mini|Zum Erkennen bitte auf das Bild klicken: Das Raumschiff Erde als winziger „blassblauer Punkt“ („Pale Blue Dot“) aus einer Entfernung von etwa 40,5 AU (ca. 6 Mrd. km), aufgenommen von der Raumsonde Voyager 1 am 14. Februar 1990. Raumschiff Erde () ist eine Metapher, die den Planeten Erde und seine Bevölkerung mit einem Raumschiff vergleicht. Sie setzt die Ausmaße und Ressourcen der Erdkugel in Bezug zum ungleich größeren, lebensfeindlichen Universum und verdeutlicht damit sowohl ihre Begrenztheit als auch die Unmöglichkeit eines anderen Zuhauses für die Menschheit. Sie kann im Raumfahrtzeitalter auch als Neufassung der Redensart „Wir sitzen alle im selben Boot“Zu dieser Redensart siehe Anna Lewandowska: Sprichwort-Gebrauch heute: ein interkulturell-kontrastiver Vergleich von Sprichwörtern anhand polnischer und deutscher Printmedien. Verlag Peter Lang, 2008, S. 281 verstanden werden. Die Metapher wurde häufig rezipiert und unter anderem mit dem Hinweis „Das Raumschiff Erde hat keinen Notausgang“Paul Crutzen, Mike Davis, Michael D. Mastrandrea, Stephen H. Schneider, Peter Sloterdijk (Hrsg.): Das Raumschiff Erde hat keinen Notausgang. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016, ISBN 978-3-518-06176-3. zu einem wichtigen rhetorischen Bild in der Diskussion um Umweltprobleme.
Henry George 1879 Nachweislich verwendet wurde das Bild von der Erde als einem Schiff im Weltraum erstmals 1879 von dem US-amerikanischen Ökonomen Henry George in seinem Werk Progress and Poverty:
Verwendung in den 1960er und 1970er Jahren miniatur|Die Heliosphäre unter dem Einfluss des interstellaren Mediums miniatur|Earthrise, aufgenommen am 24. Dezember 1968 Mit dem Beginn des Raumfahrtzeitalters und der modernen Umweltbewegung in den 1960er Jahren wurde der Begriff „Raumschiff Erde“ von verschiedenen Personen verwendet und verbreitet.
Der US-amerikanische Philosoph und Erfinder Richard Buckminster Fuller benutzte den Begriff angeblich bereits 1951 in einer Diskussion über das amerikanische Raketenprogramm. Er wurde mit seinem Buch Operating Manual for Spaceship Earth bekannt, das 1968 erschien.Richard Buckminster Fuller: Operating Manual for Spaceship Earth. Carbondale, Southern Illinois University Press, 1968.Richard Buckminster Fuller: Bedienungsanleitung für das Raumschiff Erde und andere Schriften. Rowohlt, Reinbek 1973, ISBN 3-499-25013-6.
1965 sprach Adlai Stevenson, zuvor US-Gouverneur und zweifacher Präsidentschaftskandidat, fünf Tage vor seinem Tod im Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen:
Eine Freundin von Stevenson, die international einflussreiche Ökonomin Barbara Ward, betitelte 1966 ihr Buch über nachhaltige Entwicklung Spaceship Earth.Barbara Ward: Spaceship Earth. 1966. Boston: Houghton Mifflin Co, ISBN 978-0-231-08586-1.
Ebenfalls 1966 benutzte der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Kenneth E. Boulding die Phrase im Titel seines Essays The Economics of the Coming Spaceship Earth.Kenneth E. Boulding: arachnid.biosci.utexas.edu: The Economics of the Coming Spaceship Earth. In: Henry Jarrett (Hrsg.): Environmental Quality in a Growing Economy. Essays from the Sixth RFF Forum on Environmental Quality. Baltimore, The Johns Hopkins Press, 1966. S. 3–14.
Bouldings Text ist der Versuch einer theoretischen Fundierung einer nicht-wachstumsorientierten Wirtschaft und sein zentraler Beitrag zur damaligen Umweltdebatte.Blake Alcott: Kenneth Bouldings Wegweiser von 1966. In: Vereinigung für Ökologische Ökonomie, voeoe.de: Beam us up, Boulding! 40 Jahre „Raumschiff Erde“. Beiträge und Berichte 7 / 2006, Seiten 25–29 Er ist von Ökologischen Ökonomen häufig rezipiert worden.Fred Luks: Bouldings »Raumschiff Erde«: Ein ökologisch-ökonomischer Klassiker. In: Vereinigung für Ökologische Ökonomie, voeoe.de: Beam us up, Boulding! 40 Jahre „Raumschiff Erde“. Beiträge und Berichte 7 / 2006, ISBN 978-3-9811006-1-7, Seiten 30–42
Mit seinem 1965 erschienenen Buch Unser blauer Planet prägte Heinz Haber den gängigen Begriff für das Bild der Erde, wie es durch die nun veröffentlichten Fotos aus dem All ins allgemeine Bewusstsein drang. 1968 erschienen Aufnahmen, die den ganzen blauen Planeten zeigten, so auf der Erstausgabe des Whole Earth Catalog und dann Earthrise. James Lovelock brachte dies zur Formulierung der Gaia-Hypothese.Lovelock, James E. (1996): The Gaia Hypothesis. In: Bunyard, Peter (Hrsg.): Gaia in Action. Science of the Living Earth. Edinburgh: Floris. S. 16.
Der UN-Generalsekretär U Thant sprach vom „Spaceship Earth“ 1971 während der Zeremonie des Läutens der Weltfriedensglocke in New York.
„Fukushima 2011“ mini|Die Magnetosphäre schützt die Erde vor dem Sonnenwind: Auf der Tagseite entsteht eine Bugstoßwelle, auf der Nachtseite ein langer Magnetschweif. Eine Zusammenstellung vergangener Beiträge zum Zustand der Erde, auch im Hinblick auf die Herausbildung des Begriffs Anthropozän, von Paul Crutzen, Mike Davis, Michael D. Mastrandrea, Stephen H. Schneider und Peter Sloterdijk hatte 2011 – nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima – den Titel Das Raumschiff Erde hat keinen Notausgang.suhrkamp.de; Rezension im Deutschlandfunk, abgerufen am 16. Mai 2015.
Die Metapher von der Erde als Raumschiff erlaubte es der Autorenschaft, „den Triumph der Natur- und Technikwissenschaften einerseits und die Vorstellungen von der Fragilität des Lebens andererseits in Einklang zu bringen“.Sabine Höhler: »Raumschiff Erde«, eine mythische Figur des Umweltzeitalters. In: Vereinigung für Ökologische Ökonomie, voeoe.de: Beam us up, Boulding! 40 Jahre „Raumschiff Erde“. Beiträge und Berichte 7 / 2006, ISBN 978-3-9811006-1-7. Seiten 43–52. Kein anderes Bild habe „die Zwangslage des späteren 20. Jahrhunderts besser ausdrücken“ und Krise und Fortschritt als zentrale Figuren zugleich repräsentieren können. So konnte sich die Metapher über die Jahre als räumliche Vorstellung für die „Grenzen des Wachstums“ etablieren.
Overview-Effekt Seit die Erde von Menschen aus dem Weltall betrachtet und wahrgenommen wurde, erlebten Raumfahrer beim ersten Anblick den „Overview-Effekt“, welcher bei vielen die Perspektive auf den Planeten und die darauf lebende Menschheit verändert hat.
Kritik
Der deutsch-französische Soziologe Steffen Roth hat aufgezeigt, dass das Raumschiff Erde, wenn es je verwirklicht würde, die vollkommenste totale Institution darstellen würde, die je in der Geschichte der Menschheit geschaffen wurde. In diesem Zusammenhang zeigt Roth auch anhand von Quellen auf, dass es sich bei dem sog. „Overview-Effekt“ nicht um ein Resultat der menschlichen Beobachtungen der Erde aus dem Weltall handelt, sondern um eine Perspektive, die einschlägige Autoren bereits deutlich vor der bemannten Raumfahrt eingenommen haben.
Siehe auch Blue Marble Ökologischer Fußabdruck Planetare Grenzen Tag der Erde
Literatur Nicola Armaroli, Vincenzo Balzani: Energy for a Sustainable World – From the Oil Age to a Sun-Powered Future. Wiley-VCH 2011, ISBN 978-3-527-32540-5. Nicola Armaroli, Vincenzo Balzani und Nick Serpone: Powering Planet Earth – Energy Solutions for the Future. Wiley-VCH 2013, ISBN 978-3-527-33409-4. Sabine Höhler, Fred Luks, Vereinigung für Ökologische Ökonomie (Hrsg.): Beam us up, Boulding! 40 Jahre „Raumschiff Erde“. 2006, ISBN 978-3-9811006-1-7. Sabine Höhler: Spaceship Earth in the Environmental Age, 1960 -1990. London 2014, ISBN 978-1-84893-509-9.
Weblinks Die Weltwoche, Ausgabe 42/2001, Susanne Hegglin, weltwoche.ch: Zerbrechliche Welt: Kopfreise (Rezension zu Kunstwerk Erde. Satellitenbilder aus dem All.) Raumschiff Erde. Wie der Anblick der Erde aus dem All die Welt veränderte.
Einzelnachweise
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