mini|hochkant=1.7|Blick von Westen auf das Kriegerehrenmal 1914/18, mittlere Stele: Erzengel Michael. mini|hochkant=1.7|Friedhofsplan.
Das Kriegerehrenmal 1914/18 wurde 1924 von der Stadt Ludwigsburg zum Gedenken an ihre Kriegsgefallenen auf dem sogenannten Ehrenfriedhof des Alten Friedhofs errichtet.
Das Ehrenmal ist ein Steinkreis, der von einer übermannshohen Hecke umschlossen ist, hinter der sich neun ringförmig aufgestellte, überlebensgroße Stelen mit versenkten Reliefs verbergen. Das Hauptrelief zeigt die kriegerische Figur des Erzengels Michael mit dem Flammenschwert. Um ihn reihen sich sechs Reliefs mit Kämpferdarstellungen und zwei Reliefs, die trauernde Mütter mit ihren Kindern zeigen.
Den Steinkreis entwarf der Architekt Friedrich Haußer, die Reliefs schuf der Bildhauer Jakob Brüllmann. Beide hatten bereits 1916 bei der Anlage des Ehrenfriedhofs miteinander zusammengearbeitet.
Lage Im Süden des Alten Friedhofs grenzt der sogenannte Ehrenfriedhof, ein langgezogenes, fast rechteckiges Feld von Soldatengräbern (rosa Bereich im Friedhofsplan), an die west-östlich verlaufende Schorndorfer Straße. In dem Gräberfeld sind parallel zur Straße vier Kriegerehrenmäler angeordnet.
Wenn man den Friedhof über den Eingang an der Schorndorfer Straße betritt, trifft man auf das Kriegerehrenmal 1939/45, eine 1868 geweihte, neugotische Friedhofskapelle, die 1957 zu einem Kriegerehrenmal umgestaltet wurde.#Schmid-Kemmner 1992, S. 124 (Ludwigsburg-1), 128 (Ludwigsburg-15). Links führt der Weg zu dem Ehrenmal der 260. Infanterie-Division, rechts erreicht man nach 40 Metern das Kriegerehrenmal 1914/18. An der nordöstlichen Ecke des Gräberfelds folgt schließlich das Kriegerehrenmal 1870/71.Eine Erinnerungstafel der Stadt Ludwigsburg für „diejenigen ihrer Söhne, welche im Kampfe für das Vaterland im Jahre 1870 ihr Leben gelassen haben“ befindet sich an der Rückseite der Kapelle. In der Südostecke des Friedhofs steht ein Gedenkkreuz mit der Inschrift „A la Mémoire des Soldats français décédés en 1870–1871“ (zur Erinnerung an die 1870–1871 gefallenen französischen Soldaten).
Ehrenfriedhof Während des Ersten Weltkrieges ließ die Stadt Ludwigsburg 1915 auf dem Alten Friedhof zwischen der Kapelle und dem Kriegerehrenmal 1870/71 einen „Ehrenfriedhof“ für die in Ludwigsburg im Lazarett verstorbenen (oder nach Ludwigsburg überführten) Soldaten anlegen. Die Anlage des Ehrenfriedhofs erfolgte nach den Plänen von Friedrich Haußer. Nach dem Entwurf von Jakob Brüllmann erhielten die Gräber der Mannschaftsdienstgrade „niedrige, aber würdige Steinkreuze, alle von gleicher Größe, Form und Farbe“,#Belschner 1924.1. während die Offiziersgräber an den Seiten mit liegenden Steinplatten gedeckt wurden.#Belschner 1924.1, #M 746 Bü 35, Fragebogen, #Schmid-Kemmner 1992, S. 91.
Steinkreis mini|hochkant=1.2|Teil des Ehrenmals.
Das Ehrenmal wurde als Ehrenhain auf „leicht erhöhtem Plateau“#Huber 1988, S. 82. innerhalb des Ehrenfriedhofs angelegt, „da wo eine Gruppe hochstrebender Bäume eine traumhaft stille Feierlichkeit über den Raum breitet“,#Belschner 1924.1. und am 5. Oktober 1924 eingeweiht.#M 746 Bü 35, Fragebogen. Der „weihevolle Rundplatz“#Belschner 1924.1. hat mit etwa 15 Metern den gleichen Durchmesser wie die KapelleMessungen auf einer Google-Maps-Karte. und wird von einer übermannshohen HeckeHöhe der Hecke: etwa 220 cm. umschlossen. Der Platz hinter der Hecke besteht aus einem breiten Umgang, einem Ring von neun wuchtigen, überlebensgroßen Stelen und einem leicht vertieften, mit unregelmäßig geschnittenen Steinplatten belegten Platz in der Mitte, zu dem zwei Stufen hinunterführen. Die obere Stufe trägt links und rechts von der Figur des Erzengels Michael an der Stirnseite die Inschrift „Gottes Will’ hat / kein Warum“. Noch 1988 stand ein Baum auf dem Platz, den man in dem Kreisrund belassen hatte, der aber heute verschwunden ist.#Huber 1988, S. 82, Abbildung: #Seeger 1930. Beim Anblick des Stelenkreises fühlt man sich unwillkürlich an Steinkreise wie die von Stonehenge erinnert, die ebenfalls als Grabanlagen dienten.
Reliefs „Die innere Ringseite erhielt vom Architekten die Bestimmung, das ungeheure Geschehen der Jahre 1914–18 an diesem weihevollen Ort zum Ausdruck zu bringen, um es zu einem tiefen inneren Erlebnis für den Beschauer zu machen.“#Belschner 1924.1. Soweit eine zeitgenössische Umschreibung des Ehrenmals.
Die neun überlebensgroßen, blockhaft wuchtigen StelenHöhe × Breite × Tiefe (circa): 255 × 107 × 47 cm (Michael), 235 × 85 × 40 cm (übrige Stelen). aus rotem Maulbronner Sandstein#M 746 Bü 35, Fragebogen. tragen auf der Vorderseite ausdrucksstarke Reliefs mit dem Erzengel Michael, Kämpferdarstellungen und Müttern mit ihren Kindern. Die Rückseiten tragen Inschriften mit dem Namen, Todesdatum und Todesort der gefallenen Soldaten.
Die Umrahmung der hochrechteckigen Steinplatten ist grob behauen und steht in scharfem Kontrast zu den fein und weich konturierten Figurendarstellungen der Reliefs und dem glattgeschliffenen Untergrund der Schrifttafeln.
Erzengel Michael
„Während des 1. Weltkrieges galt der Erzengel Michael als Führer und Schirmherr der Deutschen. Dabei vereinte seine Wiedergabe Relikte verschiedenster Herkunft: die frühere Identifikation mit dem Kaiser, die deutschen Heroen Goethe und Bismarck und sogar germanisierende Motive. Im Resultat ergab die Mixtur einen jugendlich-strahlenden Kämpfer, einen Siegfried als Schutzheiligen des deutschen Heeres.“#Lurz 1985.3, S. 96.
Der jünglinghafte, aber nichtsdestoweniger martialische Erzengel Michael ist im Gegensatz zu den Figuren der anderen Stelen in archaischer Frontalität dargestellt. Ausgestattet mit stählerner Rüstung und einem Helm, unter dem das wallende Haar hervorquillt, blickt der geflügelte Erzengel furchtlos und mutig in die Welt. Er stützt sich auf sein mächtiges Flammenschwert, mit dem er die ersten Menschen aus dem Paradies vertrieben hat.
Die Rückseite der Michaelstele ist in drei Felder geteilt:
Ein großes Reliefbild unten zeigt eine Aschenurne und darüber einen Totenschädel, der auf gekreuzten Schlegeln gebettet ist. Um den Totenkopf schlagen lodernde Flammen empor.
Ein kleines Reliefbild oben zeigt einen aus der Asche wiedererstandenen Phönix#Belschner 1924.3. mit ausgebreiteten Schwingen, umgeben von züngelnden Flammen links und Gewitterwolken und Blitz zur Rechten.
Die beiden Reliefbilder trennt ein Steg mit der gleichen Oberflächenstruktur wie die Umrahmung der Stele. Er trägt die Widmungsinschrift des Ehrenmals: „Die Stadt Ludwigsburg ihren Gefallenen“.
Während die anderen acht Stelen aus heutiger Sicht als abstoßendes Panorama der Kriegsgräuel interpretiert werden können, lässt die Darstellung des Erzengels Michael keine Zweifel an dem Hurrapatriotismus, der auch nach dem großen Krieg weiterhin obwaltete. Nach der Errichtung des Ehrenmals 1924 ließ sich der Ludwigsburger Historiker Christian Belschner zu dieser bezeichnenden pathetischen Phrase hinreißen:
„In seiner straffen Haltung verkörpert er mit seinen Flügeln den unerschütterlichen, selbst unter Niederlagen sich immer wieder aufschwingenden heiligen Lebenswillen des deutschen Volkes. Das Schwert in seinen Händen ist jedoch nicht die flammende Cherubswaffe; bei Fuß gestellt deutet sie nicht auf Kampfeslust, hält sich aber jederzeit bereit, sich gegen freventliche Angriffe zur Wehre zu setzen.“#Belschner 1924.1.
Kämpfer und Mütter mini|hochkant=1.2|Ägyptische Götter in aspektivischer Darstellung.
Sechs Kämpferfiguren und zwei Gruppen von Müttern mit ihren Kindern („versenkte Reliefs“) pressen sich in die Vertiefung eines erdrückenden, klobigen Steinrahmens, der die Figuren sarkophagartig umschließt. Die flächenfüllenden Figuren scheinen den Rahmen, in den sie eingequetscht sind, sprengen zu wollen, so dicht drücken sie gegen die begrenzenden Kanten.
Die Überhöhung der sonst realistischen Wiedergabe der Körper durch eine ausdrucksstarke und dramatische Gestik und die überwiegend aspektivische Ansicht der Figuren verleiht den Reliefs einen expressionistischen Charakter (jedoch nicht dem in herkömmlicher Manier dargestellten Erzengel Michael).
Die nackten Figuren sind nicht in natürlicher Perspektive, sondern wie auf altägyptischen Reliefs aspektivisch wiedergegeben,Siehe Altägyptische Kunst, Aspektive. das heißt in einer Mischung zwischen Profil- und Frontalansicht: der Kopf wird im Profil gezeigt (außer bei Nr. 2, 4 und 5), die Vorder- oder Rückseite des Oberkörpers ist frontal zum Betrachter gedreht und Hüfte und Beine nehmen eine seitliche Schrittstellung ein.
Die nackten Männerfiguren sind nicht als zeitgenössische Soldaten dargestellt, sondern als Kämpfer aus längstvergangener Zeit, wie die Beigaben Kurzschwert, Schild und Speer zeigen. Sie entsprechen dem Typ des „nackten Kriegers“ (nach Meinhold Lurz), der sich auf „hellenistische Kriegerreliefs“ bezieht (ob sich Brüllmann diese Zuschreibung zu eigen gemacht hätte, ist fraglich):#Lurz 1985.4, S. 148.
„Im Rückgriff auf das zeitlose Ideal der Antike enthistorisierte der Denkmalstyp den Kampf als solchen und verherrlichte ihn gleichzeitig. Der Krieg galt als männlich-heroische Handlung, in der man sich Ansehen und Ehre erwirbt.“
Die athletischen, sportlich gestählten Kämpferfiguren zeigen aus heutiger Sicht, wenn man von den martialischen Beigaben absieht, das Grauen des Krieges, die Angst der gequälten und gehetzten Kreatur, die einem unausweichlichen Schicksal ausgeliefert ist. Die vaterlos aufwachsenden Kinder der Mutter-Kind-Stelen suchen verzweifelt und verängstigt den Schutz der zu Hause zurückgebliebenen, trauernden Mütter, denen nur die Hoffnung auf eine gesunde Wiederkehr ihrer Gatten bleibt.
Der Ludwigsburger Historiker Christian Belschner wollte die Brüllmannschen Reliefs als Allegorien verstanden wissen und versah sie mit pathetischen und kriegsverherrlichenden Umschreibungen wie „vaterländische Begeisterung“, „kampfesmutiger Zorn“ oder „lebensprühende Entschlußkraft“. Offenbar war dies nicht im ursprünglichen Sinn von Brüllmann, wenn er auch letztendlich Belschners Deutungen zu tolerieren schien:#Belschner 1924.3.
„Wir verstehen es daher vollkommen, wenn der Künstler Brüllmann sich »nur ungern« dazu verstand, seinen Kunstschöpfungen auf dem Kriegerfriedhof »im einzelnen Namen zu geben«. Vollzog sich doch die Wahl seiner Motive ganz »aus persönlicher Empfindung über das Kriegsgeschehen«.“
Schrifttafeln mini|hochkant=1.5|Ausschnitt einer Schrifttafel (Rückseite von Stele 1).
Auf der Rückseite der Stelen (nicht der Michaelstele) sind die Namen der Gefallenen mit Sterbedatum und Sterbeort eingemeißelt. Ein zufälliger Ausschnitt aus einer der endlos scheinenden Listen lässt den Blutzoll erahnen, den der Krieg den Familien auferlegte:Rückseite von Stele 8.
{| border="2" cellpadding="20" | Adam Maier + 19.11.18 Namur – Hugo Maier + 9.4.1918Waasten – Paul Maier + 26.10.1914 Becelaere – OttoMaisch + 29.1.15 Binarville – Max Marmein + 2.5.15 MetzErich Marquardt + 25.5.16 Miraumont – Eduard Marx+ 29.6.15 Moorslede – Friedrich Marx + 15.12.14 DoezelhoekAugust Matt + 2.1.15 Zylin – Viktor Maulbetsch + 12.11.14Messines – Wilhelm Mauz + 6.11.14 Messines – AlfredMayer + 7.9.17 Spriet – Gottlob Mayer + 6.11.14 MessinesKarl Mayer * 1885 + 30.12.16 Bernes – Karl Mayer * 1890+ 7.10.14 Miraumont – Karl Mayer * 1893 + 9.9.15 Pacewicze |}