu einer Entschuldigung.Zu Batons Verhältnis zu Arkesilaos siehe Italo Gallo: Teatro ellenistico minore, Rom 1981, S. 19–26.

Er blieb unverheiratet und hatte keine Kinder. Sein Hauptgönner war Eumenes I., der Herrscher von Pergamon, der ihn als Mäzen großzügig unterstützte. Mit Hierokles, dem makedonischen Kommandanten des Hafens Piräus und der dortigen Festung Munichia, war er eng befreundet. Als Gesandter Athens suchte er den König Antigonos Gonatas auf, doch blieb diese Reise erfolglos. Ansonsten hielt er sich von Staatsgeschäften fern und verbrachte fast seine ganze Zeit in der Akademie.Hans Joachim Mette: Zwei Akademiker heute: Krantor von Soloi und Arkesilaos von Pitane. In: Lustrum 26, 1984, S. 7–94, hier: 81, 83; Woldemar Görler: Arkesilaos. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Bd. 4, 2. Halbband, Basel 1994, S. 786–828, hier: 794 f.

Arkesilaos war kein Befürworter der Askese, sondern leiblichen Genüssen zugetan. Daher wurde von gegnerischer Seite behauptet, er sei an übermäßigem Weingenuss, der seinen Verstand verwirrte, gestorben. Anstoß erregte er durch sein Zusammenleben mit Hetären, zu dem er sich offen bekannte. Dabei berief er sich auf die Grundsätze des Aristippos von Kyrene, der die Auffassung vertreten hatte, Luxus und auch der Umgang mit Hetären sei mit einer philosophischen Lebensführung vereinbar, solange man sich davon nicht innerlich abhängig mache.Woldemar Görler: Arkesilaos. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Bd. 4, 2. Halbband, Basel 1994, S. 786–828, hier: 795 f.; Hans Joachim Mette: Zwei Akademiker heute: Krantor von Soloi und Arkesilaos von Pitane. In: Lustrum 26, 1984, S. 7–94, hier: 86 f.

Anscheinend leitete er die Akademie bis zu seinem Tode im Jahr 241 oder 240. Sein Schüler Lakydes trat die Nachfolge an.Tiziano Dorandi: Ricerche sulla cronologia dei filosofi ellenistici, Stuttgart 1991, S. 7–10 hat vermutet, dass Lakydes möglicherweise bereits 244/243 Scholarch wurde; Woldemar Görler: Arkesilaos. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Bd. 4, 2. Halbband, Basel 1994, S. 786–828, hier: 795 f., 830 f. stimmt dem zu und schlägt als Erklärung vor, dass Arkesilaos die Amtsgeschäfte schon drei Jahre vor seinem Tod zumindest teilweise Lakydes überließ. Dorandi hat seine Hypothese aber später aufgegeben; siehe Dorandi: Chronology, in: Keimpe Algra u. a. (Hrsg.): The Cambridge History of Hellenistic Philosophy, Cambridge 2005, S. 31–54, hier: 32.

Werke