mini|Die namengebende Kate Rauhes Haus wurde 1979 nach Kriegszerstörung 1943 auf dem Stiftungsgelände nachgebaut, um als Museum und Tagungsstätte zu dienen. Im September 2009 wurde das Gebäude durch Brandstiftung schwer beschädigt.Brandstifter zerstört das Rauhe Haus, Die Welt, 17. September 2009, abgerufen am 20. September 2019. (Zustand 2019)

Das Rauhe Haus in Hamburg ist eine im Jahr 1833 von Johann Hinrich Wichern zusammen mit Hamburger Bürgern gegründete rechtsfähige Stiftung des bürgerlichen Rechts. Ursprünglich hatte sie den Zweck, ein Rettungsdorf für verhaltensauffällige oder straffällig gewordene arme Hamburger Kinder zu unterhalten, die man im damaligen Sprachgebrauch als „sittlich verwahrlost“ bezeichnete. Im Rettungsdorf lebten die Kinder nach dem Familienprinzip in Wohngruppen und wurden auf eine Lehre im Handwerk oder auf eine Tätigkeit als Dienstmädchen vorbereitet. Bereits zu Wicherns Lebzeiten begann der Umbau zu einer Schulstadt mit Angeboten für Kinder mit Lernschwierigkeiten.

Die Stiftung ist heute mit verschiedenen Einrichtungen, Wohngruppen und Stadtteilbüros in Hamburg und Schleswig-Holstein vertreten und betreut Kinder, Jugendliche und ihre Familien, alte Menschen, geistig Behinderte und psychisch Kranke. Sie unterhält außerdem die allgemeinbildende evangelische Wichern-Schule, die Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie und die Evangelische Berufsschule für Pflege.

Das Stiftungsgelände befindet sich in Hamburg-Horn, in einem Gebiet, das von den Straßen Beim Rauhen Hause, Rhiemsweg, Horner Weg und dem Fußweg „Hohle Rönne“ begrenzt wird.

Name und Stiftungszweck Rauhes Haus war der Name einer Bauernkate, die als Keimzelle des von Wichern aufgebauten Rettungsdorfs vor den Toren Hamburgs betrachtet wird.

Zweck der Stiftung Das Rauhe Haus ist es, bedürftigen Menschen durch Aufnahme, Unterstützung, Förderung, Erziehung, Pflege und allgemeine schulische Bildung zu helfen; sie macht dabei keinen Unterschied hinsichtlich der Herkunft, Religion oder sozialen Stellung der Bedürftigen. Das Rauhe Haus erfüllt diesen Stiftungszweck auch durch Aus-, Fort- und Weiterbildung in diakonischen, kirchlichen und sozialen Berufen, insbesondere durch die Ausbildung von Diakonen und Diakoninnen. (PDF; 1 MB), 23. September 2014, § 1, abgerufen am 1. September 2019. Die Diakonenanstalt, die auf die von Wichern gegründete Brüderschaft des Rauhen Hauses zurückgeht, ist eine formal eigenständige rechtsfähige Stiftung bürgerlichen Rechts, die aber in Personalunion ebenfalls vom Vorstand der Stiftung Das Rauhe Haus geleitet wird.

Wicherns Rettungsdorf

Vorgeschichte

Hamburger Allgemeine Armenanstalt

mini|Während der französischen Besatzung wurde das Hamburger Werk- und Armenhaus vom Zuchthaus räumlich getrennt. 1828 wurde im gleichen Gebäudekomplex außerdem die Strafklasse eingerichtet.Johannes Richter: „Gute Kinder schlechter Eltern“: Familienleben, Jugendfürsorge und Sorgerechtsentzug in Hamburg, 1884–1914, Wiesbaden 2011, S. 193. (Das Zuchthaus und das Spinnhaus in Hamburg im Jahre 1840, Lithographie, Gebrüder Suhr)

Am 1. November 1788 trat in Hamburg eine neue Armenordnung in Kraft, die Modellcharakter für andere Städte hatte. Sie beruhte auf einer privaten Initiative, die über ihre Mitglieder personell mit dem Stadtrat verflochten war. 180 Bürger ließen sich als ehrenamtliche Armenpfleger rekrutieren. Durch ihren Einsatz wurde die arme Bevölkerung Hamburgs exakt erfasst und engmaschig kontrolliert. Die zunächst gesunkene Zahl der Armen hielt man für einen Erfolg. Doch während der napoleonischen Besatzung griff das System nicht mehr. Im Jahr 1814 wieder in Kraft gesetzt (und formal bis 1892 gültig), war die Armenordnung der großen Zahl Hilfsbedürftiger nicht gewachsen. Das bürgerschaftliche Engagement schwand. Das nach 1788 aufgebaute Schulwesen für Kinder der Unterschicht wurde nicht weitergeführt. Stattdessen war es gängige Praxis der seit 1823/25 bestehenden Schule des Werk- und Armenhauses, „verwahrloste“ Kinder an die Polizeibehörde zu übergeben. Mangels Alternativen wies die Polizei diese Kinder sowie jugendliche Straftäter, die noch nicht das Konfirmationsalter erreicht hatten, in die notorisch überfüllte Strafklasse ein, die 1828 zur Entlastung des Zuchthauses eingerichtet worden war. Sie war in einem verfallenen Baukomplex an der Binnenalster untergebracht. Konfirmierte jugendliche Delinquenten erhielten Zuchthausstrafen.Hans-Walter Schmuhl: Senfkorn und Sauerteig. Die Geschichte des Rauhen Hauses zu Hamburg 1833–2008, Hamburg 2008, S. 18 f.

Pläne zur Reform der Hamburger Kinder- und Jugendfürsorge Die Situation der Kinder- und Jugendfürsorge in Hamburg war also in den ersten Dekaden des 19. Jahrhunderts reformbedürftig. Für die Einrichtung eines „Rettungshauses“ als Alternative zur Strafklasse gab es bereits Projekte mit Vorbildcharakter:

Düsselthaler Anstalten (Adalbert von der Recke-Volmarstein), Rettungshaus in Beuggen bei Basel (Christian Heinrich Zeller), „Lutherhof“ in Weimar (Johannes Daniel Falk), „Anstalt zur Erziehung sittlich verwahrloster Kinder“ in Berlin (David Traugott Kopf).

Der Hamburger Senator Martin Hieronymus Hudtwalcker stand seit Mitte der 1820er Jahre in Verbindung mit Falk in Weimar und unterstützte dessen Arbeit. Hudtwalcker engagierte sich aus religiösen Motiven für die arme Bevölkerung. Er war ein Repräsentant der für Hamburg typischen „erweckten Altgläubigen“. Lutherische Neuorthodoxie und Erweckungsbewegung hatten sich bei dieser kirchenpolitischen Gruppierung in gemeinsamer Frontstellung gegen den rationalistischen Teil der Pfarrerschaft verbunden.Hans-Walter Schmuhl: Senfkorn und Sauerteig. Die Geschichte des Rauhen Hauses zu Hamburg 1833–2008, Hamburg 2008, S. 19. Als oberster Polizeiherr fiel die Einweisung von Kindern in die Strafklasse in Hudtwalckers Aufgabenbereich.Johannes Richter: „Gute Kinder schlechter Eltern“: Familienleben, Jugendfürsorge und Sorgerechtsentzug in Hamburg, 1884–1914, Wiesbaden 2011, S. 320 f. Am 25. Oktober 1832 hielt er auf der Sitzung der Hamburger Armenkommission ein Grundsatzreferat, in dem er seine Erfahrungen zusammenfasste: „Das Strafwesen der Armenschulkinder bedarf einer totalen Reform, wenn wir nicht die ohnehin bis ins Unglaubliche zunehmende Verwilderung der Jugend der niederen Klasse noch mehr befördern wollen.“Hans-Walter Schmuhl: Senfkorn und Sauerteig. Die Geschichte des Rauhen Hauses zu Hamburg 1833–2008, Hamburg 2008, S. 20. mini|Hauptkirche St. Nikolai um 1835 (Lithographie, Gebrüder Suhr) In Pöseldorf (heute Harvestehude) betrieb Johann Ludwig Emanuel Pluns, auch einer der Erweckten, eine Erziehungsanstalt. Er stand mit von der Recke im Briefkontakt und fasste im Herbst 1826 den Plan, in Hamburg ein Waisenhaus für arme Kinder nach dem Vorbild der Düsselthaler Anstalten zu gründen. Seit Januar 1826 arbeitete Johann Hinrich Wichern (1808–1881) als Erziehungsgehilfe in Pluns’ Privatschule. Pluns bezog den Achtzehnjährigen in seine Waisenhaus-Pläne ein und schlug ihm vor, sein Nachfolger in der Leitung dieses Projektes zu werden. Doch Wichern war zu diesem Zeitpunkt nicht interessiert.Hans-Walter Schmuhl: Senfkorn und Sauerteig. Die Geschichte des Rauhen Hauses zu Hamburg 1833–2008, Hamburg 2008, S. 28. Während seines Theologiestudiums in Göttingen (1828/29) und Berlin (ab 1830) blieb Wichern aber mit dem Rettungshausgedanken verbunden und besichtigte auch Kopfs Berliner Erziehungsanstalt.Hans-Walter Schmuhl: Senfkorn und Sauerteig. Die Geschichte des Rauhen Hauses zu Hamburg 1833–2008, Hamburg 2008, S. 29 f. Er kehrte im Herbst 1831 nach Hamburg zurück, um sich auf sein Examen vorzubereiten. Seinen Unterhalt verdiente er durch Privatstunden und als Lehrer an der Freischule (Armenschule) der Hauptkirche St. Nikolai.Hans-Walter Schmuhl: Senfkorn und Sauerteig. Die Geschichte des Rauhen Hauses zu Hamburg 1833–2008, Hamburg 2008, S. 30.

Worin Wichern die Lösung für das Armutsproblem sah, geht bereits aus seiner ersten Veröffentlichung hervor: Der Hamburger Advokat und Kriminalrichter Carl Wilhelm Asher hatte angeregt, zu den Gründungsgedanken der Allgemeinen Armenanstalt zurückzukehren und den Armen Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen. In einer Rezension von Ashers Schrift, die am 21. Januar 1832 im Bergedorfer Boten abgedruckt wurde, erklärte Wichern, dass die Armut nur bekämpft werden könne, wenn man ihre Hauptursache beseitige, das „Sittenverderben des Volks“, eine Konsequenz aus dem um sich greifenden „gottlosen Unglauben.“ Die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Ursachen des Pauperismus nahm er nur am Rande wahr.

Wichern als Sonntagsschullehrer in St. Georg Am 6. April 1832 bestand Wichern die theologische Prüfung vor dem Hamburger Geistlichen Ministerium. Johann Wilhelm Rautenberg, Pastor in Hamburg-St. Georg, lud ihn ein, ehrenamtlich die neu eingerichtete Sonntagsschule zu leiten. Wichern trat dieses Amt am 24. Juni 1832 an und begann, die Familien der Sonntagsschulkinder zuhause zu besuchen. Er begab sich also in die Quartiere, die die Allgemeine Armenanstalt seinerzeit für die Allerärmsten am Dammtorwall und in St. Georg hatte bauen lassen. Was Wichern hier kennenlernte, war das „Massenelend des vormärzlichen Pauperismus.“Hans-Walter Schmuhl: Senfkorn und Sauerteig. Die Geschichte des Rauhen Hauses zu Hamburg 1833–2008, Hamburg 2008, S. 33. Wichern deutete seine Beobachtungen mit Hilfe der dominierenden Kausalkette Unglaube – Sittenlosigkeit – Familienzerstörung, alternativ gelegentlich auch Armut – Entsittlichung – Gottlosigkeit.Hans-Jürgen Benedict: Wicherns Familienbegriff – ein Mittel gegen die Zerstörung des Lebensweltlichen? Eine Erinnerung zum 125. Todestag Wicherns mit aktuellen Ausblicken, Stuttgart 2008, S. 103. Seine Notizen wurden erst später unter dem Titel Hamburgs wahres und geheimes Volksleben veröffentlicht.

Am 8. Oktober 1832 tagte der Besuchsverein von St. Georg und besprach die Gründung eines Rettungshauses für arme Hamburger Kinder. Wichern war einer der Anwesenden. Die Vereinsmitglieder suchten fortan nach Möglichkeiten, Kapital aufzubringen und ein Haus und Grundstück zu erwerben. Da fügte es sich, dass eine Spende für die geplante milde Stiftung einging. Diese musste nach hamburgischem Recht von einem Mann öffentlich quittiert werden, der für die korrekte Verwendung des Geldes bürgte. Senator Hudtwalcker wurde deshalb angesprochen und erfuhr so von dem Projekt aus St. Georg. Er kannte Wichern durch dessen Arbeit in Pluns’ Privatschule. Als Testamentsvollstrecker konnte Hudtwalcker über die bedeutende Summe von 17.500 M verfügen, die zum Bau einer Erziehungsanstalt nach Berliner Vorbild bestimmt worden war.Hans-Walter Schmuhl: Senfkorn und Sauerteig. Die Geschichte des Rauhen Hauses zu Hamburg 1833–2008, Hamburg 2008, S. 34 f. „Hudtwalcker hoffte, dass Privateinrichtungen … eines Tages die Strafklasse überflüssig machen könnten. Für eine Substitution von öffentlichen durch privatwohltätige Einrichtungen sprachen in seinen Augen vor allem die hohe Sterblichkeit und die mangelnden Disziplinierungserfolge der Strafklasse.“Johannes Richter: „Gute Kinder schlechter Eltern“: Familienleben, Jugendfürsorge und Sorgerechtsentzug in Hamburg, 1884–1914, Wiesbaden 2011, S. 323.

Gründung der Stiftung