Die Geliebte des französischen Leutnants (Originaltitel: The French Lieutenant’s Woman) ist ein 1969 erschienener postmoderner historischer Roman des britischen Schriftstellers John Fowles. Erzählt wird an der Oberfläche eine konventionelle Liebesgeschichte, die im viktorianischen England angesiedelt ist: Der 32-jährige Charles Smithson, voraussichtlicher Erbe eines Adelstitels, ist mit Ernestina Freeman, der gutaussehenden Tochter eines wohlhabenden Tuchhändlers verlobt, fühlt sich aber gleichzeitig zu der gesellschaftlichen Außenseiterin Sarah Woodruff hingezogen, die die Geliebte eines französischen Leutnants gewesen sein soll. Die Romanfiguren und die chronologisch erzählte Geschichte entsprechen dem Stil eines Romans aus dem 19. Jahrhundert, gleichzeitig ist der Roman jedoch von metafiktionalen Brüchen, intertextuellen Verweisen und philosophischen Erläuterungen geprägt.
Die Geliebte des französischen Leutnants gilt heute als ein Klassiker des 20. Jahrhunderts. Das US-amerikanische Magazin Time wählte den Roman zu den besten englischsprachigen Romanen, die zwischen 1923 und 2005 erschienen. Die britische Zeitung The Guardian nahm ihn in die Liste der 1000 Romane auf, die jeder gelesen haben muss.1000 Novels everyone must read: the definitive List, abgerufen am 27. Juli 2014.
Eine Verfilmung des Romans erschien 1981, das Drehbuch schrieb Harold Pinter.
Handlung mini|The Cobb in Lyme Regis, Ort der ersten Begegnung zwischen Charles Smithson und Sarah Woodruff Der Roman beginnt mit einer Beschreibung des „Cobb“, der mächtigen Hafenmauer der kleinen Hafenstadt Lyme Regis in der Grafschaft Dorset in England, das unter anderem für die Fossilien, die in seinen Klippen gefunden werden, bekannt ist. Es ist das Jahr 1867. Auf dem Cobb befinden sich zwei Spaziergänger: Charles Smithson, ein Gentleman, dessen Vermögensverhältnisse es erlauben, keiner bezahlten Arbeit nachzugehen, und seine Verlobte Ernestina Freeman, Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns. Am äußersten Ende des Cobb sehen sie Sarah Woodruff, die über das Wasser blickt. Ernestina Freeman erzählt ihrem Verlobten, was sie über diese junge Frau weiß. Als auf Grund eines Schiffsunglücks ein französischer Marineoffizier sich für ein paar Tage in Lyme Regis aufhält, verliebt sich Sarah Woodruff in diesen Mann. Er lässt sie mit dem Versprechen, für sie zurückzukehren, zurück, löst dieses Versprechen jedoch nicht ein. Die wenige Freizeit, die Sarah Woodruff hat, verbringt sie auf dem Cobb wartend und blickt dabei auf das Meer. Im Ort gilt sie als entehrte, halb verrückte Frau, von einigen Stadtbewohnern wird sie als Hure des französischen Leutnants bezeichnet. Unterkunft hat die ehemalige Gouvernante bei der unbarmherzigen und tyrannischen Mrs. Poulteney gefunden, die damit meint, ihre christliche Nächstenliebe unter Beweis zu stellen.
Charles Smithson ist von der jungen Frau fasziniert, deren Gesicht so viel Trauer auszustrahlen scheint. Es kommt zu mehreren Begegnungen zwischen ihm und ihr, bei der er nach und nach die Geschichte aus ihrer Sicht erfährt. Sie steht keineswegs auf dem Cobb, weil sie auf die Rückkehr des französischen Leutnants wartet. Er war verheiratet und hat sie betrogen, noch bevor er nach Frankreich zurückkehrte. Sie harrt in Lyme Regis aus, weil sie sich ihrer Schande nicht entziehen will, und lebt bewusst in der Rolle einer gesellschaftlichen Außenseiterin. Der mutwillig herbeigeführte Bruch eines strengen Verbotes von Mrs. Poulteney führt dazu, dass die Vermögenslose auch noch ihre letzte Bleibe in Lyme Regis verliert. Charles Smithson schenkt ihr Geld und Sarah Woodruff zieht nach Exeter.
Charles Smithson ist sich zunehmend bewusst, wie sehr er sich zu Sarah Woodruff hingezogen fühlt. Eine Heirat mit Ernestina Freeman wird eine konventionelle viktorianische Ehe sein. Sie ist deutlich jünger als er und bringt wenig Verständnis für seine wissenschaftlichen Interessen auf. Sarah Woodruff dagegen verspricht eine ebenbürtigere Partnerin zu sein. Die Heirat seines Erbonkels mit einer deutlich jüngeren Frau, die ihm noch Kinder gebären könnte, stellt außerdem seine Aussicht auf ein erhebliches Erbe und den Titel eines Baronet in Frage. Damit wird Ernestina Freeman der vermögendere Ehepartner sein. Ihr Vater ist bereit, dies zu tolerieren, und nimmt auch hin, dass seine Tochter keinen Adelstitel mehr zu erwarten hat. Er erwartet jedoch von Charles Smithson, dass er zukünftig eine Rolle im Handelshaus seines Schwiegervaters spielen wird. Auf der Rückfahrt nach Lyme Regis macht Charles Smithson Halt in Exeter, wo zu diesem Zeitpunkt auch Sarah Woodruff lebt.
An dieser Stelle bietet der Erzähler, der sich bereits mehrfach zuvor an den Leser gewandt hat, dem Leser letztlich drei verschiedene Enden für die Romanhandlung an. Charles Smithson verzichtet darauf, Sarah aufzusuchen, sondern reist nach Lyme Regis weiter, um Ernestina seine Liebe zu versichern. Sie heiraten und Charles Smithson tritt in das Unternehmen seines Schwiegervaters ein, was noch seinen Nachfahren großen Reichtum sichert. Der Erzähler verwirft dieses Ende jedoch als einen Tagtraum von Charles. Bevor die zwei anderen möglichen Enden der Romanhandlung vorgestellt werden, teilt der Erzähler mit Charles Smithson ein Abteil während einer Zugfahrt. Er wirft eine Münze, um so festzulegen, welches der zwei alternativen Romanenden er zuerst erzählen wird, denn aus seiner Sicht sind sie gleichermaßen möglich. Im zweiten Romanende verführt Charles Smithson die wegen eines verrenkten Fußes bettlägerige Sarah und realisiert dann, dass Sarah noch Jungfrau war. Er bricht seine Verlobung mit Ernestina und hält brieflich um Sarahs Hand an, allerdings übergibt sein Diener diesen Brief nie der Empfängerin. Wegen seines Bruchs der Verlobung gesellschaftlich geächtet, reist Charles durch Europa und Nordamerika. Sarah dagegen verlässt Exeter, um nach London zu gehen. Als sie sich zwei Jahre später wiederfinden, lebt Sarah gemeinsam mit Künstlern und genießt ein freies, künstlerisch kreatives Leben. Von Sarah erfährt er, dass sie eine gemeinsame Tochter haben. Auch wenn die Wiedervereinigung von Charles Smithson und Sarah Woodruff nicht überschwänglich ist, verlässt Charles das Haus mit der Hoffnung, dass sie wieder zueinander finden. Für das dritte Romanende stellt der Erzähler die Uhr nur 15 Minuten zurück. Das Wiedersehen zwischen den beiden bleibt kühl. Sarah erwähnt kein gemeinsames Kind und bekundet auch keinerlei Interesse, die Beziehung zu Charles wieder aufleben zu lassen. Sowohl Charles als auch der Leser müssen sich mit der Frage auseinandersetzen, ob Sarah Woodruff die Beziehung nur nutzte, um aus Lyme Regis auszubrechen.
Einzelne Aspekte des Romans Entstehungsgeschichte John Fowles hat wiederholt betont, dass für ihn das Schreiben ein organischer Prozess ist. Er wisse zu Beginn des Schreibprozesses nicht, wie sich der Roman entwickeln werde. Im Falle von Die Geliebte des französischen Leutnants sei es für ihn das Bild einer Frau gewesen, die vom Cobb aus auf die See blicke und dabei Lyme Regis den Rücken kehre. Für ihn habe dieses Bild sowohl die Bedeutung gehabt, dass eine Frau ausgegrenzt werde als auch dass sie in irgendeiner Weise einen Mann ausgrenze.Margaret Reynolds und Jonathan Noakes: John Fowles - the essential guide. Vintage Living Texts, London 2003, ISBN 0-09-946088-2, S. 194.
John Fowles stellt seinem ersten Kapitel den ersten Vers aus Thomas Hardys Gedicht The Riddle – Das Rätsel voran:
Auch in diesem Gedicht wird eine Frauengestalt thematisiert, die unentwegt die See beobachtet, ohne sich von anderem ablenken zu lassen.
Erzählperspektive Der Roman ist aus der Perspektive eines allwissenden bzw. auktorialen Erzählers berichtet, der die Romanhandlung immer wieder kommentierend unterbricht. So versichert der Erzähler beispielsweise, einen Krug zu besitzen, der einstmals Sarah gehörte.
Dieser kommentierende Erzähler ist ein Merkmal, das der Roman mit vielen Werken aus dem 19. Jahrhundert teilt. Ähnliches findet sich beispielsweise in Romanen von George Eliot und Anthony Trollope, beides erfolgreiche Schriftsteller des Viktorianischen Zeitalters. Für Literatur, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden ist, ist diese Erzählform dagegen äußerst ungewöhnlich. Nach Ansicht einzelner Literaturwissenschaftler hat John Fowles diese Erzählweise bewusst gewählt und nicht imitiert, sondern parodiert.Josua Novak: Der postmoderne komische Roman. Tectum Verlag, Heidelberg 2009, ISBN 978-3-8288-9859-2. S. 25 und S. 26. Andere haben darauf hingewiesen, dass die frühe Erscheinungsform des sogenannten „intrusive narrators“ (eingreifenden Erzählers) ebenfalls eine parodierende Funktion hatte. Beim konventionellen viktorianischen Roman dagegen diente diese Erzählform dazu, den Wahrheitsgehalt der Handlung zu unterstreichen. Fowles nutzt ihn dagegen, um die Handlung ironisch aufzubrechen.Josua Novak: Der postmoderne komische Roman. Tectum Verlag, Heidelberg 2009, ISBN 978-3-8288-9859-2, S. 26. So spielt er beispielsweise auch mit der Form des Erzählertypus, der allwissend ist:
Nachzeitiger Standpunkt und erzähltheoretische Anlage John Fowles erinnert seinen Leser immer wieder daran, dass er einen Roman liest, der in den 1960er Jahren entstanden ist. Fowles tut dies, indem er Bezüge zu Geschehnissen schafft, die sich zeitlich eindeutig nach dem Viktorianischen Zeitalter ereigneten:
Dem Leser wird damit deutlich, dass ihm Geschehnisse erzählt werden, die einem anderen Wertesystem und einer anderen Vorstellungswelt unterliegen. Auch über dieses Mittel erzeugt Fowles eine ironische Distanz zur Romanhandlung.Josua Novak: Der postmoderne komische Roman. Tectum Verlag, Heidelberg 2009, ISBN 978-3-8288-9859-2, S. 27 und S. 28.
Diese Anknüpfung in den Erzählkonventionen sowie darüber hinaus in den Handlungsmustern und Moralvorstellungen an den viktorianischen Roman nutzt Fowles dementsprechend nicht, um die Vergangenheit zu rekonstruieren, sondern um den Epochenwandel vom 19. zum 20. Jahrhundert zu thematisieren. Der Leser in Fowles Roman wird eben nicht durch eine Identifikation mit Figuren einer illusionären Welt aufgeklärt, sondern durch die bewusste eingesetzte Konfrontation mit einer fiktiv vermittelten geschichtlichen Erfahrung. Auf diese Weise dient die erzähltheoretische wie ästhetische Anlage von Die Geliebte des französischen Leutnants der moralischen Bewusstseinsbildung oder Erziehung des Lesers.
Zugleich erschafft Fowles als Autor derart Figuren, die sich von ihrem Schöpfer unabhängig machen und Autonomie beanspruchen, welche der Autor seinerseits respektiert. Auf diese Weise erhält die in dem Roman entworfene fiktive Welt einerseits Ähnlichkeit mit der Realität, andererseits tritt der Autor selbst auf und gibt sich als Zeitgenosse von Alain Robbe-Grillet und Roland Barthes zu erkennen, um sich so als Konstrukteur einer Welt darzustellen, die das Prinzip der Freiheit verkörpert.Vgl. Hans Ulrich Seeber, Hubert Zapf, Annegret Maak: Der Roman nach 1945 - auf dem Weg in die Postmoderne. In: Hans Ulrich Seeber (Hrsg.): Englische Literaturgeschichte. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart 2012 (5. Auflage), ISBN 3476024210, S. 414.
Gouvernantenroman