mini|Moshe Lifshits um 1937

Moshe Lifshits (, , Mojše Livšic,rujen.ru Ferner nutzte er das Pseudonym „Шарик“ Дубинский („Sharik“ (= kleine Kugel) Dubinski); vgl. Bengt Jangfeldt (Hrsg.): Love Is the Heart of Everything: Correspondence Between Vladimir Mayakovsky and Lili Brik 1915–1930: The Love Letters of Mayakovsky and Lili Brik. 1997 S. 74 et passim. (Bei der ersten Erwähnung handelt es sich nicht um Benedikt Livshits(!), da dessen Biographie zwar Kiew/St. Petersburg, aber nicht Riga abdeckt.) polnisch Mojżesz Lifszyc, deutsch M[oses]. Liwschitz; geboren 18. Mai 1894 in dem Stetl Bila Zerkwa im Gouvernement Kiew (Ansiedlungsrayon des Russischen Reiches), heute Ukraine; gestorben 12. April 1940 in Tel Aviv, Palästina, heute Israel) war ein mehrsprachiger Journalist, Übersetzer, Dramaturg und jiddischer Dichter.

Leben Kindheit und Jugend Über Lifshits’ Herkunft, Kindheit und Jugendjahre ist wenig bekannt. In einem Trauungs-Zeugnis aus dem Jahr 1939 sind als Eltern Feige, eine geborene Moschkowna und Elie Liwschitz, ein Kojdanower Chassid und Melamed, vermerkt. Vom Vater wurde er im Cheder unterrichtet, bis er auf ein Gymnasium wechselte. Anlässlich des Todes von Theodor Herzl soll er als Zehnjähriger in russischer Sprache zu dichten begonnen haben.Vergleiche Reyzen, Zalman 1927: Leksikon fun der yidisher literatur: Prese un filologye. II, Wilna. Zalmen Zilbertsvayg, Jacob Mestel: Leksikon fun yidishen teater. Band II, 1934, Spalte 1130 ff. The Hebrew Actors Union of America. Warschau; Samuel Niger, Jacob Shatzky: Leksikon fun der nayer yidisher literatur. Band V, 1963, Sp. 220 ff. New York. Vor 1910 wird er erstmals in einem politischen Straflager (a politisher tfise) interniert. Die Jahre von 1910 bis 1912 verbrachte er, um der Rekrutierung in die zaristische Armee zu entgehen in Warschau, wo er Sekretär von Jizchok Leib Perez war. Bis Ende Frühjahr 1913 scheint er sich in Kowel aufgehalten zu haben, da ihm seine Genossen einen Baum zum Andenken an seine Abreise von dort stifteten.Die Welt: Zentralorgan der zionistischen Bewegung, 9. Mai 1913, 19, S. 607. Als Dichter soll er um 1914 im Lemberger Interesante blat debütiert haben.Die biografischen Skizzen von Rawitsch legen jedoch nah, dass Lifshits wegen Gedichten von Rawitsch, die er im Interessanten Blatt gelesen hatte, nach Wien gekommen sei. Melekh Ravitsh: Mayn leksikon („Mein Lexikon“). Band III. Aroysgegebn fun a komitet in montreal, Montreal 1958, S. 225 ff.; . Melekh Ravitsh: Dos mayse-bukh fun mayn lebn. Band II. Tsentralfarband fun yidn in argentine. Buenos Aires 1963, S. 189 ff.; . Melekh Ravitsh: Das Geschichtenbuch meines Lebens. Herausgegeben und übersetzt von Armin Eidherr. Otto Müller Verlag, Salzburg 1996. Eine ausführliche und lesenswerte Beschreibung von Lifshits’ Eintreffen in Wien usw. findet sich bei Armin Eidherr 1996, S. 44 f.

Erster Weltkrieg Kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs zog er nach Wien, wo er zusammen mit Abraham Mosche Fuchs und dessen Frau bei Melech Rawitsch wohnte. Nachdem Lifshits 1918 Amalia Neumann (1894–1981) geheiratet hatte, wurden 1919 der erste Sohn Valentin JeheskielSusanne Blumesberger, Michael Doppelhofer, Gabriele Mauthe: Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft 18. bis 20. Jahrhundert. Band 2: J–R. Hrsg. von der Österreichischen Nationalbibliothek. Saur, München 2002, ISBN 3-598-11545-8, S. 842f.; Y. Knobler: Professor Yecheskel Liwschitz. In Memoriam. In: Israel Journal of Chemistry. Vol. 9, Issue 2, 1971, S. 77–86. und 1920 der zweite Sohn Alexander (gest. 2013) geboren. Lifshits schrieb als Literaturkritiker für Kritik () und veröffentlichte in Sch. J. Imbers Nayland (, Neuland), dem Sammelband Toyt-tsyklus (, Todeszyklus) und andernorts erste Gedichte. Die Kriegsjahre hatte er, obwohl er beabsichtigte, gegen das zaristische Russland in den Krieg zu ziehen, in den Lagern Drosendorf/Markl und dem Interniertenlager Thalerhof verbringen müssen. Während seiner Internierung entwickelte er eine russophil-prosowjetische Haltung und begann sich in der Poale Zion zu engagieren, weswegen er 1919 „als lästiger Ausländer“ aus „Deutschösterreich abgeschafft“ wurde. Im Bericht der Polizeidirektion an das deutschösterreichische Staatsamt des Innern vom 2. Mai 1919 (Akt 16355-19) ist zu seiner Person und dem Anschluss der „Poale Zion“ an die Kommunistische Partei folgendes vermerkt:

In einer Anlage wird ergänzt: Moses Liwschitz, Redakteur der „Jüdischen Morgenpost“ [yudishe morgenpost], 1894 in der Ukraine gebürtig und dorthin zuständig, mosaisch, wurde am 4. Mai 1919 der Polizeidirektion zwecks Perlustrierung vorgeführt. Bei seiner Einvernahme gab er an, radikaler Poale-Zionist zu sein, verweigerte aber jede Auskunft über seine politische Tätigkeit. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung wurden kommunistische Werbeschriften vorgefunden. Liwschitz wurde nunmehr aus Deutschösterreich abgeschafft. Unter der Überschrift "Verhaftung und Ausweisung von Kommunisten" berichtete die Wiener Morgenzeitung am 6. November 1920: "Am 4. d. M. wurden die ukrainischen Staatsangehörigen Peter Djatlow und Moses Liwschitz in ihren Unterstandsorten angehalten. Beide waren bereits im Vorjahr wegen kommunistischer Umtriebe aus Oesterreich abgeschafft worden, hatten jedoch über ihr Bitten und gegen ihr Versprechen, in Wien jede politische Tätigkeit aufzugeben, die Erlaubnis erhalten, vorläufig hier zu verbleiben. Sie setzten jedoch dessen ungeachtet ihre Propagandatätigkeit fort und hielten zu diesem Zwecke insbesondere die Verbindung zwischen Wien und Russland aufrecht. Beide wurden nunmehr zur unverzüglichen Abreise verhalten". Diese Meldung wurde in etliche verschiedene Tageszeitungen lanciert (u. a. über Die Rote Fahne, Arbeiter Zeitung, Die Neue Zeitung sowie Illustrierte Kronen Zeitung, Mannheimer General-Anzeiger, Altenaer Kreisblatt, Neue Freie Presse bis hin zur Reichspost, dem unabhängigen Tageblatt für das christliche Volk - als Quelle geben einige die Korrespondenz Wilhelm bzw. Polizeikorrespondenz an). Ergänzend findet sich in Österreich in Geschichte und Literatur (Bd. 19, 1975): "Bemerkenswert ist, dass um 1920 eine kleine kommunistische ukrainische Zelle in Wien unter der Führung des Journalisten Ivan Kulynowitsch [1882, Sterbedatum unbekannt] und des Schriftstellers Peter Djatlow [1888, Sterbedatum unbekannt] bestanden hat". Zu beiden ist wenig Konkretes in der deutschsprachigen Literatur zu finden. Kommunismus in Österreich 1918–1938 (2009, McLoughlin et al.) merkt in Fußnote 76 an, dass Petr Djatlov "durch Nadeżda Krupskaja mit Lenin in Kontakt stand, übersetzte unter anderem dessen Arbeiten ins Ukrainische. Beim 3. KI-Kongress 1921 verfügte Djatlov über ein Mandat der KP Ostgaliziens. Später hatte er in Charkow einen Lehrstuhl für politische Ökonomie [...]".

Die 1920er Jahre In den frühen 1920er Jahren verliert sich Lifshits’ Spur, sodass unklar ist, was zwischen seiner Abschiebung nach Bila Zerkwa bzw. zu der zuständigen Behörde in Malyn und seinem Erscheinen 1922 in Riga tatsächlich geschehen ist. Zunächst hatte er seine junge Frau und die kleinen Kinder verlassen müssen, dann taucht er um 1920 in der Musterkolonie Malachowka in der Nähe von Moskau wieder auf, wo er als Lehrer für jüdische Waisenkinder, deren Eltern vorwiegend den zaristischen Judenpogromen von 1904 bis 1906 zum Opfer gefallen waren, arbeitete. Malachowka galt damals als eine Art Labor für neue Konzepte moderner Kindererziehung, in dem gleichzeitig mit Literatur, Lyrik und Malerei experimentiert wurde. Hier unterrichtete er neben weiteren jüdischen Künstlern und Intellektuellen wie Der Nister, Dovid Hofstein, Leib Kvitko, Marc Chagall und anderen. 1922 veröffentlicht er seinen Gedichtband A ber tantst und gehörte zu der avantgardistischen Kiewer Gruppe Vidervuks (, Nachtrieb/Schößling).Vgl. Bikher velt, 1922, Band 2. Bald darauf lernt er Lilja Brik kennen und stellt sich ganz in den Dienst der Revolution. Laut Porat stieg er nun gemeinsam mit Wladimir Majakowski, Ossip Brik, Roman JakobsonSiehe auch Roman Jakobson, Bengt Jangfeldt (Hrsg.): My Futurist Years. Marsilio Publishers, 1997, S. 140, passim. und anderen „in die sowjetische Propagandaschlacht ein“. So arbeitete Lifshits unter anderem an Majakowskis unvollendetem Drehbuch Benz Nr. 22 (бенц № 22), in dem ein Auto die Hauptrolle spielen sollte und dessen Thema im Abspann des Prologs angedeutet wird: „Erst der Oktober, der den Mensch befreit hat, wird das Auto befreien.“ (Gesammelte Werke Bd. 11, 1936). Rawitsch hielt ferner fest, dass Lifshits ein Verbindungsagent des sowjetischen Auslandsdienstes gewesen sei und Gold und Brillanten besessen hätte (un hot epes gehat arum zikh gold un brilyantn un gelt, gevezn a farbindungs-agent fun di demolt nokh nisht kristalizirte sovyetishe oyslendishe agenturn). Des Weiteren scheint er Kurierdienste für die Briks, Majakowski und andere besorgt zu haben. Nach der Revolution wird er jedenfalls als Kulturattaché der Sowjetunion nach Riga geschickt. Als die Verfolgung Trotzkis und seiner Anhänger begann, verließ Lifshits die Kommunistische Partei und ließ sich mit seiner Familie in Berlin nieder.William J. Chase: Enemies Within the Gates? The Comintern and the Stalinist Repression, 1934–1939. Yale University Press, London 2001, S. 165. Zwei Jahre später zog es ihn wieder nach Wien, wo er sich dem jüdischen Kulturleben, insbesondere der jiddischen Lyrik widmete. Herbst und Winter 1925/26 sind durch Briefe von Meir Wiener an David Vogel dokumentiert. Hierin beschreibt Wiener sein gespaltenes Verhältnis zu Livshits. Im ersten Brief berichtet er noch:

"With Livshits I have fallen out forever. He is such a nasty type that it defies description. He instigated a whole dangerously disgusting intrigue against Moshe Gross [...]. Every evening they sit in Café "Herrenhof": [Abraham] Sonne, [Isaac] Schreyer, [Zwi] Diesendruck, Livshits, [Melekh] Khmelnitski and sometimes I do aswell." Im zweiten und dritten dann: "Livshits praises "Saako Modena" [ein Gedicht von Wiener] to the heavens. He has read it four times and says that there is not a single superfluous word in it, and so on. [...] By the way: when you talk to Varshavski [=Oyzer Warschawski], could you perhaps try to get him to invite Livshits? Moyshe Livshits has wonderful poems. (zitiert nach Krutikov 2006)"

Aus dem Jahr 1926 ist ein in Wien verfasster Brief von Liwschitz an Beer-Hofmann in der Houghton Library überliefert, in dem er ihn als hochverehrten Meister tituliert und ihm ein Manuskript zukommen lässt.

Wegen politischer und familiärer Probleme kehrte er dann um 1927 nach Berlin zurück und fand dort Anschluss an linke kulturelle Kreise.Eine Brücke vom Jiddischen zum Deutschen (s. Weblinks).

Die 1930er Jahre