Die Fahrt mit dem Dampfwagen ist ein Vorspiel in einem Akt von Johann Nestroy. Das Stück entstand 1834 und wurde am 5. Dezember dieses Jahres als Vorspann des Quodlibets einer Benefizvorstellung für Nestroys Kollegen Wenzel Scholz im Theater an der Wien uraufgeführt.
Eine offenbar nicht von Nestroy in einigen Textteilen geänderte Version für Aufführungen in den Jahren 1840 und 1842 trägt den Titel Die zusammengestoppelte Komödie.
Zu den von Nestroy verfassten Vorspielen siehe den Artikel Die dramatischen Quodlibets von Johann Nestroy.
Inhalt Die Fahrt mit dem Dampfwagen: Der Schlossinspektor Flachkopf soll ein Theaterstück für seine Herrschaft organisieren. Da er selbst nichts davon versteht, berät er sich mit einigen seiner Untergebenen und verspricht demjenigen, der ihm am besten hilft, die Hand seiner Tochter Nanette. Diese und der Förster August sind ineinander verliebt, leider hat aber auch August keine Ahnung vom Theaterbetrieb. Der Bediente Johann sieht sich selbst als Fachmann, da er für einige Zeit beim Theater tätig war: „[…] ich hab unter der Versenkung das Rad getrieben,mit diesem Rad wurden die versenkbaren Teile der Bühne sowie die Flugapparate betrieben folglich kann ich behaupten, daß ich das Theaterwesen von Grund aus kenne.“ (Erste Scene)Walla: Johann Nestroy; Stücke 8/I. S. 97. Auch der Herrschaftskoch Christoph rechnet sich gute Chancen aus, denn: „[…] ich hab Geld, bin ein hübscher, junger Mann, bin der Sohn vom Koch, bin Offizier, das heißt Hausoffizier,Hausoffizier, Offizier = (vom latein. officium, Amt) neuhochdeutsch für Hausangestellter, Beamter mir ist jeder Vater geneigt.“ (Erste Scene)Walla: Johann Nestroy; Stücke 8/I. S. 100. Die erwartete Theatergesellschaft hat unterwegs während einer Wirtshauspause ihren Dampfwagen versäumt und nur der Theaterdiener Nebel kommt zum Schloss. Die Text-Bibliothek der Truppe wurde versehentlich vom Heizer des Dampfwagens fast zur Gänze zum Unterzünden des Kessels verwendet – Flachkopf ist verzweifelt, Johann und Christoph sind ratlos. Gegen ein kleines Geldgeschenk gibt Nebel dem Förster den Tipp, aus den Resten der Texte einfach ein Quodlibet spielen zu lassen, Flachkopf ist begeistert und August erhält seine Nanette. Nebel – der Benefiziant Scholz – resümiert: „Aus alten Sachen, die Ihnen g’fallen schon habn, Nimm ich ’s Beste heraus und setz mir was z’samm, An Geld nimm ich dann zwar nicht ein ganz so viel, Doch verscherz ich Ihre Huld nicht, und das ist mein Ziel.“ (Dreizehnte Scene)Walla: Johann Nestroy; Stücke 8/I. S. 109. Die zusammengestoppelte Komödie, Änderungsentwurf Nestroys mit dem Fragment einer Werther-Parodie: Der Zwirnhändler Werther aus Krems kommt mit seinem Freund Lenzl zurück nach Wien, wo er seine Geliebte Lottl wieder treffen will. „Sollte meiner Liebe Gefahr drohen? sollte sie in den 15 Jahren meiner Abwesenheit eine Meineidige geworden seyn? Ha, dann müßte der Lebensfaden durchschnitten werden, und wenn er von Eisendraht wär'!“Huish: Johann Nestroy; Stücke 16/II. S. 247.
Der Dampfwagen in Wien Im Jahre 1784 baute William Murdoch (1754–1839) das erste Lokomobile, aus dem sich der selbstfahrende Dampfwagen, auch Straßenlokomotive genannt, entwickelte. Die technische Neuheit des Dampfwagens wurde zur Zeit der Uraufführung dieses Stückes im Wiener Prater dem Publikum vorgestellt. Ein Herr Friedrich Voigtländer hatte einen solchen in England um 7.000 Guldenein gut bezahlter Handwerker verdiente damals etwa einen Gulden am Tag anfertigen lassen und erstmals nach Wien gebracht. „Nachricht den Dampfwagen betreffend: Der durch die öffentlichen Blätter angekündigte, aus England hier angekommene Dampfwagen ist im Prater zur Besichtigung im dortigen Circus aufgestellt, wo derselbe täglich von Vormittag bis Abends 7 Uhr in Augenschein genommen werden kann.“Österreichisch-Kaiserliche privilegierte Zeitung vom 13. September 1834, Nr. 211, S. 848. Am 26. Oktober fand eine Demonstrationsfahrt in der Prater-Hauptallee statt, die Heizung des Wagens begann um 4 Uhr nachmittags vor dem Gebäude des dortigen Circus gymnasticus, worauf eine Fahrt bis zum Rondeau durchgeführt wurde, „[…] und zwar in abstufender Schnelligkeit vom trägsten bis zum schnellsten Laufe. […] Anfang und Ende dieser Fahrt werden durch Pöllerschüsse angezeigt.“.Der Wanderer vom 23. Oktober 1834, Nr. 297. Die Höchstgeschwindigkeit des Fahrzeuges wurde nach damaligen Zeitungsberichten mit zehn englischen Meilen in der Stunde (rund 16 km/h) bei guten Straßenverhältnissen angegeben, das Gewicht mit 2 Tonnen und es bot Platz für 6 Passagiere. Für den Zutritt zum abgesperrten Teil des Praters wurde ein Eintrittsgeld von 24 Kreuzern24 Kreuzer entsprachen damals dem Tagesverdienst eines Taglöhners eingehoben. Der Andrang war so enorm, dass viele Besucher die eigentliche Fahrt wegen der langen Wartezeit bei der Kasse versäumten. Bei der zweiten Fahrt am 3. November war auch Erzherzog Carl als Zuseher erschienen.
Nestroy verwendete den Dampfwagen im Titel des Stückes als zusätzlichen Anreiz für den Scholz’schen Benefizabend als „[…] eine unschuldige List, denn es kommt von einem Dampfwagen nicht mehr und nicht weniger vor als die Erwähnung, […]“Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode vom 13. Dezember 1834, Nr. 149, S. 1192.
Werksgeschichte Eine Quelle für Nestroys Stück wurde nicht gefunden, allerdings ist das Thema der Brautvergabe als Preis für eine gelöste Aufgabe eine alte Komödientradition. Nestroy verwendete diesen Gedanken auch bei Robert der Teuxel (1833), Der Zauberer Sulphurelectrimagneticophosphoratus (1834) und Die Papiere des Teufels (1842), er verstärkte hier die Situation noch durch das Einfügen des selbstgewissen, eingebildeten Kochs als Nebenbuhler des „wahren“ Liebhabers.
Das Werk war eine Gelegenheitsarbeit zur Einleitung des Quodlibets dieses Benefizabends, wobei Scholz offenbar sichergehen wollte, durch seinen Freund und Kollegen Nestroy einen zugkräftigen Beginn geliefert zu bekommen. Zur Problematik der Scholz’schen Benefizvorstellungen schrieb Otto Rommel: „Frdr. Kaiser erzähltin seiner Biographie Theaterdirektor Carl (1854) und viele zeitgenössische Rezensionen bestätigen, daß die Unsitte eingerissen war, die Stücke, welche an Scholz' Benefizabenden gegeben wurden, erbarmungslos auszupfeifen, dem Schauspieler aber zu huldigen. So kam es, daß kein Autor von Ruf mehr ein Stück für Scholz' Benefizabende hergab, und Scholz sich mit dem elendesten Stoppelwerk zufrieden geben mußte.“Otto Rommel: Nestroys Werke. S. LXXIX, Fußnote 3. Auch wies er darauf hin, Nestroy habe außer diesem nur noch zwei derartige Vorspiele geschrieben, nämlich das verschollene Die Ereignisse im Gasthofe (1842) und Die dramatischen Zimmerherrn (1843).Rommel hatte offenbar nicht auf alle Vorspiele Zugriff, siehe dazu Die dramatischen Quodlibets von Johann Nestroy In Hinblick auf das Quodlibet dieses Abends meinte Rommel, Nestroy habe in den Zwölf schlafenden Jungfrauen die Rolle des Käsperle/Hymen so drollig gespielt, dass in der Wiener Theaterzeitung Adolf Bäuerles vom 9. Dezember 1834 (Jg. 27, Nr. 244, S. 976) darüber zu lesen war: „[…] daß auf Augenblicke das Bedauern schweigt, das jeder Gebildete darüber empfinden muß, daß seit einiger Zeit auf einer Bühne wie dieser in längst verschollenen Produkten dieser Charakter wieder erscheint.“Otto Rommel: Nestroys Werke. S. XXV (und Fußnote 3)–XXVI. Franz H. Mautner nannte das Vorspiel „einen harmlosen, theatralischen Scherz voll Spott über das Theaterhandwerk“.Franz H. Mautner: Nestroy. L. Stiehm, Heidelberg 1974, S. 192.
Johann Nestroy spielte den Christoph, Wenzel Scholz den Theaterdiener Nebel, Ignaz Stahl den Flachkopf, Eleonore Condorussi die Nanette.Faksimile des Theaterzettels in Friedrich Walla: Johann Nestroy; Stücke 8/I. S. 376.
Das kleine Werk wurde fünfmal in Folge gespielt und auch bei anderen Anlässen verwendet. Am 30. und 31. Dezember 1834 diente es als Einleitung zur Großen acrobatischen Vorstellung der Familie Knie und Gesellschaft (dem Vorläufer des Circus Knie) mit leicht geändertem Text. Zu der Aufführung vom 8. August 1840 wurde es mit geändertem Quodlibet-Programm gegeben (siehe das Kapitel Die zusammengestoppelte Komödie). Im Dezember 1850 diente es als Vorspiel für mimisch-plastische Bilder in zwei Abtheilungen, von Herrn Professor Keller, ausgeführt von dessen Familie und seinen Mitgliedern des Nationaltheaters in Paris.Wiener Theaterzeitung vom 5. Dezember 1850, Jg. 43, Nr. 288, S. 1152.
Vom Text existiert lediglich die Version in den Gesammelten Nestroy-Werken, die von Vinzenz Chiavacci und Ludwig Ganghofer herausgegeben worden waren, die sich jedoch vermutlich auf den Originaltext stützt. Hier wird auch der Titel Die Fahrt mit dem Dampfwagen genannt.Vinzenz Chiavacci/Ludwig Ganghofer (Hrsg.): Johann Nestroy's Gesammelte Werke. Band 7, A.Bonz&comp., Stuttgart 1891, S. 31–43.
Das Quodlibet-Programm Für seinen Benefizabend stellte sich Scholz ein Quodlibet aus einigen beliebten Textausschnitten – meist in freier Bearbeitung – zusammen. Müller, Kohlenbrenner und Sesseltrager (Nestroy, 1834), mit Scholz in seiner Rolle des Sängers Nero Robert le diable (Oper von Giacomo Meyerbeer, 1831), Koloratur-Arie der Prinzessin Isabella gesungen von Dlle.Dlle. ist die Abkürzung für Demoiselle (= Fräulein), die seinerzeit übliche Bezeichnung der unverheirateten Damen eines Ensembles; die verheirateten Schauspielerinnen wurden mit Mad. (Madame) betitelt Dielen Das Gespenst auf der Basteysiehe Basteien Wiens#Namen der Basteien und Stadttore (Karl Meisl), mit Nestroy als Geist des Unglücks und Dlle. Condorussi als Marie Der falsche Improvisator, mit Scholz als Mundkoch Wasserspatz, Nestroy als Kasimir Kappentuch, Ignaz Stahl als Bien von Bienenschwarm, sowie Nestroys Lebensgefährtin Marie Weiler als Stubenmädchen Nantchen Barbaren und Größe (Friedrich Wilhelm Ziegler, 1806), mit Scholz als Pipinus Schildhahn und Stahl als Wieho von Ebernberg Die zwölf schlafenden Jungfrauen (nach Christian Heinrich Spieß 1795), mit Nestroy als Waffenträger Kaspar und Stahl als Graf Scharfenstein (das Stück war am 30. August 1834 im Theater an der Wien neu inszeniert worden) Neue Heldenszene aus Evakathel und Schnudidieses Schlussstück des Quodlibets ist nicht auf dem Theaterzettel notiert, sondern nur in der Vorankündigung; Faksimile in Friedrich Walla: Johann Nestroy; Stücke 8/I. S. 375. (frei nach Joachim Perinets Bearbeitung, Original von Philipp Hafner, 1765), mit Scholz als Amor, Nestroy als Käsperle/Hymen und Friedrich Hopp (in einer nicht näher genannten Rolle)
Die zusammengestoppelte Komödie Unter dem Originaltitel Die zusammengestoppelte Komödie. Vorspiel zur Rechtfertigung des Titels des gleichnamigen Quodlibets von Johann NestroyHandschriftensammlung der Wienbibliothek im Rathaus, Signatur Jb. 149.357 (I.N. 142.405) existiert ein Theatermanuskript von fremder Hand, gezeichnet mit dem Stempel „Calliano“ (Name des Theaterdirektors), sowie der Inventarnummer „Suppl. Mus. № 23315“ und dem Vermerk Kann gegeben werden.Handschriftensammlung der Wienbibliothek im Rathaus, Signatur I.N. 142.405. Dieses Theatermanuskript wurde nach einer zweimal korrigierten Jahreszahl offenbar für Aufführungen in den Jahren 1840 verfasst. Die Titeländerung ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass der Dampfwagen – der ja ohnehin nicht auf die Bühne kommt – seinen Reiz als Lockmittel verloren hatte. Diese Version wurde insgesamt 18-mal am Theater an der Wien und 13-mal am Leopoldstädter Theater aufgeführt, und zwar fast ununterbrochen vom 8. August bis zum 19. September 1840.
Von Nestroys Hand existiert lediglich ein Entwurfsfragment zur 1. Szene (mit der Werther-Parodie).Handschriftensammlung der Wienbibliothek im Rathaus, Signatur I.N. 44.971.