Geschichte mini|Darstellung der Honigernte aus Röhrenstöcken, Sonnenheiligtum des Niuserre in Abusir (ca. 2400 v. Chr.)
Honig und Honigwachs werden von der Honigbiene produziert. In Ägypten handelt es sich um die Apis mellifera. Diese Art passt sich regional an. Die ägyptische Variante ist die Apis mellifera lamarckii. Sie baut kleinere Kolonien als ihre Verwandte in Europa. Bienen bevorzugen ein warmes Klima und Wasser. Aus diesem Grund ist vor allem das Delta gut für die Bienenhaltung geeignet, wo vor allem auch das Wasser reichlich vorhanden ist.M. Serpico, R. White In: P. T. Nicholson, I. Shaw (Hrsg.): Ancient Egyptian Materials and Technology. Cambridge 2000, S. 409.
Schon kurz nach der Reichsgründung gibt es Anzeichen für die Imkerei. Bei diesem frühen, potentiellen Beleg handelt es sich um eine Topfaufschrift aus der 1. Dynastie mit dem Vermerk Honig.Birgit Sonja Feierabend: Biene und Honig im pharaonischen Ägypten. ... Band 2, Mainz 2009, S. 29. Es handelt sich um eine Topfaufschrift, bei der eine Biene abgebildet ist.J. E. Quibell: Archaic objects. Catalogue général des antiquités égyptiennes du Musée du Caire, Kairo 1904, Tafel 29 (online) Die Lesung Honig ist nicht sicher. Der erste sichere Beleg für Bienenzucht stammt aber erst aus der 5. Dynastie. Es handelt sich um die Darstellung im Sonnentempel des Niuserre. Weitere Darstellungen stammen aus späterer Zeit. Es handelt sich um eine Malerei aus dem Grab des Rechmire (TT100), eine aus Grab TT73 und eine letzte aus dem Grab des Pabasa (TT279).M. Serpico, R. White In: P. T. Nicholson, I. Shaw (Hrsg.): Ancient Egyptian Materials and Technology. Cambridge 2000, S. 410.
Wegen der sehr hoch entwickelten Imkerei in Ägypten und der zahlreichen archäologischen Belege aus dieser Zeit dachten die Wissenschaftler lange, dass die frühesten Wurzeln der Hausbienenhaltung in Ägypten lägen. Erst bei neueren Ausgrabungen in den 1950er und 1960er Jahren zeigte sich, dass diese Vorstellung korrigiert werden musste, da Funde besonders auf dem Gebiet der heutigen Türkei belegen, dass die Hausbienenhaltung schon wesentlich älter ist und dass sie ihre Ursprünge in den frühneolithischen Dorfkulturen Zentralasiens hat.
Die Grundkenntnisse über Haltung von Haustieren, eingeschlossen die Honigbiene, breiteten sich vermutlich schon im Verlauf der neolithischen Revolution im 6. und 5. Jahrtausend v. Chr. aus. Erst im 4. Jahrtausend kam es jedoch zu einer allgemeinen Verbreitung der Bienenzucht im Nildelta und gleichzeitig zur Erhebung der Biene zum Wappentier, was ihre hohe Bedeutung zu dieser Zeit unterstreicht. Aber auch in Oberägypten muss es schon vor der Reichsgründung erste Erfahrungen mit der Bienenhaltung gegeben haben. Man weiß, dass nomadische Hirtenvölker aus diesen Kulturgruppen eine grüne Augenschminke aus Malachit und Kupferspat herstellten, bei der Honig, Fett und Öl als Bindemittel verwendet wurden. Diese Farbpaste trug man nicht nur zu kosmetischen Zwecken auf, sondern sie diente gleichzeitig als Prophylaxe gegen ein Trachom.
Dass die Entwicklung der Bienenhaltung in Unterägypten wesentlich weiter getrieben wurde, liegt vor allem in den geographischen Gegebenheiten begründet, da das große und intensiv bewirtschaftete Nildelta viele Futterquellen für die Kulturlandflächen in Oberägypten nur schmal waren. Mit dem Zusammenschluss der beiden Kulturen kam es jedoch auch schnell zu einem Austausch der Kenntnisse zur Bienenhaltung. Aus der Zeit des Alten Reiches, das um 2635 v. Chr. begann und zu einer Blütezeit in der ägyptischen Kunst führte, liegen viele bildliche Zeugnisse zur ägyptischen Imkerei vor und zeigen ihren hohen Entwicklungsstandard. Die Bienen wurden in aufeinandergestapelten Tonröhren gehalten, die mit Nilschlamm verschlossen und anschließend mit dem Finger mit einem kleinen Flugloch versehen wurden.
Aus diesen Röhren entnahm man den Honig nach Ausräuchern des Volkes, ohne die Bienen dabei zu töten. Schließlich wurde der Honig zur Vorratshaltung in speziellen Gefäßen versiegelt. Ein Flachrelief aus dem Sonnenheiligtum des Pharaos Niuserre zeigt eine sehr ausführliche Imkerszene, bei der man die verschiedenen Arbeitsschritte von der Entnahme des Honigs aus den Tonröhren über die Reinigung der Vorratsgefäße bis zur abschließenden Versiegelung von Kugeltöpfen sehen kann.
Mythologie In einem Papyrus aus dem 12. Jahrhundert v. Chr. wird die Entstehung der Bienen erzählt: Die Tränen des Sonnengottes Re fallen auf die Erde und werden zu Bienen, die sich Häuser bauen und in die Blüten fliegen. So soll Wachs und Honig entstehen.Philippe Derchain: Le Papyrus Salt 825 (B.M. 10051), rituel pour la conservation de la vie en Egypte (= Memoires de l'Academie Royale de Belgique. Classe des Lettres. Band 58, Lieferung la/b). Academie Royale de Belgique, Brüssel 1965.
"(...)und so weinte Re aufs Neue; Wasser fiel herab aus seinem Auge auf die Erde und es (= das Wasser) wurde zur Biene. Als die Biene erschaffen war, entstand ihr Auftrag an den Blumen/Blüten eines jeden Baumes. Das war das Entstehen des Wachses und das war das Entstehen des Honigs aus seinem Wasser (= Tränen des Re)". (pLeiden I 384, VII, 9–11)P. Derchain: Le Papyrus Salt 825 (B.M. 10051) rituel pour la conservation de la vie en Égypte. Bruxelles 1965, S. 137, Tafel. 2, II, S. 5–7; zum Papyrus Salt 825: Sydney Hervé Aufrère: Thot Hermès l'égyptien: de l'infiniment grand à l'infiniment petit (= Collection Kubaba. Série Antiquité. Band 13). L'Harmattan / Association Kubaba, Paris 2007, ISBN 978-2-296-04639-9, S. 157–163.
Ebenso sind Parallelen zwischen Neith und der Bienenkönigin offenkundig. Beide können als Demiurg verstanden werden: Neith, die von Kurt Sethe als mannweiblich bezeichnet wird, weil sie dem Mythos nach „zuerst geboren habe, als noch nichts anderes da war“. Der Biene sagte man vom Altertum bis ins Mittelalter hinein eine „jungfräuliche Geburt“ nach, weil nicht bekannt war, dass die Königin während des Hochzeitsfluges außerhalb ihres Stockes von Drohnen begattet wird. Ebenfalls besitzen Bienen als auch Neith einen Stachel, die Göttin in Form eines Pfeils oder Speers. Mit ihm demonstrieren sie ihre Stärke gleichermaßen wie ihre Milde, wenn sie ihn nicht benutzen. Sowohl Neith als auch die Biene nehmen im Verständnis der Ägypter eine Schutzfunktion ein.Kurt Sethe: Urgeschichte und älteste Religion der Ägypter (= Abhandlungen für die Kunde des Morgenlandes.). Deutsche morgenländische Gesellschaft, Leipzig 1930, S. 68 § 81.Erik Hornung: Der Eine und die Vielen. Ägyptische Gottesvorstellungen. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1971, ISBN 3-534-05051-7, S. 88 mit Anmerkung 101, S. 164–166.Serge Sauneron: Remarques de philologie et d'étymologie (en marge des textes d'Esna) In: Auguste Mariette: Mélanges Mariette (= Bibliothèque d'Étude. Band 32). Institut Français d'Archéologie Orientale du Caire, Le Caire/Paris 1961, S. 235f.Ramadan El-Sayed: La Déesse Neith de Saïs (= Bibliothèque d'Étude. Band 86). Institut français d'archéologie orientale du Caire, Le Caire 1982, S. 61–65.Robert Schlichting In: Wolfgang Helck, Eberhard Otto, Wolfhart Westendorf: Lexikon der Ägyptologie. Band IV, Harrassowitz, Wiesbaden 2000, ISBN 3-447-04468-3, S. 393f., Stichwort Neith. Der Urgott konnte u. a. als der, der von selbst entstanden ist (xpr Ds=f) bezeichnet werden (W. Westendorf In: Lexikon der Ägyptologie. Band VI, S. 870, Stichwort Urgott). Dieser Ausdruck findet sich auch in einer Bezeichnung für Honig, vgl. Kapitel VI.1.1. und VIII.2.2.Lexikon der ägyptischen Götter und Götterbezeichnungen. Band 3, S. 510c; Robert Schlichting In: Lexikon der Ägyptologie. Band IV, S. 392f., Stichwort Neith.
Neith trat in verschiedenen Situationen als Schutzgottheit auf. Sie bewahrte den Verstorbenen vor Feinden und garantierte seine Wiedergeburt. In diesem Zusammenhang wurde sie auch als Kanopenschutzgottheit für den Magen eingesetzt. Darüber hinaus verteidigte sie die nächtliche Sonnenbarke und erschien bei der Geburt, um das Neugeborene zu behüten. Gerade hier besteht eine enge Verbindung zur Verwendung des Honigs. Ihm wiesen die Ägypter eine Dämonen und Krankheiten abwehrende Kraft zu. Deshalb kam der Honig auch in Zaubersprüchen zum Schutz von Neugeborenen und Kindern zum Einsatz. Neith und der Honig als Produkt der Biene beinhalten somit den gleichen Aspekt. Indirekt verbindet auch Re die Biene mit Neith.Robert Schlichting In: Lexikon der Ägyptologie. Band IV, S. 392–394, Stichwort Neith. Neith gilt einerseits als Mutter des Re, andererseits tritt sie als „Auge des Re“ als seine Tochter auf.Ramadan El-Sayed: Documents Relatifs à Saïs et ses divinités. (= Bibliothèque d'Étude. Band 69). Institut Français d'Archéologie Orientale du Caire, Kairo 1975; R. El-Sayed: La Déesse Neith de Saïs. Le Caire 1982, S. 106–109; Neith als Tochter des Re: R. El-Sayed: La Déesse Neith de Saïs. Le Caire 1982, S. 109–111.
Berufsstand des Imkers Die Bezeichnung für den Imker lautet seit dem Alten Reich bj.tj, wörtlich: „der zur Biene Gehörige“. Daraus ergibt sich im übertragenen Sinne die Bedeutung „der, der sich um die Biene kümmert“.Birgit Sonja Feierabend: Biene und Honig im pharaonischen Ägypten. ... Band 2, Mainz 2009, S. 36.
Mit Beginn des Neuen Reiches um 1550 v. Chr. intensivierten sich die Tempelkulte und damit die verbundenen Totenopfer, dass die Honigproduktion entsprechend der Nachfrage gesteigert werden musste. Es wurde logistisch notwendig, Bienenvölker in der Nähe der Heiligtümer zu halten, um die lückenlose Versorgung der Heiligtümer mit Honig zu gewährleisten, die diese als Opferbeilage benötigten. Ein Großteil der Imker im Alten Ägypten arbeiteten bei sakralen Einrichtungen wie Tempeln oder Schatzhäusern. Als Angehörige des Tempels waren sie rechtlich vor fremden Zugriffen geschützt, wurden aber in unruhigen Zeiten unrechtmäßig abgezogen. Sie waren in einer Art Zunft oder Gruppe organisiert, die hierarchische Strukturen aufwies. So besaß ein Oberimker die Befehlsgewalt über die ihm unterstellte Gruppe. Zudem waren sie in eine größere Hierarchie der Logistikkette eingegliedert die für die Herstellung und Verteilung von Fetten verantwortlich war.
Ferner arbeiteten sie für die Totentempel in Theben, Abydos, Amarna, Heliopolis und Memphis.W. Helck: Materialien zur Wirtschaftsgeschichte des Neuen Reiches. Band 1, Nr. 4, Akademie der Wissenschaften und Literatur, Mainz 1969. Von dem Imkern wurde eine Tagesleistung von ca. 70 Gramm Honig gefordert.G. Roeder: Kulte, Orakel und Naturverehrung im Alten Ägypten. Artemis, Zürich 1960.
Beuten Die Bienenstöcke der traditionellen Imkerei werden bis heute aus zylinderförmigen Röhren zusammengesetzt.Friedrich Ruttner: Naturgeschichte der Honigbienen. Stuttgart 2003.
Für die Herstellung der Beuten wurden geflochtene Matten mit einem Gemisch aus Nilschlamm, Häcksel und Kuhdung vermengt. Anschließend wurde dieses Gebinde um ein Bündel aus Bambusstöcken oder Palmblattrispen gerollt und dann in der Sonne getrocknet. Das verwendete Material aus diesen Naturmaterialien besitzt eine schlechte Temperaturleitfähigkeit, d. h. die Temperatur im Stock bleibt gleich und ist kaum äußeren Temperaturschwankungen ausgesetzt. Durch das Entfernen der Bündel erhält man die fertige Röhre. Der Stock entsteht, indem Reihen dieser Röhren aufeinander gelegt werden. Praxisgemäß wurden in der ägyptischen Imkerei maximal elf bis zwölf Reihen übereinander gelegt.L. Armbruster: Die Biene im Orient I. Der über 5000 Jahre alte Bienenstand Aegyptens. Berlin 1931, S. 262.Eva Crane: The world history of beekeeping and honey hunting. Routledge, New York 1999, ISBN 0-415-92467-7, S. 168.