Die Kleinkastelle von Neuburg sind zwei römische Militärlager die zu unterschiedlichen Zeiten während der römischen Okkupation Raetiens bestanden. Die ältere Fortifikation, ein Holz-Erde-Lager, wurde höchstwahrscheinlich während der frühkaiserzeitlichen Epoche errichtet. Ein archäologisch eindeutig gesichertes Steinkastell entstand in spätrömischer Zeit für den Donau-Iller-Rhein-Limes. Der jüngere Steinbau überlagerte dabei die älteren Garnisonsreste. Die nicht mehr sichtbaren Befunde aus der Römerzeit wurden auf dem Westsporn des Neuburger Stadtberges in Neuburg an der Donau, Landkreis Neuburg-Schrobenhausen, in Bayern entdeckt.
Lage Die Überreste der Anlagen befinden sich am westlichen Ende der historischen Altstadt von Neuburg. Diese wurde auf einem mächtigen Kalksteinfelsen errichtet, der als weithin sichtbarer Überrest des süddeutschen Weißen Jura die Topographie des Umlands beherrscht. Unmittelbar am nördlichen Fuß des 20 bis 25 Meter hohen Felsstocks fließt – wie bereits in der Antike – die Donau von Westen nach Osten vorbei. Im Norden und Süden zeigt sich der Stadtberg von seinen steilsten und abweisendsten Seiten, während das Gelände an der Ost- und Westflanke etwas flacher ansteigt.Erwin Keller: Das spätrömische Gräberfeld von Neuburg an der Donau. (= Materialhefte zur Bayerischen Vorgeschichte, 40), Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, Lassleben, Kallmünz 1979, ISBN 3784750400, S. 69. Aufgrund der markanten Lage konnten die Soldaten von ihrer Fortifikation aus weit ins Land blicken und die Land- beziehungsweise Wasserwege kontrollieren.Thomas Fischer: Der römische Limes in Bayern. Pustet, Regensburg 2008, ISBN 978-3-7917-2120-0, S. 189.
Bereits in vorgeschichtlicher Zeit gab es hier Höhensiedlungen. Darauf weisen urnenfelderzeitliche BefundeCornelia Schütz-Tillmann: Die urnenfelderzeitliche Besiedlung des Neuburger Stadtberges. In: Karl Heinz Rieder, Andreas Tillmann (Hrsg.): Neuburg an der Donau – Archäologie rund um den Stadtberg. Marie Leidorf, Buch am Erlbach 1993, ISBN 3-924734-11-9, S. 51–59. (1300–800 v. Chr.), späthallstattzeitliche Keramik (620–450 v. Chr.) und Keramik der Frühlatènezeit (450–380 v. Chr.) hin. Außerdem fanden sich Reste eines vorgeschichtlichen Grabenwerks.Jörg Biel: Vorgeschichtliche Höhensiedlungen in Südwürttemberg-Hohenzollern. Theiss, Stuttgart 1987, ISBN 380620778X, S. 214.
Forschungsgeschichte mini|upright|Die Auffahrt (Amalienstraße) zum Nordplateau der Altstadt von Westen. In diesem Umfeld wurden wichtige römerzeitliche Spuren zur zivilen und militärischen Besiedlung des Stadtbergs entdeckt. Links liegt die Pfarrkirche St. Peter. Hinter dem gelben Gebäude rechts liegt die für die Forschung wichtige „Münz“. Das frührömische Kleinkastell lag mit seinem Zentrum unmittelbar über der Straße. mini|Hinweistafel zum römischen Kastell in der Amalienstraße 27
Das Gebiet des römischen Neuburgs wurde mit der Donausüdstraße erschlossen.Donausüdstraße bei ; Donausüdstraße bei ; Donausüdstraße bei ; Donausüdstraße bei Deren Trasse führte zwar in größerer Entfernung an dem in der frühen, mittleren und späten römischen Kaiserzeit besiedelten Felsstock vorbei,Erwin Keller: Das spätrömische Gräberfeld von Neuburg an der Donau. (= Materialhefte zur Bayerischen Vorgeschichte, 40), Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, Lassleben, Kallmünz 1979, ISBN 3784750400. S. 14. doch wurde die Verbindung durch eine Stichstraße gesichert. Einen festen Donauübergang hat es in Neuburg nicht gegeben, dieser befand sich rund 10 Kilometer westlich der spätantiken Siedlung. Möglicherweise ist aber vor Ort mit einer Fähre zu rechnen, deren Fortsetzung die Straße nach Nassenfels gewesen sein könnte.Markus Nadler: Neuburg an der Donau. Das Landgericht Neuburg und die Pfleggerichte Burgheim und Reichertshofen. Kommission für Bayerische Landesgeschichte, München 2004, ISBN 3-7696-6852-9, S. 12. Die Stelle des spätantiken Kleinkastells, von dem heute über dem Boden nichts mehr erhalten ist, wurde seit dem Mittelalter erneut genutzt. Insbesondere mit dem frühneuzeitlichen Ausbau Neuburgs zur Haupt- und Residenzstadt des 1505 gegründeten Fürstentums Pfalz-Neuburg wurde der Felsen dicht bebaut.
Der antiken Tradition der Stadt wurden sich die Bewohner spätestens während der Renaissance bewusst. An der unter anderem zur Schranne umgebauten Martinskapelle, die in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts abgebrochen wurde, befand sich bereits vor der Mitte des 17. Jahrhunderts ein haidnischer grabstein vermauert, der möglicherweise aus einer Neuburger Nekropole stammen könnte. 1769 wurde der Stein in das kurfürstliche Antiquarium in Mannheim verbrachtReinhard H. Seitz: 200 Jahre Provinzialbibliothek/Staatliche Bibliothek Neuburg a. d. Donau 1803–2003. In: Bettina Wagner (Hrsg.): Bibliotheken in Neuburg an der Donau. Sammlungen von Pfalzgrafen, Mönchen und Humanisten. Harrassowitz, Wiesbaden 2005, ISBN 3-447-05197-3, S. 12–13. und befindet sich dort heute im Städtischen Reiss-Engelhorn-Museum.
Die Überreste römischer Militärbauten kamen erst spät zu Tage, obwohl bereits lange zuvor über deren mutmaßliche Existenz spekuliert wurde. So in neuerer Zeit unter anderem 1928 durch den Neuburger Archäologen Friedrich WagnerFriedrich Wagner: Die Römer in Bayern. Knorr & Hirth, 1928, S. 31. und noch 1965 durch Günter Ulbert.Günter Ulbert. Der Lorenzberg bei Epfach. Beck, München 1965, S. 104. Nachdem Ende der 1960er Jahre wichtige Hinweise zur Existenz einer frührömischen Militäranlage entdeckt worden waren, blieb die spätantike Garnison noch lange weitgehend im Dunkeln, auch wenn bereits Funde und Befunde verschiedene Hinweise auf eine solche Anlage gaben. Die bis dahin bekannten Ergebnisse dokumentierte 1979 der Ausgräber des spätantiken Gräberfeldes, Erwin Keller (1937–2014), in seinem umfassenden Abschlussbericht.
Im Jahr 1963 untersuchte der Kreisheimatpfleger Michael Eckstein (1903–1987) im Zuge von Notgrabungen auf dem Nordplateau westlich der Pfarrkirche St. Peter ein zwei Meter breites Mauerfundament, das er aus stratigraphischen Gründen in die Spätantike verortete. Östlich der ehemaligen Münze, vor der südlichen Hangkante, wurde in einem 1967 angelegten Schnitt eine bronzene Zwiebelknopffibel entdeckt, wie sie unter anderem von römischen Soldaten in der Spätantike getragen wurde. Zusätzlich kam eine in den Jahren zwischen 346 und 350 geprägte Maiorina aus der Regierungszeit des Kaisers Constans zu Tage. In den Jahren 1973 und 1974 sondierte der Archäologe Walter Sage im Bereich zwischen St. Peter und dem südlichen Abbruch des Felsstocks vier kleine Bereiche und barg spätantikes Fundgut. Im gleichen Jahr gelang es Eckstein, in der Amalienstraße vor St. Peter die Verfüllung eines spätrömischen Pfostenbaus im Profil eines Kanalisationsgrabens zu untersuchen und im Frühjahr 1975 deckte er in der Herrenstraße einen Spitzgraben auf.Erwin Keller: Das spätrömische Gräberfeld von Neuburg an der Donau. (= Materialhefte zur Bayerischen Vorgeschichte, 40), Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, Lassleben, Kallmünz 1979, ISBN 3784750400, S. 70.
Zwischen 1983 und 1986 untersuchte das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege den Innenhof der alten Münz. Nun bestätigten die Spekulationen und Befunde, die bisher bekannt geworden waren die Existenz eines spätantiken Steinkastells. Im Jahr 1988 wurde das zweite spätantike Gräberfeld entdeckt, das sich auf dem Stadtberg, Herrenstraße A 98, befand.Ernst Pohl: Ein spätrömische Gräberfeld auf dem Stadtberg von Neuburg an der Donau. In: Neuburger Kollektaneenblatt, Band 144 (1996), S. 75–93.
Frühe Kaiserzeit
Baugeschichte Für das römische Militär war der Neuburger Raum erstmals während der frühen Kaiserzeit interessant. Das rätische Donautal wurde offensichtlich schon vor der Zeit um 40 n. Chr. von Augusta Vindelicorum (Augsburg) aus durch römische Truppen kontrolliert.Claus-Michael Hüssen: Besiedlungswandel und Kontinuität im oberbayerischen Donauraum und in der Münchner Schotterebene von der Okkupation unter Augustus bis in tiberisch-claudische Zeit; hier: Die Kastelle in Zuchering und der Ausbau der Donausüdstraße. In: Spätlatènezeit und frühe römische Kaiserzeit zwischen Alpenrand und Donau. Akten des Kolloquiums in Ingolstadt am 11. und 12. Oktober 2001. Habelt, Bonn 2004, ISBN 978-3-7749-3297-5, S. 74–75; hier: S. 75. In spättiberisch-frühclaudischer Zeit entstanden östlich von Neuburg zwei kurzfristig belegte Holz-Erde-Lager bei Ingolstadt-ZucheringMilitärlager Ingolstadt-Zuchering II bei ; Militärlager Ingolstadt-Zuchering III bei sowie ein weiteres halbpermanentes Holz-Erde-Lager (Ingolstadt-Zuchering Kastell I)Militärlager Ingolstadt-Zuchering I bei das nach Fundausweis bis in Regierungszeit des Kaisers Trajan (98–117) genutzt wurde. Militärisch bedeutender als diese kleinen Lager aus der Okkupationsphase ist jedoch das rund 20 Kilometer östlich gelegene Auxiliarkastell Oberstimm.Kastell Oberstimm bei Dieses entstand jedoch wohl etwas später, als die Lager in Zuchering.Claus-Michael Hüssen: Römische Lager an der Donau in Ingolstadt-Zuchering. In: Wolfgang Czysz u. a.: Provinzialrömische Forschungen. Festschrift für Günter Ulbert zum 65. Geburtstag. Leidorf, Espelkamp 1995, ISBN 3-89646-000-5, S. 95–110; hier: S. 96.
Der spätere Neuburger Stadtberg war mit seiner beherrschenden Position ein militärisch günstiger Standort für ein Kastell an der Donau. Auf die frühkaiserzeitliche Militärstation deutete zunächst nur eine bei Ausgrabungen entdeckte abgerundete Grabenecke hin. Zu ihr gehörte eine zeitlich passende Palisade, deren Pfostengruben im Abstand von 0,70 bis 1,20 Meter gesetzt waren.Michael Mackensen: Frühkaiserliche Kleinkastelle an der oberen Donau. In: Helmut Weimert (Hrsg.): Zivile und militärische Strukturen im Nordwesten der römischen Provinz Raetien. 3. Heidenheimer Archäologie-Colloquium am 9. und 10. Oktober 1987. Heimat- und Altertumsverein Heidenheim an der Brenz, Heidenheim 1988, S. 13–32; hier: S. 17. Nach weiteren Untersuchungen konnte gegen Ende des 20. Jahrhunderts ein erster umfassender Plan der Anlage gezeichnet werden. Da das westliche Plateauende nur Platz für eine kleine Holz-Erde-Anlage bot, wurde ein nur 24,5 × 33 Meter großes Kleinkastell errichtet, das mit seiner dem Feind zugewandten Prätorialfront nach Nordwesten, zur Donau hin orientiert war. Der von zwei vorgelagerten Spitzgräben zusätzlich geschützte Bau wurde nach Fundausweis über Jahrzehnte genutzt. Während der Epoche der Flavier (69–96) gab das Militär den Posten auf. Die Neuburger Garnison besaß eine holzverschalte Holz-Erde-Mauer mit einer Stärke von drei Metern. Über die Innenbebauung ist bis heute nichts bekannt geworden.Thomas Fischer: Der römische Limes in Bayern. Pustet, Regensburg 2008, ISBN 978-3-7917-2120-0, S. 188–189.
Mit der endgültigen Vorverlegung des Limes in den Raum des Altmühltals um 160 n. Chr.Bernhard Albert Greiner: Der Kastellvicus von Rainau-Buch: Siedlungsgeschichte und Korrektur der dendrochronologischen Daten. In: Ludwig Wamser, Bernd Steidl: Neue Forschungen zur römischen Besiedlung zwischen Oberrhein und Enns. Bernhard Albert Greiner, Remshalden-Grunbach 2002, ISBN 3-935383-09-6, S. 83; C. Sebastian Sommer: Zur Datierung des Raetischen Limes. In: Peter Henrich (Hrsg.): Der Limes vom Niederrhein bis an die Donau. 6. Kolloquium der Deutschen Limeskommission. Theiss, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-8062-2466-5, (= Beiträge zum Welterbe Limes, 6), S. 137–147; hier: S. 138; Wolfgang Czysz, Frank Herzig: Neue Dendrodaten von der Limespalisade in Raetien. In: Andreas Thiel (Hrsg.): Neue Forschungen am Limes, Band 3, Theiss, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-8062-2251-7. S. 183–194. verlor die westliche raetische Donaugrenze weitgehend ihre militärische Bedeutung, während die zivilen Lagerdörfer meist weiter prosperierten. Wichtig blieben jedoch die Sicherung der Flussübergänge, um einen anhaltenden Transport von Truppen, Nachschub und Handelsgütern zu gewährleisten.
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