hochkant|mini|Friedrich Schiller (1794) Der Spaziergang ist der Titel eines Gedichts von Friedrich Schiller, das er im August und September 1795 schrieb und im selben Jahr in seiner Zeitschrift Die Horen unter der Bezeichnung Elegie veröffentlichte. Die erste Fassung bestand aus 108 elegischen Distichen, die zweite wurde um 16 Verse gekürzt und erschien 1800 in seiner Gedichtsammlung unter dem heute bekannten Titel.
Schiller selbst schätzte das der Weimarer Klassik zugeordnete Werk als Höhepunkt seines dichterischen Schaffens und als wichtigstes Ergebnis der wiederaufgenommenen lyrischen Produktion, die er für viele Jahre zugunsten philosophischer Studien hintangestellt hatte.Peter-André Alt: Schiller. Leben - Werk - Zeit. Zweiter Band, Siebentes Kapitel: Die Elegie. C.H. Beck, München 2009, S. 284. Seine Bewertung fand die Zustimmung vieler Zeitgenossen, die vor allem die sprachliche Schönheit und die durchstrukturierte Komposition des Gedichts hervorhoben.Jürgen Brokoff: Elegie (1795) / Der Spaziergang (1800). In: Matthias Luserke-Jaqui (Hrsg.): Schiller-Handbuch, Leben – Werk – Wirkung. Metzler, Stuttgart 2005, S. 269.
War Schillers Lyrik mit ihrer hohen Reflexionsdichte häufig eher unter kunstphilosophischen Gesichtspunkten gewürdigt und als Gedankenpoesie eingestuft worden, bescheinigt die ältere Forschung gerade diesem Werk eine besondere Anschaulichkeit und Nähe zur Lyrik Goethes.
Die ins Umfeld der sentimentalischen Poesie gehörende Elegie verbindet Naturbeschreibung mit anthropologisch-historischen Betrachtungen, die Schiller auch in dem späteren Bürgerlied und dem Lied von der Glocke beabsichtigte.
Inhalt und Form In 108 reimlosen Distichen – so in der ersten Ausgabe – malt Schiller einen Spaziergang durch eine poetisierte Landschaft aus und verknüpft dies mit Streiflichtern auf die Kulturgeschichte. Grob lässt sich die Elegie in drei Abschnitte gliedern: Einer landschaftspoetischen Einleitung (1 - 64 a.F.) folgt eine lange Reise durch die Geschichte (65 - 188), nach der das lyrische Ich wie aus einem Tagtraum erwacht („Aber wo bin ich?“), sich sammelt und in den Armen der Natur wiederfindet, die gegenüber dem durchdachten gesellschaftlichen Wandel etwas Bleibendes verkörpert (189 - 216).
Zu Beginn preist das Ich die Natur und begrüßt den „rötlich strahlenden Gipfel“, die Sonne und die belebte Flur. Es ist die Perspektive des Spaziergängers, der das „Gefängnis des Zimmers“ oder die „bedrückende Enge eines Gesprächs“ verlassen hat, um unter freiem Himmel aufatmen zu können.Friedrich Schiller: Der Spaziergang. In: Friedrich Schiller, Sämtliche Werke. Band III: Gedichte, Erzählungen, Übersetzungen. Deutscher Bücherbund, Stuttgart, S. 176.
Als er vor einem Abgrund steht, in die Schlucht blickt und über und unter sich den Äther zu sehen glaubt, schwindelt ihm. Die Verwirrung legt sich, als er einen Steig erblickt, der ihn sicher seines Weges leiten kann. Die plötzliche Konfrontation mit den Gefahren der Natur, der literarische Topos des locus terribilis, leitet den zweiten Teil der Elegie mit längeren Reflexionen über Phasen menschlicher Entwicklung ein. Der Wanderer sieht die Dörfer und Felder der Landleute, deren Wünsche vom „Kreislauf der Ernten beschränkt“ werden, und ruft in wehmütiger Distanz aus: „Glückliches Volk der Gefilde! Noch nicht zur Freiheit erwachet, / Teilst du mit deiner Flur fröhlich das enge Gesetz.“Friedrich Schiller: Der Spaziergang. In: Friedrich Schiller, Sämtliche Werke. Band III: Gedichte, Erzählungen, Übersetzungen. Deutscher Bücherbund, Stuttgart, S. 177.
Er sinniert über die Urbanisierung und Landwirtschaft, die Entwicklung des Militärs, Handels, Verkehrs und der Wissenschaft, die sich kulturgeschichtlich entfaltet haben und zunächst überwiegend fortschrittlich geschildert werden. Die Reihe kulminiert in den Triumph der Aufklärung: „Da zerrinnt vor dem wundernden Blick der Nebel des Wahns / Und die Gebilde der Nacht weichen dem tagenden Licht.“Friedrich Schiller: Der Spaziergang. In: Friedrich Schiller, Sämtliche Werke. Band III: Gedichte, Erzählungen, Übersetzungen. Deutscher Bücherbund, Stuttgart, S. 180.
Nachdem die Menschheit über Sprache und Bildung derart emporgestiegen zu sein scheint, folgt eine Zäsur mit gegenläufiger Bewertung. Der Mensch zerriss nicht bloß die Fesseln der Furcht und Unwissenheit, sondern auch die „Zügel der Scham“ – nicht nur die Vernunft, sondern auch die Begierde ruft nach Freiheit. Der Oase des Lichts folgt die Wüste der Gewalt. Im Zustand der Bindungslosigkeit und moralischen Verwahrlosung wird der Mensch des Menschen Feind, und fortan bestimmen Lüge, Betrug und Täuschung seine Geschicke: „Aus dem Gespräche verschwindet die Wahrheit, Glauben und Treue / Aus dem Leben, es lügt selbst auf der Lippe der Schwur.“Friedrich Schiller: Der Spaziergang. In: Friedrich Schiller, Sämtliche Werke. Band III: Gedichte, Erzählungen, Übersetzungen. Deutscher Bücherbund, Stuttgart, S. 180.
Am Ende schließlich erwacht der Träumende wie aus einem Mahlstrom ausschweifender Bilder und sieht sich vereinsamt zunächst einer abweisenden Natur gegenüber: „Aber wo bin ich? Es birgt sich der Pfad. Abschüssige Gründe / Hemmen mit gähnender Kluft hinter mir, vor mir den Schritt. / Hinter mir blieb der Gärten, der Hecken vertraute Begleitung, / Hinter mir jegliche Spur menschlicher Hände zurück.“Friedrich Schiller: Der Spaziergang. In: Friedrich Schiller, Sämtliche Werke. Band III: Gedichte, Erzählungen, Übersetzungen. Deutscher Bücherbund, Stuttgart, S. 181.
Nach seiner Zeitreise durch die Kulturgeschichte der Menschheit ist für den Wanderer auch diese schroffe und unwirtliche Umgebung beruhigend. Die nach geistiger Wandlung erfahrene Natur kann im erfüllten Moment die Zeiten überbrücken und Vergangenheit mit Gegenwart verbinden: „Und die Sonne Homers, siehe! sie lächelt auch uns.“Friedrich Schiller: Der Spaziergang. In: Friedrich Schiller, Sämtliche Werke. Band III: Gedichte, Erzählungen, Übersetzungen. Deutscher Bücherbund, Stuttgart, S. 181. Entstehung Schiller schrieb das Gedicht im Spätsommer 1795 in gesundheitlich stark angegriffenem Zustand. Für Wochen konnte er das Haus nicht mehr verlassen und musste auf Kontakte mit der Außenwelt verzichten. Wann immer es ihm in den Nachtstunden besser ging, arbeitete er an der Elegie. Seinem Freund und Unterstützer Körner sagte er später, er halte sie neben seinen anderen Werken für „diejenige, welche die meiste poetische Bewegung hat, und dabei dennoch nach strenger Zweckmäßigkeit fortschreitet.“Zit. nach: Peter-André Alt: Schiller. Leben - Werk - Zeit. Zweiter Band, Siebentes Kapitel: Die Elegie. C.H. Beck, München 2009, S. 284. Als Johann Wolfgang von Goethe ihn am 5. Oktober in Jena besuchte, las er ihm mittags im abgedunkelten Arbeitszimmer das Gedicht vor, das kurz darauf publiziert werden konnte.
Von Sophie Mereaus Gedicht Schwarzburg, das Schiller kurz zuvor in den Horen veröffentlicht hatte, gingen Anregungen für die Naturschilderung aus. Wie Mereau arbeitete Schiller mit literarischen Topoi wie dem Locus amoenus, der schattenspendende Bäume, Blumen und Vogelgesang, Wind- und Wasserbewegungen umfasst. Möglicherweise hatte er die ansteigende Landschaft des Jenzig in Jena vor Augen, als er die Einleitung für seine Elegie entwarf.Peter-André Alt: Schiller. Leben - Werk - Zeit. Zweiter Band, Siebentes Kapitel: Die Elegie. C.H. Beck, München 2009, S. 286.
Eine weitere Anregung ging von einer Abhandlung Gottlob Heinrich Rapps über die Hohenheimer Gärten aus, die in Johann Friedrich Cottas Taschenkalender auf das Jahr 1795, für Natur- und Gartenfreunde erschienen war. Schillers kurze Rezension Ueber den Gartenkalender auf das Jahr 1795 wirft ein bezeichnendes Licht auf die Naturdarstellung des Gedichts.Peter-André Alt: Schiller. Leben - Werk - Zeit. Zweiter Band, Siebentes Kapitel: Die Elegie. C.H. Beck, München 2009, S. 286. Kritisch beleuchtet er zunächst, wie sich die Gartenkunst lange an der Architektur orientiert und die Vegetation „unter das steife Joch mathematischer Formen“ gezwängt habe. Das schöne und eigenständige Leben der Pflanzen sei vernachlässigt, ja einem „geistlosen Ebenmaß“ geopfert worden, wie der Betrachter es von einer schlichten Mauer erwartet. Zwar sei man von diesem Irrweg abgekommen, aber nur um sich in neuen Labyrinthen zu verlaufen. Der Strenge des Architekten entflohen, ging die poetische Freiheit für Schiller nun in Regellosigkeit über und überfordere das Auge mit einer willkürlichen Flut der Erscheinungen.
Die Hohenheimer Gärten, von Herzog Carl Eugen ab 1776 angelegt, würden hingegen Ordnung und Freiheit ausgewogen vermitteln und durch die Landschaft einen tiefen elegischen Ton gießen, der den empfindenden Betrachter zwischen Ruhe und Bewegung, Nachdenken und Genuss führe und lange nachwirke. Die poetische Anlage verbinde ländliche Einfachheit mit versunkener urbaner Größe. Das „ernste Gefühl der Vergänglichkeit verliert sich wunderbar schön in dem Gefühl des siegenden Lebens.“ Die Natur dieses Gartens sei „mit Geist beseelt“ und „durch Kunst exaltiert“ und befriedige nicht nur den „einfachen, sondern selbst den durch Kultur verwöhnten Menschen.“
Das Stuttgarter Schloss mit seiner „Pracht und Eleganz“ ist für Schiller der ideale Ausgangspunkt für den Wanderer, dessen Wunsch, die Natur zu genießen, notwendig stimuliert werde. Die schöne Parkanlage, die er während seiner Reise durch Württemberg 1793/94 mehrfach besuchte, scheint die fast sehnsüchtig gesuchte Einfachheit zu verkörpern, die der sentimentalische Wanderer der Elegie in der Landschaft zu finden hofft.So Peter-André Alt: Schiller. Leben - Werk - Zeit. Zweiter Band, Siebentes Kapitel: Die Elegie. C.H. Beck, München 2009, S. 286.
Einflüsse und geschichtsphilosophischer Hintergrund Wie kein anderes Gedicht zeigt Der Spaziergang Verbindungen, aber auch Unterschiede zwischen der theoretischen und lyrischen Welt Schillers. Seine geschichtsphilosophische Ästhetik, die er in den Briefen Über die ästhetische Erziehung des Menschen und der Abhandlung Über naive und sentimentalische Dichtung formulierte, und Auseinandersetzungen mit Kants Begriff des Erhabenen prägen die Elegie ebenso wie Rousseaus Kulturpessimismus und Traditionen der Landschaftsdichtung.
In den bukolischen Idyllen Theokrits und den Georgica Vergils finden sich Lobgesänge auf das ruhige und abgesonderte Landleben, dem der Sittenverfall und das dekadente Treiben in den Städten gegenübergestellt werden. Auch Horaz verklärte mit seinem Epodon liber die Ländlichkeit, während er dem politischen Leben der Stadt distanziert gegenüberstand („Glücklich, wer den Staatsgeschäften fern“). Diesen Topos griffen Albrecht von Haller mit seinen berühmten Lehrgedicht Die Alpen, Ewald Christian von Kleist und Friedrich von Hagedorn auf und verbanden dies mit einer grundsätzlichen Kritik der Zivilisation.Peter-André Alt: Schiller. Leben - Werk - Zeit. Zweiter Band, Siebentes Kapitel: Die Elegie. C.H. Beck, München 2009, S. 289. mini|hochkant|Jean-Jacques Rousseau, Pastell von Maurice Quentin de La Tour, 1753 Zivilisationskritisch hatte Rousseau die von der Aufklärung gepriesene Zartheit der Epoche angeprangert. Die urbane Verfeinerung der Sitten deutete er als Zeichen der Unaufrichtigkeit und des moralischen Verfalls und wollte zeigen, dass wirkliche Zärtlichkeit („sentiment tendre et doux“) nur im untergegangenen goldenen Zeitalter einer vorbürgerlichen Geselligkeit möglich war, in der die Menschen noch im Gleichgewicht zwischen innerer Freiheit und zwischenmenschlicher Orientierung lebten. Demgegenüber war die nun erreichte Stufe von einer Verweichlichung bestimmt, die nichts weiter sei als Abhängigkeit und konventionelle Anpassung.Zart; zärtlich. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 12, S. 1152.