Der Verein für Socialpolitik (VfS) ist eine ökonomische Vereinigung im deutschen Sprachraum. Er hat seinen Sitz in Berlin. Zurzeit hat er etwa 4000 persönliche und 34 korporative Mitglieder. Der Verein gibt zwei Fachzeitschriften (German Economic Review und Perspektiven der Wirtschaftspolitik) heraus.
Er befasst sich in seinen 24 ständigen Fachausschüssen mit verschiedensten wirtschaftswissenschaftlichen Fragestellungen. Seit 2023 ist Regina T. Riphahn Vorsitzende des Vereins.
Geschichte Der Verein wurde 1873 gegründet, erster Vorsitzender war Rudolf von Gneist, der im Folgejahr vom bisherigen Stellvertreter Erwin Nasse abgelöst wurde.Zur Gründungsgeschichte vgl. Quellensammlung zur Geschichte der deutschen Sozialpolitik 1867 bis 1914, I. Abteilung: Von der Reichsgründungszeit bis zur Kaiserlichen Sozialbotschaft (1867–1881), 8. Band: Grundfragen der Sozialpolitik in der öffentlichen Diskussion: Kirchen, Parteien, Vereine und Verbände, bearbeitet von Ralf Stremmel, Florian Tennstedt und Gisela Fleckenstein, Darmstadt 2006, Nr. 46–103, Nr. 106–120, Nr. 122–124. Adolf Held war ab 1873 Sekretär. Dem Verein gehörten Ökonomen wie Gustav von Schmoller (Vorsitzender 1890–1917), Adolf Wagner und Lujo Brentano an.
Im Zusammenhang mit dem großen Aufschwung Preußens und Deutschlands entstand eine neue Schule der Volkswirtschaftslehre, die auf historisch-psychologischem Boden eine Brücke zwischen den Manchesterliberalen und den sozialrevolutionären Ideen des aufkommenden Sozialismus zu finden suchte. Die revolutionäre Agitation eines Ferdinand Lassalle oder Karl Marx schienen ihnen ebenso ungeeignet wie die Laissez-faire-Politik der Liberalen, um die Lage der Arbeiter zu verbessern. Die Historische Schule schuf sich in der Bildung des Vereins für Socialpolitik eine Verfassung und beeinflusste immer mehr durch ihre Schriftenpublikation das öffentliche Interesse in Deutschland und darüber hinaus.
Heinrich Bernhard Oppenheim prägte für die Mitglieder den Begriff der „Kathedersozialisten“, um sie als Vertreter eines anti-liberalen Staatsinterventionismus zu brandmarken. Laut Gustav v. Schmoller wollten er und die Mitglieder „auf der Grundlage der bestehenden Ordnung die unteren Klassen soweit heben, bilden und versöhnen, dass sie in Harmonie und Frieden sich in den Organismus einfügen“. Zu der damaligen Zeit der Gewerbefreiheit waren die Rechte der Arbeiter minimal und ihre Behandlung vielfach menschenunwürdig. Zudem hatten die Arbeiter bis zur Bildung des Sozialversicherungswesens in den 1880er Jahren (das wilhelminische Deutschland galt als Pioniernation der modernen Sozialpolitik) kaum eine Absicherung gegen Arbeitsunfähigkeit, Krankheit oder Arbeitslosigkeit und schwere Verletzungen und Tod am Arbeitsplatz gehörten damals vielfach zum Arbeitsalltag.
Die Lehre der Historischen Schule fand schnell öffentliches Interesse auch über Deutschland hinaus; so in den englischen Fabiern und der nordamerikanischen Academy of Political and Social Science. Ihre wissenschaftlichen Arbeiten über soziale Angelegenheiten haben nicht bloß eine große Wirkung auf die damals heranwachsende Generation, sondern auch auf die deutsche Politik, speziell auf Otto von Bismarck ausgeübt. Die Vertreter dieser Schule haben die deutschen Staatswissenschaften von 1860 bis 1914 maßgeblich beeinflusst und auf ein viel breiteres Fundament als die rein mathematische Analyse der klassischen Volkswirtschaftslehre gestellt.
Der Verein war allerdings selbst keine Organisation der Arbeiterbewegung, nur ausnahmsweise konnten bei ihm etwa Gewerkschaftsfunktionäre selbst zu Wort kommen und ihre Positionen darlegen. Kein Interesse bestand an der Meinung von Sozialdemokraten und sozialdemokratischen Gewerkschaftern, welche zu der damaligen Zeit eine stark sozialistische Ausrichtung hatten. Nach schweren inneren Auseinandersetzungen entwickelte sich der sozialpolitische „Agitationsverein“ zu einer politisch neutralen, fachübergreifenden Gesellschaft fort. 1936 löste sich der Verein selbst auf, um der Gleichschaltung zu entgehen. 1948 wurde er wiedergegründet.
Kontroversen
2012 organisierte der heute im Netzwerk Plurale Ökonomik aufgegangene Arbeitskreis Real World Economics um Helge Peukert und Christoph Freydorf eine Gegenveranstaltung zur VfS-Tagung in Göttingen. Das mehrtägige Parallelprogramm bot Platz für die Forschungsrichtungen und Forscher, die nach Ansicht der Organisatoren ansonsten ausgegrenzt würden., Netzwerk Plurale Ökonomik, abgerufen am 3. Februar 2015.Norbert Häring, Hans Christian Müller-Dröge: , Handelsblatt, 13. September 2012.Olaf Storbeck: . In: Handelsblatt, 7. September 2012. Dazu formulierten sie einen offenen Brief an den Verein für Socialpolitik, in dem sie „Theorienvielfalt statt geistiger Monokultur“, „Methodenvielfalt statt angewandter Mathematik“ und „Selbstreflexion statt unhinterfragter, normativer Annahmen“ forderten.Offener Brief, Netzwerk Plurale Ökonomik, abgerufen am 3. Februar 2015. Der Vereinsvorsitzende Michael Burda erwiderte den Brief im August 2013.Michael Burda: (PDF) 9. August 2013. Arne Heise kommentierte Burdas Brief im Handelsblatt: „Von kritischer Selbstreflexion in Anbetracht des Scheiterns an der Wirklichkeit ist nichts zu sehen.“Burda lässt die Kritik kalt. Handelsblatt, 19. August 2013.
2015 kam es zum Rückschritt in der Debatte,Johannes Pennekamp: Mainstream-Ökonomie: Wettstreit der Ideen. faz.net, 2. September 2015 der Dialog scheiterte und so „ließ der VfS die Unzufriedenen wieder außen vor“, weshalb erneut eine „unerbetene“Sebastian Puschner: Wie bei St. Pauli und Bayern München. Der Freitag, 9. September 2015 Gegenveranstaltung organisiert wurde. Helge Peukert erklärte als Ziel der Pluralistischen Ergänzungstagung Webseite des Netzwerks Plurale Ökonomik, abgerufen am 12. September 2015. „aufzuzeigen, dass es genug ernsthafte ökonomische Ansätze jenseits des Mainstreams gibt und dass genug Platz vorhanden wäre, um bei der offiziellen Jahrestagung mehr Pluralität zuzulassen.“Pluralismus, den ich meine – Über die Verfechter der herrschenden Lehre und die Vorkämpfer einer neuen Vielfalt. In: Handelsblatt, 24. August 2015, S. 11. Als beispielhaft wurde die Tagung der amerikanischen Allied Social Sciences Association genannt, bei der alle wirtschaftswissenschaftlichen Strömungen „ihr eigenes Programm organisieren“Bert Losse: Lisa Großmann vom Netzwerk Plurale Ökonomik: „Wir sind nicht erwünscht“. Wirtschaftswoche, 27. August 2015. dürfen.Jan Willmroth: Wirtschaftswissenschaften: Zwei Welten. Süddeutsche Zeitung, 9. September 2015. Dennis Snower, der für den VfS eine „Plurale Session“ organisiert hatte, befürwortete eine gemeinsame Tagung, um die Perspektive zu erweitern.Norbert Häring: Ökonom Dennis Snower: „Emotionen werden vernachlässigt“, Handelsblatt, 9. September 2015. Der Verein wies den Vorwurf der wissenschaftlichen AusgrenzungDie gespaltene Zukunft – warum der traditionsreichste deutsche Ökonomen-Club so polarisiert. Wirtschaftswoche, 14. August 2015, S. 33. zurück.Bert Losse: Zoff im Ökonomen-Lager: Ist die VWL verbohrt? Wirtschaftswoche, 14. August 2015.„Es geht darum, dass es den Menschen besser geht“. Interview mit Monika Schnitzer. faz.net, 8. September 2015. Ein VfS-Vorstandsmitglied legte seinen Eindruck dar, „dass es da mehr um eine politische Agenda geht als um eine konstruktive Diskussion über Lehrinhalte.“ In der Süddeutschen wurde kritisiert, der Verein weigere sich, „eine echte Debatte“ zu führen. Auf den folgenden Jahrestagungen (2017, 2018) wurde dem Netzwerk Plurale Ökonomik angeboten, sich mit einem eigenen Programmpunkt auf der jährlichen Vereinstagung zu präsentieren, um einen konstruktiven Austausch in der Debatte zu ermöglichen.
Aktivitäten Jahrestagungen Die vom Verein für Socialpolitik jährlich durchgeführten Tagungen mit bis zu 800 Teilnehmern gehören zu den größten und meistbeachteten wirtschaftswissenschaftlichen Fachkonferenzen in Europa. Im offenen Tagungsteil gibt es bis zu 450 Vorträge aus allen Teilgebieten der Wirtschaftswissenschaften.
Nachwuchsförderung Der Verein für Socialpolitik fördert die internationale Präsenz junger Wissenschaftler aus dem Bereich der Wirtschaftswissenschaften mit einer Prämie für Vorträge auf angesehenen internationalen Konferenzen.
Zudem zeichnet der Verein gemeinsam mit der Joachim Herz Stiftung deutschlandweit Schüler mit dem „VfS-Abiturpreis“ aus, die auf dem Gebiet der Wirtschaftswissenschaften im Rahmen ihrer Abiturprüfungen eine hervorragende Leistung erzielt haben.
Frauenförderung Forscherinnen im Bereich der Wirtschaftswissenschaften sind in Berufungsverfahren, bei Tagungen, auf Panel-Diskussionen und in Entscheidungsgremien noch immer stark unterrepräsentiert. Um dem entgegenzuwirken, hat der Verein für Socialpolitik eine öffentlich zugängliche Namensliste von Forscherinnen im Bereich der VWL und in verwandten Gebieten erstellt. Wirtschaftswissenschaftlerinnen, die im deutschsprachigen Raum tätig sind, promoviert haben und im wissenschaftlichen Bereich arbeiten, können sich in diese Liste eintragen lassen. Neben dem Namen, der akademischen Stellung und der Affiliation kann die Datenbank auch nach Forschungsfeldern sortiert werden. Dadurch kann die interessierte Öffentlichkeit aus dem akademischen, medialen oder politischen Umfeld genau die Expertin finden, die sie zu einem bestimmten Forschungsgebiet sucht.
Evidenzbasierte Wirtschaftspolitik Der Verein für Socialpolitik ist für den Einsatz einer evidenzbasierten Wirtschaftspolitik. Er unterstützt eine Wirtschaftspolitik auf der Grundlage kausaler Wirkungsanalysen von wirtschaftspolitischen Maßnahmen mit Hilfe empirischer (Evaluations-)Studien. Der Verein hat Leitlinien für ex-post Wirkungsanalysen erstellt.
Wirtschaftshistorischer Ausschuss Der Wirtschaftshistorische Ausschuss des VfS ist die wichtigste Vereinigung der Wirtschaftshistoriker in Deutschland.
Preise Der Verein vergibt jährlich die folgenden Auszeichnungen: Gossen-Preis für einen Wirtschaftswissenschaftler aus dem deutschen Sprachraum, der mit seinen Arbeiten internationales Ansehen gewonnen hat. Der Preis wird an Wissenschaftler verliehen, die zum Zeitpunkt der Preisverleihung das 45. Lebensjahr noch nicht vollendet haben. Gustav-Stolper-Preis für hervorragende Wissenschaftler, die mit Erkenntnissen wirtschaftswissenschaftlicher Forschung die öffentliche Diskussion über wirtschaftliche Zusammenhänge und Probleme beeinflusst und wichtige Beiträge zum Verständnis und zur Lösung ökonomischer Probleme geleistet haben. Reinhard-Selten-Preis (Young Author Best Paper Award) für Beiträge, die sich insbesondere durch Originalität, Bedeutung der Fragestellung und saubere Methodik auszeichnen. Der Preis wird an Autoren verliehen, die unter 32 Jahren sind. Carl-Menger-Preis „für innovative, internationale Forschungsleistungen auf den Gebieten der monetären Makroökonomie, Geldpolitik und Währungspolitik“.
Vereinsvorsitzende
+ Vorsitzende des Vereins für SocialpolitikZeitraumVorsitzender1872–1874Rudolf von Gneist1874–1890Erwin Nasse1890–1917Gustav von Schmoller1917–1930Heinrich Herkner1930–1932Christian Eckert1932–1935Werner Sombart1935–1936Constantin von Dietze1949–1954Gerhard Albrecht1955–1958Walther G. Hoffmann1959–1962Fritz Neumark1963–1966Erich Schneider1967–1970Helmut Arndt1971–1974Hans Karl Schneider1975–1978Wilhelm Krelle1979–1982Helmut Hesse1983–1986Ernst Helmstädter1987–1990Gernot Gutmann1991–1994Heinz König1995–1996Erhard Kantzenbach1997–2000Hans-Werner Sinn2001–2004Martin Hellwig2005–2008Friedrich Schneider2009–2011Lars-Hendrik Röller2011–2014Michael C. Burda2015–2016Monika Schnitzer2017–2018Achim Wambach2019–2020Nicola Fuchs-Schündeln2021–2022Georg Weizsäcker2023–2024Regina T. Riphahn2025–2026Klaus M. Schmidt
Weitere bekannte Mitglieder
Literatur und Quellen Das Archiv des Vereins für Socialpolitik wird im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen Abteilung Rheinland verwahrt.
Schriftenreihe