mini|230px|Abbildung des Schlangen-Knöterichs und des Maiglöckchens im Kräuterbuch des Vitus Auslasser. 1479 mini|230px|Das Paradiesgärtlein mit Maiglöckchen am unteren Bildrand. Um 1410/20 Unter dem Autorennamen Gabriel von Lebenstein erschien Ende des 14. Jahrhunderts ein Kurztraktat über „gebrannte Wässer“. In Handschriften wird der Autor als Arzt und Theologe bezeichnet, in der ältesten bekannten Handschrift (Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod. 54 Aug. 4°, Bl. 19r–24r, 1. Viertel des 15. Jahrhunderts) als „Maister Gabriel von Lebenstain, von Pariß ein maister in der ercznei und ein lerer der heiligen geschrifft“ genannt. Dem Namen Gabriel von Lebenstein (oder Lebenstain) lässt sich jedoch keine historische Person zuordnen. Aufgrund der Herkunft der bekannten Manuskripte wird als Entstehungsort des Traktats der bairische Raum vermutet.Eis / Vermeer (1965), S. 16–28.

Die wichtigsten Textzeugen KürzelNach Gerhard Eis und Hans J. Vermeer. Gabriel von Lebensteins Büchlein „Von den gebrannten Wässern“. Stuttgart 1965 und Wolfram Schmitt. Zwei weitere Überlieferungen des Büchleins „Von den gebrannten Wässern“ Gabriel von Lebensteins. Stuttgart 1968. - Weitere Textzeugen (auch Streuüberlieferung) in: Handschriftenzensus. Gabriel von Lebenstein: „Von den gebrannten Wässern“. Digitalisat. Bezeichnung des Kodex Sprache Zeit W Wolfenbüttel. Herzog August Bibliothek, Cod. 54 Aug. 4°, Bl. 19r–24r oberdeutsch 1. Viertel 15. Jh. A Wolfenbüttel. Herzog August Bibliothek, Cod. 47.19 Aug. 4°, Bl. 17r–25v bairisch-österr. 2. Hälfte 15. Jh. Bl Wolfenbüttel. Herzog August Bibliothek, Cod. 189 Blankenburg, Bl. 201r–210r bairisch-österr. um 1500 G Gotha. Forschungsbibliothek, Cod. Chart. B 1238 Blatt 32v–41r. Verlust eines Blattes. Der Text ist sonst vollständig.Maria Mitscherling. Medizinisch-astrologischer Volkskalender. Band I: Transkription, Kommentar. Band II: Faksimile. Leipzig 1981. bairisch ca. 1485 L London. Wellcome Institute of the history of Medicine, MS 283, S. 5–39 bairisch Ende 15. Jh. B Brünn. Stadtarchiv, Cod. St. Jacob 110, Blatt 173r–182r bairisch um 1500M München. Bayerische Staatsbibliothek, Clm 5905, Bl. 52r–56r. Verwandt mit der Handschrift G.Der Text beginnt mit dem Kapitel „Flos campi“ unter Auslassung des einleitenden Satzes über Gabriel Lebenstein. Das Kapitel „Kol-kraut wasser“ ist falsch überschrieben mit „Schölkrawt“. Der Text dieses Kapitels entspricht jedoch dem Kapitel „Kol-kraut wasser“ der anderen, bisher bekannten Lebenstein-Abhandlungen über gebrannte Wässer. Mit neuer Schrift angehängt sind zwei Kapitel („Wintergrün wasser“ und „Plab chorn pluem wasser“), die nicht zum Lebenstein-Korpus gehören. Wintergrün wasser wird wie bei Brunschwig 1500 als Wundheilmittel, aber auch als Lebermittel beschrieben. Der Text von Plab chorn pluem wasser ist dem Büchlein von den ausgebrannten Wässern entnommen. bairisch 2. Hälfte 15. Jh.

Editionen des Traktats „Von den gebrannten Wässern“ Eine erste Quellenedition – mit dem Wolfenbütteler Codex (W) als Leithandschrift – präsentierte Gerhard Eis 1942. 1965 wurde von Gerhard Eis und Hans J. Vermeer eine weitere Quellenedition unter Einbezug weiterer Handschriftenfunde veröffentlicht. Dem bereits erwähnten Wolfenbütteler Manuskript wurde eine neu gefundene, stark erweiterte Londoner Handschrift (L) vom Ende des 15. Jh. gegenübergestellt.

Von Lebensteins Traktat ist das dem Verfasser Michael Puff zugeschriebene, wohl nach dem VorbildBernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben 2003, S. 230. der Schrift „Von den gebrannten Wässern“ entstandene Büchlein von den ausgebrannten Wässern zu unterscheiden.

Inhalt In 33 Kapiteln werden, erstmals im deutschen Sprachraum,Bernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, S. 229–230. aus Pflanzen gebrannte Wässer mit ihren Heilanwendungen beschrieben (im Original: „von den wasser, die man prent aus den creuttern vnd aus den plumen“). Die Destillationsmethoden werden nicht erklärt. Im 2. Kapitel wird erstmals das „herzstärkende“„Es ſterckt auch das hercz vnd macht den menſchen frolich an allen seinen gelidern“ Maiglöckchen erwähnt.Gernot Rath. Die Convallaria majalis. Ihr Weg durch die Geschichte. Madaus, Köln 1959. Die u. a. von Eis (1964) und von Schmitt (1980) aufgestellte Behauptung, es habe sich bei den Destillationsprodukten um „alkoholische Auszüge“ gehandelt, trifft nur auf wenige „gebrannte Wässer“ zu, die aus in Wein eingelegten Ausgangsstoffen destilliert wurden.Die Weindestillation mit „modernem Brenngerät“ ist seit dem 13. Jahrhundert durch Taddeo Alderotti belegt.Astrid Müller-Grzenda. Pflanzenwässer und gebrannter Wein als Arzneimittel zu Beginn der Neuzeit. Herstellungsverfahren, Hersteller und Handel, Beschaffenheit und Bedeutung für die Materia medica. Stuttgart 1996, S. 147–156.In seinem Kleinen Destillierbuch verwendete Hieronymus Brunschwig zur Destillation lediglich drei Mal mit Wein hergestellte Auszüge: bei den „gebrannten Wässern“ aus Ehrenpreiskraut, aus den Blüten der Ackerbohne und aus dem Hain-Greiskraut.

Die Quellen des Lebensteinschen Traktats wurden bisher nicht bestimmt.

In der folgenden Liste werden die Pflanzen des Lebensteinschen Traktats aus heutiger Sicht nach aktueller Nomenklatur gedeutet. Die Transkription des Textes orientiert sich am Digitalisat der Münchner Handschrift Clm 5905 im Vergleich mit der 1965er Edition von Gerhard Eis und Hans J. Vermeer. Die Abkürzungen wurden aufgelöst. Die Satzgliederung wurde leicht an heutige Gewohnheiten angepasst.