mini|Umschlagbild der Originalausgabe(Caravaggio, Johannes der Täufer, 1605) Riverside. Christusnovelle ist das literarische Debüt von Patrick Roth aus dem Jahr 1991 und bildet zusammen mit Johnny Shines oder Die Wiedererweckung der Toten (1993) und Corpus Christi (1996) den ersten Teil der Christus Trilogie (1998).Patrick Roth: Die Christus Trilogie. Drei Romane und eine CD. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1998.
Überblick Im Mittelpunkt der Novelle steht die Begegnung des aussätzigen Einsiedlers Diastasimos mit Jesus in einer Höhle unweit von Bethanien wenige Tage vor der Kreuzigung. Aus dem Rückblick rekonstruiert der alte Weise auf Bitten seiner beiden Besucher, Jesus-Jüngern der zweiten Generation, die Ereignisse seiner Erkrankung und Heilung, mit dem erklärten Ziel, eine „Lehre“ zu erteilen. Neben der eigentlichen Botschaft Jesu steht die Problematik ihrer Überlieferung im Zentrum der Novelle, die den Übergang von mündlicher Erzählung zur schriftlichen Fixierung kritisch reflektiert.
Inhalt Kapitel I alternativtext=Wadi Kelt, Judäische Wüste|miniatur|320x320px|Wadi Kelt, Israel Ein anonymer Ich-Erzähler stellt den Schauplatz der Handlung vor Augen, eine Höhle in der Judäischen Wüste bei strömendem Regen im Jahr 37 n. Chr. Aus dem Dunkel der Höhle tritt ein alter, in aschenverschmierte Lumpen gekleideter Mann nach vorne, eine Leiter hinter sich her ziehend. Mit ihrer Hilfe schlägt er einen Nagel in die obere Felswand der Höhle, daran ein Männergewand aufzuhängen. Wenig später sitzt Diastasimos am Feuer beim Höhleneingang, als Steinschlag ihn aufspringen lässt. Zwei junge Männer, die Brüder Andreas und Tabeas, erscheinen tropfnass in der Höhle, der Alte aber blickt stoisch in die Flammen und beachtet sie nicht. Mürrisch äußert er, eine innere Stimme habe ihn vor „Schreibern“ gewarnt, die kämen, ihn „aufzuschreiben“.
Diastasimos erklärt seinen Besuchern, Abgesandten des Thomas, dass die Zeit gekommen sei, sein Schweigegelübde zu brechen. Für die beiden Jesusanhänger hat er nur Spott übrig: Sie seien zwar darin geschult, die Stimme ihres „Herrn und Meisters“ zu vernehmen, der sich selbst als „Stimme Gottes“ verstand, und doch begriffen sie nicht, wie „versteckt“ er ihnen sei – erste Anspielung auf das Band einer geheimen Verwandtschaft. Diastasimos will wissen, ob sie im Auftrag Jesu gekommen seien, ihn zu „heilen“. Irritiert entgegen die Jungen, Zeugnisse ihres „Herrn“ sammeln zu wollen für andere, die bekehrt werden sollen. Der Alte betrachtet die Aktionen der Jesus-Nachfolger mit Argwohn; ihre Heilungsversuche seien „Schattenhuschereien“ und die Lehren, die sie aus Jesu Worten ziehen, fragwürdig. Besonderes Unbehagen bereitet ihm die allgemeine Verdammung des Judas, den er, wie er geheimnisvoll erklärt, persönlich kannte.
Gegen das seelenlose Aufschreiben der Jesus-Worte plädiert Diastasimos – gleichsam in der Tradition von Platons Schriftkritik – dafür, Worte auf sich wirken zu lassen, so dass Wissen sich einschreiben kann. Nur das im Eigenen Erfahrene sei es wert, an andere weitergegeben zu werden. An die Stelle von bloßen „Tintenstrichen auf dem Papier“, Angelesenem und Angelerntem, müssten Predigten im „eigen Fleisch und Blut“ treten.Patrick Roth: Riverside. Christusnovelle. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1991, S. 21. Er fordert die beiden Schreiber auf, nicht von anderen zu künden, sondern aus ihrem eigenen Erleben zu sprechen oder lieber gleich zu gehen. Andreas reagiert wütend und wirft dem Alten an den Kopf, Gott habe ihn zu Recht mit Aussatz bestraft.
Ein Streitgespräch über die rechte Vorstellung von Gott entwickelt sich, ein Hauptthema der Novelle. Diastasimos hat den Gott des Alten Testaments nicht ausschließlich als gut und gerecht erfahren. Ihm zufolge ist Gott per se widersprüchlich und besitzt eine dunkle, grausame Seite – nicht umsonst habe er sieben Stämme ausgerottet (Anspielung auf Josua 12,8). Andreas hingegen beharrt darauf, dass Gott nur die straft, die Sünden begangen haben. Sein Argument, Diastasimos sei aufgrund seiner Eitelkeit und Selbstgerechtigkeit mit Aussatz geschlagen worden, macht dieser sich im Folgenden zu eigen, um es in bester sokratischer Manier ins Gegenteil zu verkehren.
Diastasimos berichtet in einer ersten Rückwendung von seiner Entdeckung, mit Aussatz befallen zu sein. Beim morgendlichen Reinigen der Sichel im Brunnen bemerkte er im Spiegel des Wassers entzündete „Stellen“ auf Nacken und Schulterpartie. Innerlich erstarrt habe er nach dem Überkleid gegriffen, die Katastrophe vor Frau und Söhnen zu verhüllen. Tagelang gab er sich der Seelenqual der Gewissenserforschung hin, fand aber nichts, was die schicksalhaft verhängte Krankheit hätte rechtfertigen können. Sie sei ihm wie ein „böser Traum“ erschienen und zugleich wie ein Abbild der durch Regen in Gefahr geratenen Ernte. Dies alles sei kurz vor dem Passah geschehen. Er habe sich (im Jahr 28 n. Chr.) zum Tempel nach Jerusalem aufgemacht, Gott um Gnade und Reinigung zu bitten. miniatur|Aquädukt aus der Römerzeit bei Jericho Die zweite Rückwendung, die die Ereignisse im Tempel umfasst, lehnt sich an die bei Flavius Josephus in der Geschichte des jüdischen Krieges überlieferte Tempel-Revolte 28 n. Chr. an. Der Aufstand der Juden gegen die römischen Besatzer entzündete sich am Bau einer Wasserleitung, die Pontius Pilatus aus dem Jerusalemer Tempelschatz zu finanzieren beabsichtigte. Die Erregung der Menge im Vorhof des Tempels erlebt Diastasimos als Naturgewalt – wie von einem aufgepeitschten Meer wird er mitgerissen. Die Menschenwelle wirft ihn auf einen fremden, finsteren Mann, in dessen Gesicht dieselbe Angst steht wie in seinem eigenen. Als der Aufstand losbricht, entpuppt der Mann sich als jüdisch verkleideter römischer Soldat, von Pilatus gedungen, ein Blutbad unter den Juden anzurichten. Im allgemeinen Tumult sei er unter das Schwert des dunklen Römers geraten. Nachdem dieser ihm mit der Geißel das Kleid aufgerissen und den Aussatz auf dem Rücken bemerkte, sei er entsetzt zurückgewichen, um mit verdoppelter Kraft auf ihn, Diastasimos, einzuschlagen. Das herabsausende Schwert habe die aus seinen Händen aufflatternden Opfertauben zerteilt, sein Leben aber verschont. Unerhört und ungeheilt von Gott sei er durchs Huldah-Tor des Tempels zurück in die Welt geschlichen, sich in die Verbannung zu begeben. Diastasimos‘ Zuhörer schweigen bestürzt.
Kapitel II Der Disput über das Gottesbild entzündet sich aufs Neue. Andreas meint, Gott habe Diastasimos Gnade erwiesen und verkündet die Lehre von der Wiederkehr des Messias am Jüngsten Tag, an dem alle Verhältnisse sich umkehren. Diastasimos hingegen beharrt auf dem „Hier und Jetzt“: Er versteht sich als Anwalt der Toten des Massakers; wie diese habe Gott auch ihn, der seinen Schutz suchte, vernichten wollen. Wie Hiob hadert er mit Gott. Im Hintergrund der Kontroverse liegt die Problematik der Theodizee: Wie kann Gott gut sein, wenn er sein Geschöpf mit dem Übel der Krankheit schlägt und sein unschuldiges Volk hinschlachten lässt?
Diastasimos fordert seine theologisierenden Besucher auf, lieber zu handeln als klug daher zu reden. Sie sollen ihn „anfassen“, eine körperliche Beziehung zu ihm herstellen, statt sich in Ideale zu flüchten. Die Jungen berichten, dass Diastasimos in Kreisen der Apostel aufgrund seines „beispiellosen Unglaubens“ für unheilbar gehalten werde; selbst Jesus sei machtlos gewesen. Es sei geplant, seine Geschichte als „abschreckendes Beispiel“ einzusetzen, um anderen den „rechten Weg“ zum Glauben zu weisen.
Das Gespräch wendet sich der Hauptsache zu, dem legendären Zusammentreffen von Diastasimos und Jesus, von dem nichts Näheres bekannt ist. Neben Johannes, so Diastasimos, sei auch Judas zugegen gewesen, der verhasste, von allen geächtete Jünger. Es sei wenige Tage vor dem Pessach gewesen, als Jesus von der Passstraße, die ihn von Jericho herführte, ins Hinterland der Berge abgezweigt sei, ihn, den Aussätzigen, aufzusuchen. Es sei ihm damals schon bekannt gewesen, dass Jesus, der erfolgreiche Prediger und Wunderheiler, als potentieller Volksaufhetzer ins Visier der Römer geraten sei. alternativtext=Felsenhöhlen bei Jericho|miniatur|271x271px|Felsenhöhlen in der Nähe von Jericho Die dritte Rückwendung setzt mit der Ankunft der drei Männer an Diastasimos‘ Höhle wenige Tage vor der Kreuzigung ein. Diastasimos stellt die Szene wie auf einer Bühne nach. Jesus sei verschwitzt und staubig vom Aufstieg aus der Mitte seiner beiden Begleiter Judas und Johannes auf ihn zugekommen. Er habe nichts gesagt, ihm nur still in die Augen gesehen. Der intensive Blick unter „schwarzsträhnig verklebter Stirn“ sei es gewesen, der ihn, Diastasimos, schlagartig fühlen ließ, dass sein ganzes bisheriges Leben ein Ausweichen und Verirren gewesen war. In diesem Moment des Angeschautwerdens habe er verstanden, „wie alles verloren, wie so sich zerstreuen mußte, verloren jetzt aber und eingeholt, gesät und gestorben, ausgestreut und verdorben sein mußte, um hier zu bestehen, das ist: hier von ihm zu mir zurückgebracht und geordnet zu sein“Patrick Roth: Riverside, S. 49.
Wie ein „Einbruch“ in seinen Körper sei es gewesen, als Jesus ihm an die kranke Schulter griff – als gäbe es keinen Aussatz, keinen Tod. In diesem Moment sei seine Faszination für den Mann, der gekommen war, ihn zu heilen, in Abwehr, Hass und Klage umgeschlagen. Die alte Wunde, von Gott verlassen worden zu sein, entäußert sich im verzweifelten Aufschrei: „Du bist nicht von IHM, denn ER will mich nicht“ / „Wie kann ich dem glauben, der Menschen so zeichnet – und grundlos“.Patrick Roth: Riverside, S. 53. Jesus habe ihm den Rat erteilt, zu demjenigen zu gehen, der ihn, Diastasimos, „gesehen“ habe. Mit diesem, der ihn in seiner Krankheit sah, „teile“ er, nur dieser könne ihn heilen.
Diastasimos versteht nicht, was Jesus ihm sagen will. Dieser spricht nun im Gleichnis und erzählt die Geschichte von den Teilenden, die des Nachts aus ihrer Höhle ins dunkle Land schauen und nichts erkennen, bis ein Blitz die Dunkelheit durchreißt, Himmel und Erde voneinander trennt. Da sehen die „Teilenden“ und sehen doch nicht. Das Licht aber hat die Sehnsucht nach Erkenntnis in ihnen wach werden lassen. Wieder versteht Diastasimos nicht. Er fragt Jesus, warum er zu ihm gekommen sei und dieser fasst seine Botschaft in einem Satz zusammen: „Der mit dir teilt, der ist in dir. Mit ihm teilst du dich.“Patrick Roth: Riverside, S. 55. Er, Jesus, sei außerhalb von ihm und habe in Jerusalem seine Mission zu erfüllen.
Die Begegnung in der Höhle endet im Schmieden eines Plans. Man will verhindern, dass Jesus auf dem Weg nach Jerusalem von den Römern gefangen gesetzt wird. Diastasimos schlägt vor, Jesus als Knecht verkleidet hinter Judas und Johannes her gehen zu lassen. Er stellt einen schweren Holzbalken zur Verfügung, den er ursprünglich zu einer Schwelle verarbeiten wollte – diesen Balken solle Jesus zu seiner Tarnung als Knecht auf dem Rücken tragen. Der Plan wird angenommen und die Gruppe macht sich auf den Weg in Richtung Bethanien.
Andreas und Tabeas glauben mit dieser Geschichte das erhoffte Jesus-Zeugnis in der Tasche zu haben. Doch die Lösung des Knotens und mit ihm der Sinn der Geschichte steht noch aus. Um die ungeduldigen Schreiber zum Bleiben anzustiften, lockt Diastasimos sie mit Informationen über die Ereignisse, die sich auf dem weiteren Weg Jesu zutrugen. Gerüchteweise soll Johannes später in Bethanien eine Fußwaschung an Judas vorgenommen haben. Wie dieser befremdlich-anstößige Vorfall mit dem in Diastasimos‘ Höhle ausgeheckten Plan der Überwindung der römischen Wache zusammenhängt, ist Inhalt des zweiten Teils seiner Erzählung.
Kapitel III