mini|hochkant=1.3|Philipp Scheidemann ruft am 9. November 1918 vom Reichstagsgebäude die Republik aus. Die Echtheit der Aufnahme ist umstritten.Sabrow, S. 107 (in: Juhnke/Prokasky/Sabrow (2018))
Die Ausrufung der Republik in Deutschland geschah am 9. November 1918 in Berlin gleich zweimal: durch den MSPD-Politiker Philipp Scheidemann am Reichstagsgebäude unter bürgerlich-demokratischen und durch den Führer des Spartakusbundes Karl Liebknecht am Berliner Schloss unter sozialistischen Vorzeichen.
Wirkmächtig wurde allein die Proklamation Scheidemanns. Die SPD und die bürgerlich-demokratischen Parteien setzten sich nach zum Teil bürgerkriegsartigen Unruhen mit ihren Vorstellungen einer zukünftigen Staatsordnung durch: Das Deutsche Reich wurde von einer Monarchie zur parlamentarisch-demokratischen Republik mit einer liberalen Verfassung. Die Aktion Scheidemanns markiert nach verbreiteter Ansicht unter Historikern das Ende des Kaiserreichs und die Geburtsstunde der Weimarer Republik, der ersten Demokratie, die den gesamten deutschen Nationalstaat umfasste.Vgl. Heinrich August Winkler: Der lange Weg nach Westen. Band 1. Deutsche Geschichte vom Ende des Alten Reiches bis zum Untergang der Weimarer Republik. 4., durchgesehene Auflage. C.H. Beck, München 2002, S. 2.
Vorgeschichte Am Ende des Ersten Weltkriegs entwickelte sich aus dem Kieler Matrosenaufstand die Novemberrevolution, die innerhalb weniger Tage das ganze Reich erfasste und die Bundesfürsten des Deutschen Reiches nach und nach zur Abdankung zwang. Bereits am 7. November war in München die Dynastie der Wittelsbacher gestürzt worden, und Kurt Eisner hatte das Königreich Bayern als ersten Bundesstaat des Reiches zum Freistaat – also zur Republik – erklärt.
Die Führung der SPD unter ihrem Vorsitzenden Friedrich Ebert sah ihre langjährigen Forderungen nach einer Demokratisierung des Reichs schon durch die Oktoberreform erfüllt.Sebastian Haffner: Der Verrat. 1918/19 – als Deutschland wurde, wie es ist. Berlin 1994, S. 34. Durch diese Änderung der Bismarckschen Verfassung war aus dem Deutschen Reich eine parlamentarische Monarchie geworden, in der die Regierung nicht länger dem Kaiser, sondern der Mehrheit des Reichstags verantwortlich war. Unter diesen Bedingungen war die Parteiführung der MSPD zu Beginn der Revolution noch bereit, die monarchische Staatsform als solche zu erhalten, zumal sie eine Entwicklung fürchtete, wie sie 1917 mit der Oktoberrevolution in Russland eingesetzt hatte. Daher war sie um Kontinuität und einen Ausgleich mit den Eliten des Kaiserreichs bemüht, drängte aber auf die Abdankung Kaiser Wilhelms II., dessen Stellung aufgrund seiner Verantwortung für den verlorenen Krieg unhaltbar geworden war.Lothar Machtan: Die Abdankung. Wie Deutschlands gekrönte Häupter aus der Geschichte fielen. Propyläen, Berlin 2008, S. 226–235. Der Kaiser, der sich seit dem 29. Oktober im Großen Hauptquartier im belgischen Spa aufhielt, lehnte einen Thronverzicht zugunsten eines seiner Söhne jedoch ab und schob eine Entscheidung immer wieder hinaus. Unterdessen spitzten sich die Ereignisse in Berlin zu.
Am Abend des 8. November erfuhr die SPD-Spitze in Berlin, dass die mit ihrer Partei konkurrierende USPD, deren linker Flügel den Spartakusbund bildete, für den kommenden Tag zu Versammlungen und Massendemonstrationen aufgerufen hatte. Es war abzusehen, dass dabei nicht nur die Abdankung des Kaisers, sondern die Abschaffung der Monarchie insgesamt gefordert werden würde. Um diesen Forderungen zuvorzukommen, gab der letzte kaiserliche Reichskanzler Max von Baden auf Drängen Eberts am späten Vormittag des 9. November den Thronverzicht Wilhelms II. bekannt, ohne dass dieser tatsächlich erfolgt war.Heinrich August Winkler: Von der Revolution zur Stabilisierung. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1918 bis 1924. Berlin / Bonn 1985, S. 34–44; die Erklärung hatte der Staatssekretär des Reichsinnenministeriums Theodor Lewald verfasst; vgl. Arnd Krüger & Rolf Pfeiffer: Theodor Lewald und die Instrumentalisierung von Leibesübungen und Sport. Uwe Wick & Andreas Höfer (Hrsg.): Willibald Gebhardt und seine Nachfolger (= Schriftenreihe des Willibald Gebhardt Instituts, Bd. 14). Meyer & Meyer, Aachen 2012, ISBN 978-3-89899-723-2, S. 120–145. In der Erklärung heißt es:
Nachdem der Kaiser in Spa davon erfahren hatte, floh er am frühen Morgen des 10. November ins niederländische Exil. Dort unterzeichnete er am 28. November 1918 die Abdankungsurkunde. Noch am Mittag des 9. November hatte Max von Baden das Amt des Reichskanzlers auf Friedrich Ebert übertragen. Dieser wiederum bat den Prinzen, als Reichsverweser zu amtieren, bis ein Nachfolger Wilhelms II. als Deutscher Kaiser bestimmt sei. Ebert nahm zu diesem Zeitpunkt noch an, die Monarchie retten zu können.
Die Proklamation Scheidemanns mini|Philipp Scheidemann mini|Reichstagsgebäude, Westfassade. Links des Portals, vom zweiten Fenster des ersten Stockwerks, rief Scheidemann die Republik aus.
Die Bekanntgabe des Thronverzichts kam allerdings zu spät, um auf die Demonstranten in Berlin noch Eindruck zu machen. Statt sich zu zerstreuen, wozu die SPD-Zeitung Vorwärts sie aufforderte, strömten immer mehr Menschen in die Berliner Innenstadt und demonstrierten zwischen dem Stadtschloss – Sitz des Kaisers –, der Wilhelmstraße – Sitz der Regierung – und dem Reichstag.
Beim Mittagessen im Speisesaal des Reichstagsgebäudes erfuhr Philipp Scheidemann – seit dem 3. Oktober Staatssekretär unter Max von Baden und einer der ersten Sozialdemokraten mit einem Regierungsamt in Deutschland –, dass Karl Liebknecht in Kürze die Räterepublik ausrufen wolle. Wollte die SPD die Initiative behalten, musste sie ihren Gegnern auf der Linken zuvorkommen. Daher trat Scheidemann kurz nach 14 Uhr – nach eigenen Angaben „zwischen Suppe und Nachspeise“ – an das zweite Fenster des ersten Stockwerks nördlich des Hauptportals und rief seinerseits die Republik aus. Darauf kam es wegen seiner unautorisierten Handlung zum heftigen Streit mit Friedrich Ebert, der über die Eigenmächtigkeit empört war, weil er die Entscheidung über Deutschlands Staatsform der Nationalversammlung vorbehalten wollte.Henning Köhler: Deutschland auf dem Weg zu sich selbst. Eine Jahrhundertgeschichte. Hohenheim-Verlag, Stuttgart 2002, S. 135; Horst Dreier: Die deutsche Revolution 1918/19 als Festtag der Nation? Von der (Un-)Möglichkeit eines republikanischen Feiertages in der Weimarer Republik. In: Derselbe: Staatsrecht in Demokratie und Diktatur. Studien zur Weimarer Republik und zum Nationalsozialismus. Mohr Siebeck, Tübingen 2016, ISBN 978-3-16-154764-5, S. 1–48, hier S. 9.
Am 9. November 1918 zitierte die Vossische Zeitung unter der Überschrift „Ausrufung der Republik“ Scheidemanns Ansprache so:
Der österreichische Journalist Ernst Friedegg, der die Rede stenographisch aufgezeichnet hatte, veröffentlichte sie 1919 im Deutschen Revolutionsalmanach mit einem etwas anderen Wortlaut:
Starke Abweichungen von den Texten dieser zeitnahen Quellen weist dagegen die Version der Rede auf, die Scheidemann nachträglich, am 9. Januar 1920, auf Schallplatte sprach und 1928 in seinen Memoiren wiedergab:Vgl. Philipp Scheidemann, Memoiren eines Sozialdemokraten, Bd. 2, Dresden 1928, S. 311–312; Veröffentlichungen des Deutschen Rundfunkarchivs (bearbeitet v. Walter Roller): Tondokumente zur Kultur- und Zeitgeschichte 1888–1932, Potsdam 1998, ISBN 3-932981-15-4, S. 102–103; Katalog der wissenschaftlichen Sammlungen der Humboldt-Universität zu Berlin (Pilotprojekt): Philipp Scheidemann, Rede – Aut 37
Dieser Text Scheidemanns wurde lange für authentisch gehalten, bis der Historiker Manfred Jessen-Klingenberg 1968 in einer quellenkritischen Analyse die Autorenschaft Friedeggs sowie die Verlässlichkeit seiner anonym veröffentlichten stenographischen Aufzeichnungen plausibel nachweisen konnte. Jessen-Klingenbergs Schluss lautete entsprechend, Scheidemann habe „eine selbstverfaßte Fälschung seiner Rede überliefert. Freilich hatte er dafür verständliche persönliche und politische Gründe […].“Vgl. Manfred Jessen-Klingenberg, Die Ausrufung der Republik durch Philipp Scheidemann am 9. November 1918. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 19/1968, S. 649. Scheidemann habe die Schuld an der Kriegsniederlage eindeutig den Gegnern eines Verständigungsfriedens zuweisen und damit auf die tagespolitische Diffamierung der Sozialdemokraten durch die Dolchstoßlegende reagieren wollen.Vgl. Manfred Jessen-Klingenberg, Die Ausrufung der Republik durch Philipp Scheidemann am 9. November 1918. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 19/1968, S. 655. Diese Deutung gilt auch nach fünfzig Jahren als „nicht überholt“.Heinrich August Winkler: Doch, so war es! 9. November 1918: Die Ausrufung der Republik ist keine Legende. In: Die Zeit, 25. April 2018, Abruf am 30. April 2018; Replik auf Lothar Machtans abweichende Darstellung in derselben Zeitung vom 4. April 2018 (Philipp Scheidemann: Und nun geht nach Hause., editiert am 6. April 2018, Abruf am 30. April 2018).
Die Proklamation Liebknechts mini|Karl Liebknecht mini|Berliner Schloss, Portal IV. Vom großen Fenster des ersten Stockwerks rief Liebknecht die sozialistische Republik aus.
Nachmittags gegen 16 Uhr proklamierte Karl Liebknecht im Lustgarten vor dem Berliner Stadtschloss die „freie sozialistische Republik Deutschland“. Er sprach auf dem Dach eines Wagens stehend:
Nach der Erstürmung des Schlosses sprach Liebknecht vom großen Fenster des Portals IV im ersten StockwerkJuhnke, S. 83–89 und Sabrow, S. 121–125 (in: Juhnke/Prokasky/Sabrow (2018)). ein weiteres Mal. Diese Rede wurde in der Vossischen Zeitung folgendermaßen wiedergegeben:
Noch ausführlicher als über Scheidemanns Rede berichteten die Berliner Zeitungen über die Proklamation Liebknechts.Vgl. Manfred Jessen-Klingenberg, Die Ausrufung der Republik durch Philipp Scheidemann am 9. November 1918, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 19/1968, S. 652. Dennoch entfaltete seine Aktion keine nachhaltige Wirkung, da der linke Flügel der Revolutionäre nicht über eine ausreichende Machtbasis verfügte und nach der Niederschlagung des sogenannten Spartakusaufstands im Januar 1919 weiter an Einfluss verlor. Erst die 1949 gegründete DDR bezog Liebknechts Proklamation in ihre Traditionsbildung ein. Das Portal IV des Berliner Schlosses wurde vor dessen Sprengung im Jahr 1950 geborgen und als „Liebknechtportal“ in den Neubau des Staatsratsgebäudes integriert.
Nachwirkungen Laut dem Historiker Lothar Machtan ließen bei den Massendemonstrationen, die die Innenstadt von Berlin am Mittag des 9. November 1918 füllten, mehr als ein Dutzend Redner die Republik hochleben, darunter auch der USPD-Abgeordnete Ewald Vogtherr, der unmittelbar nach Scheidemann vom Reichstag aus sprach. Dessen Proklamation sei also nur eine von vielen gewesen, und zudem ganz ohne staatsrechtliche Wirkung, da er nach der fluchtartigen Abreise des letzten kaiserlichen Reichskanzlers Max von Baden und vor der Bildung des Rates der Volksbeauftragten gar kein Mandat innegehabt habe, das ihn zu einer solchen Proklamation ermächtigt habe. Diese habe auch gar nicht in Scheidemanns Redeabsicht gelegen: Es sei ihm angesichts der vielen Hoch-Rufe auf die Republik, die ihm aus der Menge entgegenschallten, vielmehr darum gegangen, einen Ansehens- oder gar Machtverlust seiner Partei zu verhindern. Sein Ausruf sei lediglich „eine rhetorische Verneigung vor der normativen Kraft des Faktischen“ gewesen, denn dass Deutschland von nun an eine Republik war, sei durch die Ereignisse des Tages für alle selbstverständlich gewesen.Lothar Machtan: Kaisersturz. Vom Scheitern im Herzen der Macht. wbg Theiss, Darmstadt 2018, S. 283–290, das Zitat S. 289.