Madame X, Madame Pierre Gautreau oder auch Porträt der Madame X ist der informelle Titel eines Porträts von John Singer Sargent. Es stellt Virginie Amélie Avegno Gautreau dar, eine junge Dame der Gesellschaft. Sie wurde in den Vereinigten Staaten geboren, kam als vierjährige Halbwaise gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester nach Frankreich und heiratete als junge Frau den wohlhabenden französischen Bankier und Reeder Pierre Gautreau. In der Pariser Gesellschaft war sie für ihre Schönheit und ihre angeblichen außerehelichen Beziehungen bekannt.
Das Porträt Madame X war keine Auftragsarbeit, sondern kam auf expliziten Wunsch von Sargent zustande.Kilmurray, Elizabeth und Ormond, Richard: John Singer Sargent, Tate Gallery Publishing Ltd, 1999. ISBN 0-87846-473-5. S. 101. Es entstand dabei eine Studie von Gegensätzen. Sargent malte eine Frau in einem tief ausgeschnittenen, schwarzen Satinkleid mit juwelenbesetzten Trägern, das auffällig mit ihrem blassen Hautton kontrastiert.
Das Porträt wurde 1884 im Salon de Paris ausgestellt und kontrovers aufgenommen. Sargent hatte mit einer erfolgreichen Ausstellung des Porträts die Hoffnung verbunden, sich in Frankreich als Porträtist zu etablieren.Ormond, 1999. S. 28. Indirekt führte dieser Fehlschlag dazu, dass Sargent sich auf britische und US-amerikanische Kunden konzentrierte und sich so als Porträtist in Großbritannien und den USA etablierte. Madame X ist eines der letzten Gemälde, das während Sargents Pariser Schaffensperiode entstand.
Hintergrund Virginie Gautreau mini|hochkant|Virginie Gautreau um 1878 Virginie Gautreau (1859–1915) wurde im US-Bundesstaat Louisiana geboren. Ihre Mutter war Marie-Virginie de Ternant, angeblich das einzige überlebende Kind des Marquis de Ternant. Ihr Vater, Major Anatole Placide Avegno, starb 1862 an den Folgen der Verwundungen, die er während der Schlacht von Shiloh erlitten hatte. Die verwitwete Marie-Virginie de Ternant kehrte kurz nach dem Tod ihres Mannes mit der zu diesem Zeitpunkt vierjährigen Virginie und deren älterer Schwester Julie nach Frankreich zurück.Stanley Olson: John Singer Sargent – His Portrait. MacMillan, London 1986, ISBN 0-333-29167-0. S. 101.
In der französischen Gesellschaft blieben Marie-Virginie de Ternant und ihre Töchter weitgehend Außenseiterinnen; de Ternants Adelsabstammung war zu fragwürdig, ihr Hintergrund zu mysteriös, um Zugang zu den höchsten Kreisen der französischen Gesellschaft zu finden. Daran änderte auch die Ehe von Virginie mit dem wohlhabenden Bankier und Reeder Pierre Gautreau nichts.
Virginie Gautreau war keine Schönheit im klassischen Sinne. Ihre Figur mit der schmalen Taille entsprach zwar dem Schönheitsideal der Zeit, jedoch war ihre Nase zu groß, ihr Kinn zu hervorstehend, der Haaransatz zu weit aus der Stirn und die Lippen zu schmal. In Kombination ergab dieses jedoch ein außergewöhnliches Erscheinungsbild, dessen sich Virginie Gautreau sehr bewusst war. Sie nutzte große Mengen an Puder, um die Blässe ihrer Körperhaut zu betonen, und Sargents Biograf Olson hält es für möglich, dass sie auch kleine Mengen von Arsen nahm, um diese Hautfarbe zu erzielen.Stanley Olson: John Singer Sargent – His Portrait. MacMillan, London 1986, ISBN 0-333-29167-0, S. 102. Sie galt in der Öffentlichkeit als typische Vertreterin der Parisienne, eines durch Kultiviertheit und Raffinesse herausragenden neuen Frauentyps. Auch die Bezeichnung professional beauty – ein Begriff, der Frauen bezeichnete, die auf Grund ihrer Erscheinung zu gesellschaftlichem Rang gelangten – wurde für sie verwendet.Elizabeth Prettejohn: Interpreting Sargent, Stewart, Tabori & Chang, 1998. ISBN 978-1556707285. S. 25. Ihre unkonventionelle Erscheinung sorgte dafür, dass eine Reihe von Künstlern auf sie aufmerksam wurde. Der US-amerikanische Maler Edward Simmons behauptete, er pirsche ihr ununterbrochen nach wie einem Reh.Deborah Davis: Sargent’s Women. Adelson Galleries, Inc., 2003. ISBN 0-9741621-0-8, S. 14.
John Singer Sargent mini|hochkant|Mrs. Henry White, an dem Sargent parallel zum Porträt Madame X arbeitete Auch John Singer Sargent war von Virginie Gautreau beeindruckt und ging davon aus, dass ein Porträt von ihr im kommenden Salon de Paris viel Aufmerksamkeit erregen und ihm in der Folge eine Reihe von Aufträgen verschaffen würde. Er hatte Virginie Gautreau zu Beginn der 1880er Jahre kennengelernt und kurz darauf an einen Freund geschrieben:
Der 27-jährige Sargent war im Jahre 1883 primär davon getrieben, sich als Porträtist zu etablieren. Er hatte mit seiner Ausbildung zum Maler als 13-Jähriger bei dem deutschamerikanischen Maler Charles Feodor Welsch begonnen und war als 18-Jähriger in Paris zum Schüler von Carolus-Duran geworden. Nach seinen Reisen durch Europa musste er sich nun auf dem Kunstmarkt behaupten. Mit Gemälden wie El Jaleo und Die Töchter des Edward Darley Boit waren ihm im Salon de Paris Achtungserfolge gelungen. Seine Porträtaufträge erhielt er bislang aber ausschließlich aus seinem Bekanntenkreis. Das änderte sich zu Beginn des Jahres 1883, als Margaret Stuyvesant Rutherford White, die Frau des US-amerikanischen Diplomaten Henry White, ihn mit einem Porträt beauftragte.
Das Ehepaar White hatte seine Gemälde zuerst im Salon de Paris gesehen; ausschlaggebend für den Porträtauftrag durch Margaret White war ihr Eindruck von Sargents Porträt Dame mit Rose. Der Auftrag der gesellschaftlich gut vernetzten Amerikanerin versprach für Sargent eine weit größere Werbung als seine Erfolge im Salon de Paris.
Sargent arbeitete bereits am Porträt Mrs. Henry White, als Virginie Gautreau, die zuvor ähnliche Anfragen anderer Künstler abgelehnt hatte, im Februar 1883 Sargents Angebot annahm.Deborah Davis: Sargent’s Women. Adelson Galleries, Inc., 2003. ISBN 0-9741621-0-8, S. 14 und S. 15. Ihre Zusammenarbeit mag auch dem gemeinsamen Wunsch nach Anerkennung in der französischen Gesellschaft entsprungen sein. Elizabeth Prettejohn: Interpreting Sargent, Stewart, Tabori & Chang, 1998. ISBN 978-1556707285, S. 26.
Vorstudien mini|hochkant|Vorstudie, Bleistift und Aquarell, 1883 Sargent war ursprünglich davon ausgegangen, dass er lediglich drei Wochen brauchen werde, um das Porträt zu vollenden.Stanley Olson: John Singer Sargent – His Portrait. MacMillan, London 1986, ISBN 0-333-29167-0. S. 103. Während der ersten Monate des Jahres 1883 gelangen Sargent aber nur wenige Fortschritte. Gautreau hatte zahlreiche gesellschaftliche Verpflichtungen und besaß nicht die Disziplin und Geduld, Sargent lange Modell zu sitzen. Auf ihren Vorschlag hin reiste Sargent im Juni des Jahres auf ihren Landsitz in der Bretagne, wo er eine Reihe von Vorstudien zeichnete und malte.Deborah Davis: Sargent’s Women. Adelson Galleries, Inc., 2003. ISBN 0-9741621-0-8, S. 16.
Wie zuvor in Paris erwies sich Virginie Gautreau als ein undiszipliniertes Modell: Es langweilte sie, still zu sitzen. Außerdem hatte sie auch auf dem Land eine Reihe gesellschaftlicher Verpflichtungen, sie musste sich um ihre vierjährige Tochter, ihre Mutter und ihre Gäste kümmern und ihre zahlreichen Hausangestellten anleiten. Sargent beschwerte sich wiederholt sowohl über die malerisch schwer zu fassende Schönheit der jungen Frau als auch über ihre hoffnungslose Unwilligkeit, sich porträtieren zu lassen.Deborah Davis: Sargent’s Women. Adelson Galleries, Inc., 2003. ISBN 0-9741621-0-8, S. 16 und S. 17.
Sargents Biograf Olson zeigt Verständnis für Madame Gautreaus Unlust, denn Sargent konnte zunächst keine geeignete Pose für sein Porträt finden. Insgesamt existieren aus dieser Zeit 30 Zeichnungen und Ölskizzen. Sargent zeichnete sie sitzend in verdrehter Körperhaltung, mit erhobenem Kopf, auf ein Buch blickend, Klavier spielend, aus einem Fenster blickend und schließlich an einem Tisch stehend mit einem Champagnerglas in der Hand. Diese Ölskizze Madame Gautreau bringt einen Toast ausengl. Originaltitel: Madame Gautreau Drinking a Toast, die sich heute im Isabella Stewart Gardner Museum befindet, zeigt die Porträtierte vor dunklem Hintergrund im Profil und mit bloßen Armen und ist dem finalen Porträt damit schon sehr nahe.Stanley Olson: John Singer Sargent – His Portrait. MacMillan, London 1986, ISBN 0-333-29167-0. S. 103. Sie ist allerdings durch einen großzügigeren Pinselstrich gekennzeichnet und erkennbar eine reine Studie. Schließlich bat Sargent Gautreau zu posieren, während sie sich mit einer Hand auf einem Empire-Tisch aufstützte und legte diese Haltung für das finale Porträt fest.
Ausführung Sargent hatte im Salon de Paris bereits zwei Werke erfolgreich ausgestellt. Dabei hatte er sowohl für Die Töchter des Edward Darley Boit als auch für El Jaleo sehr große Leinwandformate gewählt, denn im Salon de Paris wurde eine sehr große Anzahl dicht gehängter Gemälde gezeigt und großformatige Gemälde hatten eine größere Chance, sowohl dem Publikum als auch den Kritikern und dem Preiskomitee aufzufallen. Auch für sein Porträt der Madame Pierre Gautreau wählte Sargent daher ein ungewöhnlich großes Format: Es hat eine Höhe von mehr als zwei Metern und ist über einen Meter breit. mini|John Singer Sargent in seinem Pariser Studio, ca. 1885 – das Studio ist vom Porträt der Madame X dominiert. Die Pose seines Modells unterschied sich von denen, die seine bisher Porträtierten eingenommen hatten; Gautreau dreht ihren Körper frontal zum Betrachter, sie stützt sich mit dem nach hinten gestreckten rechten Arm auf den niedrigen Tisch, rafft mit der linken Hand den Rock ihres schwarzen Satinkleids und dreht gleichzeitig den Kopf zur Seite. Diese Haltung gibt der Pose Spannung, zeigt Gautreaus berühmtes Profil und betont ihre elegante Körperform. Sie drückt gleichzeitig Selbstsicherheit, Durchsetzungskraft und Zurückhaltung aus. Der unnatürlich blasse Hautton, die schmale Taille und die Strenge des Profils unterstreichen ihre Zugehörigkeit zur obersten Gesellschaftsschicht, verleihen dem Porträt aber auch eine distanzierte, kontrollierte erotische Ausstrahlung. Der Ausschnitt des Kleides war nach damaligen Konventionen gewagt. In der ursprünglichen, im Salon de Paris gezeigten Ausführung wurde die erotische Ausstrahlung des Porträts noch dadurch unterstrichen, dass der rechte Träger über die Schulter gerutscht war. Ein Kritiker der französischen Zeitung Le Figaro schrieb damals, das Bild wirke, als bedürfe es nur einer weiteren Bewegung und die Dame sei vom Kleide befreit. Sargent übermalte die Stellung des Trägers nach Ende der Ausstellung.
Sargent nutzte für die malerische Umsetzung eine Farbpalette, die von Bleiweiß, Krapplack, Zinnober, Viridiangrün und Elfenbeinschwarz dominiert wird.Deborah Davis: Sargent’s Women. Adelson Galleries, Inc., 2003. ISBN 0-9741621-0-8, S. 17. Das am linken Bildrand befindliche Tischbein, auf das etwas Licht fällt, gibt dem Porträt Tiefe. In der Tischform reflektiert sich die Körpersilhouette von Virginie Gautreau. Von dem schimmernden bräunlichen Hintergrund und dem schwarzen Satinkleid hebt sich die Blässe von Gesicht, Schulter, Hals und Armen stark kontrastierend ab. Auffallend ist jedoch ihr rötliches Ohr – in den Worten der Kunsthistorikerin Elizabeth Prettejohn eine irritierende Erinnerung an die Farbe ungeschminkter Haut.
Kunstkritiker gehen heute davon aus, dass die Haltung der Figur von einem Fresko von Francesco Salviati inspiriert war., S. 101. Sargent bezieht sich in subtiler Weise auf klassische Vorbilder: Sirenen schmücken die Tischbeine, und die Tiara, die Gautreau trägt, symbolisiert Diana, die Göttin der Jagd. Letzteres war allerdings nicht von Sargent bewusst gewählt, sondern Teil der Selbstinszenierung von Gautreau.
Der Salon de Paris des Jahres 1884